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Heinrich von K}Q\st
Eine
pathographisch - psychologische Studie
Dr. J. Sadger,
Nerveüarzt in Wien.
Wiesbaden.
Verlag von J. F. Bergmann.
1910.
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Verlag von J. F. BERGMANN in Wiesbaden.
Soeben erschienen:
Lehrbuch
der
Lungentuberkulose,
Für
Ärzte und Studierende.
Von
Professor Dr. Alfred Moeller, Berlin,
Spezialarzt für Liingenkranke, vorm. dirigierender Arzt der Lungenheilanstaltea
in Görbersdorf in Schlesien und in Beizig bei Berlin.
Mit zalilreichen Textahbildungen.
Preis Mk, 7. — ^ gebunden Mk, 8. — .
Auszug aus Besprechungen:
Ycrf., der bekannte frahcie Heilstättenarzt in Beizig, hielt und hält seit
Jahren Vorlesungen über Tuberkulose teils vor den Volontärärzten der ge-
nannten Anstalt, teils gegenwärtig in seiner Poliklinik vor Kursisteti. Diese
Vorträge sind in dem vorliegenden Buche zusammengestellt. Es ist ein „aus
der Praxis heraus für die Praxis" verfasstes Work, knapp, klar, vom Stand-
punkte des Praktikers nach jeder Richtung hin vorzüglich, auch recht gut
im Druck ausgestattet und wohlfeil Die praktischen Abschnitte:
Prophylaxe, Frühdiagnostik nebst physikalischer Untersuchung, spezielle
Diagnostik und Therapie (Diätetik), sind ganz eingehend behandelt/u. a. auch
durch Beigabe einer genauen Speisekarte für die mittlere Gesellschaftsklasse und
ähnhehe Additaiuente. Da gegenwärtig infolge der Tuberkulinbehandlung und
andererjttngerer therapeutischer Methoden die Tuberkulose bereits dem Schicksal
verfallen ist, als Spezialität zu gelten, so darf M.'s Buch der Wert eine
zeitgemäßen Unternehmens nicht abgesprochen werden, das sicher unserei
Kollegen, soweit sie sich dieser Spezialität widmen oder widmen woll
unwillkommen sein wird. Ref. möchte jedoch trotz alledem die Bitte^"^'
in der nächsten Auflage doch mehr als gcschelien die Literatur e^ \^^^^l
weise, sowie im Text zu berücksichtigen. Das dürfte wohl eines ^"^ ^^ ^^^'
reichen und sonst so empfehlenswerten und prächtigen Buches a^ü <rT ^"^
Übrigens ist das Buch mit einem vorzüglichen Register versehe ^^ ^ ^^ ^^^^
Prof. Dr, Paget, Berlin
in der Deutschen Medizinischen I^^esse 1909 Kr. 20
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I.
Das Leben eines Dichters will ich heute schildern, dem gütige
Götter ein reiches, gewaltiges Talent in die Wiege legten, aber leider
Eines versagten, ohne das hienieden kein Sterblicher glücklich wird : das
Maßhaltenkönnen und die Selbstbescheidung. Denn Heinrich von
Kleist war ein mächtiges Genie und ein grosser Dichter, der sich kecklich
neben die besten aller Völker stellen durfte. Aber sein Grösstes aus-
zugeben, den kühnen Idealtraum seines Geistes zu verwirklichen, den un-
ermesslichen Ehrgeiz, so ihm den Busen füllte, vielleicht zu ersättigen
durch eine unerhörte Gedichttat, gebrach es dem Unglückgeborenen an
innerem Ebenmaß. Mit einer höchsten Schöpfung gedachte er Sophokles,
Shakespeare und Goethe zusamt in die Schranken zu rufen und
warf zum Schlüsse, an seinem Können völlig verzweifelnd, ein Manuskript
des „Guiskard" nach dem andern in die sengende Flamme. Er vermass
sich, Goethe den Dichterlorbeerkranz von der Stirne zu reissen, und
hat doch selber niemals zu schaffen vermocht in reiner, unbefleckter
Schönheit. Ihm war nach Wilbrandts schönem Wort das Leben nichts,
wenn es nicht alles war, und wie geradezu auf ihn gemünzt, wie das
Leitmotiv seines ganzen Erdenwallens erscheint der Satz : Aut Caesar
aut nihü! Leider aber ist unser Poet kein Caesar worden, und so
brachte ihn sein ewig unbefriedigter Ehrgeiz schliesslich dahin, dass ein
Kongenialer, Friedrich Hebbel von ihm ausrufen durfte:
„Er war ein Dichter und ein Mann wie einer.
Er brauchte selbst dem Höchsten nicht zu weichen,
An Kraft sind wenige ihm zu vergleichen,
An unerhörtem Unglück, glaub' ich, keiner!*
Heinrich von Kleist war das fünfte unter den sieben Kindern
seines Vaters, der von Beruf Offizier gewesen und laut Kirchenbuch an
der Wassei-sucht gestorben ist. Fügen wir, einer Briefstelle folgend,
noch ausserdem hinzu, dass Kleistens Mutter die Intensität und Weich-
heit des Empfindens auf ihren grossen Sohn vererbte, so haben wir
ziemlich alles erschöpft, was wir von beiden Elternteilen mit Sicherheit
wissen. Denn dass es für des Dichters Bild von ungeheurer Wichtig-
Grenzfi-agen des Nenren- nnd Seelenlebens. (Heft LXX.)
6 J. Sadger:
keit wäre, auch etwas zu erfahren über Charakter und Lebensführung
seiner allernächsten Ascendenten, scheint keinem Biographen eine roühens-
werte Sorge gewesen. Und so haben selbst diejenigen unter ihnen, die
wie Karl Siegen besonders fleissig und gewissenhaft waren, in alten
Kirchenbüchern und Urkunden erstöbert, wann dieser Ahn geboren und
gestorben, wann jener geheiratet und Kinder gezeugt, aber von dem
inneren Seelenleben selbst des Vaters und der Mutter haben sie nicht das
Geringste erkundet und vermeldet. Und so sehe ich mich, um nur irgend-
ein Resultat zu erhalten, auf den indirekten Weg der Schlussfolgerung
hingewiesen. Da wissen wir zunächst von zwei sehr nahen Verwandten,
denen einzelne ähnliche Züge zueigen sind, wie wir sie bei unserem
Dichter so reichlich finden. Ulrike, seine Halbschwester väterlicherseits,
„die ewig Reiselustige,** wird zeitlebens von einer inneren Unruhe und
Wanderdrang beherrscht. Sie treibt sich ohne rechten Zweck auf den
Gütern ihrer Sippschaft herum und eine wirkliche Reise ist ihre sehn-
lichste Freude. In Ermangelung dieser aber sucht sie wenigstens aul
der Landkarte Flecken und Städte zusammen und wanderte so in Ge-
danken durch die ganze ihr als Mädchen unzugängliche Welt. Mit zu-
nehmendem Alter wuchsen auch ihre WunderUchkeiten, bis in den letzten
Jahren auch ihr Geist sich völlig umnachtet hatte (Dementia senilis?).
Finden wir bereits hier die unverkennbaren Symptome der erblichen Be-
lastung, so tritt dies noch stärker zutage bei von Pann witz, Kleists
Vetter mütterlicherseits, der schon in sehr frühen Jahren trüber Melancholie
verfiel und darob seinem Leben ein vorzeitiges Ende machte. Solche
Überlieferungen machen es in hohem Grade wahrscheinlich, wenn auch
nicht direkt nachweisbar, dass Heinrich von Kleist von Vaters wie
auch von Mutters Seite ein schwerer Hereditarier war. Doch mag man
über die Eltern denken, wie man will, dass unser Dichter ein furchtbar
„Belasteter" gewesen, steht heutzutage über jedem Zweifel. Denn nur
bei solchen finden wir die bezeichnenden Stigmata: chronische Schwer-
mut und Todessehnsucht, die höchstens für kurze Zeit rasch vorüber-
gehendem Liebesglück weicht, den steten Assoziationswiderwillen, d. h.
die Unfähigkeit, sein Ich für die Dauer mit irgendetwas zu verknüpfen,
und endlich die ungeheuerlichste Maßlosigkeit in jeglicher Richtung.
Am kürzesten kann ich den ersten Punkt abtun. Von frühester
Jugend ab dämpft eine leise Melancholie auf Kleistens glücklichste,
heiterste Laune. Sogar aus der frohen Schweizer Zeit schreibt Heinrich
Zschokke an Eduard Bülow: „In seinem Wesen schien mir selbst
während der fröhlichen Stimmung seines Gemüts ein heimliches inneres
Leiden zu wohnen**, und ähnlich äussern sich sämtliche anderen ohne Aus-
nahme, die dem Dichter persönlich nahe traten Auch dieser nennt in
den Abschiedsbriefen sein Leben „das allerschmerzlichste, das je ein
Mensch geführt hat," seine „Traurigkeit eine höhere, festgewurzelte
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Heinrich von Kleist. 7
und unheilbare,*' sich selber einen „unbegreiflich unseligen Menschen*
und schliesst das letzte Schreiben an Ulrike, der er kurz zuvor schnöde
Unrecht getan: „ Wirklich, du hast an mir getan, ich sage nicht was
in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand,
um mich zu retten: die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu
helfen war." Selbst ein Laie wie Tieck konnte sich einer richtigen
Ahnung nicht erwehren: „Vielleicht waren seine häufigen schweren
Krankheiten vorzüglich Folgen seines zerrütteten Gemütes. Man wird
versucht anzunehmen, dass schon von früher Zeit eine dunkle Macht
ihn geistig von innen heraus zerstört hat.* Diese dunkle Macht ist die
schwere Belastung, welche Kleist mit auf die Welt gebracht hat, und
nicht eher wird man seine sämtlichen Krankheiten ganz deuten können
— auch organische Affektionen haben ja eine sehr bestimmende psychische
Komponente — als bis die Symptomatologie der Belastung vollständig
geklärt ist^).
Das zweite von mir gefundene Stigma ist der stete Assoziations-
widerwille, d. h. die Unfähigkeit des Hereditariers, sein Ich für die Dauer
mit irgendetwas zu verknüpfen. Am stärksten prägt sich jener aus
in Kleists unbändigem Wandertrieb, sowie seinem absoluten Unver-
mögen, eine dauernde Pflicht, ein dauerndes Amt, eine dauernde Be-
ziehung zu übernehmen, sich einem Lebensberuf hinzugeben. Zum ersten
bemerkt schon Theophil Zolling durchaus treffend und auch die
richtige Erklärung bietend: „Das Reisefieber gehörte zu den eigensten
Schrullen Kleists; es ist, als ob er dabei sich selbst entfliehen und in
der äusserlichen Unruhe sich innerlich beruhigen wollte.* Und wirklich
ist^s ein Fliehen vor dem eigenen Ich. dem allzeit peinlich und leidvoll
empfundenen, das so viele schwerbelastete Menschen immer wieder in
die Ferne treibt. Es braucht die Unlust am eigenen Ich bei Kleist
nur etwas gesteigert zu werden, damit er sofort sich keinen andern
Ausweg weiss, als eine kleinere oder grössere Reise. Sobald er z. B.
kein augenblickliches Ziel vor sich sieht, ein Ideal ihm gestürzt ist oder
er sich auch nur überarbeitet hat, alsbald erklingt als einziger Wunsch
an Braut oder Schwester: „Lass mich reisen!" Gewiss, es gibt für die
so häufigen Reisen des Dichters noch eine Reihe anderer Gründe,
welche des spätem ausführlich abgehandelt werden soll, doch allen
gemeinsam ist seine mächtige Wandersucht, wie sie regelmässig bei
allen Schwerbelasteten zu finden. Ja, bisweilen scheint sie die einzige
Ursache, wie etwa bei Kleists Pariser Reise, über die er nach seinem
1) Ich ergänze hier zwei treffende Äusserungen. In einem Briefe des Dichters
an Ulrike ist die blitzleuchtende Stelle zu lesen: .Das Schicksal oder mein Ge-
müth und ist das nicht mein Schicksal?'' Und Wühelmine, die verflossene Braut,
schreibt, da sie von Eleistens Selbstmord vernommen: „Wenn man sein schreck-
liches Ende entschuldigen will, muss man sein unglückliches Gemüt gekannt haben/
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8 J. Sadger:
eigenen Wort ^keinem Menschen, ja, sogar sich selbst nicht Rechen-
schaft geben* könne und dann ein andermal noch deutlicher schreibt:
^Ich sehe mich auf einer Reise ins Ausland begriffen ohne Ziel und
Zweck, ohne begreifen zu können, wohin mich das führen wird." Wenn
der Forttrieb vor allem mächtig ist, dann meldet der Dichter: „Wir
fliegen wie die Vögel über die Länder," „ob ich gleich das halbe Deutsch-
land durchreist bin, so habe ich doch im eigentlichsten Sinne nichts
gesehen," und hält mit einem Freunde die bezeichnende Zwiesprache:
„Sind Sie in Dresden gewesen?" — „Ja, durchgereist." — „Haben Sie
das grüne Gewölbe gesehen?" — „Nein." — „Das Schloss?" — „Von
aussen." — „Königstein?" — »Von weitem." — „Pillnitz, Moritzburg?*
— „Gar nicht." — „Mein Gott, wie ist das möglich?" — „Möglich?
Mein Freund, das war notwendig!"
Auch über den Nutzen eines häufigen Reisens für sein Ich sprach
sich unser Dichter durchsichtig aus. Es sei höchst wichtig, sein In-
teresse nicht bloss zu erregen, sondern auch zu unterhalten. „Aber das
Kind ist nicht so ekel in der Ernährung als das Interesse. Das Kind
begnügt sich mit einer Nahrung, das Interesse will immer eine ausge-
suchte, verfeinerte, wechselnde Nahrung. Es stirbt, wenn man ihm heute
und morgen vorsetzt, was es gestern und vorgestern genoss. Denn nichts
ist dem Interesse so zuwider, als Einförmigkeit und nichts ist ihm da-
gegen so günstig als Wechsel und Neuheit. Daher macht uns das
Reisen so vieles Vergnügen, weil mit den immer wechselnden Stand-
orten auch die Ansichten der Natur immer wechseln, und daher hat über-
haupt das Leben ein so hohes, ja das höchste Interesse, weil es gleich-
sam eine grosse Reise ist, und weil jeder Augenblick etwas Neues herbei-
führt, uns eine neue Ansicht zeigt oder eine neue Aussicht eröffnet."
Deutlicher lässt sich der Assoziationswiderwille des Belasteten
kaum mehr beschreiben, als in diesen Worten eines Sehers. Wie das
Leben überhaupt nur erträglich wird, wenn jederzeit neue Verknüpfungen
stattfinden, weil dauernde Bindung des eigenen Ichs bald unleidlich
würde. Daher auch die stete Ruhelosigkeit des Hereditariers trotz
tiefster Sehnsucht nach Rast und Frieden. Die Sage vom ewigen Juden
dünkt mich wie gemünzt auf den schwer Belasteten, der, ständig von
einem Gegenstand zum andern hastend, doch kaum ein innigeres
Bedürfnis kennt, als das nach absoluter Ruhe. „Nichts als Schmerzen
gewährt mir dieses ewig bewegte Herz, das wie ein Planet unaufhörlich
in seiner Bahn zur Rechten und zur Linken wankt, und von ganzer
Seele sehne ich mich, wonach die ganze Schöpfung und alle immer
langsamer und langsamer rollenden Weltkörper streben, nach Ruhe!"
Ruhe tönt es aus fast sämtlichen Pariser Briefen wieder, Sehnsucht
nach ihr scheint jede einzelne Zeile zu atmen, und im Grunde
genommen ist auch sein ganzer ewiger Reisedrang nur Ruhesuchen
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Heinrich von Kleist. 9
vor dem eigenen, so überaus unerträglichen Ich. , Meine heitersten
Augenblicke sind solche, wo ich mich selbst vergesse.* »Und doch*,
fügte er alsbald fragend hinzu, „gibt es Freude ohne ruhiges Selbst-
bewusstsein?*
Der Widerwille des Schwerbelasteten gegen eine dauernde Ich-
Verknüpfung beherrscht auch Kleists Verhalten zum Weib. Von
1797 — 1811, also im Zeitraum von bloss 14 Jahren, zähle ich nicht
weniger als 9 verschiedene Frauengestalten, die trotz aller Menschen-
und Gesellschaftsscheu des Dichters ihm tieferes Interesse eingeflösst
haben. Doch hat ihm keine schwerere Herzenswunden geschlagen —
zum Heile des Dichters wie all dieser Mädchen. Denn erfahrungsgemäss
macht der Hereditaiier ein Weib nie glücklich, schon darum, weil es
ihm unmöglich ist, für die Dauer bei einem Weib auszuharren. „Du
hättest ein so ruhiges Schicksal verdient," schrieb Kleist z. 6. an
Wilhelmine. „Warum musste der Himmel Dein Los an einen Jüngling
knüpfen, den seine seltsam gespannte Seele ewig-unruhig bewegt?*
Unsere Literarhistoriker, die rückschauend überblicken, was Heinrich
von Kleist in seinem förderen Leben geleistet, haben da gut hinterdrein
wohlfeile Lehren von sich zu geben und alle Schuld auf die Braut zu
wälzen. So aber stand die Sache damals nicht. Wenn jene Verlobung
in die Brüche ging, so geschah es einzig aus Schuld des Bräutigams.
Denn dieser damals 28jährige Jüngling war zwar im stände, ohne ein
Wort des Abschieds, ja, selbst ohne nachträgliche volle Aufklärung
für Monate sich von der Braut zu entfernen, doch geleistet hatte er
zu jener Zeit noch nicht das geringste und die künftige Grösse ver-
mochte niemand, ja vielleicht er selbst nicht vorauszuahnen. Wohl
aber hatte sich der nämliche Jüngling stets mit Händen und Füssen
gegen jede feste Stellung gesträubt, hatte sein Vermögen nach und
nach verzettelt und für seine Zukunft die abenteuerlichsten Pläne aus-
geheckt, denen eins nur gemeinsam: die absolute UndurchfUhrbarkeit.
Und dieser gärende, unreife Jüngling stellt der Geliebten Forderungen,
wie sie derart wohl kaum je ein Mädchen erfüllt hat. So vertröstet er
die Braut: „Warte fünf, warte zehn Jahre, dann wirst Du mich mit
Stolz umarmen können.* Ein andermal kommt er mit dem kindischen
Vorschlag, die Kant sehe Philosophie nach Frankreich zu verpflanzen
oder durch deutschen Sprachunterricht daselbst einen reichlichen Lebens-
unterhalt für beide zu verdienen. Am Schlüsse aber wirft sein Gehirn
gar die Blase auf, sie, die preussische Generalstochter, solle Heimat,
Eltern und Wohlstand auf Nimmerwiedersehen verlassen, um an seiner
Seite — Bäuerin zu werden! Und mit welcher Rücksichtslosigkeit
geht unser Kleist dabei zu Werke! Nicht nur, dass er absolute
Geheimhaltung verlangt, selbst vor den nächsten Angehörigen, so
wartet er nicht einmal ihre Zustimmung ab trotz alles Versichems,
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10 .T. Sadger:
seine Liebe werde auch im Weigerungsfalle nicht kleiner werden, ja,
ihr Einverständnis sei ein Haupterfordernis seines Planes. Als Wilhelmine
liebevolle Einwendungen macht, versucht er noch ein einzig Mal, sie
zu überzeugen, dann aber schweigt er fünf Monate völlig, trotz aller
zärtlichen Briefe jener und trotzdem er selbst bald den Plan als un-
durchführbar erkennen muss. Ein schnöder, grausamer Abschiedsbrief
ist die letzte Äusserung des V^erlobten. Überblickt man nochmals
Verlauf und Ausgang dieses Verlöbnisses, so muss man bekennen, es
nahm ein Ende, nicht weil die Braut zu kleinlich geartet, sondern weil
neben später noch zu besprechenden psychischen Motiven ihr Bräutigam
ein schwerer Hereditarier war und solche Unglückliche zur Ehe nicht
taugen. Und hätte Wilhelmine sich jenen Kindereien selbst aufgeopfert,
früher oder später hätte sie der Assoziationsflüchtling sicher im Stiche
gelassen ! Man kann die Handlungsweise des Dichters aus Motiven und
Belastung heraus begreifen, durch die absolute Naturnotwendigkeit
vielleicht sogar noch entschuldbar finden, doch hüte man sich, den
Unglücklichen dadurch reinwaschen zu wollen, dass man eine Unschul-
dige falschlich bezichtigt!
Sämtliche vorerwähnten Projekte entspringen einem Belastung
direkt erweisenden Stigma, des Dichters vollständiger Unfähigkeit näm-
lich, bei irgendeinem Berufe auszuharren. Was hat er nicht alles
erreichen und praktizieren wollen! Er war nacheinander Soldat und
Student, Lehrer seiner Verwandten und Volontär bei der technischen
Deputation, Dichter und Staatsdiener, Zeitungsgründer und Redakteur.
Zwischendurch vielfache Reisen mit nebelhaften Zielen — im Jahre 1805
erwog er gar die Absicht, mit zweien seiner Freunde „ein Schiff auf der
Ostsee zu nehmen* und nach Neuholland zu segeln — und allerlei
phantastisch ausgeheckte Pläne, wie z. B. in Frankreich als Lehrer der
kantischen Philosophie oder der deutschen Sprache zu wirken, Bauer,
Universitätsprofessor, Theaterdirektor und selbst Tischler zu werden.
Kurz vor seinem Tode taucht endlich der absonderliche Gedanke in ihm
auf, die Kunst auf ein Jahr oder noch länger ruhen zu lassen, einiges
in den Wissenschaften nachzuholen, sonst aber sich bloss mit Musik zu
befassen, dieser „Wurzel oder algebraischen Formel aller übrigen Kunst*.
Am schärfsten verabscheut der Dichter den Staatsdienst mit seiner all-
seitigen Gebundenheit. Da hat er tausend Gründe, kein Amt anzunehmen,
die alle natürlich bloss Vorwände sind. Dem wahren Motiv des un-
heilbaren Assoziationswiderwillens kommt er nur einmal in der Brief-
stelle nahe: „Ich fühle mich ganz unfähig, mich in irgendein kon-
ventionelles Verhältnis der Welt zu passen**. Wenn etwas ihn noch
anlocken mochte, so war es, wie so häufig bei Hereditariem, die akademi-
sche Karriere mit ihrer völligen Lehrfreiheit, oder die Laufbahn eines
Schriftstellers, also beides Berufe, die einen raschen Wechsel des Öegen-
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Heinrich von Kleist. 11
Standes ermöglichen. Denn mächtiger als sämtliche Fähigkeiten, stärker
als Genie und Dichterkönnen war der Widerwille in Kleist entwickelt,
sein Ich mit irgendetwas dauernd zu verknüpfen. Wie sagt er nur
einmal wunderbar treffend: ,In mir ist nichts beständig, als die Un-
beständigkeit".
Mich dünkt dies auch der Hauptgrund zu sein für alle Mafs-
losigkeit seines Empfindens, Strebens und Handelns. Wenn Kleist sich
auf irgendeinen Gegenstand warf, dann tat er dies allzeit mit starkem
Überschuss von Kraftaufwand, gewissermaßen mit psychischer Ataxie.
Schon der Knabe erwies sich als „nicht zu dämpfender Feuergeist, der
selbst bei Geringfügigkeiten der Exaltation anheim fiel und immer un-
stät war". An der Universität studierte dann Kleist stets unendlich
viel und einfach mafslos. In Frankfurt z. B. hatte er so zahlreiche
Kollegien inskribiert und sich soviel Arbeit aufgeladen, dass sie selbst
dem Professor allzuviel dünkte und er rühmen durfte: „Wenn ich sie
dennoch trage, dann kann ich mit Recht behaupten, ich hätte fast Un-
mögliches möglich gemacht". Die nämliche Überschwänglichkeit er-
weist er ferner im Lieben und Dichten, wie in seinem Ehrgeiz. Das
Weib, dem er seine Neigung gab, das sollte fürder keinen andern Ge-
danken haben, als nur an ihn, und wie er sich Goethe gegenüber ver-
hielt, wie hoch er im Drama himmelwärts wollte, das habe ich eingangs
schon dargelegt. Sein Ehrgeiz war tatsächlich direkt krankhaft, wie
er bereits Freunden und Bekannten erschien. Auch hat ihn der Dichter
in tiefster Seele selbst schmerzhaft empfunden. „Ruhe vor den Leiden-
schaften!" ersehnt er sich häufig mit wahrer Inbrunst, und in Selbst-
erkenntnis fügt er hinzu: „Der unselige Ehrgeiz ist ein Gift für alle
Freuden!* Als ihm aber durchaus sein höchster Wurf nicht gelingen
wollte, die Rechtfertigung seines hochmütigen Goethe- Worts : „Ich
werde ihm den Kranz von der Stirne reissen!" — da stürzte er fort,
den Schlachtentod zu sterben. Seiner Schwester schrieb er darüber
bezeichnend: „Der Himmel versagt mir den Ruhm, das grösste der
Güter der Erde; ich werfe ihm wie ein eigensinniges Kind alle übrigen
hin!" —
Wir können heute mindestens zum grossen Teile all diesen Un-
gestüm seines Trachtens aus dem Verknüpfungs widerstand erklären.
