Internationale Psychoana ly tische' Bibli othek
Band XIV
■ /
Das
Trauma der Geburt
und seine Bedeutung für die
Psychoanalyse
von
Otto Rank
Internationaler Psychoanalytischer Verl
Leipzig / Wien / Zürich
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j»>'i
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[NTERNATIONALE PSYCHOANALYTISCHE BIBLIOTHEK
; Zur Psychoanalyse der Kriegsneurosen,
piskussion, gehalten auf dem V. Internationalen
teychoanalytischen Kongreß in Budapest, 28. und
g. September 1918.) 1919.
ühalt: Einleitung von Piof. SIGM. FREUD. — DIs-
Jssionsbeliräge von" Dr. S. FERKNCZI (Budapesl), Dr.
ART, ABRAHAM (Berlin) und D,-. ERNST SrMME[.
erlin). — Dr. ERNEST JONES (London) : Die Kriegs-
iui-osen und dio Frendsche l'lioojic.
:. Dr.S.FERENCZl: Hysterie und Palho-
Burosen. 1919.
ih alt: Über Pathoneurosen. — IlysteVisclie Matwiali-
äoiisphänomone. — Eiklaiiings versuch einiger hystcr.
^nita. — Ti'chnische Schwieriglcpiten einer Hyslerie-
alyse. — Die Psyehoanalyse eines Fh11l-s von "hvster.
rpocliondiie. — Über zwei Tj-peu der Kriegs lij-sten^.
■. Dr. OTTO RANK: Psychoanalytische
Biträge zur Mythenforschung. (Aus den
hren 1912 bis 1914.) 2., veränderte Aufl. 1922.
halt: Vorwort. Mythologie und Psvehoancüvsp -
B Symbolik. - Völkerpsycl.ologisehe ParüIIelen V.u don
antuen Sc.:<naIll;,.o,ien, - Zur Doulnng der Sinlilul-
e. - Mamieken-Piß und Didraten-Sc heißer. - Das
ideriRarcIicn. - Mjthns und Märchen.
Dr. THEODOR iIeIK: Probleme der
(hgionspsychologie. I. Teil: Das Ri-
ftl. Mit einer Vorrede von. Prof. Dr. SIGM.
lEUD. 1919.
talt: EinlMtung. - Die Couvade und die PsYcllO-
^e derV^redtimpfracht. ~ Die PuberlüisriLen der
1 Widde,Sär' """' de^Gelubdes.) -Das Schofax
;Dr.GEZARÖHEIM:Spiegelzatiber.iy,g.
i.Dr.EDUARD HITSCHMANN.- Gotifried
Her. Psychoanalyse des Dichters, seiner
stalten und Motive, 191g.
[I. Dr. OSKAR PFISTER: Zum Kampf um
I Psychoanalyse. (Mit einer KunsÜieilage
I 15 Textabbildungen.) 1920.
lalt: Die Psychoanalyse hIs psychologische Methode
logetisches. Der ei-falmingswissensciiafüidie Qiu-
pr der Psychoanalyse. Proben psychoanalytischer Ar-
: (Nachtwandeln, ünbezwingliche Abneignng ge^cii
Speise, llyijnopompisclier Einfall. Ein Fall von
rrinini?.iercnder religiöser und irdischer Liebe usw.)
ee Ergebnisse und Ausblicke. - Die ]^nlstehung der
iücrischen Inspiration. — Zur Psychiilogie des Kiieges
■ des Friedens. Die Tiefen mächte des Kri«ges. Die
hologischen Voranssct/ungen des VöLkerfriudens. —
iPsychologie det hyslerischen Madonnenkullus. —
leric und Lehensgang bei Margareta Ebner. — Ps3-c}io-
yse. und WeltuiisdiiiumiK. (Positiv ismiis, Metaphysik,
fc.) — Gefährdete Kinder ui(d ihre ps ych an idy tische
llldlung. — Wahiivoi-stellung und Scliiilersclbst-
L — Das Kinderspiel als Frülisymptom krankhafter
Hcklmig, zugleich ein Beitrag zur ^^'issen5tllaft5-
polngie.
IX. AUREL KOLKAI: Psychoanalyse und
Soziologie. Zur Psychologie von Masse und
Gesellschaft. 1920,
X. Dr. KARL ABRAHAM: Klinische Bei-
träge zur Psychoanalyse aus den Jahren
'907 — 1920. 1921.
Inhalt: Über die Bcdoutnng sexneller Jugendträume
liir die Symptümatologie der Dementia praecox ^- Die
psycliosexnellen Differenzen der Hysterie und dev De-
njentia praecoY, - Die psychologischen Ke-.^iehunecn
■/.wischen Sexualität und Alkoholismiis. — Die Stellung
der Verwand! enehe in der Psycliologie der Neurosen. —
Über hystei-ische Traum iiuslän de. — Bemerkungen zur
Ps;-cho:inalyse eines Falles-von Fuß- tnid Korsetlfe Uschis-
irLu.s, — Ansätze zur p.'jychoanaly tischen Erforschung und
liehandlung des nianisch-depressi\'CH Irreseins und ver-
wandter Zuslajide. — Über die determinierende Kraft
des Narneiis. — Über ein koniplii-ierti's Zerenioniell
nourolisclier Frauen. — ühnnuächel und Gehiirgang als
erfreue Zone. — Zur Psychogeiiese der Sli;iÜ('iiangst im
Kinde5nUer. — Sollen wir die Patienten ihre Triiurne
iiufscln-eiljen lassen? — Einige Bemerkungen über die
Rolle der GroOeltem in der Psycliologie der Neiu'osen. —
Eine Deckerinriernng, betrefiViid ein Kindhcitserlebnis
\oii scheinbar ätiologischer BedfUUiiig. — Psychische
Nachwii^kimgen der Beobachtinig des olterÜcheti Ge-
schlechts Verkehrs bei Gi7iem neun fähngeTiKihde. —Kritik
zu C. G. Jung: Versuch einer DarsteUung der psycho-
analytischen Theorie, — Ül)er eint- konstitutionelle
Grundlaiie der loknmot (irischen Angst, — über Ein-
schränkungen und Umwandlungen der Schaidust bei
den Psychonenrolikern. -Über neiuotische Exogamie, -
Untersuchungen über die frülicste prägenitale ICnt-
wicklimgsstufe der Libido, - Über eiacidatio riraecox, —
Einige Belege zur Gefiililsslelinng weiblicher Kinder
gegenüber den Eltern, - Das Geldausgeben im Angst-
ziistand. — Über eine besondere l'orm des neurotisclien
Widerstandes gegen die psychoanalj-tische Methodik. —
Beiyerkungen zn Ferenc/is Mitteilungen über Sonntapt-
ncurosen. — Zur Pi-ognose psychoanalytischer Beliand-
limgen im vorge.'ichriitenen Lebensalter,
Xr. Dr. ERKEST 'JONES: Therapie der
Neurosen. 1921,' i
Xir. J. VARENDONCK: Über das vor-
bewuDte phantasierende Denken. Mit
Geleitwort von Prof. Dr. Sigm. Freud. 1922.