Denn wenn Kleist sein Ziel nicht bald erreichte, dann, wusste er wohl,
erreichte er's niemals! Drum stürmte er stets mit vollem Dampf vor,
eh' jener Widerwille Zeit noch hatte, sich einzunisten. Und so un-
gemessen sein Hoffen stets war, so unendlich andrerseits die Tiefe der
Enttäuschung, wenn der erste Anlauf nicht zum Ziele ftlhrte. Denn
ruhiges Fortschreiten, ein Gleichgewicht von Wollen und Können, das
gab es nun einmal nicht fllr diesen schweren Heredi tarier. Entweder
mit Jupiters Adler in den Himmel fliegen, oder, im Mark gebrochen.
(
12 J. Sadger:
in den Orkus ^ hinunter! ,Die Hölle gab mir meine halben Talente*,
schreit seine verzweifelte Seele auf, „der Himmel schenkt dem Menschen
ein ganzes oder gar keins!"
Es sei zum Schlüsse hervorgehoben, dass die meisten dieser Be-
lastungszeichen späterhin noch eine andere Beleuchtung erfahren werden
von psychosexueller Seite her. Das ist nun nicht etwa als Widerspruch
zu nehmen. Denn bloss die allerwenigsten Symptome sind völlig ein-
deutig, einzig der angeborenen Anlage, i. e. der Belastung, Ursprung
verdankend. In der Regel gewinnen sie ihre spezifische Form und
Farbe noch durch die seelischen Komponenten, die für Kleist kaum
minder wichtig zu heissen. Inmierhin bleibt genug des Besondern
übrig, wo keine andere Erklärung zu finden, denn angeborene schwere
Belastung \).
U.
Nächst der Belastung wird Kleistens Leben von einem zweiten
Faktor beherrscht, der, nicht minder vnchtig, gar viele seiner Seltsam-
keiten erklärt, auch des Dichters unselig- vorzeitiges Ende. Ein glück-
I) Ich IDU88 dies deshalb nachdrücklich betonen, weil von firztlich-literarischer
Seite neuestens der Versuch gemacht ward, eine der übel berufenen , Rettungen*
auch bei unserem Dichter zu inaugurieren. Freilich hat Rahm er mit seinem Ver-
such, in Kleist den königlich-preussischen Normaldichter zu entdecken, gar nirgends
Gegenliebe gefunden. Just bei unserm Poeten ist das Pathologische doch gar zu
grell in die Augen springend. Allein S. Rahm er weiss sich zu helfen. Es hat
zwar ausnahmslos jeder noch, der mit Kleist persönlich in Beziehung trat — ich
nenne aufs Geratewohl Wilhelmine von Zenge, Pfuel, Wieland und
Zschokke, Tieck und Goethe — das Pathologische in ihm geschaut und ver-
meldet, allein fast hundert Jahre später dekretiert ein Literarhistoriker, dass sie an
ihm „wohl Eigenheiten und Absonderlichkeiten erwähnen, aber nichts von krank-
haften Zügen". Es sind des weitern eine Fülle von sicher pathologischen Einzel-
zügen berichtet, die wertvoll und schätzbar zumal bei einem Dichter sind, von
dessen Leben wir so wenig wissen, doch Rahm er entscheidet: „Die anekdoten-
haften Berichte tragen mehr oder weniger den Stempel der Unwahrhaftigkeit und
Entstellung an sich", weil er in einem einzi>ren dieser Fälle Unrichtigkeiten nach-
weisen kann. Es sprechen dann endlich auch Kleistens Briefe eine beredte Sprache,
nur Rahm er findet, die Briefe an die Schwester und Braut -- nebenbei die einzigen
an bestin mte Personen, die in nennenswerter Zahl erhalten sind — diese Briefe
also seien «nur zu Studienzwecken geschrieben**, ihr Inhalt bloss , philosophische
Exercitien", viele Briefe „wesentlich stilistisihe Übungen". Was also wie patho-
logisch aussähe, sei unzuverlässig, hingegen bewiesen die Gesundheit des Dichters
seine Werke (!), obendrein vollends Kleistens Werke ! Auf solche Art freilich lässt
sich alles be «reisen. Es ist jammerschade, dass Rahm er, dem die Kleist -
Literatur soviele wertvolle Einzelfunde dankt, sich derartig einseitig verrennen
konnte.
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Heinrich von Kleist. 13
lieber Brieffund der allerjüngsten Zeit hat über jedweden Zweifel ge-
stellt, was der Facbmann eigentlich lange schon ahnte, ohne dass es
irgend erweisbar gewesen. Heinrich von Kleist hat nämlich in
seinem Liebesleben eine stark vortretende homosexuelle *) Komponente,
d. h. lebhafte erotische Neigungen zum eigenen Geschlechte. Man
muss sich nur hüten, wenn ich von solchen Neigungen spreche, etwa
sofort Päderastie zu vermuten, oder irgend andere grobsinnliche Be-
tätigung. Es ist uns davon auch nicht das Allergeringste bekannt, ja
solches erschiene nach allem, was wir wissen, ganz unwahrscheinlich.
Hingegen lässt sich strenge erhärten, dass Kleist sein eigenes Ge-
schlecht geliebt hat, und zwar unzweifelhaft sexuell, wenn er sich dessen
auch niemals bewusst war und schwerlich je Anlass gegeben hätte zu
einer Verfolgung nach einem modernen Urningsparagraphen.
Wem diese Behauptung zu blasphemisch klingt und von Haus
aus unbedingt abzulehnen, sowie man z. B. selbst wahre Tatsachen des
Familienlebens nicht unter Gerichtsbeweis stellen darf, der möge ber
denken, dass wir heute über das Geschlechtsempfinden sämtlicher
Menschen ganz anders denken, als etwa noch vor wenigen Jahren.
Wir wissen ganz sicher, dass die Homosexualität durchaus nicht eine
Verworfenheit darstellt und etwas, das nur ganz wenigen perversen
Individuen eigen, sondern dass dies gleichgeschlechtliche Empfinden aus-
nahmslos jeglichem Menschen zukommt, dem Mann wie dem Weib in
irgendeiner Epoche des Lebens. Nur natürlich nicht in den reifsten
Jahren, da die ungeheure Mehrheit sämtlicher Menschen sich bloss
dem andern Geschlechte zukehrt. Ganz anders liegt die Sache, wenn
man die frühem und spätem Epochen unseres Lebens, das Greisenalter,
die Kindheit und Pubertät heranzieht. Vor allem die letztere bietet
Erscheinungen, die jedem Laien geläufig sind, wenn auch in der Regel
falsch gedeutet. So ist uns vertraut, dass Jünglinge und Jungfrauen
die schwärmerischesten „Freundschafken** pflegen, an gleichgeschlechtliche
Individuen die allerglühendsten Briefe richten, die sich von echten
Liebesbriefen in gar nichts unterscheiden — dieweil sie einfach das näm-
liche sind. Wir wissen, dass solche in Küssen, Liebkosungen, Um-
armungen und heissen Liebesbeteuemngen sich gegenseitig nicht genug
tun können, mit einem Worte sich so benehmen, wie Liebende ver-
schiedenen Geschlechtes. Und es sind auch Liebende, bloss unter der
Maske schwärmender Freundschaft. Was nun schon jedem Normal-
menschen eignet, besitzen in noch weit höherem Grade sowohl Neu-
1) Homosexaell soviel wie gleichgeschlechtlich, davon Homosexaalität die
Liebe zum eigenen Gescblechte. Der männliche Humosexaelle heisst auch Urning,
die weibliche Uminde, bisexuell = doppelgeschlechtlich, also fQr Mann und Weib
empfindend. Masturbation — Onanie = Selbstbefleckung.
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14 J. Sadger;
rotiker und Geisteskranke, als Dichter und Künstler in ihrer den Durch-
schnitt stets weit überragenden Erotik.
Auch bei Heinrich von Kleist tritt dies in besonderem Mafse
hervor, was besser als Worte nachfolgende Briefetellen erweisen mögen.
Am 7. Januar 1805 richtet unser Dichter an Ernst von Pfuel ein
längeres Schreiben, in welchem einige wichtige Sätze schlechterdings
nicht mehr misszuverstehen sind. „Du übst. Du guter, lieber Junge
mit Deiner Beredsamkeit eine wunderliche Gewalt über mein Herz
aus", beginnt dasselbe, „und ob ich Dir gleich die ganze Einsicht
in meinen Zustand selber gegeben habe, so rückst Du mir doch zu-
weilen mein Bild so nahe vor die Seele, dass ich darüber, wie von der
neuesten Erscheinung von der Welt, zusammenfahre Warum
kann ich Dich nicht mehr als meinen Meister verehren, o Du, den ich
immer noch über alles liebe? -- Wie flogen wir vor einem Jahr einander
in Dresden in die Arme ! . . . . So umarmen wir uns nicht wieder ....
Damals liebten wir in einander das Höchste in der Menschheit .... Wir
empfanden, ich wenigstens, den lieblichen Enthusiasmus der Freundschaft !
Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder her,
ich hätte bei Dir schlafen können, Du lieber Junge, so umarmte Dich
meine ganze Seele! Ich habe Deinen schönen Leib oft, wenn Du in
Thun vor meinen Augen in den See stiegest, mit wahrhaft mädchen-
haften (von Kleist unterstrichen) Gefühlen betrachtet. Er könnte
wirklich einem Künstler zur Studie dienen. Ich hätte, wenn ich einer
gewesen wäre, vielleicht die Idee eines Gottes durch ihn empfangen.
Dein kleiner, krauser Kopf, einem feisten Halse aufgesetzt, zwei breite
Schultern, ein nerviger Leib, das Ganze ein musterhaftes Bild der Stärke,
als ob Du dem schönsten jungen Stier, der jemals dem Zeus geblutet,
nachgebildet wärest Mir ist die ganze Gesetzgebung des Lykurgus und
sein Begrifl' von der Liebe der Jünglinge durch die Empfindung, die Du
mir geweckt hast, klar geworden. Komm' zu mir! Höre, ich will Dir
was sagen .... Man wird mich gewiss, und bald, und mit Gehalt an-
stellen ; geh' mit mir nach Anspach und lass uns der süssen Freund-
schaft geni essen. Lass mich mit all diesen Kämpfen etwas erworben
haben, das mir das Leben wenigstens erträglich macht. Du hast in
Leipzig mit mir geteilt oder hast es doch gewollt, was gleichviel ist;
nimm' von mir ein Gleiches an ! Ich heirate niemals, sei Du die Frau
mir, die Kinder und die Enkel ! . . . . Nimm meinen Vorschlag an.
Wenn Du dies nicht tust, so fühle ich, dass mich niemand auf der
Welt liebt. Ich möchte Dir noch mehr sagen, aber es taugt nicht für
das Briefformat. Mündlich ein Mehreres. Heinrich von Kleist*.
„Du stelltest das Zeitalter der Griechen in meinem Herzen wieder
her, ich hätte bei Dir schlafen können, Du lieber Junge", „ich habe Deinen
schönen Leib oft, wenn Du in den See stiegest, mit wahrhaft mädchen-
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Heinrich von Kleist. 15
haften Gefühlen betrachtet", »die Gesetzgebung des Lykurgus und sein
BegrijBf von der Liebe der Jünglinge ist mir durch Dich klar geworden'*,
„lass mich der süssen Freundschaft geniessen", ,ich heirate niemals, sei
Du die Frau mir* — das sind wirklich Stellen, die Kleistens homo-
sexuelles Empfinden mindestens Ernst von Pfuel gegenüber un-
zweifelhaft dartun. Nun stehen diese Äusserungen nicht allein, wenn
auch kein zweiter publizierter Brief so unverkennbar spricht. Hingegen
wird, nachdem das gleichgeschlechtliche Empfinden unseres Dichters
einmal feststeht, gar manches, was bisher in seinem Leben unverständ-
lich war, nunmehr durchsichtig.
Bevor ich dies jetzt im Einzelnen durchführe, sei noch mit Nach-
druck hervorgehoben, dass Kleist wie so vielen andern Urningen seine
Homosexualität ganz unbewusst war und geblieben ist, trotzdem sie sein
Schicksal weit mehr entschied, als die Liebe zum Weibe. Zeitlebens
hat er Freundschaft dort zu empfinden geglaubt, wo zweifellos stärkste
Liebe bestand, ja deutlich sexuelles Empfinden. Wähnte er doch, wie
selbst heutigen Tages die meisten Menschen, es sei dem gleichen Ge-
schlechte gegenüber nur „Freundschaft* möglich und bloss zum andern
wirkliche „Liebe*. Einmal nur, da er die Zenge just „liebte*, klingt
es wie halbe Erkenntnis durch: , Wahre, echte Freundschaft kann fast
(von Kleist unterstrichen) die Genüsse der Liebe ersetzen. — Nein,
das war doch noch zuviel gesagt; aber viel, sehr viel kann ein Freund
tun, wenn die Geliebte fehlt. Wenigstens gibt es keine anderen Ge-
nüsse, zu welchen sich die Liebe so gern herabliesse, wenn sie ihr
ganzes Glück genossen hat und auf eine Zeitlang feiern muss, als die
Genüsse der Freundschaft*.
Der erste, für welchen Kleist nachweisbar in Liebe entbrannte,
war ein junger Hauslehrer, Christian Ernst Martini, der unseren
Dichter, wir wissen nicht von welchem Kindheitsjahre ab, doch sicher
nicht länger als bis zum zehnten, zusammen mit einem Vetter unter-
richtete. Martini besass nicht bloss die Achtung seiner Zöglinge,
sondern wie's bei dem richtigen Lehrer notwendig, auch deren aus-
gesprochene Liebe. Während aber Jung - Heinrich nicht rasch genug
vorzustürmen vermochte, blieb sein sehr wenig begabter Vetter trotz
besten Willens und eisernen Fleisses doch immer zurück, was den ohne-
hin zu Tief sinn und Schwermut Neigenden noch unglücklicher machte.
Oft warf er sich nach beendeter Stunde dem Lehrer bitterlich
schluchzend an die Brust, der dann immer von neuem zu trösten und
aufzurichten hatte.
Auch Heinrich von Kleist hing durch viele Jahre in heisserer
Liebe anChristianMartini, als sonst einem ersten Elementarlehrer
entgegengebracht wird. Diese Liebe lässt sich nicht schlechtweg abtun als
der übliche Einfluss eines Magisters auf seinen Schüler. Wo eine der-
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16 J. Sadger:
artig tiefgehend - nachhaltige Wirkung entsteht — und sie ist weit
häufiger als die Laien meinen — spielt immer direkte Verliebtheit mit.
Nur aus Liebe lernt man mit höchstem Aufwand, aus Liebe nimmt man
des anderen Meinungen blindlings an und identifiziert sich in Tun und
Lassen mit dessen Lehren. In den Psychoanalysen neurotischer Per-
sonen entdeckt man nicht selten, dass das Wort eines heissgeliebten
Lehrers entscheidend für ein ganzes Leben lang wird. Auch bei
Heinrich von Kleist wirkt Vorbild und Weisung jenes Eindheits-
instruktors weit über ein volles Jahrzehnt hindurch nach und, wie ich
gleich hier einfügen will, nur dieses Lehrers, des heissgeliebten, nicht
irgendeines der vielen spätem. Solange bleibt jener, der ihn doch
eigentlich bloss die Volksschulzeit unterwiesen, schriftlich und mündlich
Ratgeber ihm in allen wichtigen Dingen des Lebens. Bezeichnend für
die grosse Innigkeit dieses Verhältnisses ist folgende Episode: »Als
eines Abends Martini ein Konzert in Frankfurt a. 0. verlässt, fühlt
er sich plötzlich hinterrücks einen traulichen Schlag auf die Schulter
gegeben. Er erschrickt, sieht sich um und gewahrt den in einen weiten
Reitermantel gehüllten Kleist, welcher ihm in grösster Aufregung mit-
teilt, wie er nun endlich seinen Abschied erhalten habe und in Frank-
furt studieren wolle. Er war, den Abschied in der Tasche, im Fluge
von Berlin dahergeritten, hatte den ehemaligen Lehrer in seiner Be-
hausung vergebens aufgesucht, um ihn von seinem Glück in Kenntnis
zu setzen, und verschwand, nachdem er ihn im Konzert gefunden,
wieder ebenso hastig, als er gekommen war*.
Weit über ein Jahrzehnt, wie ich vorhin sagte, ist Martinis
Einfluss nachzuweisen durch Kleistens ganze Jugend hindurch, deren
Idealen er Richtung gibt. Den Jüngling bestimmt er, den Soldatenrock
auszuziehen und Student zu werden, bestimmt sein Benehmen den
Schwestern gegenüber wie deren Freundinnen in Frankfurt, beherrscht
entscheidend sein Verhältnis zur Braut und währt just solange, bis er
abgelöst wird von einer zweiten grossen Liebe zu Ludwig v. Brocke s.
Was hatte nun Martini den Schüler gelehrt? Vor allem war er
ein trefflicher Lehrer, der einen unstillbaren Wissensdurst in Kleistens
Feuerseele entfachte. Schon der Knabe konnte sich nicht genug tun,
wo es galt, seine Kenntnisse zu bereichem. Er stürmte als echter
Schwerbelasteter immer rastlos fort und trieb zum Weiteriemen eifrigst
an, seinen schwächern Vetter zur Verzweiflung bringend. Auch als
Militär war Kleist seinem eigenen Worte zufolge immer mehr Student
als Soldat gewesen und. da er die Universität bezog, übernahm er sich
wieder derart im Studieren, dass manche, die ihn kannten, die Be-
fürchtung aussprachen, er werde seine Begriffe, statt sie zu berichtigen,
eher verwirren. Gleichzeitig spielte er vor den Schwestern und deren
Freundinnen selber den Lehrer, unterrichtete sie eifrigst in ihrer ver-
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Heinrich von Kleist. 17
nachlässigten Muttersprache, trug aus Dichtern vor und las den Mäd-
chen sogar ein EoUeg über Kulturgeschichte, zu welchem er sich eigens
ein ordentliches Katheder bauen liess. Ja, „er betrieb dies Geschäft mit
solchem Ernste, dass, als einmal eine seiner Zuhörerinnen auf einen
vorübergehenden Zug aufmerksamer als auf ihn war, er plötzlich sehr
erzürnt abbrach und seine Vorlesungen auf lange Zeit einstellte, um
sich nur erst nach vielen Bitten und mit vieler Mühe zu ihrer Fort-
setzung überreden zu lassen".
Ehe ich auf den bisher noch wenig gewürdigten Einfluss Martinis
auf Kleists Verlöbnis mit der Zenge eingehe, seien vorerst zwei
andere Punkte erledigt. Zunächst hat auch Kleist dem Allzumensch-
lichen in seiner Natur den vieUeicht notwendigen Dichtertribut ent-
richten müssen. Von erfahrenster Seite ist festgestellt worden, dass
beinahe ausnahmslos sämtliche Menschen in irgendeiner Epoche ihres
Lebens, gewöhnlich in der Kindheit oder Pubertät der Masturbation,
den bezeichnend so genannten „Jugendsünden** zu opfern pflegen. Das
ist nun bei Dichtem mit ihrer von Haus aus gesteigerten Erotik natür-
lich um so sicherer, was wir z. B, von Goethe, Lenau und Heinrich
von Kleist aus ihren eigenen Geständnissen wissen. Ich würde diesen
Punkt nicht näher berühren, wirkte er nicht durch Jahre bedeutsam
nach, die Geistesrichtung des Dichters beherrschend. Die Reaktion der
verschiedenen Menschen, wenn sie sich von ihrer Verirrung abwenden,
ist sehr verschieden und durchaus kennzeichnend für ihren Charakter.
Während viele sie so gut wie spurlos verwinden ohne tiefere Beteiligung
ihres Gemüts, wie die Masern etwa, die auch eine allgemeine Kinder-
krankheit sind, erhalten wieder andere, zumal neuropathische Individuen
hiervon für lange einen schweren Hieb. Mindestens quälen sie jahre-
lang heftige Selbst vorwürfe, nicht selten jedoch weit schwerere, ob auch
nur nervöse Symptome, auf welche ich hier nicht des Näheren eingehe,
HeinrichvonKleist gehört dieser letzteren Gattung an. Aus einem
Briefentwurf Ludwig von Brockes, den Rahmer publizierte 0»
geht mit zweifelloser Deutlichkeit hervor, dass den Dichter diese „Ver-
irrungen seiner Jugend" durch Jahre bedrückten, ja schwermütig machten,
bis er sich endlich, und sicher aus homosexueller Liebe, dem älteren
Freunde offenbarte. Noch eins enthüllt jenes wichtige Schriftstück: die
Art, wie Kleist zur Onanie gekommen, die Wandlungen, die sie in
seiner Seele hervorgerufen hatte, ja, was er an direkt somatischen Ver-
änderungen dieser zur Last legt.
„Es war wohl gewiss nicht Deine Schuld'*, beruhigt hier der Freund,
„dass man entweder zu sorglos in der Wahl Deines Umganges oder
1) Er ist freilich erst unmittelbar vor der Würzburger Reise geschrieben
worden, gibt aber fraglos Antwort und Trost auf die Selbstanklage unseres Dichters
aus früheren Tagen.
Grenzfragen des Nerven- and Seelenlebens. (Heft LXX.) 2
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18 J. Sadger:
nicht bemüht genug war, den schädlichen Wirkungen desselben, die
man als sehr wahrscheinlich hätte voraussehen müssen, vorzubeugen
und sie zu entkräften. Du hast es an Dir selbst erfahren, wie mannig-
fach die Sophistereien sind, wodurch die aufgeregte Sinnlichkeit der
Jugend ihre Befriedigung mit der Vermeidung der geföhrlichen Folgen
derselben zu vereinigen hoflFfc, und wenn sie nicht hinreichend über alles,
was dahin gehört, unterrichtet wird, fast immer ein Opfer ihres Irrtums
und der Verführung sein muss. Nimm ferner Deine besondere Lage,
die so wenig Hoffnung Dir gab, rechtmässigerweise eine so mächtige
Neigung wie diese zu befriedigen und schon an dieser Hoffnung einen
nicht unbedeutenden Widerstand verlor; Deine äusseren Vorzüge, welche
die Verführung reizen mussten, wie Du so oft es erfuhrst; Dein Tempe-
rament, die Weichheit und Zärtlichkeit Deines Herzens, das so lange
Dich in dem Irrtum Hess, als wenn es nur rechtmässige Wünsche nährte,
und dann plötzlich zu spät es inne ward, dass es sich selbst betrogen
hatte. Sollte es viele geben, die unter gleichen Umständen stärker sein
können, als Du es warst?"
Also Kleist war ein Opfer der Verführung geworden, welche
seine körperliche Schönheit reizte; er hatte sich erst durch Sophismen
getröstet, wie noch heute selbst Arzte, es sei die Onanie im Grunde das
Harmloseste, ein unstillbares Verlangen zu trösten; endlich aber waren
die peinlichsten Selbstvorwürfe erwacht, wie zumal aus dem weiteren
Schreiben hervorgeht, auf das ich noch später zurückkommen werde.
In die militärischen Pubertätsjahre fällt noch ein anderes wichtiges
Erlebnis, welches klar erweist, dass Kleist auch früh für das Weib
Empfindungen der Liebe nährte, also ausgesprochen bisexuell war, wenn
auch mit stark vortretender Neigung zum eignen Geschlechte. Dazumal
hatte ein Fräulein von Linkersdorf sein Herz gewonnen und, als
dies Verhältnis wieder zurückgeht, vernachlässigt Kleist fortab sein
Äusseres, zieht sich von allen Menschen zurück und wirft sich der
Philosophie in die Arme, was uns von Neurotikem wohl vertraut ist.
Wer früher der Sinnlichkeit allzusehr fröhnte, sei es in Wirklichkeit
oder Phantasien, hofft sie nicht selten los zu werden durch Beschäftigung
mit übersinnlichen Problemen, mit Metaphysik und Philosophie, eventuell
auch jener exakten Wissenschaft, die scheinbar am wenigsten Sinnliches
hat, der reinen höheren Mathematik. Wie wenig dies freilich Abhilfe
bringt und sich die Sinnlichkeit trotz alledem durchsetzt, das wissen
wir aus den Psychoanalysen unserer Neurotiker und finden's von neuem
bei Kleist bestätigt.
So hat dieser z. B. wieder mit einem Geliebten zusammen, Rühle
von Lilienstern, bei Korrektor Bauer Unterricht in der Greometrie
angefangen, auch das Wiederholung des Vorbildes Martini, bei dem
er zusammen mit dem Vetter lernte. Doch Bauer glich leider durch-
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Heinrich von Kleist. 19
aus nicht dem Vorbild, sondern blieb seinen Schülern allezeit herzfremd.
Und als Kleist nun einst Beweis führen sollte, dass auch irrationale
Verhältnisse der Linien wie rationale angesehen werden könnten, da
war er auf einmal dazu nicht imstande, und konnte es auch nach des
Lehrers Erklärung durchaus nicht begreifen, weil, wie ich vermute (nach
Analogie mit andern Neurotikem), sich Sexuelles dazwischen drängte*
Im Augenblick war sein Entschluss gefasst, nach Frankfurt zu gehn
und dort der Wissenschaft im Allgemeinen obzuliegen, doch beileibe
nicht etwa einem Brotstudium. Ganz unbewusst spielte wohl auch ein
heimliches Hoffen mit, unter den vielen Professoren der Universität,
deren Vorlesungen er als echter Belasteter im Übermass hörte — man
denke auch an Klei st 's rastloses Vorstürmen schon unter Martini —
einen besseren Lehrer für sein Herz zu finden. Auch wusste er sich
dort Halbschwester Ulrike, die seit frühester Kindheit unter all den
Seinen ihm am nächsten stand, die weil sie in puncto geschlechtlicher Artung
nichts anderes war als Kleist ins Weibliche transponiert, und homo-
sexuell gleich dem grossen Bruder „Du, mein liebes Ulrikchen, er-
setzest mir die schwer zu ersetzende und wahrlich Dich ehrende Rolle
meiner hochachtungswürcligen Freunde zu Potsdam*, schreibt ihr der
Dichter. „Ich scheue mich auch nicht, Dir zu gestehen, dass die Aussicht
auf Deine Freundschaft, so sehr ich sonst andere Universitäten zu
beziehen wünsche, mich dennoch, wenigstens zum Teil, bestimmte, meinen
Aufenthalt in Frankfurt zu wählen."
In einer vor kurzem publizierten neurologischen Arbeit^) verwies
ich auf die merkwürdige Tatsache, dass in den Familien Homosexueller
sich regelmäßig Verwandte finden, die neben den Merkmalen des eigenen
Geschlechtes auch manche des andern sehr deutlich zeigen. Das ist bei
Kleist und Schwester Ulrike ganz unverkennbar. Wer z. B. das
Miniaturbild von Krüger unbefangen prüft, der wird erstaunen über
das Kindliche und Mädchenhafte in des Dichters Zügen. „Die weiche
Rundung des Gesichts spielt fast ins Weibliche hinüber**, urteilt z. B.
schon Adolf Wilbrandt.
Ulrike hinwieder trug in der Fremde meist Männerkleidung, ja
diese Vorliebe war sicher neben ihrer Belastung ein Hauptgrund der
Leidenschaft, immer zu reisen. Man kann dies nicht, wie es Rahmer
getan, als etwas abtun, das in jener Zeit ziemlich häufig gewesen. Mag
sein, dass die Frauen jener Tage sich leichter zu Männerkleidung ent-
schlossen, allein es waren, wenn wir von den Höchstgeborenen absehn,
deren Wille Gesetz ist, doch meist nur solche, die dazu taugten, was
der entscheidende Umstand ist, mit anderen Worten : Weiber von männ-
^) „Zur Ätiologie der konträren Sexualempfindung". Medicin. Klinik 1909,
Nr. 2.
2*
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20 J- Sadger:
liebem Habitus. Man nebme docb eine Durcbschnittsfrau und stecke
sie in Männerbosen. An Formen und Haltung, Gebärden und Gang,
an tausend Kleinigkeiten des Alltags wird aucb der Laie, obne irgend
zu zögern, das Weib in ibr auf der Stelle erkennen. Ulrike hingegen
besucbt Vorlesungen, obne dass da irgend jemand ibr Gescblecbt durch-
scbaut, ja weilt durcb Monate als Mann in Paris, bis endlicb ein blinder
Flötenspieler, den ibr Habitus nicbt zu betrügen vermocbte, sie als
Weib erriet. Das ist einfacb undenkbar, so Ulrike ein normales Weib
gewesen wäre. Scbon das beweist, dass sie eine Art virago war, was
nocb andere Züge reichlich bestätigen. Mit 25 Jahren, in einem noch
frühen Alter demnach, erklärt sie bestimmt, trotz aller Überredungs-
versuche des Bruders, ewig unvermäblt zu bleiben, nie Gattin und
Mutter werden zu wollen, und hat dies auch tatsächlich durchgeführt,
die einzige unter allen 5 Schwestern. „Sie ist eine weibliche Helden-
seele, die von ihrem Geschlecht nichts hat als die Hüften, ein Mädchen,
das orthographisch schreibt und handelt, nach dem Takte spielt und
denkt", so charakterisiert sie ihr grosser Bruder. Sie habe keinen
anderen Fehler, als zu gross zu sein für ihr Geschlecht. Da sie später
nach dem Tode des Dichters eine Schule auftat, war sie eine furchtbar
gestrenge Erzieherin von eisernem Willen, auch hier von ausgesprochen
männlicher Art. Wie Kleist in manchem allzuviel Weib, so Ulrike
wieder allzuviel Mann. Drum war sie die Einzige, die sowohl den
Belasteten als den Homosexuellen in Kleist begriflf, der ihr wiederholt
die Versicherung gab: „Du bist die Einzige, die mich versteht, von der
ich nicht fürchte, missverstanden zu werden. Ich habe ein unumschränktes
Vertrauen zu Dir. Ich schätze Dich als das edelste der Mädchen.
Wärest Du ein Mann oder nicht meine Schwester, ich würde stolz sein,
das Schicksal meines ganzen Lebens an Dich zu knüpfen.* Die „pyladisch
gesinnte, kluge Schwester", wie Scheffner sie heisst, war in der Tat
die richtige Ergänzung zum femininer veranlagten Bruder.
Doch zurück zu dem Dichter und seiner Übersiedlung nach Frankfurt.
Wir besitzen aus jenen Tagen ein Schriftstück, an dem schon der Titel
bezeichnend ist, „Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden und
ungestört, auch unter den grössten Drangsalen des Lebens, ihn zu
gemessen", und weiters einen Brief, der die nämlichen Grundsätze noch
einmal ausspinnt. Natürlich sind beide an von Kleist geliebte Männer
gerichtet, der erste an Rühle, der zweite an Martini. Aus diesen
Schriftstücken, deren Inhalt ich alsbald skizzieren werde, erfahren wir
am klarsten, was Kleist unablässig in der Seele wälzte, bis er im
Gefolge der Würzburger Reise zu einer neuen Anschauung kam.
Das Glück zu finden und zwar das „wahre, echte Glück*, nicht was
die Menschen meist also heissen, ist Ziel und Streben all seines Handelns,
auch seines unerwarteten Entschlusses, in Frankfui*t zu studieren. ,Icb
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Heinrich von Kleist. 21
nenne nämlich Glück nur die vollen und überschwänglichen Genüsse",
schreibt er an Martini, „die in dem erfreulichen Anschauen
der moralischen Schönheit unseres eigenen Wesens liegen.
Diese Genüsse, die Zufriedenheit unserer selbst, das Bewusstsein guter
Handlungen, das Gefühl unserer durch alle Augenblicke
unseres Lebens, vielleicht gegen tausend Anfechtungen
und Verführungen standhaft behaupteten Würde, sind
fähig, unter allen äusseren Umständen des Lebens, selbst unter den
scheinbar traurigsten, ein sicheres, tiefgefühltes, unzerstörbares Glück
zu gründen." „Das wahre Glück** aber ist als Belohnung und Er-
munterung ausschliesslich an die Tugend geknüpft. „Nur die Tugend
allein macht glücklich und der Beste ist der Glücklichste," Höchstens
sei daneben noch „ein sinnliches Glück, und die Aussicht auf tugend-
hafte, wenngleich nicht mehr so reine Freuden" erlaubt. Ist ja „kein
besserer Sporn zur Tugend möglich als die Aussicht auf ein nahes Glück
und kein schönerer und edlerer Weg zum Glücke denkbar als der Weg
zur Tugend". Seine „moralische Ausbildung" halte er für eine seiner
heiligsten Pflichten, der er mit Freude alles opfere.
Fassen wir das Vorstehende zusammen, so erkennen wir deutlich
in diesen jugendlichen Schwärmereien die Reaktion auf die Onanie, der
der Knabe und Jüngling so oft unterlegen. Wird doch niemand ein
solcher Fanatiker der Tugend, der nicht früher allzu untugendhaft lebte,
und das bedeutet in jenen Jahren nahezu ausnahmslos Masturbation.
Daher auch das überschwängliche Glück, wenn sein Ich „moralische
Schönheit" aufweist oder sich gegen tausend Anfechtungen standhaft
behauptet. Es lässt sich jedoch jene Reaktion und durch sie natürlich
auch der Verdacht auf Masturbation in eine weit frühere Zeit verfolgen.
Schon dem 9jährigen Knaben gräbt sich bei Lesung einer Wieland-
schen Schrift der Gedanke ein, dass „Vollkommenheit der Zweck der
Schöpfung" sei, was für dieses Alter wohl eine zu frühe Erkenntnis
bedeutet. Dass Kleist sie annahm und zeitlebens festhielt, erklärt
bloss die Überkompensation auf hochgradige kindliche UnvoUkommenheit.
Wenn Kleist sich über seine Jugendsünden unglücklich fühlte — und
dass dies der Fall war, beweist das Brieffragment von Brock es -
dann folgte naturgemäß die ungeheure Sehnsucht nach einem Glück,
das niemand auf Erden zu rauben vermöchte. „Ein Traum kann diese
Sehnsucht nach Glück nicht sein, die von der Gottheit selbst so unaus-
löschlich in unserer Seele erweckt ist und durch welche sie unverkennbar
auf ein für uns mögliches Glück hindeutet", schreibt Kleist an
Martini. , Glücklich zu sein, ist ja der erste aller unserer Wünsche,
der laut und lebendig aus jeder Ader und jeder Nerve unseres Wesens
spricht, der uns durch den ganzen Lauf unseres Lebens begleitet, der
schon dunkel in den ersten kindischen Gedanken unserer
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22 J. Sadger:
Seele lag und den wir endlich als Greise mit in die Gruft nehmen
werden.*
Bezeichnend ist auch sein Verhältnis zur Tugend, von welcher er
offen einbekennt, nicht deutlich zu wissen, was sie eigentlich sei. „Sie
erscheint mir nur wie ein hohes, erhabenes Etwas, für das ich vergebens
ein Wort suche, um es durch die Sprache, vergebens eine Gestalt, um
es durch ein Bild auszudrücken. Und dennoch strebe ich diesem un-
begriffenen Dinge mit der innigsten Innigkeit entgegen, als stünde es
klar und deutlich vor meiner Seele. Alles, was ich davon weiss, ist,
dass es die unvollkommenen Vorstellungen, deren ich jetzt nur fähig
bin, gewiss auch enthalten wird; aber ich ahnde noch etwas höheres,
und das ist es wohl eigentlich, was ich nicht ausdrücken und nicht
formen kann.* Er tröstet sich damit, dass ihm dies früher noch
dunkler gewesen, nach und nach jedoch, seitdem er denke und an seiner
Bildung arbeite, auch die Vorstellung der Tugend an Gestalt imd Bildung
gewonnen habe.
Warum ist jedoch der Begriff der Tugend nicht recht zu packen,
warum erscheint sie dem Jüngling derart erhaben und hoch? Ich
glaube da nicht irre zu gehen, wenn ich für jenen abstrakten Begriff
eine ganz konkrete Persönhchkeit setze, die dann tatsächlich unnahbar
hoch steht. Nicht, was Tugend sei, vermag der Dichter so gar nicht
zu fassen, sondern wer die Person, welche ihm den Inbegriff der Tugend
darstellt. Erst, als er an seiner Bildung arbeitet, d. h. in den Fuss-
stapfen Martinis wandelt, gewinnt auch die Tugend Gestalt ihm und
Form. Wer aber das Urbild dieser gewesen, darauf wird später zurück-
zukommen sein.
Hingegen vermag ich vom Tugendbegriff zumindest die homo-
sexuelle Seite näher zu beleuchten. Wozu setzt sich Kleist mit den
beiden meistgeliebten Männern, Martini und Rühle, so breit und
eingehend auseinander? Es „soll und wird mir", schreibt er an
Martini, „Ihr Vertrauen erwerben, um das ich im eigentlichen Sinne
buhle. Den Funken der Teilnahme, den ich bei der ersten Eröffnung
meines Planes in Ihren Augen entdeckte, zur Flamme zu erheben, ist
mein Wunsch und meine Hoffnung. Seien Sie mein Freund im deutschen
Sinne des Wortes, so wie Sie einst mein Lehrer waren, jedoch £är
länger, für immer !** Ebenso schreibt er im selben Jahre noch an
Ulrike: „Von einer Seele wenigstens möchte ich gern zuweilen ver-
standen werden, wenn auch alle anderen mich verkennen. Grosse Ent-
würfe mit schweren Aufopferungen auszuführen, ohne selbst auf den
Lohn, verstanden zu werden, Anspruch zu machen, ist eine Tugend,
die wir wohl bewundern, aber nicht verlangen dürfen. Selbst die
grössten Helden der Tugend, die jede andere Belohnung verachteten,
rechneten doch auf diesen Lohn.* Wir werden nicht fehlgehen, wenn
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Heinrich von Kleist. 23
wir die Sehnsucht nach Verstandenwerden, das Buhlen um Vertrauen,
das Flehen um Freundschaft einfach als Bedürfiiis der Liebe nehmen.
Auch in dem Verhältnis zu Wilhelmine von Zenge treten
Homosexualität und Masturbation bestimmend und unverkennbar zutage.
Um vorerst letztere zu erschöpfen, muss ich vorausschicken, dass die
Psychologie der Masturbation trotz aller Häufigkeit dieses Lasters bis
heute noch nicht geschrieben ist. Es seien hier einige durch sie be-
dingte Charakterseiten, die sich mir bei unserem Dichter aufdrängten,
näher beleuchtet. Zunächst ein Zug, der pathognostisch zu heissen ist.
Schon in Frankfurt konnte den Dichterjüngling „der geringste Verstoss
gegen die Sittlichkeit, ein Blick, eine Miene ausser Fassung bringen^.
Das ist weit über das Normale gehend und richtige Masturbantenart.
Auch ein Gesunder wird kein besonderes Gefallen finden an irgend-
welchen Zoten, nur wird er sich darob nicht so entrüsten. Die über-
heftige Reaktion ist Verdacht erregend. Sie erweist besondere Hyper-
ästhesie wider das unzüchtige und findet sich beinahe ausnahmslos als
Übergutmachung einer früher geschehenen eigenen Unzucht, fast immer
einer früheren Masturbation. Des weiteren pflegt der echte Onanist
sein Laster vor aller Welt zu verbergen. Als Reaktion verlangt er
nicht selten von Freunden und liebgewordenen Personen Vertrauen,
Aufrichtigkeit und absolute Offenherzigkeit und übt sie auch selber,
natürlich bis auf den Verrat der eigenen Verirrung. Je weniger ihn
Selbstachtung föUt, desto gieriger heischt er die Achtung anderer, sucht
stets, was ein fast pathognostisches Wort, die „wahre" Liebe, die „wahre**
Treue, eine „wahre, echte" Hingebung im Gegensatz zur steten eignen
Unwahrheit. Er zweifelt gern an der Liebe der andern und hält eine
Täuschung immer für möglich, ja direkt wahrscheinlich. Das nämliche
Versteckensspiel, wie mit jener eigenen Jugendsünde, wiederholt er gern
in den Liebesverhältnissen. Fast jedes Verlöbnis soll aus irgendwelchen
vorgeschützten Gründen möglichst lang allen verborgen bleiben. Selbst
bis in die Wahl des Lebensberufes erstreckt sich die Überkompensation.
Die „reine" Mathematik, die „reine" Philosophie sind Lieblingsstudien
des UD reinen Onanisten ^), zumal sie in ihrer Unsinnlichkeit am besten
vom Sinnlichen abzulenken scheinen
Bei Heinrich von Kleist bestätigt sich all dies in selten zu
findender Vollständigkeit. Er trachtet bereits als Militär das Studium
der reinen Mathematik zu vollenden, daneben will er später besonders
Philosophie und Physik betreiben, für welch letztere er einen „ihm
selbst unerklärlichen Hang" besitzt^). Kaum hat er das Jawort der
Geliebten empfangen, hebt er schon zwangsmäßig zu grübeln an. Er
1) Natürlich nur dann, wenn auch ein gewisses Talent vorhanden.
2) Vielleicht von der Physis (Natur) her.
24 J. Sadger:
zweifelt an ihrer Liebe, ob Aug' und Ohr, sein Witz und Scharfsinn
ihn nicht betrügen. Darum beschwört er sie: , Wilhelraine ! Lassen Sie
mich einen Blick in Ihr Herz tun. Offnen Sie mir es einmal mit Ver-
trauen und Offenherzigkeit." Und dann wieder bezeichnend: „Nicht
durch Worte, aber durch Handlungen zeigt sich wahre Treue und
wahre Liebe. Lassen Sie uns bald recht innig vertraut werden, damit
wir uns ganz kennen lernen. Also offenherzig, Wilhelmine. immer
offenherzig. Was wir auch denken und fühlen und wünschen,
wollen wir uns freimütig mitteilen. Vertrauen und Achtung, das sind
die beiden unzertrennlichen Grundpfeiler der Liebe, ohne welche sie
nicht bestehen kann." Ferner aus der späteren Zeit des Verhältnisses:
„Mein ganzes Bestreben geht dahin, Dich und mich wahrhaft glücklich
zu machen." (Alle gesperrt gedruckten Worte sind von Kleist unter-
strichen.) Endlich in seinem vorletzten Brief, da er die Braut beschwört,
an seiner Seite Bäuerin zu werden: „Wenn Du mich nur wahrhaft
liebst, wenn Du nur wahrhaft bei mir glücklich zu werden hoffst.**
Weitere Symptome der Masturbation sind ferner Kleists Schüchternheit
und Blödigkeit in Gesellschaft, sein leichtes Verlegen werden, Stottern
und Erröten '), seine häufige Menschenscheu, die Unfähigkeit, sich aus-
zusprechen, die Terminsetzung in dem Verhältnis zur Kunze ^) und
endlich auch noch die ewige Geheimniskrämerei, das Verbergen des
Zwecks und — soweit sie die Homosexualität nicht aufhebt —
die Scheu vor Mitwissern, sowohl bei den Verlöbnissen als der
Würzburger Reise. „Nicht einen von allen Gedanken darf ich mitteilen,
die mir die Seele füllen!", so klagt er einmal äusserst bezeichnend, um
seine Blödigkeit zu erklären, und anderseits neigt er zu einem stäten
1) Sehr richtig sagt St ekel (^Nervöse Angstzustände und ihre Behandlung"),
was sich ganz mit meinen eigenen Erfahrungen deckt: «Erythrophoben sind Ona-
nisten, die sich entlarvt glauben." . . . „Das Stottern, die Angst vor der Rede, ist
ursprünglich nur die Angst, durch die Rede irgend ein Geheimnis zu verraten (wiU
sagen hauptsächlich die Onanie). . Dann überträgt sich die Angst auf die Rede selber.
Die Leute haben dann Angst, nicht ruhig, ohne Störung reden zu können. Ich bin
in allen Fällen immer zu dem Resultat gekommen : das Stottern ist ein psychischer
Verrat wie das Verreden und Verschreiben. Ein unbewusster Komplex drängt
sich zwischen die Silben und Worte." — Auch die Terminsetzung geht regelmässig
auf frühere Masturbation zurück. Des Dichters Verlöbnis mit Julie Kunze soll
sich einzig darum zerschlagen haben, weil Kleist verlangte, die Braut solle ihm
ohne Vorwisson ihres Vormundes schreiben. „Sie schlug es ab, er wiederiiolte
seine Bitte nach B Tagen, in denen er sie nicht besuchte, darauf nach ebenso vielen
Wochen und Monaten und löste zuletzt das Verhältnis auf diese Weise völlig.'
Ein andermal beschloss er, sein Zimmer nicht eher zu verlassen, als bis er sich
über einen Lebensplan entschieden hätte, was er freilich nicht länger als 8 Tage
aushielt. All diese Terminsetzung ist pathognostisch für den Masturbanten. Dieser
setzt sich nämlich immer Termine: an dem und dem Tage werde ich mit der
Onanie aufhören, was dann in Wahrheit nie eingehalten wird.
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Heinrich von Kleist. 25
Heimlichtun, dieweil er ein andres zu bergen hatte : seine Masturbation.
^Gewiss würde ich nicht so geheimnisreich sein, wenn nicht meine beste
Erkenntnis mir sagte, dass Verheimlichung meines Zweckes notwendig,
notwendig sei.*
Das Zweite, was im Verhältnis zur Zenge bestimmend eingreift,
istKleistens Homosexualität, vor allem die Erinnerung an Christian
Martini, den er aus Liebe völlig imitiert. Ausnahmslos allen Bio-
graphen fiel auf, wie wenig eigentlich die Briefe des Dichters an seine
Braut von Liebe diktiert sind, dass hingegen sich eine beständige
Didaktik aufs äusserste breit macht. Es herrscht da ein „wunderlich
erzieherischer Ton", bemerkt schon Wilbrandt, ein geradezu schul-
meisterliches Abhandeln, ein ewiges Aufgeben, Prüfen und Verbessern.
Als Kleist seine Würzburger Reise antritt, lässt er der Geliebten „In-
struktionen* zurück zum öfteren Durchlesen. Ja, er fügt hinzu und
kommt auch später darauf zurück: „Es wäre am besten, wenn Du sie
auswendig kenntest". Mit einem Wort, er mimt „den Herrn Lehrer".
Wie er in einem Brief an Martini schrieb: „Ich sehe mein Schicksal
voraus, einst als Schüler zu sterben, und wenn ich als Greis in die
Gruft führe!" so verlangt er stets wieder von seiner Geliebten, unauf-
hörlich an ihrer Bildung zu arbeiten. „Liebe und Bildung, das ist alles,
was ich begehre", „Liebe und Bildung sind zwei unerlässliche Beding-
ungen meines künftigen Glückes" Dass das Streben nach Bildung
durchaus Befolgung Martinischer Lehren, liegt auf der Hand. Aber
auch die „Liebe", vielmehr, was Kleist unter ihr verstand, hat nahe
Beziehungen zu diesem Vorbild. Vorerst beachte man, worauf ich schon
früher nachdrücklich hinwies, dass Kleist von mannmännlicher Liebe
nichts wusste, zwischen gleichen Geschlechtern stets nur die Freund-
schaft, und Liebe nur zwischen verschiedenen kannte. Er sprach also
vieles als Freundschaft an, was unzweideutig schon Liebe war, wie sein
Empfinden für Martini z. B. Man könnte also wähnen, dass er in
dem Schlagwort „Bildung und Liebe" nicht bloss die erstere nach
Martinis Muster gefordert habe. Allein mich dünkt die Sache noch
etwas tiefer zu fa.ssen.
Betrachten wir einmal die verschiedenen Themen, die er der Braut
zu beantworten gibt. Da sind zunächst solche, die deutlich Kämpfe
des eigenen Innern uns wiederspiegeln. Z. B. darf man darum nie
einen Fehler des andern tadeln, weil man ihn selbst beging? Oder:
was für ein Unterschied ist zwischen rechtfertigen und 'entschuldigen ?
Dann wieder andere sehr bezeichnende: soll man jeden irrigen Grund
des andern scharf bekämpfen und seine Ruhe stören oder genügt schon
ein guter Wille dazu? Muss man trachten, das Vollkommene wirklich
zu machen, oder genügt es, nur das Vorhandene vollkommener zu
machen? Ist es besser, gut sein oder gut handeln? Die grössere Hälfte
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26 J. Sadger:
der Fragen jedoch ist einem andern Komplex gewidmet, dem Verhältnis
nämlich zwischen Mann und Weib. Welches Glück Wilhelmine sich
z. B. an seiner Seite erwarte, wodurch eine Frau sich Achtung und
Vertrauen ihres Mannes erwerbe, wodurch festhalte. Man darf nicht
meinen, solche ,, Denkübungen** seien nicht unbegreiflich bei einem so
gewissenhaften Bräutigam. Denn es möchte noch hingehen, wenn
Kleist seine Braut darüber einen förmlichen, bis ins Kleinste gehenden
Fragebogen beantworten heisst. Daneben aber stellt er andere Probleme,
die über solche Erklärung hinausgehen, abgesehen davon, dass glück-
liche Brautleute sich schwerlich mit Doktorfragen so mühen. Welcher
z. B. der beiden Gatten unglücklicher wäre, so eines von ihnen früher
stürbe? Oder welche WaflFen die Frau besitze wider den Mann? Was
die beiden stärker aneinander knüpfe, Tugenden oder Schwächen ? Darf
die Frau niemandem gefallen als dem Manne? Welche Eifersucht
stört den Frieden in der Ehe? Und ähnliche Themen, die uns nicht
mehr erhalten.