XIIJ. Dr. S. FERENCZI: Populäre Vor-
träge über Psychoanalyse. 19^2.
Inhalt: Zur analytischen AnffiLSsung der Psycho-
neurosen, - Traume der Ahnungslosen. - Suggestion
und Psychoanrdyse. — Die Psvchoannlyse des Wit7.es
und dos Komischen. ^ FJn Vortrag für' Richte,- und
.Sta.lsanwiüle. - Psychoanalyse und Kriminologie -
I ulosophie und Psychoanalyse. -^ Zur Psvchogenese der
Mechanik. - Cornelia, die Mutler der Gracchen. - Anatol
1-rance nls A.ialyLiker.- Gla„b^, Uuglaube.Ütaerzangung
XIV. Dr. OTTO RANK: Das Trauma der
Geburt und seine Bedeutung für die
Psychoanalyse. 1924,,
XV. Dr. S, PERENCZI: Versuch einer
Genitaltheorie. 1924.
fXERNATIONALER PSYCHOANALYTISCHER VERLAG
WIEN, VII. ANDREASGASSE g.
■*■
JrSL.
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Internationale Psychoanalytische Bibliothek
Bd. XIV
Das
Trauma der Geburt
und seine Bedeutung für die
Psychoanalyse
Von
Otto Rank
1924
Internationaler Psychoanalytischer Verlag
Leipzig / Wien / Zürich
INTERNATIONAL
PSYCHOANALYTIC
UNIVERSITY
□ IE PSYCHOANALYTISCHE HOCHSCHULE IN BERLIN
Alle Reclite,
insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
*
Copyright 1924
hy „Internationaler Psychoanalytischer Verlag, Ges. m.b.H. Wien'
*
Druck von E. Haberlünd in Leipzig
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Priiited in Gennaiiv
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SIGM. FREUD
DEM ERFORSCHER DES UNBEWUSSTEN
SCHÖPFER DER PSYCHOANALYSE
ÜBERREICHT ZUM 6. MAI 1923
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Es gelal die alte Sage, daß König Micks lange Zeit nach dem weisen
Silen, dem Begleiter des Dionysus. im Walde gejagt habe, ohne ihn
zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen ist. fragt der König
was für den Menschen das Allerbeste und Aller vorzüglichste sei Starr
und unbeweglich schweigt der Dämon; bis er, durch den König ge
zwangen, endlich unter gellem Lachen in diese Worte ausbricht-
„Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls Kinder und der Mühsal"
was zwingst du mich dir zu sagen, was nicht zu hören für dich das
Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich gänzlich uner-
rexchbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, Nichts zu sein
Das Zweitbeste aber ist für dich — Bald zu sterben."
Nietzsche (Die Geburt der Tragödie)
as f-s rf ^ -T -'~-^" '. SJ-»-^'- < ■} ' ''■' ■. ■■i^:S::?;t!^:T!J---'-=:-^ L2^i^3iJ-
INHALT;
Seite
Vorbemerkung
Die analytische Situation -
Die infantile Angst ^
Die sexuelle Befriedigung ,i
Die neurotische Reproduktion -.g
Die symbolische Anpassung _2
Die heroische Kompensation 1^2
Die religiöse Snblimierung ^^
Die künstlerische Idealisierung j_.
Die philosophische Spekulation jg^
■Die psychoanalytische Ei-kenntnis ^„^
Die therapeutische Wirkung ^^^
?^8I
Korbemerkung
Die nachstehenden Ausführungen bedeuten einen ersten Versuch,
die psychoanalytische Denkweise als solche auf das Verständnis der ge-
samten Menschheitsentwicklung, ja sogar Menschwerdung selbst anzu-
wenden; oder richtiger gesagt, nicht anzuwenden, denn es handelt sich
nicht um eine der üblichen „Anwendungen der Psychoanalyse auf die
Geisteswissenschaften", vielmehr um die Fruchtbarmachung psycho-
analytischen Denkens für unsere gesamte Auffassung vom Menschen
und der Menschheitsgeschichte, welche letzten Endes Geistesgeschichte,
d. h. die Geschichte der Entwicklung des menschlischen Geistes und des
von ihm Geschaffenen darstellt.
Diese eigenartige, noch nicht ganz klar zu fassende Betrachtungs-
weise erschließt sich uns auf Grund der ungeheueren Bewußtseinser-
weiterung durch die Psychoanalyse, die uns in den Stand setzt, nunmehr
auch ein Stück des tiefsten Unbewußten als solches zu erkennen und
in seiner Wirksamkeit zu verstehen. Da die wissenschaftliche Erkenntnis
selbst nur einer bewußten Erfassung von vorher Latentem entspricht,
ist es nur folgerichtig, daß jedes Stück Bewußtseinserweiterung, das
wir durch die Analyse erwerben, sich in Verständnis umsetzt. Es zeigt
sich nunmehr an einer ganz bestimmten Stelle der psychoanalytischen
Erkenntnis, die wir gleich näher charakterisieren werden, daß auch ein
ganzes Stück organischer bzw. biologischer Entwicklung nur vom Psy-
chischen her zu „verstehen" ist, d. h. vom Psychischen, welches ja zu-
1 Rank
U^.
f^
Das Trauma der Geburt
gleich mit allen Entwicklungsreston auch unseren Erkenntnisapparat
selbst in sich schließt, der eben durch unser fortschreitendes Wissen vom
Unbewußten mit einem Male um ein ganz Bedeutendes leistungsfähiger
geworden ist.
Indem wir einige neue psychoanalytische Einzelerfahrungen lediglich
zum Ausgangspunkt für weit umfassendere Betrachtungen und allge-
meine Erkenntnisse nehmen, glauben wir etwas von der bisherigen
„Anwendung" der Psychoanalyse wesentlich Verschiedenes angebahnt
zu haben, wobei wir Wert darauflegen, uns auch vor einer Überschätzung
der auf die Therapie „angewandten" psychoanalytischen Lehre vom
Unbewußten freizuhalten, ohne damit die Grenzen psychoanalytischer
Denkweise zu verlassen, sie allerdings nach beiden Richtungen hin
erweiternd. Ist es doch kein Zufall, daß die Psychoanalyse, sobald sie
sich aus einem therapeutischen Verfahren zur Lehre vom unbe-
wußten Seelenleben zu entwickeln begann, fast gleichzeitig von ihrem
medizinischen Ursprungsgebiet abweichend, nahezu auf alle Geistes-
wissenschaften befruchtend übergriff, um schließlich selbst zu einer
der mächtigsten geistigen Bewegungen der Gegenwart zu werden. Wird
auch der seelisch Kranke, an dem und mit dessen Hilfe die Psycho-
analyse entdeckt und entvrickelt wurde, immer der Mutterboden für
die weitere Forschung und Ausgestaltung der Lehre bleiben, so kommt
doch heute schon diesem Ursprung nicht mehr Bedeutung zu als ver-
gleichsweise dem Ausgangsland des Columbus, das dem kühnen See-
fahrer die praktischen Mittel zu seiner Entdeckungsreise zur Verfügung
stellte.