Mutet solch' Treiben zwischen Brautleuten schon seltsam an, so
wird uns die „Liebe" dieser beiden Menschen noch zweifelhafter, wenn
wir Verlauf und Ende prüfen. Mir wenigstens drängt die Überzeugung
sich auf, dass es im Grunde weit minder eine Herzensneigung war,
welche Kleist zu Wilhelmine von Zenge zog, als das Trachten und
die Möglichkeit, ein Weib nach seinem Ideal sich zu formen. Be-
schäftigt ihn doch das Problem des Weibes, wie er es sich denkt, als
Gattin und Mutter seiner Kinder sich wünscht, um vieles stärker, denn
alle sogenannte , Liebe". „Ein Mädchen auszubilden nach meinem
Sinne, das ist nun einmal mein Bedürfnis; und wäre ein Mädchen auch
noch so vollkommen, ist sie fertig, so ist es nichts für mich. Ich
selbst muss es mir formen und ausbilden". „Ja, Wilhelraine", schreibt
er von seiner Würzburger „Tat", „wenn Du mir könntest die Freude
machen, immer fortzuschreiten in Deiner Bildung mit Geist und Herz,
wenn Du es mir gelingen lassen könntest, mir an Dir eine Gattin zu
formen, wie ich sie für mich, eine Mutter, wie ich sie für meine Kinder
wünsche, erleuchtet, aufgeklärt, vorurteilslos, immer der Vernunft ge-
horchend, gern dem Herzen sich hingebend — dann, ja dann könntest
Du mir für eine Tat lohnen, für eine Tat ~". Je länger er
Wilhelmine kennt, desto stärker tritt seine Sehnsucht nach einer Mutter
zutage. „Deine Bestimmung, liebe Freundin, oder überhaupt die Be-
stimmung des Weibes ist wohl unzweifelhaft und unverkennbar; denn
welche andere kann es sein, als diese, Mutter zu werden, um der
Erde tugendhafte Menschen zu erziehen?" (Das gesperrt ge-
druckte ist von Kleist unterstrichen.) Und von Würzburg aus teUt
er Wilhelmine auch mit, was er sich selber von dem Glück ihrer
künftigen Ehe verspreche. „Ich werde Dir die Gattin beschreiben, die
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28 J- Sadger:
desselben. Und auch später, nach der Abkehr vom Weibe, benützt er
noch immer die Qualitäten jener, Vorzüge also und Eigenschaften des
andern Geschlechts, zur Wahl seiner homosexuellen Ideale. Auch der
eingefleischteste Urning nämlich liebt in dem Manne stets nur das
Weib, nach dem Vorbild jener, an die er in seinen Kinderurtagen sein
Herz und seine Neigung gehängt, in letzter Linie die eigene Mutter.
Die ist nun naturgemäß auch die erste Lehrerin des wachsenden Kindes,
bei Kleist vielleicht noch etwas lehrhafter als andere Mütter, und
wenn sich dann unser Dichter zuerst in einen spätem Hauslehrer ver-
liebte, übertrug er auf diesen einfach die Liebe von seiner Mutter.
Es greifen demnach in Kleistens Leben zwei erotische Richtungen
bestimmend ein : des Dichters gleichgeschlechtliches Empfinden ^) und
die Masturbation. Die erstere geht sicher auf des Dichters eigene
Mutter zurück, die, wie ich im Folgenden aufzeigen werde, in jeder
späteren Liebe wiederkehrt, auch in der scheinbar mannmännlichsten
Neigung.
HL
In dem Verhältnis zum Fräulein von Zenge gibts eine deutliche
Diärese, die Würzburger Reise, das grosse Rätsel, welches allen Bio-
graphen bisher die härtesten Nüsse aufgab. Was immer man da als
„wahre" Ursache aufgedeckt hat, die Reise nach seinem Dichterberuf,
den unstillbaren Reisedrang des Schwerbelasteten, die Furcht vor psychi-
scher Impotenz, eine angeborene Anomalie, welche nur der Chirurg be-
seitigen konnte, jede dieser Erklärungen hat nur ihren eigenen Autor
befriedigt. Die andern aber fühlten doch immer, dass keine dieser
Deutungen eine ganz erschöpfende Lösung bot, ob jede auch gern ein
Körnchen Wahrheit enthalten mochte Dies allgemein verbreitete
Empfinden ist, wie ich gleich hier vorwegnehmen will, durchaus be-
rechtigt. Es fusst auf der unbewussten Erkenntnis, dass kein Erlebnis
der menschlichen Seele so einfach ist, als die Psychologen gewöhnlich
vermeinen. Ja man kann es schlechthin als Grundsatz aussprechen,
1) Neuerdings wird der Versuch gemacht^ gegen diese ein Schreiben Kleists
auszuspielen, in welchem er Iffland durchsichtig der Homosexualität beschuldigt.
Dem ist zu entgegnen, dass, wie jeder Kenner der Sexualforschung weiss, man die
tiefste Verachtung jener Perversion oft von Leuten hört, die selbst Urninge sind,
ohne es zu ahnen. Sie spotten ihrer und wissen selbst nicht wie.
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Heinrich von Kleist. 29
dass jedes menschlich-seelische Geschehen recht zusammengesetzt ist,
auch wenn es einem kurzsichtigen Auge simpel erscheint. Auf Kleistens
Würzburger Reise übertragen, darf man zugeben, dass jede obzitierte
Erklärung zwar einen Teil der Wahrheit gibt, ein Stück derselben ganz
richtig errät, dass aber andrerseits all diese Lösungen insgesamt sie
doch bei weitem noch nicht erschöpfen. Im Folgenden will ich neue
Gesichtspunkte heranzuziehen suchen, ohne jedoch mich vermessen zu
wollen, den ganzen Komplex der treibenden Motive ausgeschöpft zu
haben.
Wir kennen den unmittelbaren Anstoss, der den Dichter zur Würz-
burger Reise trieb. Unter ihren „Denkübungen** hatte die Braut auch
die Frage beantwortet, was sie sich von dem Glück einer künftigen
Ehe mit ihm verspreche. Die Antwort, die Kleist „eine unausprech-
liche, aber bittersüsse Freude gewährt" — vermutlich entsprach sie
ganz seinen Suggestionen, zumal über spätere Mutterschaft — „scheucht
ihn zugleich aus ihren Armen**. Stieg doch in ihm alsbald das quälende
Bewusstsein auf. Masturbant zu sein, und sich dadurch mit Schuld be-
laden zu haben, wie wir aus Brockes Briefentwurf wissen. Gleich
so vielen anderen Onanisten plagte auch Kleist die Forderung stets
zu erfüllender Pflicht, welche ihm die Worte an die Braut diktierte:
„In uns flammt eine Vorschrift — und die muss göttlich sein, weil sie
ewig und allgemein ist, sie heisst: erfülle deine Pflicht, und dieser
Satz enthält die Lehren aller Religionen. ** Und galt's nicht vorerst, für
Wilhelmine einer Pflicht zu genügen, die ihr die Erfüllung ihrer ach!
so berechtigten Wünsche bot? Drum muss er zunächst die Furcht sich
bannen vor einer möglichen Impotenz, seine angeborene Anomalie be-
heben lassen, und gälte es selbst den Preis seines Lebens. Dies also
war der unmittelbare Anstoss zum Reisen, wenn auch noch lang nicht
die tieferen Gründe. Nun sollte man glauben, aus solch einem starken
Empfinden heraus müsste Kleist keine andere Sorge kennen, als bei
den renommiertesten Ärzten Heilung zu suchen. Statt dessen sucht er, was
wirklich zu den tiefsten Wurzeln führt, „einen weisen, edlen und älteren
Freund** auf, angeblich weil er zu schwach sich fühle, ganz allein zu
handeln, wo etwas so Wichtiges auf dem Spiele stehe, und um femer
mit jenem die Mittel zu seinem Zweck zu beraten, ob dieser auch selbst
unwiderruflich feststeht. Und was ist das erste, so er mit dem weisen
Freund bespricht? Er legt eine grosse Generalbeichte ab über seine
geheimen Jugendsünden, wie ein Kind der Mutter, oder aber ein Schüler
dem verehrten Lehrer. Sollte da nicht am stärksten die homosexuelle
Triebfeder wirken, die Sehnsucht nach einem geliebten Mann, dem allein
die Macht ward, zu absolvieren ? Wie immer der Liebe, gelingt es auch
Brockes, ihn voll zu trösten. Kleist solle seine Tage nicht frucht-
los verseufzen ob Verirrungen, die nicht mehr zu ändern wären. Vor-
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wärts zu schauen, statt ewig rückwärts, sei vielmehr ihm Pflicht, und
so es ihn kränke, dass andere, die ohne eigenes Verdienst der Ver-
führung entgingen, in Frieden und Gesundheit ihm Hohn zu sprechen
schienen, so könne gerade das Leid zu wahrem Glück ihm verhelfen.
Wenn er sich gräme, nicht schön und liebenswürdig geblieben zu sein
wie seine Freunde, so habe just diese Folge seines Lasters ihn von
seichten Freuden abgehalten und zur Einkehr gezwungen. Noch immer
lege er zuviel Wert auf den Beifall der Welt und betrachte sein Ich
zu sehr als Mittelpunkt alles Geschehens. Sein Streben müsse sein,
mehr für andere zu leben, als für sich selber.
Und Brock es zaudert auch keinen Moment, sein Wort durch
eine Tat zu erhärten. Von Haus aus homosexuell veranlagt*), ist er
alsbald bereit, einen grossen Teil seines Vermögens zu opfern, um da-
durch , beide glücklich zu machen". Ja, Kleist berichtet expressis
verbis, dass er dem Freund „die ganze glückliche Wendung seines
Schicksals verdanke". Eine solche Behauptung wäre unmöglich, so
Brock es dem Dichter nur Mittel zum Zweck, dieser aber Behebung
der Impotenz wäre oder angeborener Anomalie, ein Fröhnen unstillbarer
Reiselust oder irgendeine ähnliche andere Teilwahrheit. Neben all'
diesen sicher mitspielenden Motiven war vielleicht das stärkste und das
Glück der Reise erst voll begründend des Dichters befriedigte Liebe zu
Brockes und seine Lossprechung von der Jugendsünde durch diesen
heissgeliebten Freund.
Es ist bezeichnend, wie durch die neugewonnene Neigung auch
die alten Ideale ganz jählings stürzen. Solange der Dichter an
Christian Martini „in Freundschaft" hing, war Bildung das Höchste.
Als Brockes jedoch sein Herz gewann, und zwar so gründlich, dass
sogar die Erinnerung an dessen kleinen Fehler ihm schwand — wohl
ein sicheres Zeichen wirklichei Liebe — nimmt er auch dessen Grund-
1) Dem Fachmann führe ich als Stütze hiefür Nachfolgendes an: „Sehr ge-
bildete, überaus zärtliche Mutter, deren Erziehung aussciiliesslich darauf abzielt,
sein Herz weich und empfänglich zu machen. Brockes studiert, hat eine Liebe,
die ihn nicht glücklich machf* und geht hierauf zum Militär, wo er es aber nicht
lange aushält. Da er sich nicht entschliessen kann, ein Amt anzunehmen, bezieht
er, ,um doch etwas Gutes zu stiften, mit einem jungen Manne zum zweiten Male
die Universität, der sich dort unter seiner Anleitung bildete". Als Kleist ihm
seine Lage eröffnet geht er trotz seiner geringen Mittel und der Verzweiflung der
Schwester alsbald auf eigene Kosten mit dem Freund. Auf der Reise beträgt er in
steter Aufopferung sich ganz als Mutter, wofür der Dichter eine Reihe bezeichnender
Beispiele gibt. (Z. B. : „Wenn ich in der Nacht zuweilen schlafend an seine Brust
sank, so hielt er mich, ohne selbst zu schlafen".) Ein echter Urning, der als Weib
sich fühlt, scheut er davor zurück, den Freund auch nur teilweise entblösst zu sehen,
geht immer spazieren, wenn die Stunde des ärztlichen Besuches naht, und meidet
auch seine Schlafkammer zu betreten, beides völlig ungebeten, aus eigenen, freien
Stücken.
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Heinrich von Kleist. 31
Sätze an und schreibt an die Schwester: , Wissen kann unmöglich das
Höchste sein — Handeln ist besser als Wissen. Ach, es ist so traurig,
weiter nichts als gelehrt zu sein*. Und da seine „festeste Säule wankte,
die Liebe zu den Wissenschaften**, wirft er sich der Liebe, dem zweiten
frühem Ideal in die Arme. Nur hatte auch diese unter Brocke s Ein-
fluss eine wesentlich neue Form gewonnen. Was hatte den Dichter
am Freund so berückt? Seine beinahe göttliche Selbstlosigkeit, wie
sie höchstens bei einer Mutter zu finden. Freilich, er fühlte, „es ist
sehr schwer, immer ganz uneigennützig zu sein**, und heisst sie „die
schwerste von allen Tugenden". „Grosse Opfer sind Kleinigkeiten, die
kleinen sind es, die schwer sind**. Doch mindestens strebt er mit
ganzer Seele, das Beispiel des Freundes nachzuahmen, „immer in allen
Fällen ganz uneigennützig zu sein**, und beschwört seine Braut: „0,
mache diesen herrlichen Vorsatz auch zu dem Deinen! Denke Dir die
glückliche Ehe, in welcher diese innige, herzliche üneigennützigkeit
immer herrschend wäre! 0, Du ahndest gewiss die Absicht dieser
Zeilen, die Du darum auch gewiss recht oft durchlesen wirst**. Man
sieht ganz klar, ihm ist zum heissesten Sehnen geworden, die Braut an
Stelle der Mutter zu sehen, wie ja auch der Freund seine Herzens-
gewalt bloss dadurch gewann, dass er der Mutter des Dichters so glich.
Jetzt erst erhalten seine Bräutigamsbriefe die Farbe der Liebe, welche
allzu lang nur durch Pädagogik verdunkelt worden. Allein diese Liebe
klingt stets in Liebe zur Mutter aus, die Wilhelmine ihm werden soll
im doppelten Sinne.
Doch Kleist übernahm vom Freunde noch andere Charakterzüge.
So war in diesem „ein tiefes Gefühl für Recht immer herrschend**, das
wohl auf eine verwandte Seite des Dichters stiess, die sie mächtig ver-
stärkte. Dies Rechtsgefühl hat sich zuletzt im Kampfe mit Harden-
berg-Raumer auffindend betätigt und z weifellos K 1 e i s t den Anstoss
zum Michael Kohlhaas gegeben. Auch den Grundsatz „Handeln
ist besser als Wissen", bleibt unser Dichter lange bestrebt, durch eine
Dramentat zu erhärten, den stets erneuten „Robert Guiskard**.
Des weitern war Brock es „von einer ganz reinen, ganz unbefleckten
Sittlichkeit, ein Mädchen könnte nicht reiner, nicht unbefleckter sein
als er**, für den Masturbanten ein doppelt hehres Ideal. Auch dies
schwebt Kleist als Muster vor, ihn bestärkend in seinem Willen zur
Ehe, die seine Sinnlichkeit zügeln sollte und die Begierde zur Sittlichkeit
dämpfen. Als ihm darum die Ärzte Gewissheit geben, er sei nunmehr
zur Ehe tauglich, da „achtet er sein ganzes Vermögen nicht um das,
was er aut dieser Reise erworben**. Freilich sehr lange hielt diese Zu-
friedenheit nicht vor, was wiederum dartut, dass die neu gefestigte
Männlichkeit nicht viel zu seinem Glücke beitrug. Endlich verrät noch
eine Briefstelle, dass Brocke s auf der Würzburger Reise „unaufhörlich
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32 J. Sadger:
mit der Natur im Streite ist, weil er, wie er sagt, seine ewige Be-
stimmung nicht herausfinden kann und daher nichts für seine irdische
tut". Auch dies ahmt der Dichter im Einzelnen nach, wie die folgenden
Ereignisse lehren werden.
„Ja, wenn Du unter den Mädchen wärest, was dieser unter den
Männern !** apostrophiert er einmal die Braut, und als Brocke s ganz
unvermutet in Berlin auftaucht und den Winter bei Kleist zu wohnen
verheisst, schreibt dieser verzückt: „0, hättest Du auch bei Dir eine
Freundin, die Dir das wäre, was dieser Mensch mir! Ich bin sehr ver-
gnügt und muss Dich herzlich küssen*. Es sei gleich hier vorweg-
genommen, dass Kleist wie später in der „Phoebus*-Zeit nur dann
vergnügt und lebensfroh wird, wenn er für seine homosexuellen
Neigungen Befriedigung findet. Auch ist es, wie schon Rahm er hervor-
hebt, gewiss „kein Zufall, dass die schweren geistigen Kämpfe, die
grössten Schwankungen seiner Gemütsverfassung in der Zeit einsetzen,
als Brockes durch ein Amt gezwungen war, Berlin zu verlassen und
sich von Kleist zu trennen".
Immer jedoch steht hinter dem männlichen Ideal ein anderes,
hehreres, weitaus älteres: die eigene Mutter. Leider ist uns von ihr
wie vom Vater so gut wie gar nichts überliefert, sei's darum, weil alles
verloren gegangen, sei's dass die FamiUe absichtlich unterdrückte, was
sie ihrem Ansehen abträglich hielt. Eine einzige Briefstelle, an ßühle
gerichtet, verstattet einen unmittelbaren Einblick in Kleists Verhältnis
zu seiner Mutter. Die beiden Freunde hatten sich zerzankt. Doch
lenkt der Dichter sogleich am nächsten Tage ein: „Wenn ich auf Dich
böse bin, so überlebt diese Regung nie eine Nacht, und schon, als Du
mir die Hand reichtest, beim Weggehen, kam die ganze Empfindung
meiner Mutter über mich und machte mich wieder gut* ^). Jener Mangel
ist umsomehr zu bedauern, als die Zurücktühruug auf die eigenen
Eltern auch Kleistens Homosexualität', sein Verhalten zur Braut, zu
Henriette von Vogel und eine Reihe anderer Züge überhaupt erst
dem Verständnis öffnet.
Ich befinde mich hier an einem kritischen Punkt, der vorher be-
sprochen und genauestens abgegrenzt werden muss, eh' ich zu weiteren
Schlüssen vorschreite. Wir vrissen heute, dass für die intimsten Seelen-
vorgänge neben der konstitutionellen Anlage der Einfluss der Eltern
und der Familie, sodann der allerersten Kinderjahre einfach entscheidend,
ja für deren restloses, völliges Verstehen geradezu unerlässlich ist. Da
klaffib nun im Leben Heinrich von Kleists eine leidw unausfüllbare
J) Nebenbei bemerkt charakteristisch für seine Homosexualität. Kleist spielt
da gewöhnlich den femininen Part, fühlt sich dem jeweils Geliebten gegenüber in
der Rolle der Mutter.
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Heinrich von Kleist. 33
Lücke, und nicht die mindeste Aussicht besteht, von jenen unbekannten
Dingen auch nur das Geringste je zu erfahren. Was ist unter solchen
Umständen zu tun? Soll man da für immer auf jedes Verständnis der
just bei Kleist so zahlreichen Rätsel völlig verzichten, oder minder
sichere Pfade einschlagen, welche schliesslich in eine Erklärung münden,
die zwar nicht so streng erweisbar ist, wie das, was ich bisher ausge-
führt habe, doch aber der Wahrheit in hohem Grade sich nähern
dürfte. Mich dünkt, hier beginnt das legitime, berechtigte Feld der
Hypothese und Analogie, wobei wir billig die Vorsicht üben, uns strikt
an Bekanntes, Sichergestelltes anzulehnen und obendrein ehrlich angeben
müssen, wo auch durch Heranziehung dieser Quellen ein volles Deuten
noch unmöglich ist.
Beginnen wir zunächst mit der Analogie. Für das Verständnis
der psychischen Prozesse hat ein Wiener Neurologe, Professor Freud,
eine ganz entscheidende Leistimg vollbracht. Sein Verdienst liegt darin,
eine neue Methode erfunden zu haben, die psychoanalytische, seelen-
zergliedernde, welche verstattet, in die ungeheuren Tiefen des ün-
bewussten unser Senkblei zu werfen und dort Zusammenhänge zu lothen,
Motive, Empfindungen, verborgenste Strebung, von denen man sich
bislang nichts träumen Hess. Unter anderm boten diese Analysen auch
bedeutsame Aufklärung über jene Personen, bei welchen die gleich-
geschlechtliche Liebe im Vordergrunde steht, wie z. B. bei Kleist.
Doch auch über das Liebesleben des Normalen hat jene Methode uns
wertvolle, neue Kunde gebracht. Z. B. dass, wer seine Braut nur nach
dem Ruf seines Herzens wählt, was sicher zwischen Kleist und der
Zenge zutraf, die Objektwahl regelmäßig nach dem Vorbild der
eigenen Mutter vollzieht. Sie ist die wichtigste Grundperson für die
spätere Brautwahl, die zu diesem Zweck höchstens Ausschmückungen
erfährt nach den unerfüllten infantilen Wünschen sowie einige Zutaten
von ein wenig später heissgeliebten Personen der Kindheit. Hier
dünkt mich fester Boden gewonnen fttr Konjekturen. Wenn wir aus
den Briefen Kleists an die Braut sein Frauenideal rekonstruieren mit
den Verbesserungen, die er selber heischt, dürften wir vermutlich auf
die Mutter stossen, wie sie wirklich gewesen oder mindest vom Dichter
gesehen und erträumt ward. Eine andere, doch freilich mit grösster
Vorsicht zu nützende Quelle für Kleists geheime Kinderwünsche sind
seine Werke, ja schon deren Stoffwahl, wie ich im folgenden ausführen
werde. Nach meinen Analysen bei Dichterlingen verraten sich jene
vor aller Welt sorgsam gehüteten Phantasien — und alle Phantasien
sind nichts anderes als erfüllte Wünsche (Freud) — am leichtesten in
dem Inhalt des poetisch Geschaffenen.
Schon im bisherigen lernten wir die Ideale kennen, denen Kleists
Braut nacheifern soll. Noch deutlicher spricht sich der Dichter an
Orenzfragen des Nerven- and Seelenlebens. (Heft LXX.) 3
;M J« Sadger:
Karoline von Schlieben aus. Erkenne man den Mann an seinem
Verstände, so das Weib an seinem Herzen. ,Ja, es gibt eine gewisse
himmlische Güte, womit die Natur das Weib bezeichnet hat, und
die ihm allein eigen ist, Alles, was sich ihm mit einem Herzen nähert,
an sich zu schliessen mit Innigkeit und Liebe: so wie die Sonne, die
wir auch darum Königin, nicht König nennen, alle Weltkörper, die
in ihrem Wirkungsraum schweben, an sich zieht, mit sanften, unsicht-
baren Banden und in frohen Kreisen um sich fQhrt, Licht und Wärme
und Leben ihnen gebend, bis sie am Ende ihrer spiralförmigen Bahn
an ihrem glühenden Busen liegen — / Und dann zur Bekräftigung:
,Das ist die Einrichtung der Natur, und nur ein Tor oder ein Bösewicht
kann es wagen, daran etwas ändern zu wollen!* Mit den nämlichen
Worten und dem nämlichen Bilde von der Sonne hatte er etwa
10 Monate zuvor auch Wilhelmine apostrophiert, dazu noch bei-
fügend: „Aber das lässt sich nicht erlernen." Und wenn er voraus-
schickt: „Keine Tugend ist doch weiblicher, als Sorge für das Wohl
anderer und nichts dagegen macht das Weib hässlicher und gleichsam
der Katze ähnlicher als der schmutzige Eigennutz, das gierige Ein-
heischen für den eignen Genuss**, so haben wir in diesen vorstehenden
Schilderungen zweifellos seine Mutter zu erkennen, die er in der Braut
von den Toten sich wiedererstanden wünscht. Drum wirkt ja auch
die mütterliche Uneigennützigkeit Brockes so mächtig auf ihn, drum
muss er W i 1 h e 1 m i n e , die naturgemäß nicht ganz der Urheberin seinei
Tage glich, sich erst nach seinem Ideale formen, soll er ein höchstes
Glück geniessen.
Allein auch die Mutter war noch nicht das absolute Ideal gewesen,
schon deswegen nicht, weil sie nicht ausschliesslich ihrem Heinz gehörte,
sondern auch dem Vater und den anderen Kindern. Wir wissen, dass
jedes neurotische Kind — und Heinrich von Kleist war fraglos
ein solches — nicht genug an Liebe empfangen kann. Es ist aus-
nehmend eifersüchtig auf alle Geschwister, ja den eignen Vater. Wenn,
wie man alle Tage sieht, ein liebender Bräutigam eifersüchtig wird aut
jedermann, selbst die nächsten Verwandten, so liegt die Übertragung
von der Mutter auf die Braut ganz offen zutage, sowie die ursprüngliche
Eifersucht auf jene. Unser Dichter jedoch heischt nach Btilows
Bericht „zuletzt von der Braut, dass sie nichts freuen solle, als was
sich auf ihn bezog und es verging selten ein Tag, an dem er nicht
über Mangel an Liebe gegen sie zu klagen hatte. Wiewohl er Haus
an Haus mit ihr wohnt und sie täglich sah, schrieb er ihr beinahe
täglich die leidenschaftlichsten Briefe.* Die Liebe der Mutter wie später
Wilhelminens ganz allein auf seine Person zu lenken, mit Ausschluss
der andern, war ihm höchstes Ziel; in diesem Punkt hatten beide seinem
ersehnten Ideal nicht völlig entsprochen. Ja, mich dünkt, wenn Kleist
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Heinrich von Kleist. 35
^us der Enabenlektüre vornehmlich den Wielandschen Satz behält,
dass ^Vervollkommnung der Zweck der Schöpfung" wäre, so denkt er
wohl einerseits an das eigene Ich und dessen Erniedrigung durch die
Masturbation, des weitem jedoch und vielleicht hauptsächlich an die
eigene Mutter, die er nach seinem Sinn vervollkommnen möchte, wie
später die Braut.
Und der nämliche Jüngling, der sich mit Händen und Füssen
sträubt, in der Heimat Amt und Würden zu nehmen, nennt immer
wieder als Zukunftshoffnung: , Freiheit, ein eigenes Haus und ein Weib",
wozu sich erst später als nähere Bestimmung „ein grünes Häuschen'*,
als Neuergänzung „ein Kind" gesellt, „ein schön Gedicht und eine
grosse Tat**. Die „Freiheit** steht da sonderbarerweise an erster SteUe.
Er denkt an eine Hütte in einem freundlichen Tal und einzig an das
häusliche Glück, fern von jeder staatlichen und Gesellschaftsverpflichtung.
Es verschlägt ihm nichts, auf alle Geburts Vorrechte zu verzichten und
ein ganz simpler Bauer [zu werden, natürlich in einem freien Lande,
wie etwa der Schweiz, wo er sich lange Zeit und wiederholt mit dem
Ankauf eines Gütchens trägt. So schreibt er z. B. an seine Schwester:
„Ich bin nun einmal so verliebt in den Gedanken, ein Feld zu bauen,
dass es wohl wird geschehen müssen! Betrachte mein Herz wie einen
Kranken, diesen Wunsch wie eine kleine Lüsternheit, die man,
wenn sie unschädlich ist, immerhin gewähren kann." Und gleich darauf
wieder: „Wenn Du mir eine Wohltat erzeigen willst, die mir mehr
als das Leben retten kann, so lege mir zu meinem übrig gebliebenen
Kapital so viel hinzu, dass ich das Gut bezahlen kann. Das schicke
mir dann so bald als möglich.** Ja, noch mehr, dass die Braut auf
seinen Herzenswunsch nicht eingeht, die preussisch-altadlige Generals-
tochter sich nicht stracks zur Bäuerin metamorphosiert, führt unmittel-
bar den Bruch herbei, wenn natürlich auch die letzten Gründe weit
tiefer liegen. Zuerst versucht er noch, Wilhelmine in ihrem Wider-
stand zu erschüttern, wobei er sofort recht sonderbar scharfe Töne
anschlägt: „Liebe Freundin, ich möchte nicht gern an Deiner Liebe
zweifeln müssen, und noch wankt mein Glaube nicht.* Aber dass sie
auf seine Pläne nicht eingeht, ist ihm fast Beweis, „dass sie ihn weniger
innig liebe, als er es notwendig bedürfe." Die Antwort auf seinen
Brief solle entscheidend sein, es werde „der Augenblick sein, der über
das Glück der Zukunft entscheide." Und da Wilhelmine mit vieler
Herzlichkeit auf ihn einstürmt, ins Vaterland zurückzukehren und die
Gründe ihrer Weigerung nochmals liebevoll auseinandersetzt, würdigt
er sie nicht einmal einer Antwort, sondern bricht ohne jedes Bedenken
ab. War sie ihm doch niemals andres gewesen als Objekt für seine
Sexualphantasien und augenblicklich wertlos, da sie zu diesem nicht
mehr zu brauchen. Als er jedoch später auf der Aareinsel seinen Traum
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36 J. Sadger:
an der Seite ^Mädelis*" verwirklicht, wenn auch in modifizierter Forn\,
ist dies die glücklichste Zeit seines Lebens.
Warum nun ist Kleist in den Plan so verliebt, ein Bauer zu
werden, an der Seite eines liebenden Weibes zu leben, in der kleinen
Hütte eines lieblichen Tals? Was liegt dieser Phantasie zugrunde?
Hier muss ich zur Deutung etwas heranziehen, was in den Analysen
neurotischer Menschen, aber auch in der Selbstschau gesunder Personen
so ausnehmend häufig wiederkehrt, dass wir es als typische Knaben -
Phantasie ansprechen dürfen. Da jegliches Knaben erste Liebe der
eigenen Mutter oder deren Stellvertreterin gilt, so wird naturgemäß
der Vater zum geföhrlichsten Nebenbuhler, dem man die Geliebte um
jeden Preis entziehen möchte. Bedenkt man jedoch, wie allmächtig
dem Kind der Vater erscheint, dann gibt es hiefiir nur eine Möglichkeit :
weit in die Welt mit der Mutter zu fliehen und in tiefster Verborgenheit
ihr zu leben. Darum die weltverlorene Hütte in fernem Lande, der
Verzicht auf den Adel, den man ja obendrein vom Vater erbte, imd
der Wunsch, unbeachtet Bauer zu werden ^). Höchstens noch bilden
darf er die Geliebte, so wie er es einst von der Mutter gelernt, mit der
er sich alsdann in diesem Punkte identifiziert.
Wir finden für solche Konjekturen eine wichtige Bestätigung in
Kleistens Werken. So sehr ich im allgemeinen perhorresziere, aus
Dichtungen auf biographisches viel zu schliessen, weil die Rolle der
Vorlagen, der bewussten und unbewussten Entstellung, sowie endlich
auch noch der unbekannten Reminiszenzen an Lebensumstände nie
mit Sicherheit abzugrenzen ist, so tritt uns bei Kleist doch eine solche
Fülle bedeutsamer Indizien entgegen, dass sie schlechterdings nicht zu
übersehen sind. Wie auffallig ist es beispielsweise, dass der oft geradezu
prüde Poet, den «der geringste Verstoss gegen die Sittlichkeit ausser
Fassung bringen konnte", mit Vorliebe „anstössige* Themen behandelt,
die er freilich mit äusserster Zartheit vorträgt. Und diese selbst, wie
durchsichtig werden sie in obiger Deutung! Z. B. „Die Marquise von 0.'.
die in einer Ohnmacht vergewaltigt wird von einem, der sie liebt, vor
dem eindringenden Feinde beschützt und hinterdrein durchaus i-asch
heiraten will. Jupiter weiters, der von seinem himmlischen Throne
herabsteigt, Alkmenen in Gestalt ihres Gatten Amphitryon beizuwohnen,
natürlich gotthaft verschönt und verklärt. Ist er ein anderer als der
Dichter selber, der sich als junger, idealer Gott an Stelle des alternden
Vaters setzt? Im „Zerbrochenen Krug* dringt in das Zimmer der
Geliebten gewaltsam der Richter - ein typisches Symbol für den eigenen
*) Besonders legt er Wilhelmine — wieder sehr bezeichnend — Ver-
schwiegenheit gegen den Vater ans Herz. Vermutlich ist aber der Wunsch, just ein
Bauer zu werden, ausser der im Text gegebenen Deutung noch spezifischer bestinunt
fvergl. hierzu auch die letzte Anmerkung), nur fehlt uns jeglicher Anhaltspunkt wie.
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Heinrich von Kleist. 37
Erzeuger, der ja auch tatsächlich dem Kinde der erste Richter ist —
und wird von dem rechtmässigen Liebhaber verjagt. Im , Prinzen von
Homburg* bestimmt der König, hinter dem wieder regelmäßig in
Träumen und Sexualphantasien der Vater steckt, den Prinzen zum Tode,
während im „Käthchen* das ideale Weib, die ideale Mutter Verkörperung
findet. Die politischen Dramen, Aufsätze und Gedichte erhalten endlich,
wie ich des späteren austtlhren werde, durch die Feindschaft gegen
Napoleon- Vater typische Bedeutung.
Man wende mir nicht ein, der Dichter habe sich einfach an seine
Vorlagen gehalten. Schon die Wahl des Stoffes verrät die Absicht,
so diese auch häufig unbewusst bleibt. Was zwang unsern Dichter
beispielsweise, wenn er schon durchaus übersetzen wollte, zum Amphitryon
des Moliere zu greifen und ihn dann obendrein in so bezeichnender
Weise zu ändern? Ganz unähnlich dem französischen Vorbild wird
Jupiter hier zum Fürsprecher Kleists bei der Gattin-Mutter:
„Was ich Dir fühle, teuerste Alkmene,
Das überflügelt, sieh, um Sonnenfeme,
Was ein Gemahl Dir schuldig ist. Entwöhne,
Geliebte, von dem Gatten Dich,
Und unterscheide zwischen mir und ihm.
Sie schmerzt mich, diese schmähliche Verwechslung,
Und der Gedanke ist mir unerträglich,
Dass Du den Laffen bloss empfangen hast.
Der kalt ein Recht auf Dich zu haben wähnt.
Ich möchte Dir, mein süsses Licht,
Dies Wesen eigener Art erschienen sein.
Besieger Dein, weil über Dich zu siegen
Die Kunst die grossen Götter mich gelehrt."
In Wahrheit wählte auch Kleist wie jeder andere Poet die meisten
seiner Stoffe nach den Wünschen seines Unbewussten, wo ganz besonders
der Mutter-Komplex nach dichterischer Darstellung drängt.
Dies ewig-unsterbliche Verhältnis zur Mutter oder irgendeiner
späteren Stellvertreterin bestimmt auch seinen masslosen Ehrgeiz, der
von Seiten der Belastung die zweite Haupttriebfeder bekommt. Wer
seine Mutter erobern will und den mächtigen Vater aus dem Sattel
heben, der kann dies nur durch ragende Tat, der muss dem alten,
ruhmreichen Geschlecht erst neuen und unerhörten Ruhm gewinnen.
„So wenig ich davon gesprochen habe", schreibt Kleist noch kurz
vor seinem Selbstmord nach den Vorwürfen der Schwestern, ,so gewiss
ist es, dass einer meiner herzlichsten und innigsten Wünsche war, ihnen
einmal durch meine Arbeiten und Werke recht viel Freude und Ehre
zu machen." „Aber der Gedanke, das Verdienst, das ich doch zuletzt,
es sei nun gross oder klein, habe, gar nicht anerkannt zu sehen und
mich von ihnen als ein ganz nichtsnutziges Glied der menschlichen
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38 J. Sadger:
Gesellschaft, das keiner Teilnahme mehr wert sei, betrachtet zu sehen-,
das hat ihn sicher unter anderem mit in den Tod getrieben. Die
wichtigste Stellvertreterin der Mutter war Ulrike, welche andrerseits
wieder durch ihr männliches Gehaben den Übergang bot zu Kleistens
homosexuellen Freundschaften. „Nie denke ich anders an Dich, als mit
Stolz und Freude", schrieb er noch als Bräutigam, „denn Du bist die
Einzige oder überhaupt der einzige Mensch, von dem ich sagen kann,
dass er mich ganz ohne ein eigenes Interesse, ganz ohne eigene Ab-
sichten, kurz, dass er nur mich selbst liebt**. „Ich fühle, dass Du
mir die Freundin bist, Du Einzige auf der Welt*, heisst es dann auf
der Höhe seines Könnens. Ein andermal wieder: „Ich weiss wohl,
dass man keiner anderen Schwester so etwas zumuten könnte; doch
gerade, weil Du es bist, so tue ich es.** Und endlich im Kriegsjahr
1S09: „Wir mögen uns wiedersehen oder nicht, Dein Name wird das
letzte Wort sein, das über meine Lippen geht, und mein erster Gedanke
(wenn es erlaubt ist), von jenseits wieder zu Dir zurückzukehren/* Wie
sehr ihm Ulrike die Mutter ersetzt, zeigt sich besonders, wenn der
Dichter krank oder unglückhch ist. Als auf ihr Betreiben der Befehl
zur Freilassung aus der französischen Gefangenschaft kommt, da schreibt
er voll Freude: „Ich küsse Dir die Stirn und die Hand**, also wie einer
Mutter. Desgleichen in der Krankheit: „Wie gern möcht' ich, dass
Du an meinem Bette sässest und dass ich Deine Hand hielte ; ich fühle
mich schon gestärkt, wenn ich an Dich denke.** Endlich auf ihren
Trostbrief: „Liebe, Verehrung und Treue wallten wieder so lebhaft in
mir auf, wie in den gefühltesten Augenblicken meines Lebens. Es
liegt eine unsägliche Lust für mich darin, mir Unrecht
von Dir vergeben zu lassen.*' Man hört aus diesen Worten ganz
deutlich das um Verzeihung bittende Kind und die Herzensseligkeit
nach der Vergebung. Endlich ist es auch einer der heissesten Wünsche
unseres Dichters, auf welchen er immer wieder zurückkommt, mit seiner
Schwester zusammen zu leben oder sie doch mindestens dauernd in seiner
Nähe zu haben. Ja, er meint geradezu : „Wenn sich mein Leben würdig
beschliessen soll, so muss es doch in Deinen Armen sein.**
So sehr ihn Ulrike vielfach an die Mutter gemahnte, gab's doch
verschiedentlich Augenblicke, wo sie ihm zuviel Persönlichkeit war, zu
wenig selbstlos und ihm zuliebe auf alles verzichtend. So besonders
auf der Pariser Reise, von der er unmutig an Wilhelmine schreibt:
„Du glaubst nicht, wie ihr lustiges, zu allem Abenteuerlichen auf-
gewecktes Wesen gegen mein Bedürfnis absticht. Ich ehre Ulrike
ganz unbeschreiblich, sie trägt in ihrer Seele alles, was achtungswürdig
und bewunderungswert ist, vieles mag sie besitzen, vieles geben können,
aber es lässt sich, wie Goethe sagt, nicht an ihrem Busen ruhn."
Allerdings ist kaum die Trennung erfolgt, so bereut er schon heftig:
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Heinrich von Kleist. 39
„Hab^ ich jemals Gewissensbisse gefühlt, so ist es bei der Brinnerung
an mein Betragen gegen Dich auf unserer Reise. Ich werde nicht auf-
hören, Dich um Verzeihung zu bitten, und wenn Du in der Sterbestunde
bei mir bist, so will ich es noch tun/^ Doch nachdem Ulrike fast
ihr ganzes Vermögen dem Bruder geopfert, findet dieser noch immer,
was er dann freilich in seinem Abschiedsbriefe zurücknimmt: .,Sie hat,
dünkt mich, die Kunst nicht verstanden, sich aufzuopfern, ganz für das,
was man liebt, in Ghrund und Boden zu gehen: das Seligste, was
sich auf Erden erdenken lässt, ja worin der Himmel be-
stehen muss, wenn es wahr ist, dass man darin vergnügt
und glücklich ist/' Sie war ihm doch nicht ganz Mutter gewesen!
IV.
Ein einziges Mal hat unser Dichter ein volles Reiseglück gefunden,
u. z. bezeichnend in Brockes Gesellschaft, der wirklich ganz mütter-
liche Selbstlosigkeit war. Ist, wie ich im ersten Kapitel ausführte, auch
der Reisedrang einmal Ausdruck des Assoziationswiderwillens, so hat
er wie alles psychische Geschehen doch auch noch andere wichtige
Wurzeln. Deren bedeutsamste dünkt mich die psychosexuelle zu sein.
Auffalliger weise hat Kleist gar nie eine Reise allein antreten mögen.
Stets sucht er dazu einen zweiten Gefährten, u. z. einen Mann, aus-
genommen einzig die Pariser Reise, die er dann freilich wider Wunsch
Uni auch ohne Genuss, nur einem alten Versprechen gemäss, mit seiner
Schwester zusammen machte. Und, was noch merkwürdiger, trotzdem
er ausschliesslich mit Freunden reist, in die er entweder schon von früher
homosexuell verliebt war, oder wenigstens sich zu verlieben anschickte,
so ist das Ende fast immer ein gewaltsamer Bruch und Flucht unseres
Dichtere, gewöhnlich mit direkter Sterbenssehnsucht. Wiederholt auch
macht er dem Freund einen Antrag, gemeinsam in den Tod zu gehn.
Woher dies seltsame Verhalten? Ich habe schon oben als Wunsch-
phantasie des Knaben genannt, mit der Mutter vor seinem Vater zu
fliehen. Der gemeinsamen Flucht, seinem alten Knabentraum sucht er
dann später stets neue Erfüllung, wobei sehr durchsichtig hinter dem
jeweils geliebten Mann die Mutter sich birgt. Doch gelingt die not-
wendige Identifikation nur ein einzig Mal voll, just eben bei Brockes,
während in sämtlichen späteren Fällen der Freund sich nie selbstlos
genug erweist. Dies führt dann regelmässig zum grossen Zwist und
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40 J. Sadger:
weitera zum Wunsch, allem Jammer durch den Tod ein Ende zu
machen. Was aber das gemeinsame Sterben bedeutet, das werde ich
späterhin näher ausfähren.
Ein bezeichnend Detail. Kleist mochte noch so unglücklich
sein, sowie er mit einem geliebten Freunde nur reisen darf, fühlt er
ein Himmelsglück in sich einziehn und schreibt an diesen so glühende
Briefe, wie niemals zuvor an seine Braut. Nehmen wir z. B. die
Schweizer Reise mit Heinrich Lohse. Kleist war im November 1801
mit Ulrike von Paris aufgebrochen. Am 2. Dezember machte er den
letzten schriftlichen Versuch, W i 1 h e 1 m i n e zu seinem Ideal zu bekehren,
wobei im Postskriptum einige charakteristische Worte mit unterlaufen.
Der ^goldenen Schwester^* lässt er nämlich entbieten, „dass, wenn ihm
keine Jugendfreundin zur Gattin würde, er nie eine besitzen würde",
ohne doch freilich bewusst zu erkennen, dass diese „Jugendfreundin"
keine andere wäre, als seine Mutter. Auch regt sich dort schon die
Übertragung auf den Mann. Er bedauert in der nämlichen Nachschrift,
dass ihn sein — Diener im Stiche lasse. „Wäre er mir nur halb so
gut gewesen, als ich ihm, er wäre bei mir geblieben. — Gibt es denn
nirgends Treue ?"^) In Frankfurt trennt sich der Dichter von Ulrike,
um mit Heinrich Lohse weiter zu reisen. Doch kommt es mit diesem
gar bald zum Zwist, infolge dessen Lohse verschwindet, lange von
Kleist vergeblich gesucht und, endlich gefunden, mühsam beschwichtigt
wird. Freilich bloss für eine kurze Zeit. Denn schon in Liestal kommt
es zu einem neuerlichen Auftritt und damit zur definitiven Trennung.
Lohse reist ab; Kleist aber, der sich von jener Szene „krankhaft
ermattet fühlt am Leibe und an der Seele", schreibt an den Geliebten
pathetische Worte: „Ich will Abschied von Dir nehmen auf ewig und
dabei fühle ich mich so friedliebend, so liebreich, wie in der Nähe
einer Todesstunde. Ich bitte um Deine Verzeihung! Ich w#iss,
dass eine Schuld auch auf meiner Seele haftet, keine hässliche zwar,
aber doch eine, diese, dass ich Dein Gutes nicht nach seiner Würde
ehrte, weil es nicht das Beste war. 0, verzeihe mir! Es ist mein
töricht überspanntes Gemüt, das sich nie an dem, was ist,
sondern nur an dem, was nicht ist, erfreuen kann. Ich
verzeihe Dir alles, o alles. Ich weiss jetzt nicht einmal, ja, kaum weiss
ich noch, was mich gestern so heftig gegen Dich erzürnt hat. . . Und
ich sollte Dich nicht lieben ? Ach, wie ^arst Du jemals einen Menschen
überzeugen können, dass ich Dich nicht liebte; Du hast wohl selten
daran gedacht, was ich schon für Dich getan habe ? Und es war doch
') Vergl. hierzu die merkwürdige Briefstelle aus Eleistens 16. Lebensjahre,
da er königlich preussischer Fähnrich war. ,,Kigentlich nnuss ich mit dem
Burschen zusammenschlafen, und dies geschähe auch recht gern, denn wenn der
Mensch reinlich ist, so ist dies gar nicht sonderbar."
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Heinrich von Kleist. 41
soviel, soviel, ich hätte für meinen Bruder nicht mehr tun können. . .
Und doch konntest Du von mir scheiden ? So schnell ? So leicht ? . . .
Ich fahle mich jetzt wieder so bitter, so feindselig, so hässlich. - Und
doch hättest Du alle holden Töne aus dem Instnunente locken können,
das Du nun bloss zerrissen hast . . . Und wir sollen uns nicht wieder-
sehen — ? 0, wenn Gott diesmal mein krankhaftes Gefühl nicht be-
trügen wollte, wenn er mich sterben Hesse ! Denn niemals, niemals hier
werde ich glücklich sein, auch nicht, wenn Du wiederkehrst. . . . Wir
waren uns doch in Paris so gut, o, so gut. — Bist Du nicht auch
unsäglich traurig? Ach höre, willst Du mich nicht noch einmal um-
armen ?" Vier Tage später entdeckt der Dichter, maßlos verblüflft, dass
Lohse gar nicht nach Basel geflohen, wie er vermutet, sondern frisch
und gesund in Bern geblieben. Und da geschieht nun etwas merk-
würdiges. In Liestal hatte er dem Freunde sein Gelöbnis erneuert, die
Hälfte von allem zu überschicken, was sein Eigentum sei, also richtig
zu teilen wie zwei Eheleute. Jetzt aber erscheint es ihm „süss, dem
andern wehe zu tun''. „Gott weiss, ich habe jetzt einen innerlichen
Widerwillen vor Dir und könnte Dich niemals wieder herzlich umarmen.
Ich nehme also das Obengesagte zurück.'' Doch schon am nächsten
Tag ist er versöhnlicher und schickte an Lohse sein Eigentum zurück,
doch ohne den Brief. Und als er ihn gar am Morgen darauf unter
den Arkaden begegnet, ist alles vergessen und es wird ihm zumute, wie
in ihrer besten Liebeszeit. „Aber das war doch wohl nur bloss ein
vorübergehendes Gefühl." Sie passten nun einmal nicht zu einander.
„Komm noch einmal zu mir, wir wollen ohne Groll scheiden,"
Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass diesen ewigen
Auftritten und Zwisten, die Kleist auch bei anderen Freunden wieder-
holt, das Verhältnis der Eltern zu einander als Vorbild gedient hat.
Dass der Dichter etwa die Mutter spielte, während sein jeweils geliebter
Freund den Part des Vaters ohne sein Wissen durchführen muss. Ist
solches in Ehen hysterischer Frauen doch überaus häufig, was dann
die Kinder oft geradezu zwangsmääig nachahmen müssen. Vielleicht,
dass die Mutter nach solchen Auftritten mit dem Sterben drohte, ein
andermal wieder pathetische Abschiedsbriefe schrieb, dass sie in den
Tod zu gehen willens oder mindest sich dauernd lossagen wolle. Die
Erkenntnis jedoch, dass Lohse die Sache gar nicht tragisch nahm,
sondern lustig und vergnügt seinen Geschäften nachging, genügte zu
einer dauernden Entfremdung.
Ich sagte oben, auch Kleistens Ehrgeiz sei zum Teil psychosexuell
begründet. Es galt ja, die Mutter dem Rivalen vom Vater abzugewinnen
durch eine unerhörte Tat. Drum verbannt sich der Dichter selber in
die Schweiz und erklärt, den Seinen nicht eher unter Augen treten zu
wollen, als bis er den Ruhmeslorbeer gepflückt. In der Einsamkeit
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42 J. Sadger:
aber wuchs dieser Ehrgeiz vollends zu krankhafter Höhe heran, und
da die Braut den Dichter beschwor, in seine Heimat zurückzukehren,
erfolgt der Bescheid: ^Ihr Weiber versteht in der Regel ein Wort in
der deutschen Sprache nicht, (s heisst Ehrgeiz. Es ist nur ein einziger
Fall, in welchem ich zurückkehre, wenn ich der Erwartung der Menschen,
die ich törichter Weise durch eine Menge von prahlerischen Schritten
gereizt habe, entsprechen kann. Kurz, kann ich nicht mit Ruhm im
Vaterlande erscheinen, geschieht es nie. Das ist entschieden, wie die
Natur meiner Seele.** Der Rückschlag blieb nicht aus. Noch im Juni
1802 bricht Kleist an uns unbekannte^ Krankheit zusammen, angeblich
infolge Gemütserschütterungen und der geistigen Überanstrengung zu-
vor. Doch erst nach 2 Monaten wendet er sich an seinen Schwager,
er solle ihm den Rest der Erbschaft beheben, da seine Mittel aufgezehrt
seien. Auf diese Nachricht eilt Schwester Ulrike alsbald zu ihm, ihn
pflegend, bis er genesen war. Mir drängt sich die Vermutung auf, dass
bei dieser mysteriösen Erkrankung auch ein psychisches Moment zu-
mindest sehr stark im Spiele war, die Möglichkeit nämlich, durch
schwere Erkrankung die geliebte Schwester an sein Lager zu zwingen,
ohne dass er dabei sich etwas vergäbe. Solche Motive und ähnliches
Vorgehen finden wir regelmäßig bei hysterischen Personen, wobei ganz
gut geringe organische Aflfektionen mitbestehen können. Vielleicht war
auch überhaupt die ganze Krankheit nur Hysterie, wofür auch die an-
gegebene Ätiologie und der Mangel vermeldeter Organsymptome zu
sprechen scheinen.