Indem wir im Folgenden zunächst ein Stück Fortentwicklung der
Psychoanalyse selbst zu skizzieren versuchen, wie es sich aus der konse-
quenten Anwendung der von Freud geschaffenen Methode und seiner
darauf gegründeten Lehre ergeben hat, wollen wir dann von dieser Basis
aus weiter reichende und allgemeinere Erkenntnisse durch unmittel-
bare Erfassung des Unbewußten zu gewinnen trachten. Wer mit dem
Vorbemerkung
eigenartigen Gang der psychoanalytischen Forschung vertraut ist, wird :
sich nicht wundern, daß sie — im Einzelnen wie auch im Ganzen von j
der seelischen Oberfläche ausgehend — bei immer weiterem Vordringen 1
in die verborgenen und schwer zugänglichen Tiefen des Psychischen am j
Ende auf einen Punkt stoßen mußte, an dem sie ihre natürliche Grenze, \
zugleich aber auch ihre Fundierung findet. Nach allseitiger Durch- \
forschung des Unbewußten, seiner seelischen Inhalte und komplizierten '\
Mechanismen derUmsetzungins Bewußtesind wir bei der Analyse abnor- ''
mej aber auch normaler Menschen auf den letzten Urspmng des Seelisch-
Unbewußten im Psychophysischen gestoßen, den wir nunmehr auch bio- '.
logisch faßbar machen können. Indem wir das anscheinend rein kÖrper- :;
liehe Geburtstrauma in seinen ungeheuren seelischen Folgen für die '■
gesamte Entwicklung der Menschheit aus analytischen Erfahrungen ■
erstmalig zu rekonstruieren versuchen, vermögen wir in ihm das letzte '
biologisch faßbare Substrat des Psychischen zu erkennen und gelangen
so zur Einsicht in Fundament und Kern des Unbewußten, auf dessen Ver-
ständnis sich der von Freud geschaffene Bau der ersten umfassenden ;
und wissenschaftlich begründeten Psychologie erhebt. In diesem Sinne
sinddiefolgendenAusfiihrungennurmöglichundverständlichauf Grund
der gesamten psychoanalytisch erarbeiteten Erkenntnisse über den Auf- ' '
bau und die Funktionen unseres eigentlichen seelischen Apparates. ;
Scheint es so möglich geworden, das von Freud entdeckte und er- , ■
forschte Unbewußte, d. h. aber das eigentlich Seelische, biologisch zu \
fundieren, so ist eine zweite Absicht der Arbeit, die gesamte seelische :
Menschheits-Entwicklung synthetisch in den großen Zusammenhang
der so fundierten Mechanik des Unbewußten einzureihen, wie sie sich aus , \
der analytisch erkannten Bedeutung des Geburtstraumas und den ewig
wiederkehrenden Versuchen zu seiner Überwindung darstellt. Dabei :
bemerken wir mit Überraschung, wie uns die Verknüpfung der tiefsten
biologischen Schichte des Unbewußten mit dem höchsten manifesten
Inhalt der geistigen Produktionen des Menschen zwanglos gelingt, daß
? =. ^ f*» -^» ' l=^ ™i
Das Trauma der Gehurt
also Fundament und Giebel einander entsprechen und harmonisch er-
gänzen oder wie Freud selbst es in seiner jüngsten Schrift ausdrückt:
„Was im einzelnen Seelenleben dem Tiefsten angehört hat, wird durch
die Idealbildung zum Höchsten der Menschenseele im Sinne unserer
Wertungen."*
Indem wir im folgenden versuchen, dem Mechanismus dieser „Ideal-
bildung" in der Entwicklung des Menschen bis ins Biologische nach-
zugehen, erkennen wir, wie durch all die komplizierten Verwandlungs-
prozesse des Unbewußten hindurch — die uns erst die Psychoanalyse ver-
stehen gelehrt hat — der tiefste biologische Inhalt schließlich fast unver-
ändert, nur durch unsere eigene innere Verdrängung unkenntlich, bis
in die höchsten intellektuellen Leistungen hinein als manifeste Form
greifbar bleibt. Es wird darin ein normales und allgemein-gültiges
psycho-biologisches Gesetz zum erstenmal sichtbar, dessen volle Bedeu-
tung weder abzuschätzen noch im Rahmen unserer skizzenhaften Aus-
führungen zu erschöpfen ist. Auf dieses den In halt de terminieren de
biologisch fundierteFormungsgesetzaufmerksamzumachenund
hie und da die dahinter auftauchenden weiteren Probleme mehr ahnen
zu lassen als lösen zu wollen, ist die Hauptabsicht dieser Arbeit. Das Ge-
samtpToblem aber überhaupt stellen und wenigstens die ersten Schritte
zu seiner Lösung wagen zu können, verdanken wir dem Forschungs-
Instrument und der Denkweise, die Freud uns in seiner Psychoanalyse
an die Hand gegeben hat.
i) Das Ich und das Es. 1923, S. 4,5
Die analytische Situation
Wenn ich es zunächst unternehme, die Erforschung des Unbewui3ten
auf Gnind von psychoanalytischen Erfahrungen und Beobachtungen
ein Stück weiter zu verfolgen, so möchte ich mich dabei auf ein Ar-
beitsprinzip berufen, welches auch bisher die psychoanalytische For-
schung im Wesentlichen geleitet hat. Freud hat gelegentlich die Be-
merkung gemacht, daß die Psychoanalyse eigentlich von der ersten Pa-
tientin erfunden worden sei, die Breuer im Jahre 1881 behandelte
und deren Krankheitsgeschichte (Anna O . . .) viele Jahre später in den
„Studien über Hysterie" (1895) veröffentlicht wurde. Das junge Mäd-
chen, das in ihren Zuständen nur englisch verstand, nannte die sie er-
leichternden hypnotischen Aussprachen mit ihrem Arzt talking eure
oder bezeichnete sie scherzhaft als cMmney sweeping. Und noch in
späteren Jahren, als die psychoanalytischen Erfahrungen und Ergebnisse
wegen ihrer überraschenden Neuartigkeit angefeindet und vielfach als
Ausgeburten einer verderbten Phantasie ihres Autors kritisiert wurden,
pflegteFreud diesen unverständigen Einwendungen entgegenzuhalten,'
daß keines Menschen Hirn je imstande gewesen wäre, derartige Tat-
sachen und Zusammenhänge zu erfinden, wenn sie ihm nicht aus einer
Reihe gleichartiger Beobachtungen unabweisbar aufgedrängt worden
wären. In diesem Sinne darf man also wohl sagen, daß nicht nur die
Grundidee der Psychoanalyse, sondern auch ihre weitere Ausgestaltung
zu einem großen Teil den Kranken zu verdanken ist, die in anerken-
Das Trauma der Geburt
nenswerter Arbeit Material auf Material beigebracht haben, bis sich die
einzelnen ungeordneten und ungleichwertigen Stücke der Beobach-
tungsgabe Freuds zu allgemeinen Einsichten, Erkenntnissen und Ge-
setzmäßigkeiten verdichteten.