Doch der Ehrgeiz des Dichters sollte auch von homosexueller
Seite Nahrung erfahren, was nach den Analysen auf den Vater zurück-
geht, der ja die erste, primäre Verkörperung aller gleichgeschlechtlichen
Liebe ist. Aus der Schweiz zurückkehrend, sucht Kleist den alten
Wieland auf, der, als ihm jener aus dem „Robert Guiskard" einige
Szenen vortrug, darüber in herzlichste Bewunderung ausbrach. Das er-
griff den heftig erregten Kleist so gewaltig, dass ihm vor Freude die
Sprache verging ^) ; er stürzte zu W iel an ds Füssen nieder, seine Hände
^) Oben erkannten wir in Kleists Onanie einen mächtigen Grund, waram
er sich niemals aussprechen konnte. Das Schuldgefühl gegenüber dem Vater tritt
uns hier als zweites Motiv entgegen. Da beide Triebfedern dem Dichter völlig un-
bewusst bleiben, gibt er der Schwester als Grund seiner mangelnden Offenheit an,
^dass es uns an einem Mittel zur Mitteilung fehle". Die Sprache tauge nichts da-
zu, „sie kann die Seele nicht malen, und was sie uns gibt, sind nur zerrissene
Bruchstücke. Daher habe ich jedesmal eine Empfindung wie ein Grauen,
wenn ich jemandem mein Innerstes aufdecken soll; nicht eben weil es
sich vor der Blosse scheut aber weil ich ihm nicht alles zeigen kann, nicht kann
und daher fürchten muss, aus den Bruchstücken falsch vei standen zu werden . .
Ach. der Mensch hat von Natur keinen anderen Vertrauten als sich selbst*. Auf
die nämlichen Empfindungen gegen seinen Vater, Liebe. Gehorsam und eifersüchtigen
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Heinrich von Kleist. 43
mit heissen Küssen überströmend. Mich dünkt diese mächtige Reaktion
Wiederholung einer Einderszene, da der schwer belastete Knabe Kleist
seinem Vater ebenso stürmisch dankte. Bald nachher spielt eine ähn-
liche Szene mit Professor Hindenburg, dem Mathematiker, wie mir
sehr wahrscheinlich, von analoger Genesis oder auch vielleicht auf die
Mutter zurückgehend. Als jener ihm nämlich Vorwürfe machte, dass
er in Paris nicht Mathematik studierte, und ihn traurig anblickte, „fiel
ihm der Dichter um den Hals und herzte und küsste ihn solange, bis
er lachend mit ihm übereinkam, der Mensch müsse das Talent anbauen,
das er in sich vorherrschend fühle •*. Und sogleich kommt Kleist der
weitere Gedanke, ob er nicht auch mit den anderen Professoren so
fertig werden könnte. Zweifellos hat diese Art des Gutmachens in-
fantilen Charakter.
Es wird vielleicht manchen bass verwundern, mich die Behauptung
aufstellen zu hören, Kleist sei in jenen homosexuell verliebt gewesen,
den er nach dem früheren als Nebenbuhler so grimmig hasste. Ganz
abgesehen davon, dass Hass und Liebe nur die beiden Seiten einer und
derselben Medaille sind, der Hass oft nur zurückgewiesener Liebe ent-
springt, so haben sie selbst aus verschiedenen Wurzeln doch sehr gut
nebeneinander Platz, zumal in der Seele eines Kindes. Ein solches kann
den Vater, welchen es homosexuell liebt, daneben aus heterosexuellen
Motiven auch wütend hassen und diese scheinbar inkompatiblen Empfind-
ungen sehr gut vereinen, wenn sie auch gewöhnlich zeitlich auseinander-
fallen. Es scheint überhaupt, dass starke Liebe und starker Hass
isoliert nicht vorkommen, sondern immer zusammengekoppelt sind.
Eine oberflächliche Sympathie und flüchtiges Wohlwollen, die können
freilich ganz rein bestehen, sowie auch eine mäßige Abneigung.
Allein bei mächtigem Herzensempfinden, der Eltern beispielsweise zu
einander, der Kinder zu diesen und vice versa, der Geschwister unter
sich, ist beiderlei Fühlen ganz unauflöslich aneinander geschmiedet.
Allerdings tritt immer nur eine Empfindung stärker in den Vordergrund,
während gleichzeitig die entgegengesetzte gewaltsam unterdrückt und
zur Verstärkung der andeni benützt wird. Wer z. B. sehr intensiv
liebt, hat sicher den Hass in sich unterjocht. Bei passender Gelegen-
heit aber kann dieses unterdrückte Empfinden mächtig hervortreten und
seinerseits wieder das gegenstehende niederzwingen. Das erklärt den
sonst unverständlichen jähen Wechsel von heftiger Liebe und mächtigem
Widerspruch geht auch des Dichters Unfähigkeit zurück, seinem Vorgesetzten irgend
Nein ! zu sagen, sowie er es jenem auch nicht gekonnt, der ihm von Natur der aller-
erste Vorgesetzte war. Hinterdrein fireilich ärgert er sich doppelt und ver-
schliesst sich in Trotz, „es folge daraus, was da wolle'*. Doch fügt er gleich be-
sorgt hinzu: „Ich muss fürchten, dass auch dieses miss verstau den wird, weil ich
wieder nicht alles sagen konnte".
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44 J. Sadger:
Hass zwischen Menschen, die einander so nahe stehen. Bei Kleist
hat es sicher auch eine Lebensepoche gegeben, da er dem Vater ge-
waltig anhing. Der Hass war damals eben unterdrückt, wie später die
Liebe. Mit der wachsenden Neigung zur Mutter jedoch und damit der
Rivalität zum Erzeuger bricht immer stärker der Hass hervor, die ur-
sprüngliche Liebe stets mehr unterjochend. Dies Verhalten hindert
natürlich nicht, dass gelegentlich, auch die homosexuelle Neigung zum
Durchbruch gelangt, wie in der Übertragung auf Wieland z. B. und
Hindenburg. In der reifsten Epoche seines Lebens jedoch wird der
Dichter vom Hass gegen seinen Vater beseelt und beherrscht, was
zumal in aller politischen Betätigung deutlich nachweisbar.
Bei Wieland also trat Kleistens Ehrgeiz, d. h. der Wunsch, es
seinem Erzeuger zuvor zu tun, gar mächtig in Erscheinung. „Ihm schwebte
das Ideal eines Trauerspiels vor, das über Goethe wie über Schiller
hinausflog und nach dessen Bewältigung er mit verzweifelter Inbnmst
rang*". „Er hat es seinem Freunde Pfuel oft gesagt*, berichtet
Wilbrandt nach mündlicher Mitteilung, „dass es nur das eine Ziel
fllr ihn gebe, der grösste Dichter seiner Nation zu werden; und auch
Goethe sollte ihn daran nicht hindern. Keiner hat Goethe leiden-
schaftlicher bewundert, aber auch keiner ihn so wie Kleist beneidet
und sein Glück und seinen Vorrang gehasst. Dem Freunde gestand er
in wild erregten Stunden, wie er es meinte: ,Ich werde ihm den Kranz
von der Stime reissenS war der Refrain seiner Selbstbekenntnisse wie
seiner Träume**. Wir dürfen wohl ohne Bedenken annehmen, dass
Goethe und Vater, die beiden Menschen, so er am leidenschaftlichsten
bewundert und hasst, hier in eine Person zusammenfliessen. So wenig
wie jener im deutschen Dichttum, soll dieser bei der Mutter als erster
dastehn. „Ich werde ihm den Kranz von der Stirne reissen!" - das
nur erklärt uns Kleistens ungeheuerliches Ringen, sowie den völligen
Zusammenbruch.
Dem forschenden Wieland hatte er, wenn auch zögernd ent-
deckt, er arbeite an einem Trauerspiele. Doch schwebe ein so hohes
und vollkommenes Ideal seinem Geiste vor, dass ihm noch immer un-
möglich gewesen, es zu Papier zu bringen. Zwar seien schon nach und
nach viele Szenen aufgeschrieben worden, allein er vernichte sie immer
wieder, weil er es sich selbst nicht zu Dank machen könne. Dies Ringen
um eine unmögliche Leistung, ein absolut vollkommenes Ideal, das alles
Bisherige in Schatten stelle, ist fast pathognostisch. Wir wissen aus
tausendfältiger Erfahrung, dass die Sexualbetätigung jegliches Menschen
vorbildlich wird für seine ganze fürdere Entwicklung. Wer sich das
Weib seines Herzens erstürmt, wem als Lohn ein hohes Sexualobjekt
winkt, das er in mächtigem Ringen erobert, der wird sich auch sonst
im Leben durchsetzen. Wen aber kein solcher Wunsch beseelt, wer
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Heinrich von Kleist. 45
vielleicht in blosser Masturbation Befriedigung findet mit Verzicht auf
jedes zu erkämpfende Objekt, der bleibt sein Leblang ein Traumich-
nicht und stets ernergielos ^). Nicht sehr viel besser ergeht es jenem,
der sich ein Weib zum Ziele gesetzt, das schlechterdings unerreichbar
bleibt : die eigene Mutter oder auch die Schwester. Wie er da in nutz-
losem Kampfe sich aufreibt, so auch im Leben, Wirken und Tun. Und
Kleist, der die Mutter nicht erobern kann, vermag sich auch niemals
zu Danke zu dichten. Am Ende verbrennt er noch jedes Fragment
seiner „unerhörten Tat**, es schliesslich in heller Verzweiflung aufgebend,
den Vater jemals besiegen zu können.
Zu Anfang freilich war er noch froher Hoffnung gewesen. Hatte
doch Wieland ihn aufgerichtet: „Wenn die Geister des Äschylus,
Sophokles und Shakespeares sich vereinigten, eine Tragödie zu schreiben,
sie würde das sein, was Kleists Tod Guiskard des Normannen, sofern
das Ganze demjenigen entspräche, was er ihn damals hören liess**.
Und an die Schwester schreibt der Poet: „Mein liebes Ulrikchen, der
Anfang meines Gedichtes, das der Welt Deine Liebe zu mir erklären
soll, erregt die Bewunderung aller Menschen, denen ich es mitteile.
Jesus! Wenn ich es doch vollenden könnte! Diesen einz'gen Wunsch
soll mir der Himmel erfüllen; und dann mag er tun, was er will*.
Schon sieht er den Augenblick, wo sich sein „Schicksal endlich, un-
ausbleiblich und wahrscheinlich glücklich entscheiden wird**. Ja, er
ist fast entschlossen: „Ich setze meinen Fuss nicht aus diesem Orte,
wenn es nicht auf den Weg nach Frankfurt sein kann''. Bald aber
konunen wieder Stunden des Zweifels. Zunächst fand Kleist bei
Wielands Tochter „mehr Liebe, als recht ist und musste über kurz
oder lang wieder fort." Wie hätte er mit dieser sich begnügen können,
da ihm das weit hehrere Ziel vorschwebte, die Mutter zu erringen, deren
Stelle höchstens Ulrike einzunehmen vermochte. Sie sehnt er her-
bei, da er, aus Wielands Hause fliehend, in einem Wirtshaus sich
einquartiert, ihr schreibt er bänglich: „Und Dich begleitet auf allen
Schritten Freude auf meinen nächsten Brief! Du Vortreffliche ! Und
o Du Unglückliche! Wann werde ich den Brief schreiben, der Dir so
viele Freude macht, als ich Dir schuldig bin?" Er nimmt sogar Unter-
richt in der Deklamation, seinen „Guiskard* besser vortragen zu können.
Dann packt ihn wieder die Sehnsucht nach den Seinen: „Wenn Ihr
mich in Ruhe ein paar Monate bei Euch arbeiten lassen wolltet, ohne
mich mit Angst, was aus mir werden werde, rasend zu machen, so
würde ich — ja, ich würde! . . . Aber ich muss Zeit haben, Zeit muss
ich haben. — Ihr Erinnyen mit Eurer Liebe! . . . Ein einziges Wort
* 1) Von dieser Kegel gibt es nur einzelne seltene Ausnahmen, auf angeborener
Energie beruhend.
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46 J. Sadger:
von Euch und ehe Ihr's Euch verseht, wälze ich mich vor Freude in
der Mittelstube. Adieu! Adieu! Adieu! Du meine Allerteuerste!*
Doch gleichwohl überwand er sich nicht, den Seinen unter die
Augen zu treten, ehe er „den Kranz der Unsterblichkeit gepflückt*.
Lieber ging er nach Dresden, wo Ernst von Pfuel als heissgeliebter
Mann in sein Leben eingreift. Aus dessen Munde weiss man, wie stark
der Dichter sich damals von Launen beherrschen liess. Pfuel musste
bald spornen, bald wieder mäfsigen. Besonders aber hatte er zu manchen
Zeiten gegen des Freundes Überhebung zu streiten, seinen Ehrgeiz zu
dämpfen, überspannten Hochmut ihm vorzuwerfen. Dann wieder kam
über Kleist der andere Dämon der Verzweiflung und der Trieb, dieser
ganzen Erbärmlichkeit ein rasches Ende zu bereiten. Wiederholt trug
er Pfuel gemeinsam zu sterben an, „und, wie von einer fixen Idee
gepackt, kam er immer von neuem darauf zurück". Pfuel glaubt zu-
letzt, dass für den Dichter und seine Tragödie nichts besser sein werde,
als der Wechsel und die Bewegung einer Reise, was jener mit Feuer-
eifer ergriff. Als voUends die Verständigung mit den Verwandten
rascher als er hofft, gelang und von Wieland ein spornender Briet
einlangte: „Nichts ist dem Genius der heiligen Muse, die Sie begeistert,
unmöglich. Sie müssen Ihren Guiskard vollenden, und wenn der ganze
Kaukasus und alles auf Sie drückt!* — tritt er froheren Mutes die
Reise an. Auf dieser gibt's einen herrlichen Tag, und zwar be-
zeichnend, als er mit Werdecks, Pfuel und Lohse, gleich drei ge-
liebten Freunden also, einen Ausflug unternimmt. „Freude habe ich
an diesem Tage so lebhaft empfunden, dass mir diese Erscheinung noch
jetzt, bei dem Kummer, der mir zugleich damals fressend ans Herz
nagte, ganz verwunderungswürdig isf*, schrieb unser Dichter. Vielleicht
wenn er länger die Freunde genossen, oder Pfuel sich selbstloser,
mehr wie Brockes betragen hätte, dass dann der Zusammenbruch auf-
zuschieben oder gar zu vermeiden gewesen wäre. So aber schlug schon
in Genf die Verzweiflung über ihm zusammen. „Der Himmel weiss,
meine teuerste Ulrike (und ich will umkommen, wenn es nicht wört-
lich wahr ist), wie gern ich einen Blutstropfen aus meinem Herzen für
jeden Buchstaben eines Briefes gäbe, der so anfangen könnte: ,mein
Gedicht ist fertigt ich habe nun ein halbtausend hintereinander folgender
Tage, die Nächte der meisten mit eingerechnet, auf den Versuch ge-
setzt, zu so vielen Kränzen noch einen auf unsere Familie herab-
zuringen, jetzt ruft mir unsere heilige Schutzgöttin zu, dass es genug
sei . . . Und so sei es denn genug . . . Töricht wäre es wenigstens,
wenn ich meine Kräfte länger an ein Werk setzen wollte, das, wie
ich mich endlich überzeugen muss, für mich zu schwer ist . . . Ich
kann Dir nicht sagen, wie gross mein Schmerz ist. Ich würde von
Herzen gern hingehen, wo ewig kein Mensch hinkommt. Es hat sich
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Heinrich von Kleist. 47
eine gewisse ungerechte Erbitterung meiner gegen sie bemeistert. Ich
bin jetzt auf dem Wege nach Paris, sehr entschlossen, ohne grosse
Wahl zuzugreifen, wo sich etwas finden wird*. Und trotz dieses
scheinbar völligen Verzichtes dann im Postscriptum : ^Schick mir doch
Wielands Brief**, damit er an diesem sich aufrichten könne. In einem
Winkel seines Herzens also hofite er doch und wollte getröstet und
aufgerichtet werden.
Trotz aller Mitteilungen Pfuels anWilbrandt sind wir über
das Verhalten des erstem in jenen Tagen zu wenig unterrichtet. Gerade
die allerkritischeste Zeit hat der einzige Mitwisser nicht sehr beleuchtet.
Vielleicht mit Absicht. Denn wenn ich das Ganze recht überlege, so
will^s mich bedünken, Pfuel habe an Kleist keine allzu glückliche
Hand bewiesen. Aus dem zu Anfang des 2. Kapitels zitierten Briefe
geht die , wunderliche Gewalt** hervor, die seine Beredsamkeit auf das
Herz des Dichters jederzeit ausübte, dass dieser ihn „wie einen Meister
verehrte* und buchstäblich „über alles liebte", genau wie die Eltern.
Das Aufrichten aber. Trösten und Erheben verstand er nicht wie eine
Mutter, zumindest nicht im entscheidenden Moment. Schon der Brief
an Ulrike beweist unsKleistens verzweifelte Stimmung. „In blinder
Unruhe, wie von der Furie getrieben, durchreist er Frankreich von neuem
in zwei Richtungen*, wobei er in allen Gesprächen mit Pfuel „auf den
Tod als ewigen Refrain zurückkam* und diesen wiederholt zu über-
reden versuchte, gemeinsam mit ihm aus dem Leben zu scheiden. Ein-
mal jedoch nach einem heftigen Streit über Sein und Nichtsein, als
Pfuel sich genötigt sah, ihn mit scharfen Worten zurückzuweisen, so
ganz und gar unähnlich der liebenden Mutter, eilte der Dichter ver-
zweifelnd davon, verbrannte den „Guiskard* und alle Papiere und ent-
floh aus Paris, seinen Untergang suchend. Aus St. Omer vermeldet er
der Schwester: „Was ich Dir schreiben werde, kann Dir vielleicht das
Leben kosten ; aber ich muss, ich muss, ich m u s s es vollbringen. Ich
habe in Paris mein Werk, soweit es fertig war, durchlesen, verworfen
und verbrannt, und nun ist es aus. Der Himmel versagt mir den
Ruhm, das grösste der Güter der Erde; ich werfe ihm, wie ein
eigensinniges Kind, alle übrigen hin. Ich k a n n mich Deiner
Freundschaft nicht würdig zeigen, ich kann ohne diese Freundschaft
doch nicht leben; ich stürze mich in den Tod. Sei ruhig, Du Er-
habene, ich werde den schönen Tod der Schlachten sterben. Ich habe
die Hauptstadt dieses Landes verlassen, ich bin an seine Nordküste ge-
wandert, ich werde französische Kriegsdienste nehmen, das Heer wird
bald nach England hinüber rudern, unser aller Verderben lauert über
den Meeren, ich frohlocke bei der Aussicht auf das unendlich
prächtige Grab. 0, Du Geliebte, Du wirst mein letzter Gedanke
sein*. Ergänzen wir aus späteren Briefen Kleists, dass er damals
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48 J. Sadger:
«unverkennbar Zeichen einer Gemütskrankheit* aufwies, die immer mehr
zunahm, und «bei einer fixen Idee einen gewissen Schmerz im Kopfe
empfand, der, unerträglich heftig steigernd, ihm das Bedürfiiis nach
Zerstörung so dringend machte, dass er zuletzt in die Verwechslung
der Erdachse gewilligt haben würde, ihn los zu werden* ; endlich, dass
er nach jener Einschifiungsgeschichte über Paris nach Mainz die Rück-
reise antrat, wo er schliesslich zusammenbrach und «nahe an 5 Monate
abwechselnd Bett und Zimmer hüten musste*. «Ich bin nicht im
Stande '', schreibt der Dichter rückblickend an eine Freundin, „ver-
nünftigen Menschen einigen Aufschluss über diese seltsame Reise zu
geben. Ich selber habe seit meiner Krankheit die Einsicht in ihre
Motive verloren und b^preife nicht mehr, wie gewisse Dinge auf andere
erfolgen konnten".
Man brächte die Psychiater wohl in arge Verlegenheit, wenn man
von ihnen über jenen Zustand und Kleistens Krankheit eine ganz präzise
Diagnose verlangte. Vielleicht entschiede man sich noch am ehesten
an einen protrahierten hysterischen Anfall oder einen von Dementia
praecox zu glauben, so gegen die letztere nicht Kleistens weitere Ent-
wicklung spräche. Ich glaube, wir handeln um Vieles vernünftiger,
wenn wir von einer Verlegenheitsdiagnose Abstand nehmen und nach
den seelischen Zusammenhängen forschen, die ja doch stets das Wichtigste
bleiben, auch bei Hysterie und Dementia praecox. Da dünkt es mich, ausser
Frage zu stehen, dass an Kleists Verzweiflung nicht nur die erkannte
Unmöglichkeit Schuld trägt, durch seinen „Ouiskard" unerhörten Ruhm,
besonders fttr Schwester und Mutier zu pflücken, sondern ebenso sehr
die arge Lieblosigkeit des verehrten Freundes, der so gar nicht selbstlos
sich aufopfern mochte. Schiffbruch demnach im Hetero- wie im Homo-
sexuellen, in heisser Liebe jeglicher Art. Das ist mehr, als ein Menschen-
herz aushalten kann. Nicht selten gibt's auch bei Hysterie Erregungs-
zustände, die hart an Geisteskrankheit streifen, oder selbst solche sind,
nur mit einer weitaus bessern Prognose. In Kleists damaligen Lebens-
umständen war der psychische Mechanismus genau der gleiche, ein
Überwältigtwerden des Bewussten durch das ünbewusste, wenn wir aiuch
nicht sämtliche Einzelheiten klarlegen können. Weil der Dichter durch
das Benehmen des Freundes an jeder Erfüllung seiner unbewussten
Wünsche verzweifelte, getäuscht sich fühlte in der Liebe zu ihm und
auch unfähig, die Liebe seiner Schwester zu verdienen, drum schien ihm
der Tod noch das einzige Glück. Dass dieser nebenbei auch direkt
erotische Lust bedeutet, werde ich später ausführen können.
Der nämliche Durchbruch des unbewussten, seine volle Über-
wältigung des bewussten Ichs erklärt eine Reihe von Merkwürdigkeiten
in Kleistens Leben. Schon aus der Studentenzeit berichtet Bülow:
„So kindisch ausgelassen er auch sein konnte, war er freilich ebenso
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Heinrich von Kleist. 49
oft still, ernst und zerstreut. Seine ausserordentliche Zerstreutheit ward
seinen Freunden oft ein Gegenstand des Spottes, und er lachte, sobald
er geneckt ward, häufig selbst darüber mit. Er mochte in seine Studien
noch so sehr vertieft sein, sobald sein jüngerer Bruder eine Melodie zu
singen anhub, in der Mitte abbrach, sang Kleist sie ohne Zweifel
weiter. Als er eines Tages aus dem Kollegium kam, wollte er nur
seinen Rock zu Hause wechseln ; zog sich jedoch in Gedanken bis auf
das Hemd aus und war eben im Begriffe zu Bett zu steigen (sexuelle
Phantasie?), als sein Binider dazukam und ihn durch ein lautes Ge-
lächter weckte. Nach einer Mitteilung Fouqu^s hatte ihn derselbe
zuweilen mit vieler Lebendigkeit eine Begebenheit zu erzählen anfangen,
plötzlich mitten darin vei*stummen und still dasitzen sehen, als ob er
allein im Zimmer gewesen wäre. An sein Schweigen erinnert, hatte er
zwar mit über sich selbst gelacht und wieder zu erzählen angefangen,
war aber nicht selten zum andemmale in denselben Fehler verfallen^.
Ähnlich berichtet auch Wieland: »Unter mehreren Sonderhchkeiten,
die an ihm auffallen mussten, war eine seltsame Art der Zerstreuung,
wenn man mit ihm sprach, so dass z. B. ein einziges Wort eine ganze
Reihe von Ideen in seinem Gehirn wie ein Glockenspiel anzuziehen
schien und verursachte, dass er nichts weiter von dem, was man ihm
sagte, hörte und also auch mit der Antwort zurückblieb. Eine andere
Eigenheit und eine noch fatalere, weil sie zuweilen an Verrücktheit zu
grenzen schien, war diese, dass er bei Tische sehr häufig etwas zwischen
den Zähnen mit sich selbst murmelte und dabei das Air eines Menschen
hatte, der sich allein glaubt, oder mit seinen Gedanken an einem anderen
Orte und mit ganz anderm Gegenstande beschäftigt ist. Er musste mir
endlich gestehen, dass er in solchen Augenblicken von Abwesenheit
mit seinem Drama zu schaffen hatte* (dem „Guiskard*^).
Wir vernahmen soeben aus Wielands Munde, dass dieser Durch-
bruch des ünbewussten dem Laien „an Verrücktheit zu grenzen* schien.
Das ist nun tatsächlich ganz berechtigt, wenn man Verrücktheit buch-
stäblich fasst, d. h. die Anschauung ausdrücken will, das Unbewusste
sei an Stelle des bewussten Ichs gerückt, habe dies überwältigt, was
vielleicht der Mechanismus aller funktionellen Psychosen ist. Nur muss
man sich hüten, eine solche „ Verrücktheit* bei sonst Geistesgesunden,
vorübergehende Überwältigung also, die bald korrigiert wird, mit
fixiertem und nicht mehr korrigierbarem Wahnsinn zu identifizieren.
Noch „verrückter* erscheinen andere Züge, die aber eine ver-
blüffende Bestätigung meiner früher ausgesprochenen Hypothese bringen.
Zu den Männern, die Kleist freundschaftlich liebte, gehörte Adam
Müller. Eines Tags nun, als Kleist mit Frau von Rühle schweigend
auf der Brühischen Terrasse promeniert, bricht er plötzlich in die
Worte aus: „Ja, ja, es ist nicht anders, Müller muss sterben, ich muss
GrenBfrftgen des Merren- and Seelenlebens. (Hefl LXX.) 4
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50 J. Sadger:
ihn ins Wasser werfen, wenn er mir nicht freiwillig seine Frau abtritt*.