An diesem Forschungsweg. den die Analyse schrittweise, gegen
Widerstände aller Art ankämpfend, gegangen ist, kann auch erst der
Satz Freuds voll gewürdigt werden, daß der Patient eigentlich irgend-
vfie. immer Recht habe, wenn er auch selbst nicht wisse wieso und
warum ; dies hat ihm der Analytiker durch Aufdeckung der verdrängten
Zusammenhänge, durch Füllung der amnestischen Lücken zu zeigen,
indem er den „Sinn" der Krankheit und ihrer Symptome aufdeckt.
Psychologisch hat also der Kranke recht, und zwar, weil aus ihm das
Unbewußte — wenngleich in pathologischer Entstellung — spricht,
wie es seit jeher auch aus dem Genie, dem Seher, Religionsstifter,
Künstler, Philosophen und Entdecker gesprochen hat. Denn nicht nur
die psychologische Erkenntnis, die auf der seelischen Intuition ruht,
ist ein schrittweises Erfassen und Verstehen des Unbewußten, sondern
die Fähigkeit zum Erkennen selbst setzt ein Stück Aufliebung oder Über-
windung von Verdrängungen voraus, hinter denen wir das Gesuchte
„entdecken" können. Der wissenschaftliche Wert der an anderen vor-
genommenen Psychoanalysen liegt nun darin, daß sie uns ermöglichen,
die Verdrängungen, die wir in uns selbst nicht durchschauen können,
an anderen — oft unter stärkster Bemühung — auflieben zu müssen, ■
und so Einblick in neue Gebiete des Unbewußten zu erlangen. Wenn
ich mich nun auf diese einzig objektive Forschungsmethode der Psycho- j;
analyse berufe, so geschieht es, weil ich mich unter der Fülle über-
raschend gleichartiger Eindrücke entschließen mußte, dem Unbewußten
wieder einmal dort Recht zu geben, wo wir ihm bisher nur ungläubig
und zaudernd zu folgen wagten. h
In einer Reihe meist erfolgreich zu Ende durchgeführter Analysen
ist es mir aufgefallen, daß in der Endphase der Analyse der Heilungs-
Die analytische Sititation
i) Siehe jetzt Internat. Zschr, f. Psa. IX, 4, 1925.
2) Vgl. Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose. KI. Sehr. IV,
S.Sgi if und die dort daran geknüpfte Diskussion, die wir im vorletzten Abschnitt
weiterführen und zu lösen versuchen,
■vorgangvomUnbewußtenganzregelmäßiginderunsgroßenteils . ■ ' ']
schon bekannten typischen Geburtssymbolik dargestellt wurde. Ich \
habe diese auffällige Tatsache dann Jim Zusammenhang mit anderen ■ 'j
eigentümlichen Zügen des Heilungsprozesses {z. B. der Identifizierung :i
mit dem Analytiker u. a. m.) in einer bisher noch unveröffentlichten ]
Arbeit (aus dem Winter 1921/23), die „Zum Verständnis der Libido- '
entwicklung im Heilungs Vorgang" betitelt ist, auch theoretisch zu wür- . '
digen versucht. " Ich hatte dort bemerkt, daß es sich dabei offenbar um die ■ J
bekannte Phantasie der Wiedergeburt handle, in die der Gene- /
sungswille des Patienten seine Heilung einkleidet, %vie ja Kranke so ,1
häufig in der Rekonvaleszenz davon sprechen, daß sie sich „wie neu- - ■
geboren" fühlen. Ich betonte auch das unverkennbare Stück Subli^ 1
mierungsarbeit, das darin liege, daß der Patient nunmehr imstande sei, :.
die infantile Libidofixierung, die im Oedipuskomplex Ausdruck findet,
zugunsten der Analyse aufzugeben, indem er auf die Phantasie vom
infantilen Kinde, das er — wie die Mu tter — dem Vater schenken wollte,
endgültig verzichte und sich selbst als das neugeborene (geistige) Kind
(des Analytikers) betrachte. " >
Trotzdem sich diese Auffassung regelmäßig aus dem analytischen '
Material, das ich dort kurz mitteilte, ergeben hatte und im Rahmen \
des Heilungsvorganges zweifellos auch berechtigt schien, stieß ich mich * 1
doch einerseits an dem infantilen, anderseitsan dem „ anagogischen " Cha- \
rakter der „Wiedergeburtsphantasie", die ja von Jung unter Vernach- "
lässigungihrerlibidinösen Tendenzen überGebührunddahertheoretiscfa
irreführend bewertet worden war. Die Existenz solcher Gedankengänge
war ja nie geleugnet worden^ was mich störte, war nur, daß uns das
reale Substrat dafür fehlte, was wir sonst niemals zu vermissen hatten.
kl=S^
Das Trauma der Gehurt
So ließ ich die Sache liegen, bis mir eines Tages an einem besonders
deutlichen Fall klar wurde, daß der stärkste Widerstand gegen die Lö-
sung der Übertragungslibido in der Endphase der Analyse sich in Form
der frühesten infantilen Fixierung an die Mutter äußert. In zahl-
reichen Träumen dieses Endstadiums drängte sich immer wieder
die endlich unabweisbare Tatsache auf, daß diese Fixierung an die
Mutter, welche der analytischen Fixierung zugrunde zu liegen schien,
die früheste rein physiologische Beziehung zum mütterlichen Körper
beinhaltet. Damit wurde auch die Regelmäßigkeit der Wiedergeburts-
phantasie verständlich und ihr reales Substrat analytisch faßbar. Die
„Wiedergeburtsphantasie" des Patienten erwies sich einfach als Wieder-
holung seiner Geburt in der Analyse, wobei die Lösung vom Libido-
objekt des Analytikers einer genauen Reproduktion der ersten Lö-
sung vom ersten Libidoobjekt, des Neugeborenen von der Mutter, zu
entsprechen schien.
Da die Patienten — und zwar ohne Unterschied des Geschlechtes
sich unbeeinflußt von dem selbst noch unwissenden Analytiker diese
Endsituation ganz regelmäßig selbst zu schaffen schienen, war es klar,
daß dem eine prinzipielle Bedeutung zukommen müsse und es nur
darauf ankomme, den Mut aufzubringen, dem Unbewußten auch hierin
zu folgen und es ernst zu nehmen. Es ergibt sich dann zweifellos, daß
das wesentlichste Stück der analytischen Arbeit, die Lösung und Be-
freiung der an den Analytiker „neurotisch" fixierten Libido, eigentlich
nicht mehr und nicht weniger zu leisten hat, als dem Kranken die
seinerzeit unvollkommen gelungene Ablösung von der Mutter in der
Analyse mit besserem Erfolg wiederholen zu lassen. Dies ist aber kei-
neswegs irgendwie metaphorisch — auch nicht im psychologischen
Sinne — zu nehmen, sondern der Patient wiederholt sozusagen bio-
lorisch in der analytischen Situation die Schwangerschaftsperiode und
im Abschluß der Analyse, der neuerlichen Trennung vom Ersatzobjekt,
den Geburtsakt, meist in allen seinen Einzelheiten getreu. Die Ana-
Die analytische Situation
lyse erweist sich so letzten Endes als nachträgliche Erledi-
gung des unvollkommen bewältigten Geburtstraumas.
Dieser Schluß, zu dem ich durch eine Fülle verschiedenartigen Ma-
terials unabweisbar gedrängt wurde, insbesondere von Träumen, die in
einem größeren Zusammenhange veröffentlicht werden, hat sogleich bei
mir selbst einige Einwendungen wachgerufen, die ich nur andeuten
möchte, da sie durch weitere Erfahrungen bald zum Schweigen gebracht
wurden. Ich habe mir gesagt, daß ich möglicherweise durch meine Indi-
viduaHtät oder eine besondere Handhabung der Technik, welche auch
nach der klassischen Freud sehen Methode die Zersetzung der „Kom-
plexe" zum Ausgangspunkt nimmt — allerdings nicht damit endet — ,
das Ich des Patienten in immer frühere Libidopositionen zurückdränge ',
so daß es dann schließlich kein Wunder wäre, im Endprozeß die letzte
Zuflucht der Libido in das intrauterine Stadium provoziert zu haben
Auch könnte man vielleicht glauben, daß dies als Resultat übermäßig
lange fortgeführter Analysen sich schließlich auch ergeben müsse.
Demgegenüber möchte ich betonen, daß es sich erstens nicht um
bloße Regressionsphänomene etwa im Sinne der uns allen geläufigen
„Mutterleibsphantasie" handelte, die ja längst von der Analyse als eine
der typischen Urphantasien betrachtet wird, sondern um viel greifbarere
Reproduktionen unter dem Einfluß eines realen Wiederholungszwanges ;
ferner, daß meine Analysen, soviel mir bekannt ist, zu den zeitlich
kürzeren gehören, sich also in Zeiträumen von etwa^yier^bhlängstens
acht Monaten abspielten.
Aber diese und andere Bedenken ähnlicher Art, die ich mir anfangs
selbst gemacht hatte, schwanden bald spurlos unter dem überraschenden
Eindruck dahin, daß bei Einstellung der analytischen Aufmerksamkeit
auf diese Tatsachen auch die theoretisch und therapeutisch noch gänzlich
i) Ähnliches konnte ja Ferenczi für den organischen Zersetzungsprozeß
bei der progressiven Paralyse annehmen. (HoUös-FerenciJ, aur Analyse der
parajyt. Geistesstörung, Beih. V, 1923.)
jQ Das Trauma der Geburt
unbeeinflußten Analysanden von Anfang an die gleiche Tendenz
zeigten, die analytische Situation vom ersten Augenblick mit der intra-
uterinen zu identifizieren. In einigen gleichzeitig begonnenen Fällen
von ganz verschiedenem Charakter- bzwr. Neurosentypus haben die Ana-
lysanden — gleicherweise Männer und Frauen — den Analytiker gleich
zu Beginn in der unzweideutigsten Weise mit der Mutter identifiziert
und sich selbst in ihren Träumen und sonstigen Reaktionen in die
Situation des Ungeborenen zurückversetzt.^ Daraus ergibt sich, daß
die eigentliche Übertragungslibido, die wir bei beiden Geschlechtern
analytisch aufzulösen haben, die mütterliche ist, wie sie in der präna-
talen physiologischen Bindung zwischen Mutter und Kind gegeben war.
Wenn man sich mit dieser Auffassung näher vertraut gemacht, hat,
scheint es einem bald, als hätte man eigentlich stillschweigend oder
besser gesagt, unbewußt immer damit gearbeitet; zugleich wird man *
aber mit Erstaunen gewahr, wie Vieles überdeutlich für sie spricht und
wie manches Dunkle und Rätselhafte an der Analyse und insbesondere
am Heilungsvorgang mit einem Schlage schwindet, sobald man das
wahre Wesen und die wirkliche Bedeutung dieser Tatsache bewußt und
voll zu erfassen vermag.
Zunächst scheint die analytische Situation selbst, die sich ja histo- |
risch aus der hypnotischen entwickelt hat', das Unbewußte direkt zum
Vergleich mit dem Urzustand herauszufordern. Die ruhige Lage im halb- ; J
dunkeln Raum, das Hindämmern in einem von realen Anforderungen ';
\) Auch dieses Beweisraaterial werde ich, so wie es sich der Beobachtung
darbot, in einer vorbereiteten Publikation über „Die Technik der Traum-
deutung in der Psychoanalyse« mitteilen.
2) Der hypnotische Schlaf, der wie alle ähnlichen Zustände in den „Wieder"-
Geburtsträumeii als typisches Element des Intrauterinzustandes auftritt, legt die
Vermutung nahe, daß das Wesen der Hypnose selbst wie der hypnotischen Be-
einfluß barkeit auf die Urbeziehung des Kindes zur Mutter zurückgeht. Übrigens
hat schon vor vielen Jahren Poul Bjerre einen ähnlichen Gedanken aus-
gesprochen. („Das Wesen der Hypnose.")
TT ^
Die analytische Situation il ,i
•i
fast freien Zustand des Phantasierens (Halluzinierens), die Gegen wart und
gleichzeitige Unsichtbarkeit des Libidoobjektes u. a. m. Aus dieser un- |
bewußten Auffassung der analytischen Situation erklärt sich dann zwang- J
los, wieso der Patient spontan dazu kommen konnte, mit seinen Assozia- y..
tionen, deren unbewußte Ziel Vorstellung die mütterliche Ursituation ist, '■ }
in die Kindheit zurückzugehen und so den Analytiker auf die Bedeutung !
des infantilen Materials und infantiler Eindrücke zu führen; es ent- '.
sprechen die so gerichteten Assoziationen auch vom Bewußtsein her einer
asymptotischen Annäherung an jene primäre Übertragungsein Stellung,
in der sich das Unbewußte des Patienten von Anfang an befindet.
Die gesteigerte Erinnerungsfähigkeit in der Analyse, insbesondere
für vergessene (verdrängte) Eindrücke der Kindheit, erklärt sich also,
wie die ähnliche Erscheinung in der Hypnose, aus der vom „Drängen"
des Arztes (Übertragung) ermunterten Tendenz des Unbewußten, „das
Eigentliche", nämlich die Ursituation, zu reproduzieren, wie dies bei-
spielsweise in den gleichfalls hyperranestischen Zuständen des Traumes,
gewissen neurotischen Zuständen (double conscience) oder psychotischen
Rückbildungen (das sog. „archaische Denken") automatisch geschieht.