Die Freundin fahrt erschrocken und erstaunt zurück. Hatte sie bei
ihm doch niemals die mindeste Leidenschaft zu jener Dame wahrgenommen.
Sie lässt sich die Worte nochmals wiederholen, allein vergeblich stellt
sie ihn zur Rede, da er sich auf keinerlei Erklärung einlässt. Und als
ihm Müller bald danach auf der Eibbrücke begegnet, macht er einen
ganz ernsthaften Versuch, ihn über die eiserne Brustwehr in den Fluss
zu stürzen. In einem seiner letzten Briefe endlich an einen unbekannten
Adressaten ist folgende merkwürdige Stelle zu finden: „Kurz Müller,
seitdem er weg ist, kommt mir wie tot vor und ich empfinde auch
ganz denselben Gram um ihn, und wenn ich nicht wüsste, dass Sie
wieder kommen werden, würde es mir mit Ihnen ebenso ergehn*.
Wie ist nun solche „Verrücktheit** zu deuten? An transitorische
Geistesstörung ist nicht zu denken, sieht diese doch völlig anders aus.
Und auch sonst will durchaus kein Erankheitsschema auf Eleistens
Sonderbarkeiten passen. Wohl aber wird uns alles verständlich, wenn
wir auf das Unbewusste rekurrieren und die Erfahrung, dass es ge-
legentlich unter günstigen Umständen die Dämme des Bewussten durch-
brechen kann. Es handelt sich einfach wie bei allem unbewussten Ge-
schehen um sonst zurückgehaltene Wünsche, die hier für die Umwelt
verblüffend in Erscheinung treten. Noch verblüffender darum, weil die
Zensur des Bewussten genügt, jenen Durchbruch beinahe unkenntlich
zu machen. Ausdrücklich wird ja hervorgehoben, dass niemand an
Kleist die geringste Leidenschaft für Frau Müller bemerkt hatte.
Dann aber bleibt wohl nichts anderes übrig, als eine „Verschiebung*
anzunehmen, einen psychischen Vorgang, der aus Analysen, Mythen-
und Traumdeutung wohlbekannt ist, d. h es wird von der richtigen,
aber anstössigen Person auf eine harmlosere Gestalt verschoben, welche
die Zensur, der innere Widerstand noch passieren lässt. Also ist es
wahr, dass Kleist einen Mann ins Wasser stürzen wollte, so er ihm
nicht sein Weib abträte, nur sind Adam Müller und dessen Frau
bloss Deckfiguren für andere Personen, die klar zu nennen die Zensur
verbeut. Doch wessen Frau sollte der homosexuelle Dichter begehren,
obendrein so heftig, dass er vor dem Mord an dem Mann nicht zurück-
schreckt? Dies passt nun wieder auf keine Bekannten des gereiften
Poeten. Hier müssen wir notgedrungen zurückgreifen auf Kleistens
Kindheit und das, was ich oben über Mutter und Vater des Dichters
ausführte: Wie Kleist die erstere so heiss begehrte, dass ihm der
Vater zum Rivalen ward, der um jeglichen Preis entfernt werden muss.
Und in seinen Sexualphantasien scheut man auch nicht vor dem Mord
zurück, der freilich in Wahrheit nie ausgeführt wird. All dies ist in
den Analysen der Neurotiker, doch selbst der völlig gesunden Menschen
ganz regelmäßig wiederzufinden und tritt uns auch in den Mythen der
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Heinrich von Kleist. 51
Völker, z. B. in jenem von Ödipus entgegen, der den Vater erschlägt
und die Mutter sich freit. Gerade solch infantile Begierden, die man
sehr früh in den Hades des Unbewussten sperrte, sie springen, wenn
einmal die Fessel sich lockert, wie etwa im Traum oder auch in
Augenblicken der „Verrücktheit**, mehr weniger un verhüllt ans Licht.
Zu meiner Annahme stimimt auch sehr gut, dass der abwesende
Müller Heinrich von Kleist wie ein Toter vorkommt. Das kleine
Eand weiss bekanntlich noch nichts von den Schrecken des Todes, wie
Freud in seiner „Traumdeutung* ausführt: Sterben und Fortsein sind
ihm noch identisch. Hat es doch aus Erfahrung gelernt, dass tote
Leute, wie etwa der Grosspapa nie wiederkonmien. Drum kann es so
leicht auch einem Nächststehenden das Sterben wünschen. Totsein
heisst ja in der kindlichen Vorstellung eigentlich nichts anderes, als
dauernd weg sein und damit unfähig, die Pläne und Wünsche des
Kindes zu stören.
Noch befremdender als das Vorerzählte ist, dass unser Dichter
mindestens zweimal in seinem Leben Phantasien und Wirklichkeit nicht
mehr auseinanderzuhalten vermochte, so dass er die erstem für Realität
in den Briefen ausgibt. Der prüde Kleist entwirft z. B. seiner Braut
die Schilderung eines Kranken, den er angeblich im Spitale zu Würzburg
gesehen habe und welcher infolge von Masturbation wahnsinnig ge-
worden. „Ein 18 jähriger Jüngling, der noch vor kurzem blühend schön
gewesen sei und noch Spuren davon an sich trug, hing da über die
unreinliche Öfinung, mit nackten, blassen, ausgedorrten Gliedern, die
Röte eines Schwindsüchtigen über das totenweisse Antlitz gehaucht,
eingewunden und eingenäht lagen ihm die Hände auf dem Rücken —
er hatte nicht das Vermögen, die Zunge zur Rede zu bewegen, kaum
die Kraft, den stechenden Atem zu schöpfen." Diese ganze Schilderung,
von der ich vorstehend nur einen kleinen Auszug gab, ist schon darum
Phantasie, weil solch ein Krankheitsbild als Folge jugendlicher Ver-
irrung gar nie existiert hat. Der „goldenen Schwester* sendet er
endlich aus Paris die Beschreibung eines nächtlichen Festes, die leider
nur den einzigen Fehler hat, sich niemals zugetragen zu haben.
Woher nun diese seltsame Art, Phantasie und Wirklichkeit zu
vermengen? Dass Kleist mit Bewusstsein gelogen habe oder meinet-
halben nur „aufgeschnitten*, ist bei seinem so wahrheitsliebenden
Charakter wohl auszuschliessen. Näher, bedünkt mich, kommt man der
Wahrheit mit der Annahme, dass Kleist wie ein Kind seine Wunsch-
phantasien — und alle Phantasien sind schliesslich Wünsche — so
deutlich sah, wobei die poetische Imaginationskraft noch mitspielen mochte,
dass er sie schliesslich selber als bare Wirklichkeit empfand. Auf dem
romantischen Nachtfest in Paris finden sich zum Schlüsse ein Jüngling
52 J. Sadger:
und ein Mädchen in seligem Neigen, also offenbar Kleist und seine
Braut, was auch das Ende des Briefes erweist. In einem Schreiben an
seinen Vetter phantasiert er von 30 Louisdors als Honorar für seine
«Familie Schroftenstein", in der Phöbuszeit endlich von der 2. Auflage
von Rühles Buch, wofür dieser obendrein von Cotta nochmals
300 Rthl. empfangen habe, beides Dinge, die nur als Wunsch in seiner
Seele existierten. Das gleiche Motiv, als erfüllte Wahrheit anzunehmen,
was noch im weiten Felde lag, vielleicht als vage Möglichkeit in Aus-
sicht gestellt oder versprochen worden, erklärt auch vieles im Streite
Kleists mit Hardenberg und Raumer, zum Teil auch sein Ver-
halten gegen Ooethe und Iffland. Und endlich wird uns auch der
durch Onanie wahnsinnig gewordene Jüngling in Würzburg nicht un-
verständlich bleiben. Ähnliche schreckliche Folgen derselben fand Kleist
in Tissots ,De Tonanisme* geschildert, einem dazumal recht ver-
breiteten Irrbuch. Erwägen wir, dass unser Dichter just damals ob
jener Verirrung an den schrecklichsten Selbstvorwürfen litt und sich
seine Zukunft aufs Schwärzeste ausmalte, so haben wir wohl in der
Phantasie vom wahnsinnigen Jüngling nichts andres zu sehen als
Kleistens eigne, nur nach aussen projizierte Befürchtungen und Sorgen,
wie ähnlich in sämtlichen Halluzinationen von Geisteskranken. Für Kenner
der psychoanalytischen Forschung füge ich bei — was hier auszuführen
zu weitschweifig wäre — dass auch hinter Kleistens schrecklichsten
Befürchtungen sich Wünsche bergen, wie hinter jeder neurotischen
Angst.
V.
Es ist mir aus räumlichen Gründen nicht möglich, wozu noch der
Mangel an Quellen kommt, auch des Dichters spätere Lebensjahre in
derselben Ausführlichkeit durchzunehmen, wie seine früheren. Ich will
also nur ein paar der wichtigsten Momente erklären, das andere jedoch
mehr kursorisch berühren. Nach der Katastrophe von St. Omer folgte
in Kleists Leben ein gewaltiger Rückschlag. Da seine „unerhörte
Tat*' misslungen, auch „das prächtige Grab* nicht gefunden war, ist
er völlig gebrochen und wird zum gehorsamen, willenlosen Werkzeug
in der Schwester Hand, welche immer mehr an die Stelle seiner Mutter
rückt. Von ihr erwartet er jede Bestimmung, ihr wirft er sich zu
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Heinrich von Kleist. 53
Füssen, ihre Worte sind ihm Befehl und Gebot. Er lässt sich ein
kärgliches Monatsgeld aussetzen, ist sogar zur Übernahme eines Amtes
bereit und kennt nur einen einzigen Wunsch, mit der geliebten Schwester
zusammenzuhausen. „Ich bin sehr traurig. Du hast zwar nicht viel
Mitleiden mit mir, ich leide aber doch wirklich erstaunlich. Ich weiss
doch, dass Du mir gut bist und dass Du mein Glück willst. Du weisst
nur nicht, was mein Glück wäre. . . . Ich sehe hier keinen Menschen
und bedarf Deiner lieben Gesellschaft."
Im Januar 1805 erfolgt ein überaus mächtiger Durchbruch von
Kleistens homosexuellem Empfinden, welches uns der Brief an Pfuel
erweist, den ich mehrfach schon anführte. Möglich auch, dass der
Geschwister Verhalten, die in ihm doch nur das mauvais sujet der
Familie erblickten, ihn zum Manne hindrängte. Jedenfalls vnrd die Liebe
zu Freunden für sein fürderes Leben immer mehr entscheidend. Im
Juli 1805 beklagt er sich über „rheumatische Zufalle und ein Wechsel-
fieber, das ihn ganz auf den Hund bringe.** Von dieser Angabe wäre
höchstens die Malaria positiv zu werten, während „rheumatische Zufälle**
noch heute ein vager medizinischer Begriff sind. Ein Jahr darauf be-
gründet Kleist sein Urlaubsgesuch mit „einem fortdauernd kränklichen
Zustand seines Unterleibes, der sein Gemüt angreife und ihn bei allen
Geschäften auf die sonderbarste Art ängstlich mache." Heutzutage
würde man diese hypochondrischen Klagen wohl am besten als Angst-
hysterie bezeichnen, wofür auch die spätem Symptome sprechen. Zu
Ende August erwacht seine alte Todessehnsucht und der Wunsch, zu-
sammen mit Rühle aus dem Leben zu scheiden. Im Oktober kommen
neue Klagen, denen wieder gemeinsam, dass jede organische Grundlage
fehlt. „Ich leide an Verstopfungen, Beängstigungen, schwitze und phanta-
siere und muss unter drei Tagen immer zwei das Bett hüten. Mein
Nervensystem ist zerstört.** Die Seebäder in Pillau hätten nichts geholfen,
sein Kopf sei schwer und äusserst vergesslich. Da naht der preussisch-
französische Krieg und die blosse Weckung des vaterländischen Kom-
plexes genügt, ihm seine Beschwerden fast wegzunehmen. „Ich fühle
mich leichter und angenehmer als sonst. ^ Ja, sogar die plötzliche
Gefangennahme, allerdings in Gesellschaft von zwei Kameraden, und die
Internierung im fremden Land, obendrein in oft unwürdigen Räumen,
kann seine gehobene Stimmimg nicht drücken. „Wenn nur dort meine
Lage einigermaßen erträglich ist, so kann ich daselbst meine lite-
rarischen Projekte ebenso gut ausführen. Ich bin gesunder als jemals
und das Leben ist noch reich genug, um zwei oder drei unbequeme
Monate aufzuwiegen.* Wie da der vaterländische Komplex als Heil-
faktor wirkte, werde ich später auseinandersetzen.
Auch nach der Freilassung hielt Kleistens gute Laune an, zumal
54 J. Sadger:
er in Dresden nach einer kurzen Liebesgeschichte mit Julie Kunze
in mehreren Freunden für sein Herz willkommene Nahrung fand.
Nächst der Idylle auf der Aareinsel gibt es inEleistens ganzem Leben
vielleicht keine glücklichere Epoche als die „Phoebus^'-Zeit, da er sich
mit Rühle, Pfuel und Müller, den drei geliebtesten Freunden also,
zu gemeinsamer Arbeit am Journal verband. Trotzdem auch jetzt noch
sein „mittlerer Zustand krankhaft ist, seine Nerven zerrüttet und er
nur Perioden weise gesund " - alles natürlich ohne irgendeine organische
Erkrankung — atmen doch sämtliche damaligen Briefe höchste
Zufriedenheit und frohen Ausblick in die Zukunft, wobei auch des
Dichters Phantasie mehr als einmal durchgeht. Mit dem drohenden
und selbstredend noch stärker mit dem ausgebrochenen Krieg trat auch
Kleists gewaltiger Patriotismus immer mehr in Erscheinung,
der noch jetzo das Entzücken der Deutschen bildet, zumal jedes
Preussen.
Was sind nun die seelischen Grundbedingungen für dieses so hoch
bewertete Gefühl? Man achte, der Dichter lebte um die Wende des
19. Jahrhunderts in einem Staate, der alles eher als national geeint
war. Deutschland war damals höchstens „ein geographischer Begriff",
und die Liebe zum Vaterland, wie selbst noch heute in manchen Staaten
mehr Liebe zum Herrscher^) oder, was nicht selten, Hass gegen einen
fremden Unterdrücker, ob dieser nun Napoleon oder Bismarck heisst.
Ich möchte zum Vergleiche mit Heinrich von Kleist zwei andere
deutsche Dramatiker heranziehen, welche etwa der gleichen Epoche an-
gehören: Goethe und Grillparze r. In beider Würdigung spielt
die vaterländische Gesinnung eine wichtige Rolle. Dem erstem können
die Deutschen es noch heute nicht verzeihen, dass er so gar nicht
patriotisch empfand, dem letzteren hinwieder brachte der Durchbruch
des nämlichen Gefühls weit höhere Ehren, als Zeit seines Lebens all
seine Dichtung. Wie aber sah der beiden Empfinden und Nicht-
empfinden in Wirklichkeit aus? Wenn der erstere von Napoleon sprach,
war sein stetes Wort: „Der Mann ist Euch zu gross!" Wie ganz
regelmäßig war der Kaiser auch Goethe nur Identifikation mit dem
eigenen Vater, der in seinem Hause eiserne Zucht hielt, welcher auch
Wolf gang sich unterordnen musste, ob er im Inneren noch so sehr
knirschte. Ihm war der Vater wirklich „zu gross" und jedes An-
kämpfen völlig vergeblich. Grillparzer wieder, der das Lieblingskind
seines Erzeugers gewesen, zu dem er in scheuer Ehrfurcht aufblickte,
empfand die Revolution zu Anfang zweifellos wie Befreiung von dem
unglaublichen Drucke des Vormärz. „Als aber jeder, dem es beliebte,
in die Hofburg ging, in den Tisch schlug und den Erzherzögen Grob-
1) Patriotismus rührt von pater her, nicht erst von der weiteren Ableitung patria.
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Heinrich von Kleist. 55
heiten sagte '^f da war es mit seiner Zustimmung aus und er apostrophierte
Radetzky mit den berühmten Worten: »In Deinem Lager ist Öster-
reich!* Hier wird also wieder der Erzherzog als Respektsperson dem
eigenen Vater gleichgestellt. Und Unehrerbietigkeit wider beide ist eine
Schuld, die nicht zu verzeihen. Bei Heinrich von Kleist ist es
minder die Liebe zu seinem König, wie Hass gen den übermächtigen
Unterdrücker, als der ihm der eigene Erzeuger erschien. Dem Landes-
fürsten, der ihm einmal nicht freundlich genug begegnete, hatte schon
der Jüngling entgegengeschleudert: „Wenn der König meiner nicht
bedarf, so bedarf ich seiner noch weit weniger. Denn es möchte mir
nicht schwer werden, einen andern König zu finden, ihm aber, sich
andere Unterthanen aufzusuchen/ Doch später wuchs ihm Napoleon,
der Unterdrücker Europas, immer mehr in die Rolle des ihn unter-
diückenden Vaters hinein, was seinen mafilosen Hass erklärt, viel besser
denn alle patriotische Gesinnung.
Mag sein, dass der direkte Attentatsplan, den unser Dichter gehabt
haben soll, nur unverbürgter Anekdote entspringt. Allein nach den
Briefen nicht wegzuleugnen ist, dass Kleist die Ermordung Napoleons
ersehnte. Schreibt er doch im Dezember 1805 bereits an Rühle:
»Warum sich nur nicht einer findet, der diesem bösen Geist der Welt
die Kugel durch den Kopf jagt? Ich möchte wissen, was so ein
Emigrant zu tun hat." Das ist ein durchaus authentischer Brief und
keine Anekdote, und von dem Verlangen, den Unterdrücker getötet zu
sehen, bis zum direkten Mordplan ist wenigstens in der Phantasie nur
ein kleiner Schritt. Stets wieder zieht es Kleist auf das Schlachtfeld,
natürlich immer in Freundesbegleitung, „in der Absicht, sich mittelbar
oder unmittelbar in den Strom der Begebenheiten hineinzuwerfen.* So
als er von Königsberg dorthin aufbricht und in französische Gefangen-
schaft gerät, und noch bezeichnender 1809, da er von Dresden nach
Österreich reist. »Was ich nun eigentlich in diesem Lande tun werde,
das weiss ich noch nicht", schreibt er der Schwester, „die Zeit wird es
mir an die Hand geben *^ Das heisst wohl durchsichtig, er kann nicht
nahe genug dabei sein, wenn Napoleon-Vater seinen Meister findet.
Nach Österreichs Erhebung „zweifelt er keinen Augenblick mehr, dass
der König von Preussen und mit ihm das ganze Norddeutschland los-
bricht und so ein Krieg entsteht, wie er der grossen Sache, die es gilt,
würdig ist." Um so härter schlug ihn dann die Enttäuschung, welche
sicher unter den Selbstmordmotiven eine ganz erhebliche Rolle spielte.
Kurz vor seinem Tode traf die Nachricht ein, dass Napoleon zu Besuch
nach Berlin kommen werde. „Wie diese Aussicht auf mich wirkt,
können Sie sich leicht denken; es ist mir ganz stumpf und dumpf vor
der Seele, und es ist auch nicht ein einziger Lichtpunkt in der Zukunft,
auf den ich mit einiger Freudigkeit und Hoffnung hinaussähe." Und
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56 J. Sadger:
das Bündnis vollends mit dem Unterdrücker, das selbst jede Zukunfts-
hoffnung verschloss, gab all seinem Ringen den Gnadenstoss. »Die
Allianz, die der König jetzt mit den Franzosen schliesst, ist auch nicht
eben gemacht, mich im Leben festzuhalten. . . . Was soll man doch,
wenn er diese abschliesst, länger bei ihm machen P Die Zeit ist ja vor
der Türe, wo man wegen der Treue gegen ihn, der Aufopferung und
Standhaftigkeit und aller anderen bürgerlichen Tugenden, von ihm
selbst gerichtet, an den Galgen kommen kann.^^ Nur ist es minder die
Not des Landes, als die persönliche Hoffnungslosigkeit, den Vater jemals
besiegen zu können, welche Kleist unter anderm die Waffe gen die
eigne Brust kehren lässt *).
PVeilich muss man, um seinen Selbstmord zu begreifen — lückenlos
ist dies auch jetzt noch nicht möglich — eine Reihe andrer Momente
heranziehn. Das früheste, was da berichtet wird, ist, dass schon der
Knabe Heinrich von Kleist mit seinem melancholischen Vetter
V. Pannwitz die schriftliche Abrede getroffen habe, freiwillig aus dem
Leben zu gehn, was beide später tatsächlich ausführten, der Vetter in
Bälde, Heinrich jedoch erst etwa 2 V2 Dezennien hernach. Frühzeitig
muss, zum Mindesten vorübergehend, der Gedanke an Selbstmord in
des Dichters Seele verdrängt worden sein. Denn als in seiner Studenten-
zeit ein nächster Freund sich durch einen Pistolenschuss das Leben
nehmen wollte, aber nur ein entstelltes Gesicht davontrug, hatte Kleist
„mit einem anderen Freunde ein sehr merkwürdiges Gespräch über den
Selbstmord und schrieb dem Unglücklichen einen schönen, herzergreifenden
Brief über das Sündhafte einer solchen feigen Tat." Noch bezeichnender
dünkt mich ein Ausspruch Kleists über den Selbstmord aus dem
Jahre 1809: „solch ein Mensch komme ihm gerade vor wie ein trotziges
Kind, dem der Vater nicht geben wolle, was er verlange, und das
danach hinauslaufe und die Türe hinter sich zuwerfe'*; ein Bild, das
offenbar aus des Dichters eigenem Leben genommen.
Der Wunsch, mit einem andern zu sterben, weitaus am liebsten
mit einem Freund, durchzieht wie ein Zwangsimpuls Kleistens Leben.
Oft schon geringes Ungemach genügt, natürlich noch mehr die Stunde
der Verzweiflung, damit er an einen Geliebten sich wende, gemeinsam
mit ihm aus dem Leben zu scheiden. Ganz ähnlich flüchtet auch der
^) Ich weiss gar wohl, dass diese hier vertretene Anschauung den heftigsten
Widerspruch finden wird, doch kann ich nur sagen, dass, wo ich eine patriotische
Gesinnung zergliedern konnte, ich regelmäßig auf solche und ähnliche unbewusste
Motive stiess. Wo die Vaterlandsliebe nichts anderes ist als die Liebe zu dem
eigenen Vater, dem zumal in der Kindheit so heiss geliebten und viel bewunderten,
kommt obendrein oft der Patriotismus des Vaters hinzu, den er seine Kinder auch
direkt lehrt. Und keines Gesinnung nimmt man ja leichter und williger an als
jenes, den man bewundert und liebt. Entscheidend jedoch bleiben stets die psycho-
sexuellen Motive.
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Heinrich von Kleist. öT
Masturbant stets neu in das gewohnte Laster bei jeglicher Widrigkeit,
welche ihn trifft. Wir wissen verlässlich, dass Kleist wiederholt Ernst
Pfuel, Otto Rühle, Fouqu^ und Marie von Kleist zu gemein-
samem Sterben zu bewegen suchte, eine gleiche Anregung der Henriette
von Schlieben und der Henriette Vogel begierig aufgriff, und
es ist nicht unmöglich, dass er solches Verlangen auch an andere richtete,
welche es uns nur nicht überlieferten.
Zwei Dinge scheinen mir klar zu sein und völlig unter Beweis zu
stellen. Zum ersten, dass das Sterben fQr Kleist nicht die gewöhnliche
Bedeutung hatte. Gewiss, es gab auch in seinem Dasein einzelne
Momente, da ihn die grässlichste Todesangst packte, wie manche Brief-
stellen und vor allem der „Prinz von Homburg** dartun Allein just
in den kritischesten Augenblicken tritt das Grauen vor der Lebens-
vernichtung, die Scheu vor dem Jenseits nicht nur zurück, sondern
macht einer andern Empfindung Platz, welche ich nicht anders bezeichnen
kann, denn als — förmlichen Sexualgenuss. Der Tod als solcher, vornehm-
lich jedoch ein gemeinsames Sterben ist dem Dichter geradezu erotische
Lust. Nicht nur, dass Kleist wiederholt von einem „schönen Untergang*'
schwärmt oder in der Verzweiflung über den „Guiskard*' seiner Schwester
schreibt: „Unser aller Verderben lauert über den Meeren, ich froh-
locke bei der Aussicht auf das unendlich prächtige Grab*', so
heisst es in der Abschiedsepistel an Marie von Kleist: „Wenn Du
wüsstest, wie der Tod und die Liebe sich abwechseln, um diese letzten
Augenblicke meines Lebens mit Blumen zu bekränzen, gewiss. Du
würdest mich gern sterben lassen. Ach, ich versichere Dich, ich bin
ganz selig. Morgens und abends knie ich nieder, was ich nie gekonnt
habe, und bete zu Gott ; ich kann ihm mein Leben, das allerqualvollste,
das je ein Mensch gefiihrt hat, jetzo danken, weil er es mir durch den
herrlichsten und wollüstigsten aller Tode vergütigt"; und in dem
letzten Brief an Ulrike: „Möge Dir der Himmel einen Tod schenken,
nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit dem meinigen
gleich: dass ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich ftlr Dich
aufzubringen weiss.*
Ist dies nun Wahnsinn, wie vielfach geglaubt wird? Ich meine
mit nichten. Vielmehr bringt jenes gemeinsame Sterben mit einem
Weibe, dass dies noch obendrein selbst von ihm heischt, einem alten
Zwangsimpuls frohe Erfüllung und — einer alten Liebesbedingung, die
Kleis tens ganzes Leben durchzieht. Ist es nicht auffällig, dass der
Dichter auch in grösster Verzweiflung nie daran denkt, seinem Leben
allein ein Ende zu machen? Selbst in St. Omer will er sich nur
erschiessen lassen, und die Opium Vergiftung, von der Bülo w berichtet,
war höchstwahrscheinlich unbeabsichtigt, durch unvorsichtiges Ein-
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58 J. Sadger:
nehmen einer allzu grossen Dosis des Mittels, das der Arzt ihm zur
Nervenberuhigung gab. Ja, es wird versichert, dass Kleist sich wieder-
holt gegen den Selbstmord aussprach — allerdings immer dann, wenn
man ihn allein ausführen sollte. Daneben jedoch besteht ganz sicher
der unsterbliche Wunsch, mit einem männlichen oder weiblichen Freund
„die grosse Entdeckungsreise anzutreten".