In diesem Sinne sind gewissermaßen alle infantilen Erinnerungen als
„Deckerinnerungen" aufzufassen und die ganze Reproduktionsfähigkeit
wäre überhaupt der Tatsache zu verdanken, daß die „Urszene" eben nie
erinnert werden kann, weil die peinlichste aller „Erinnerungen", das
Trauma der Geburt „assoziativ" daran geknüpft ist. Die ans Unglaub-
liche grenzende Sicherheit der Technik des „freien Einfalls" erhielte
auf diese Weise ihre biologische Begründung. Wir wollen aber der ver-
lockenden Versuchung nicht nachgeben, das ganze psychophysische
Problem des Gedächtnisses von diesem archimedischen Punkt aus in
Angriff zu nehmen, von dem der ganze Verdrängungsprozeß seinen
Ausgang nimmt und analytisch leicht rückgängig zu machen ist/ Nur
der Vermutung sei hier Ausdruck gegeben, daß die Urverdrängung des
i) Siehe den letzten Abschnitt.
j2 Das Trauma der Geburt
Geburtstraumas als Ursache des Gedächtnisses überhaupt, d. h. der par-
tiellen Merkfähigkeit anzusehen wäre; also der Tatsache, daß Einzelnes
im Sinne einer Auslese haften bleibt, weil es einerseits von der Ur-
verdrängung angezogen wird, um anderseits späterhin als Ersatz des
eigentlich Verdrängten, des Urtraumas, reproduziert zu werden.'
Es steht dann in gutem Einklang mit dieser frühesten, einmal real
durchlebten Phase der Mutterbindung, daß sich der analytische Wider-
etand gegen das Aufgeben derselben am Vater (-Substituten) abspielt,
der ja auch tatsächlich den ersten Anstoß zur Urlösung von der Mutter
gegeben hatte und so zum ersten und dauernden Feind geworden war.
Dem Analytiker, der im Verlaufe der Behandlung beide infantilen
Libidoobjekte repräsentiert, fällt dann die Aufgabe zu, die Urfixierung
an die Mutter zu lösen, was der Patient eben nicht allein imstande war,
und sie — je nach dem Geschlecht des Patienten auf die Vater- bzw.
Mutter-Imagines — weiter übertragungsfähig 2U machen. Ist ihm dies
durch Überwindung des Urwiderstandes, der Mutterfixicrung, zunächst
inbezug auf die eigene Person gelungen, so setzt er der Analyse einen
fixen Termin, innerhalb dessen der Patient automatisch die neue Lö-
sung von der Mutter(-ersatz)figur in Form der Reproduktion des Ge-
burtsaktes wiederholt. Somit erscheint die oft gestellte Frage, wann eine
Analyse zu Ende sei, in diesem Sinne beantwortet, indem eine bestimmte
Dauer zum Ablauf dieser Prozesse natürlicherweise notwendig Ist und
ihre biologische Erkläi-ung und Rechtfertigung aus der Auffassung erhält,
i) Es würde zu weit führen, dieses wichtige Thema hier im Detail m ver-
folgen. Bei einer Patientin mit phänomenalen Gedächtnisleistungen ließ sich
analytisch leicht feststellen, daß ihre ganze Kunst auf der intensiven Verdrän-
gung eines schweren Geburtstraumas beruhte. Uir Assoziation sapparat war auf
eine Unzahl von Geburtsdaten verwandter, bekannter und historischer Per-
sonen aufgebaut, auf Grund deren sie dann weitere inhaltliche Verknüpfungen
herstellte. Von hier aus fallt auch ein neues Licht auf die so problematisch ge-
wordene Analyse von Zahlen ein fällen, in denen fast immer Geburtsdaten
als die Assoiiationszentren erscheinen. — Siehe dazu auch das weiter unten
über die Zeit Gesagte.
\im».,L,^K;.t^mM
Die analytische Situation iß j
daß dieAnaljse dem Patienten die nachträgliche Erledigung des Geburts- J
traumas durch einen entsprechenden zeitlichen Ablauf ermöglichen soll. -. ^
der unter diesem therapeutischen Gesichtspunkt allerdings in weitgehen- ■ '
dem Maße regulierbar wird.' Natürlich zeigt der Patient hinter all
seinen Widerständen immer die Tendenz, die in so hohem Maße be- i
friedigendeanalytischeSituatiuninsEndlosezu verlängern*, was von An- i
fang an Gegenstand der Analyse seiner Fixieningstendenz werden muß. '
Auch das erfolgt eigentlich automatisch durch strenge Einhaltung
der Freudschen Regel, die vorschreibt, den Patienten täglich eine
gleiche Zeitspanne, und zwar eine volle Stunde zu sehen. Jede dieser
Stunden repräsentiert für das Unbewußte des Patienten eine kleine
Analyse in nuce, mit der neuerlichen Fixierung und allmählichen Lö-
sung, was bekanntlich die Patienten am Anfang recht schlecht ver-
tragen.'' Sie empfinden schon das im Sinne der Lösung von der Mutter
als eine zu „aktive Therapie'', während anderseits die Neigung, dem
Analytiker überhaupt zu entlaufen, sich als Tendenz zur allzu direkten
Wiederholung des Geburtstraumas erkläit, welches eben die Analyse
durch eine allmähliche Ablösung zu ersetzen hat.
i) Vgl. Meiu auch meine Erläuterungen in der gemeinsamen Arbeit mit
Ferenczi: Entwicklungswege der Psychoanalyse (1924},
2) Bekannt ist ja, wie häufig dahei die Dauer der Gravidität (7—10 Monate)
bevorzugt wird, was aber nicht bloß auf die bekannte Schwangerschaf tsphantasie
(Kind vom Vaterl, sondern in tiefster Schichte auf die eigene Geburt bezug hat
Vgl. dazu auch die bekannten Kuren von D^j^rine, der seine Patienten wie^
Gefangene behandelt: sie im verdunkelten Raum von aUer Welt abscldießt und
ihnen sogar das Essen durch eine Öfüiung reichen läßt; nach einer gewissen
Zeit sind sie dann froh, aus diesem Kerker entlassen zu werden.
5) Viele von ihnen können nicht erwanen, bis der Analytiker sie wegschickt,
sondern wollen dies selbst bestimmen, sehen öfter nach der Uhr, andere — oder
auch dieselben — erwarten einen Händedruck zum Abschied usw.
VgLdazu auch das von Ferenczi beschriebene passagfere Symptom„Schwin-
delempfindung am Schluß der Analysenstunde" {Zscbr. 1914), wo die Fat. auf das •
psychische Trauma der plötzlichen Trennung mit einer analogen Störung des
Gleichgewichtes — als Jiysterischem Symptom — reagieren.
»*•
F
Die infantile Angst
Der nächste Schluß, den wir aus diesen analytischen Erfahrungs-
tatsachen und ihrer uns nahegelegten Auffassung ziehen müssen, ist
der, daß das Unbewußte des Patienten die analytische Heilungssituation
dazu benützt, um das Trauma der Geburt zu wiederholen und so teil-
weise abzureagieren. Bevor wir aber verstehen können, wie sich das Ge-
burtstrauma in den einzelnen Krankheitssymptomen auswirkt, müssen
wir zunächt seine allgemein-men schiische Wirkung in der Entwicklung
des normalen Individuums, namentlich in der Kindheit, verfolgen. Der
Freudsche Satz, daß Jeder Angstaffekt im Grunde auf die physio-
logische Geburtsangst (Atemnot) zurückgehe, soll uns dabei als Leit-
linie dienen.
Betrachten wir die seelische Entwicklung des Kindes unter diesem
Gesichtspunkt, so können wir ganz allgemein sagen i der Mensch scheint
viele Jahre — nämlich seine ganze Kindheit — zu brauchen, um dieses
erste intensive Trauma in annähernd normaler Weise zu überwmden.
Jedes Kind hat normalerweise Angst und man kann mit einer gewissen
Berechtigung vom Standpunkt des gesunden, erwachsenen Durch-
schnittsmenschen die Kindheit des Einzelnen als dessen Normalncurose
bezeichnen, die sich eben nur bei gewissen — darum infantil geblie-
benen oder so geheißenen — Individuen, den Neurotikern, ins reife
Alter fortsetzt.
Untersuchen wir, an Stelle zahlloser Beispiele mit dem gleichen ein-
fachen Mechanismus, den typischen Fall der Kinderangst, die eintritt.
Die infantile Angst jj
wenn das Kind allein im dunkeln Raum {meist im Schlafzimmer,
beim Zubettgehen) gelassen wird. Diese Situation erinnert das dem
ürtrauma noch näherstehende Kind offenbar an die Mutterleibssituation
— allerdings mit dem bedeutsamen Unterschied, daß das Kind nun^
mehr bewußterweise von der Mutter getrennt ist, deren Leib nur durch
das dunkle Zimmer oder warme Bett „symbolisch" ersetzt erscheint.
Die Angst verschwindet, nach der glänzenden Beobachtung von Freu d ,
sobald dem Kinde das Dasein (die Nähe) der geliebten Person wieder
bewußt wird (Berührung, Stimme usw.).'
An diesem einfachen Beispiel läßt sich der Mechanismus der Angst-
auslÖsung, der dann bei den Phobikern fast unverändert wiederkehrt
(Klaustrophobie, Eisenbahn-Tunnel -Reise- Angst usw.), als unbewußte
Reproduktion der Geburtsangst verstehen und zugleich auch die
reale Grundlage der Symbolisierung studieren; nicht zuletzt die
Bedeutung des Getrenntseins von der Mutter und die bei-uhigende
„therapeutische" Wirkung der wenn auch nur partiellen oder „symbo-
lischen" Wiedervereinigung mit ihr.
Indem wir uns die weittragenden Erörterungen über diese vielver-
heißenden Ausblicke für spätere Abschnitte aufsparen, fassen wir eine
zweite, gleichfalls typische Angstsituation des Kindes ins Auge, die noch
näher an den wirklichen tief verdrängten Sachverhalt rührt. Das ist die
universelle kindliche Angst vor Tieren, zu deren Erklärung wir trotz
ihrer häufigen Beziehung auf Raubtiere (Fleischfresser, wie den Wolf)
nicht auf einen ererbten Furchtinstinkt der Menschheit rekurrieren
müssen, was schon daraus hervorgeht, daß sich ein solcher nicht auf
die seit Jahrtausenden domestizierten Haustiere beziehen könnte deren
Harmlosigkeit und Ungefährüchkeit von unzähligen Generationen Er-
wachsener ebenso erfahren und erlebt wurde wie die Gefährlichkeit
der Raubtiere ; man wollte denn auf die Urzeiten des Menschen - oder
gar auf seine biologischen Vorstufen (wie z . B. Stanley Hall u. a.) — .
i) Siehe: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, 1905, 8.7^, Fußnote.
j^ Das Trauma der Geburt
zurückgreifen, und damit auf die wilden Vorfahren unserer Haustiere,
um eine typische Angstreaktion zu erklären, die in unserer individuellen
Entwicklung ihren Ursprung hat. Für die Wahl dieser Angstobjekte,
die ursprünglich nach der dem Kind imponierenden Größe (Pferd,
Rind usw.) erfolgt, sind ganz andere, nämlich psychologische („symbo-
lische") Momente maßgebend. Wie die Analysen kindlicher Phobien
unzweifelhaft gezeigt haben, bezieht sich die Größe bzw. Dicke (Leibes-
umfang) der Angsttiere auf die Gravidität, an die das Kind, wie wir
zeigen können, mehr als eine dunkle Erinnerung hat, und die Raub-
tiere liefern dann eine auch für den erwachsenen Psychologen schein-
bar noch ausreichende Rationalisierung für den Wunsch — durch Ge-
fressenwerden — in den tierischen Leib der Mutter zurückzugelangen.
Die Bedeutung der Tiere als Vaterersatz, die Freud aus der Neurosen-
psychologie für das Verständnis des Totemismus fruchtbar gemacht
hat, bleibt durch die Auffassung nicht nur unberührt, sondern erhält
eine vertiefte biologische Bedeutung, indem sie zeigt, wie durch Ver-
schiebung der „Angst" auf den Vater (das Totemtier, das man
selbst frißt) der lebensnotwendige Verzicht auf die Mutter gesichert
wird. Denn dieser gefürchtete Vater verhindert das Zurückgehen zur
Mutter und damit die Auslösung der viel peinlicheren Urangst, die
sich aufs mütterliche Genitale, als dem Ort der Geburt, wie späterhin
auf alle seine Ersatzobjekte, bezieht.
Das ebenso häufige, aber fast regelmäßig mit Grauen gemischte Angst-
gefühl kleiner enTieren gegenüber hat die gleiche Grundlage und verrät
-in der „Ünheimlichkeit" dieser Objekte auch deutlich diese Herkunft.
Aus der Analyse solchet Phobien oder Angstträume, die ebenso, wenn
auch weniger häufig, beim Mann als bei der Frau gefunden werden,
ergibt sich mitallerDeutlichkeit, daß die Unhcimlichkeit dieser kleineren
Kriechtiere wie Maus, Schlange, Kröte, Käfer usw. auf deren Eigen-
schaft zurückgeht, in kleinen Erdlöchem usw. spurlos zu verschwinden.
Sie zeigen also den Wunsch nach Rückkehr in das mütterliche Versteck
Die infantile Angst jj
restlos erfüllt und das Grauenhafte, das ihnen anhaftet, rührt daher,
daß sie dabei selbst die eigene Tendenz realisieren, als deren Objekt
man sich vor ihnen entsetzt.^ Während man also in die großen Tiere
immer noch im Sinne der, wenn auch verdrängten (Angst) Ursituation
eindringen kann, liegt das Unheimliche der kleinen Tiere in der
Gefahr, daß sie selbst in den eigenen Körper eindringen können.
Übrigens sind die ganz kleinen Tiere wie Insekten usw. von der
Psychoanalyse schon längst als symbolische Darstellung von Kindern
bezw. Embryonen aufgefaßt worden; wohl nicht nur wegen der Klein-
heit, sondern auch wegen ihrer Vermehrungsfähigkeit (Fruchtbarkeits-
symbol).^ Zum Penis- „Symbol" oder besser gesagt Penis- Ideal werden
i) Ein kleines Maderl von 3Y4 Jahren, das sich ebenso oder mehr vor kleinen
als vor großen Hunden fürchtet, hat auch Angst vor Insekten (Fliegen, Bienen
usw.). Auf die Frage der Mutter, warum sie sich denn vor diesen kleinen Tieren
die ihr ja nichts tun könnten, fürchte, erwidert die Kleine ohne Zögern: , Sie können
mich doch schlucken!" Dabei aber macht sie beim Herannahen kleiner Hunde
die gleichen charakteristischen Abwehrbewegungen wie etwa eine Erwachsene
gegen eine Maus: Sie beugt, indem sie die Beine fest zusammenpreßt, die Knie
so tief, daß sie ihr Kleidchen bis ganz zum Boden ziehen und sich damit be-
decken bann, als wollte sie das „Hereinschlüpfen" verhindern. Ein andermal
direkt um die Ursache ihrer Bienenangst von der Mutter befragt, erklärt sie
widerspruchsvoll, sie wolle in den Bauch der Biene hinein und doch wieder nicht.