Hier berühre ich nun den zweiten Punkt, der nicht nur absolut
sicherzustellen, sondern auch über den Einzelfall Kleist hinaus die Oenesis
der Liebe sehr deutlich aufhellt. In einem kleinen Freundeskreise hat
Freud ganz kürzlich das Wörtchen „Liebesbedingung" geprägt. Es
will besagen, dass jeder im Innersten, wenn auch ganz unbewusst,
präzise Ansprüche an seine Herzensliebe herumträgt, die erfüllt
werden müssen, soll er sich wirklich verlieben können. Es ist
wie eine Mine, auf welche man unversehens stösst, worauf dann
alles urplötzlich in die Luft fliegt. Die Erfüllung solcher „Liebes-
bedingungen** erklärt nicht allein die Liebe auf den ersten Blick, sondern
auch ein Phänomen, das mit zu den grössten Rätseln gehörte. Man
erlebt nicht selten, dass jemand, welcher die längste Zeit achtlos an
einem Mädchen vorbeiging, sich mit einem Schlage in dieses verliebt,
ohne dass man eigentlich wüsste, warum. Ja, hinterdrein ist der Be-
treJÖFende selber maßlos erstaunt, dass er so lange an jener Perle vorbei-
sehen konnte, die ihm jetzt auf einmal sämtliche Vorzüge zu haben
scheint. Und der Grund für diese seltsame Wandlung? Sie erfüllte
mit eins, ohne es zu ahnen oder gar zu wollen, seine ganz spezifische,
unerlässliche Liebesbedingung.
Auch Heinrich von Kleist hat die Vogel längere Zeit schon
gekannt, eh' er in Liebe zu ihr entbrannte. Ja, er soll für sie, die
nach Arnims Urteil „ziemlich alt und hässlich war** *), anfangs eher das
Gegenteil von Zärtlichkeit empfunden haben, zumal er in Marie
von Kleist verliebt war, den verkörperten „ Tugend **-BegriflP seiner
Jugend. Da macht ihm jene unzweifelhaft hysterische Frau, die
sich unheilbar krank und grässlichem Ende ausgeliefert wähnt,
den überraschenden Vorschlag, sie zu erschiessen. War doch
damals, wenn wir Peguilhen glauben, ihr einziges Streben, „mit
einem lieben Freunde vereint die Welt zu verlassen**. Das aber war
just die nämliche unerlässliche Liebesbedingung, die auch unser Dichter
selber begehrte. Und die Frau, welche solche „unerhörte Lust'* gewährt,
muss es notwendig über alle davontragen. Selbst der geliebten Cousine
1) In einem ganz jüngst ei^st publizierten Brief beklagt sich Marie von
Kleist darüber, dass sich der Dichter den Tod geben konnte ^mit einer ganz
gemeinen Frau, wie man sagte, dass diese gewesen ist, in die er nicht einmal ver-
liebt war, die hässlich, alt, eitel und ruhmsüchtig und sich eine Celebritat hat geben
wollen auf diese Weise.''
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Heinrich von Kleist. 59
Marie kann er dann nur schreiben : „Niemals würde ich diese Freundin
gegen Dich vertauscht haben, wenn sie weiter nichts gewollt hätte, als
mit mir leben. Aber der Entschluss, der in ihrer Seele aufging, mit
mir zu sterben, zog mich, ich kann Dir nicht sagen, mit
welcher unaussprechlichen und unwiderstehlichen Qewalt
an ihre Brust. Ein Strudel von nie empfundener Seligkeit
hat mich ergriffen und ich kann Dir nicht leugnen, dass
mir ihr Grab lieber ist, als die Betten aller Kaiserinnen
der Welt.''i)
Nur wer die Unfehlbarkeit spezifischer Liebesbedingungen kennt,
^wird nicht erstaunen über „den Triumpfgesang, den Kleistens Seele im
Augenblick des Todes anstimmt". Die andern jedoch sind bass verblüfft
über alle dithyrambische Verzücktheit, den „geradezu tollen Brief-
-wechsel", den „an Irrsinn grenzenden Austausch von Kosenamen" -) und
wie all die Äusserungen laienhaften Unverständnisses noch heissen. Und
dann erfüllt Henriette Vogel auch des Dichters unsterbliches Kinder-
verlangen, „ganz für das, was man liebt, in Grund und Boden zu gehen".
,, Rechne dazu", schreibt er an Marie, „dass ich eine Freundin gefunden
habe, deren Seele wie ein junger Adler fliegt, wie ich noch in meinem
Leben nichts ähnliches gefunden habe; die meine Traurigkeit als eine
höhere, festgewurzelte und unheilbare begreift, und deshalb, obschon
sie Mittel genug in Händen hätte, mich hier zu beglücken, mit mir
sterben will, die mir die unerhörte Lust gewährt, sich um dieses Zweckes
willen so leicht aus einer ganz wunschlosen Lage, wie ein Veilchen
aus einer Wiese herausbeben zu lassen ; die einen Vater, der sie anbetet,
einen Mann, der grossmütig genug war, sie mir abtreten zu wollen,
ein Kind so schön und schöner als die Morgensonne nur meinetwillen
verlässt: und Du wirst begreifen, dass meine ganze jauchzende Sorge
nur sein kann, einen Abgrund tief genug zu finden, um mit ihr hinab-
zustürzen."
Ich weiss gar wohl, dass die Lösungen, welche ich vorstehend gab,
nicht mehr als das Allergröbste erklären. Doch ein Schelm, der mehr
gibt, als er besitzt. So lange die Kindheit unseres Dichters ein Buch
1) Marie von Kleist schreibt über ihre Empfindungen nach Kleistens
Selbstmord: ,Alle grossen Schicksale der Alten, alle Dichtungen der Alten waren
mir begreiflich. Ich sah deutlich eine höhere Macht. Hätte er diese Frau geliebt,
80 war es nichts. Dass er aber mit derselben glühenden Leidenschaft für mich zu
den Füssen einer anderen sich erschoss, davon hat die Menschheit noch kein
Beispiel."*
2) Will man hiefür Erklärung geben, so darf man nicht wie Rein hold
Steig nach literarischen Reminiszenzen suchen — wie lächerlich, dass Kleist im
Angesicht des Todes das „Ännchen von Tharau** in Prosa aufgelöst haben soll —
sondern muss an die Schmeichel- und Zärtelnamen denken, welche die Mutter ihrem
erstgeborenen Sohn gegeben haben wird.
60 J. Sadger:
mit sieben Siegeln, so lange man nicht mindestens psychoanalytisch
die Neigung zu gemeinsamem Sterben in einer Reihe von Fällen auf-
gelöst hat*), so lange uns endlich von Kleistens Eltern keine Kunde
ward, ist kaum mehr zu sagen, als ich oben vorbrachte. Immerhin
bedünkt mich einiges neu zu präzisieren und anderes wiederum aus-
zuschliessen. Genüber der erfüllten Liebesbedingung treten alle übrigen
Motive zum Sterben tief in den Schatten. Am wenigsten, däucht mich,
hat wohl die Not unsem Dichter in den Tod getrieben. Denn er hat,
wie Rahm er ganz richtig hervorhebt, den Mangel an Geld nie ver-
zweifelt empfunden und ging mit Heiterkeit in den Tod. Erheblicher
erscheinen mir andere Momente. Zunächst, dass er in den letzten Monden
alle Männerfreundschaft entbehren musste — man denke nur an die
schweren Gemütserschütterungen Kleists nach dem Fortgang Brock es
— und ein letzter Versuch, Ulrike zu gemeinsamem Hausen zu be-
wegen, von dieser abgewiesen wurde. Nachhaltig hat ihn dann weiters
die üble Aufnahme erschüttei*t, die er bei seinen Nächsten fand. „Ich
wollte doch lieber zehnmal den Tod erleiden, als noch einmal wieder
erleben, was ich das letzte Mal in Frankfurt an der Mittagstafel zwischen
meinen beiden Schwestern, besonders als die alte Wackern dazukam,
empfunden habe. . . Der Gedanke, das Verdienst, das ich doch zuletzt,
1) In den allerjüngsten Tagen hat einer meiner Kranken, der wegen schwerer
Zwangsneurose psjcho-analytisch behandelt wird, mir folgende ähnliche Gedanken
berichtet, die ich um ihrer Deutung wülen hier einflechten will. Vorausgeschickt
sei, dass mein Patient in der Kindheit sicher in seine Mutter verliebt war, welche
mit dem Vater fast beständig in Zank und Hader lebte; des weiteren, dass der
Kranke im Verlaufe seiner nunmehr halbjährigen Behandlung sehr tief in die
geheimsten psychischen Motive seiner Handlungen und Zwangsimpulse eingedrungen
war. Mein Stenogramm lautet: „Der Gredanke, mit dem ich mich stets beruhigte:
wenn meine Frau stirbt, so bringe ich mich um, hat seine Wurzel wohl darin, dass
ich als Kind mit der Mutter zugleich sterben wollte, um dem Vater zu entgehen,
und es ist originell, dass ich, ganz jung verheiratet, öfters mit dem Gedanken an die
Frau herantrat, zusammen mit mir zu sterben. Im Ernste freilich hätte ich es
wohl nicht getan, aber ich spielte sehr gern mit diesem Gedanken, der vielleicht
aus der Kinderzeit herstammt. Wenn die Mutter das Leben unerträglich fand, was
sie ja häufig sagte, werde ich mir gedacht haben : am besten wäre es, gemeinsam
zu sterben. Oftmals dachte ich mir: ich wär's imstande, zusammen mit der Frau
zu sterben. Bezeichnenderweise habe ich bei Paaren, die sich im Hotel gemeinsam
umbrachten, immer zuerst daran gedacht, dass sie vorher die ganze Nacht ge-
schlechtlich verkehrt haben dürften. Ich wollte also wahrscheinlich zuerst mit der
Mutter verkehren und dann gemeinsam den Tod mit ihr suchen." Sollte die
Deutung meines Patienten noch durch andere Analysen Bestätigung finden, dann
Messe gemeinsam sterben wollen soviel als (ursprünglich natürlich mit der Mutter)
gemeinsam schlafen und verkehren wollen. Und das von Kleist so sehr ersehnte
Grab (sowohl bei der HenrietteVogel als in St. Omer) wäre dann einfach gleich-
bedeutend mit dem Bett der Mutter. Durch all dies erhielte meine im Text gegebene
Erklärung, dass der Doppelselbstmord für Kleist entschieden sexuell lustbetont
war, von einer neuen Seite Bekräftigung.
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Heinrich von Kleist. 61
es sei nun gross oder klein, habe, gar nicht anerkannt zu sehen und
mich von ihnen als ein ganz nichtsnutziges Glied der menschlichen
Oesellschaffc, dass keiner Teilnahme mehr wert sei, betrachtet zu sehn,
ist mir überaus schmerzhaft, wahrhaftig, es raubt mir nicht nur die
Freuden, die ich von der Zukunft hoflFte, sondern es vergiftet mir auch
die Vergangenheit/* Endlich hat ihn wohl auch die Allianz des Königs
mit dem Unterdrücker, welche die Beseitigung Napoleon -Vaters un-
möglich machte, tief deprimiert. Doch all diese Nebengründe zusammen
hätten nicht vermocht, unserm Dichter die WaflFe in die Hand zu drücken.
Dies vermochte einzig die so glänzend erfüllte Liebesbedingung ^).
1) Hier noch einige Ergänzungen zum gemeinsamen Sterben Kleists und
der Henriette Vogel. Peguilhen macht in seinem von Rahmer zitierten
Berichte, übrigens dem einzigen, der eine psychologische Erklärung versucht, die
folgende treffend-tiefgrflndige Äusserung: ,0b nicht auch die Aussicht im Hinter-
grunde lag, bald mit dem geliebten Gegenstande in innerem verklärten Zustande
ewiger Vereinigung und Glückseligkeit wieder zu erwachen, mag ich nicht ent-
scheiden, wenigstens stand bei beiden der Glaube an ein zukünftiges Leben un-
erschütterlich fest. Diese Aussicht auf einen innigeren Verein, als er in dieser
Welt möglich war, und auf die überschwengliche Seligkeit einer himmlischen
Zukunft konnte einen Kleist wohl dahin führen, seine frevelnde Hand an die
Gattin seines Freundes, an die Geliebte seines Herzens zu legen/ Das stimmt
tatsächlich zu den Ergebnissen meiner Analysen. Es ist gar nicht selten, und z. B.
auch von Lenau und Sofie Löwenthal durch ihre eigenen Briefe erhärtet, dass
man vom Jenseits die Erfüllung aller Liebeswünsche hofft, die hier auf Erden nicht
möglich ist. Und ähnlich muss wohl auch Heinrich von Kleist empfunden
haben, nach seinem Brief an Rühle vom 81. August 1806 zu urteilen« Einige von
dessen charakteristischen Stellen will ich hier anführen. Kleist hatte von des
Freundes Liebesglück erfahren und warnt nur vor allzu heftiger Leidenschaft. Dann
fährt er fort: ^Der Gredanke will mir noch nicht aus dem Kopf, dass wir noch
einmal zusammen etwas tun müssen. Wer wollte auf dieser Welt glücklich
sein. Pfui, schäme Dich, mOcht ich fast sagen, wenn Du es willst! Welch eine
Kurzsichtigkeit, o, Du edler Mensch, gehört dazu, hier, wo alles mit dem Tode
endigt, nach etwas zu streben. Wir begegnen uns, drei Frühlinge lieben wir uns:
und eine Ewigkeit fliehen wir wieder auseinander. Und was ist des Strebens würdig,
wenn es die Liebe nicht ist! Ach, es muss noch etwas anderes geben als Liebe,
Glück, Ruhm etc., x y z, wovon unsere Seelen nichts träumen. Es kann kein
bOser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht ; es ist bloss ein unbegriffener ! . . .
Denke nur, diese unendliche Fortdauer! Myriaden von Zeiträumen, jedweder ein
Leben und für jedweden eine Erscheinung wie diese Welt! ... 0, Rühle, sage
mir, ist dies ein Traum? Zwischen je zwei Lindenblättem, wenn wir abends auf
dem Rücken liegen, eine Aussicht, an Ahndungen reicher, als Gedanken fassen und
Worte sagen können. Komm, lass uns etwas Gutes tun und dabei
sterben! Einen der Millionen Tode, die wir schon gestorben sind und noch sterben
werden. Es ist, als ob wir aus einem Zimmer in das andere g hen.* Das nämliche
, Bedürfnis, etwas Gutes zu tun*^ (von Kleist unterstrichen), und zwar ein wirklich
, grosses Bedürfnis, ohne dessen Befriedigung er niemals glücklich sein werde*,
hatte UDser Dichter Wilhelmine genannt, da er es vergeblich unternahm, sie zu
einer Bäuerin zu bekehren. Nur muss es etwas „wahrhaft Gutes* sein, das mit
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62 J. Sadger:
Fassen wir nunmehr alles zusammen, was ich nächst der schweren
Belastung des Dichters als bestinmiend für sein Leben herrorheben
konnte, so ist es in geringerem Masse die Masturbation und die Selbst-
vorwtirfe, so sich daran knüpften, hauptsächlich jedoch die Männer-
freundschaft, welche Kleists Entwicklung grösstenteils beherrscht.
Alle grossen Krisen in seinem Dasein bis auf die Schlusskatastrophe
am Wannsee entspringen getäuschter Liebe zum Mann oder aber der
seinen innern Forderungen übereinstimme und dieses sei, ^sich auf einen Herd
niederzulassen und ein Feld zu bebauen". ,, Unter den persischen Magiern gab es
ein religiöses Gesetz: ein Mensch könne nichts der Gottheit wohlgefälligeres tun
als dieses, ein Feld zu bebauen, einen Baum zu pflanzen und ein Rind zu zeugen.
Das nenne ich Weisheit, und keine Wahrheit hat noch so tief in meine Seele ge-
griffen als diese. Das soll ich tun, das weiss ich bestimmt. Ach, Wilhelmine,
welch unsägliches Glück mag in dem Bewusstsein liegen, seine Bestimmung ganz
nach dem Willen der Natur zu erfüllen!" Ich habe keinen Zweifel und finde auch
in meinen Psychoanalysen gar manche Anhaltspunkte dafür, dass dieses „etwas
Gutes tun", „nach dem Willen der Natur leben wollen" und das Bebauen eines
Feldes eine versteckt sexuelle Bedeutung hat. — Zur Erfüllung im Jenseits noch
eine bezeichnende Episode. Als Brockes von Berlin versetzt ward, fiel Kleist
in die schwersten Seelenkämpfe, angeblich, weil die Eantsche Erkenntnistheorie
ihn so verwirrte. In Wahrheit läßst sich an der Hand des Briefes vom 21. März
1801 die Sache durchaus anders erklären. Der Dichter erzählt, wie er schon als
Knabe sich den Gedanken aneignete, dass Vervollkommnung der Zweck der Schöpfung
sei. „Ich glaubte, dass wir einst nach dem Tode von der Stufe der Vervollkommnung,
die wir auf diesem Sterne erreichen, auf einem anderen weiter fortschreiten würden
und dass wir den Schatz von Wahrheiten, die wir hier sammelten, aueh dort einst
brauchen könnten. Aus diesem Gedanken bildete sich so nach und nach eine eigne
Religion und das Bestreben, nie auf einen Augenblick hienieden stillzustehen und
immer unaufhörlich einem höhern Grade von Bildung entgegenzuschreiten, ward
bald das einzige Prinzip meiner Tätigkeit. Bildung schien mir das einzige
Ziel, das des Bestrebens, Wahrheit der einzige Reichtum, der des Besitzes würdig
ist." (Wie man sieht, hat Kleist von dem Einfiuss Martinis trotz seiner Be-
deutung gar kein Bewusstsein.) Da kommt nun die Kant sehe Philosophie, ihn
auf schwerste erschütternd. „Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir
Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das
letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr —
und alles Bestreben, ein Eigentum sich zu erwerben, das uns auch ins Grab folgt,
ist vergeblich." Seit diese Überzeugung vor seine Seele trat, hat er kein Buch
mehr angerührt, lief nur untätig im Zimmer und im Freien herum und suchte
umsonst Zerstreuung und Ablenkung. „Und dennoch war der einzige Gedanke, den
meine Seele in diesem äussersten Tumulte mit glühender Angst bearbeitete, immer
nur dieser : dein einziges, dein höchstes Ziel ist gesunken !* Offenbar handelt
es sich um Erfüllung von Liebeshoffhungen hier oder im Jenseits. Mit dem Fort-
gange Brockes klafft ein tiefer Riss durch sein ganzes Glück, sein einziges,
höchstes Glück ist wirklich gesunken. Doch immer noch bleibt die Hofibung, auf
einem anderen Sterne glücklicher zu sein. Als aber die Kant sehe Philosophie
auch diesen Glauben ins Wanken bringt, ist er völlig verzweifelt und kennt nur
einen einzigen Ausweg: „Lass mich reisen!" War doch auf einer Reise die
Möglichkeit geboten, einen neuen Brockes, eine neue Mannesliebe zu finden!
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Heinrich von Kleist. 63
AnhoflFung neuer Liebe. „Selten ist treue Freundschaft schlechter belohnt
worden als im Falle Kleist^S sagt treffend Rahm er. Nur täusche
man sich nicht über des Dichters Empfinden. Denn sein „lieblicher
Enthusiasmus der Freundschaft*^ der förmliche Kultus, die kritiklose
Neigung und Schwärmerei für so viele Männer ist einfach Liebe und
muss als solche gewertet werden. Es ist das Fatum in Kleists Leben,
dass ihm, der stets nach dem Glücke pürschte, dies nur im Tode zu
blühen vermochte. Ihm hat erst das Sterben wieder zur Liebe ver-
helfen können, von welcher sein Dasein den Ausgang nahm und die
er in sämtlichen Männerfreundschaften unbewusst suchte : zur Liebe der
Mutter.
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Heinrich von Kleist.
Eine
pathographisch - psychologische Studie
Dr. J. Sadger,
Nervenarzt Id Wien.
Wiesbaden.
Verlag von J. F. Bergmann.
1910.
Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens.
Herausgegeben
von
Dr. L. Loewenfeld in München.
Heft 70.
Nachdruck verboten.
Das Becht der Übersetzung in alle Sprachen vorbehaltefi.
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Inhaltsübersicht.
Seite
I. Die Belastung des Dichters 5
IL Homosexualität und Masturbation. Zurückführung der ersteren auf die
Mutter 12
IIJ. Die Würzburger Reise und ihre homosexuellen Motive. Einfluss der
Mutter-Erotik. Ulrike, die Stellvertreterin der Mutter 28
IV. Einfluss seiner Männer - Freundschaften. Sexuelle Begründung seines
maßlosen Ehrgeizes. Überwältigung des Bewusstseins durch das
ünbewusste 89
V. Eleistens Patriotismus psychosexuell erklärt. Der Zwangsimpuls des
gemeinsamen Sterbens. Der Doppelselbstmord gedeutet als Erfüllung
einer spezifischen Liebesbedingung 5*2
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Buohdruckerei Carl Ritter G. m. b. H., Wiesbaden.
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Verlag von J. F. BEBGMANN in Wiesbaden.
Lehrbuch
der
Nachbehandlung nach Operationen.
Bearbeitet von
Prof. Dr. Faul Relchel in Chemnitz.
Zweite umgearbeitete und vermebrte Auflage.
Mit 67 Abbildungen im Text. — Preis geb. M, 12.-
Nonum prematur in annum ; dem Grundsatz ist bei Fertigstellung dieser zweiten
Auflage der Verf. gefolgt: nacbdem die erste Auflage vom Jabre 1896 vergriff'en
war, hat er noch 9 Jahre gezögert, bis er diese neue in Druck gegeben hat. Damit
steht sie aber auch wieder ganz auf modernem Standpunkt, hat namentlich die
Bi erwachen Heilverfahren berücksichtigt, und überall erkennt man, teils bei Neu-
einfügungeu und Umarbeitungen, teils auch aus Fortlassungen, welch reiches eigenes
Beobachtungsmaterial in dem vergangenen Jahrzehnt dem Verf. zur Verfügung ge-
standen hat und mit welcher Kritik er seinen eigenen Frfahrungen wie denen seiner
Zeitgenossen gegenüber steht. Sehr hervorzuheben sind noch neue Einschaltungen
über die Begutachtung von Unfalherletzten sowie die Neuaufnahme einer Anzahl
von Abbildungen wie die gleichmässigere Ausführung aller Holzschnitte
Zentralblau f. Chirurgie 1909, 1.
.... Der verdienstvolle Verfasser hat sich die dankbare Aufgabe gestellt,
das in den meisten chirurgischen Lehrbüchern etwas stiefmütterlich behandelte
Gebiet der Nachbehandlung nach Operationen in ausführlicher Weise zu beleuchten,
weil er selbst als junger klinischer AsBistent diese Lücke der Bücher empfunden
hat. Ist doch gerade die Nachbehandlung für den Erfolg der Operation häufig
bestimmend und vielfach wichtiger und grössere Erfahrung erfordernd, als der
Eingriff selbst.
Das Buch wird sich in der ärztlichen Praxis viele Freunde erwerben.
ÄrztL Sachverständigen- Zeitung,
Sexualleben und Nervenleiden.
Die nervösen Störungen sexuellen Ursprungs.
Von
Dr. L. Loewenfeld in München.
Viertel völlig umgearbeitete und vermehrte Auflage.
INk. 7.-, geb. Mk. 8.-.
Digitized by VjOOQIC
1
GRENZFRAGEN DES NERVEN- UND SEELENLEBENS.
EINZEL- DARSTELLUNGEN
GEBILDETE ALLER STÄNDE.
BEOBÜNDET VON
Dr. L. LOEWENFELD und Dk. H. KUHELLl.
IM VEREINE MIT HERVORRAGENDEN FACHMÄNNERN DES IN- UND AUSLANDES
a£RAUSGEO£BEN TON
Dr. L LOEWENFELD
Ur IfÜVCHKN.
\
LXX.
Heinrich von Kleist.
Eine
pathographisch - psychologische Studie
von
Dr. J. Sadger,
Norvenar/t in Wien.
Wiesbaden.
Verlag von J. F. Bergmann.
1910.
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