2) Zuletzt noch bei Freud: Massenpsychologie, igai, S. 126. — Für die
Schmetterlingsangst konnte Freud zeigen, daß das Öffnen und Schließen der
Flügel das auslösende Moment ist, welches wieder eindeutig an das GebÜrorgan
„erinnert". (Vgl. dazu das weitverbreitete mythische Motiv der Symplegaden
oder Klappfelsen.)
Die Spinne ist ein deutliches Symbol der unheimlichen Mutter, in deren
Netz man gefangen wird. Man vgl. dazu die „unbewußte Geburtsphantasie",
die F e r en c zi aus der Tagebuch-Beschreibung des Angstanfalles eines Patienten
wiedergibt („Introjektion und Übertragung", Jahrb. I, 1909, S.450/51, Fußnote):
„Die Hypochondrie umspinnt meine Seele, wie ein feiner Nebel, oder eher wie
ein Spinngewehe, so wie Schimmelhlumen den Morast bedecken. Ich habe das
Gefühl, als stäke ich in so einem Sumpf, als müßte ich den Kopf herausstecken,
um atmen zu können. Zerreißen, ja zerreißen möchte ich das Spinngewebe.
Aber nein, es gebt nicht! Das Gewebe ist irgendwo befestigt — man müßte
a Rank
i
l8 Das Trauma der Geburt
sie aber eberj nur durch ihre Fähigkeit des restlosen Eindringen-
könnens, wobei ihre wesentliche Eigenschaft, die besondere Kleinheit,
die sogar zti ihrer Deutung als Spermatozoen oder weiblichen Eiern
geführt hat, direkt auf den Mutterleib als ihren Aufenthaltsort hinweist.
So ist das (große) Tier zuerst lust- dann angstbesetztes Muttersymbol,
dann durch Verschiebung der Angst im Sinne der Phobien hemmender
Vaterersatz, um schließlich auf dem Umweg der sexuellen Tierbeobach-
mng und der kleinen Tiere, die FÖtus wie Penis symbolisieren, wieder
mit maternaler Libido besetzt zu werden.
Diesen Zusammenhängen verdankt eine Reihe von kleinen Tieren
auch dieAuffassungalsSeelentiere im Volksglauben. Am bekanntesten
ist dies von der Schlange, deren phallische Bedeutung zweifellos auch
auf die Leichtigkeit des vollständigen Eindringens und Verschwin-
dens im (Erd-) Loch zurückgeht. '
Dies zeigt der bekannte Tiergeisterglaube der Australier und ge-
wisser zentralasiatischer Stämme, wonach die Kinder in Gestalt kleine-
rer Tiere in die Mutter eingehen, und zwar meist durch den Nabel. So
glauben die Eingeborenen von Kap Bedford, „daß die Knaben in Ge-
stalt einer Schlange, die Mädchen als kleine Brachschnepfen in den
Leib der Mutter eingehen."' Diese ganz primitive Vereinigung von
Kind und Phallus — der Phallus geht ganz in die Frau ein und wächst
dort zum Kind heran — wirkt noch im Volksglauben und im Märchen
als „Körperseele" nach, wo die Seele des Schlafenden oder Verstorbenen
die Pfähle herausreißen an denen es hangt. Geht das nicht, so müßte man sich
durch das Netz langsam durcharheiten, um Luft zu schöpfen. Der Mensch ist
doch nicht dazu da, um von solch einem Spinngewebe uraschleiert, erstickt, dee
Sonnenlichts beraubt lu werden,"
i) Daß die Eigenheit besonders großer Schlangen, ihre Beute lebendig im
Ganzen hinunterzuwürgen, wobei ihr Leib aufschwillt, in diesen Vorstellungs-
kreis hineingehört, erscheint mir ebenso zweifellos wie die andere Auffälligkeit
ihrer Häutung (Wiedergeburt).
3)e. Artikel „Aberglaube" von F. Reitzenstein im „Handwörterbuch der
Semalwisseaschaft", hg. von Max Marcuse, 1925, S, 5.
Die infantile Angst ip
in Gestalt solcher Tiere (Maus, Schlange usw.) aus dem Munde schlüpft,
um nach einiger Zeit wieder durch den Mund in denselben Menschen
(Traum) oder in einen anderen {Befruchtung, Neugeburt) einzugehen,'
Hier schließt sich der uralte Volksglaube von der Gebärmutter als ei-
nem Tier an, Äer bis jetzt noch keine Erklärung gefunden hat/ aber
vermutlich auch mit der Vorstellung von dem in den Mutterleib hinein-
gekrochenen und nicht wieder herausgekommenen Tier zusammen-
hängt, also sich in letzter Linie auf den Inhalt der befruchteten Ge-
bärmutter bezieht. So soll z. B. im Braun seh weigischen in den ersten
24 Stunden nach der Geburt das neugeborene Kind nicht bei der
Mutter liegen, „sonst kann die Gebärmutter keine Ruhe finden und
kratzt im Innern der Frau, wie eine große Maus.^ Sie kann auch im
Schlafe aus dem Munde hervorkriechen, sich baden und auf demselben
Wege zurückkehren", wie in der von Panzer mitgeteilten Sage von
einer Wallfahrerin, die sich zur Ruhe ins Gras gelegt hat (Beiti-. z. d.
Mythologien, 195). Kann sie den Rückweg nicht finden, dann wird die
Frau unfruchtbar.
Der Hinweis auf diese typischen Angstsituationen der Kinder und
ihre völkerpsychologischen Parallelen dürfte genügen, um zu zeigen,
1) Im malayischen Panany-Märcheii hat sich die ostafrikanisclie Todesschlanee
zu einem Seelenwurm entwickelt, der nach 6 bis 8 Monaten mittels eines in
die Erde gesteckten Bambusrohres aus dem Grab hervorkommt. (Nach H. L.
Held: Schlangenkultus. Atlas Africanus, H. III, München 192a.)
2) Daß dies meist die Kröte ist, die sich in dunkeln unzugänglichen Löchern
verkriecht (ihr Name kommt davon), würde gut dazu stimmen. Siehe „Die Kröte,
ein Bild der Gebärmutter" von Karl Spieß (Mitra I, Sp. 209 ft., 1914, Nr. 8). —
Schon im alten Ägypten wurde die Geburtsgöttin froschköpfig gedacht (siehe
Jacoby und Spiegelberg; Der Frosch als Symbol der Auferstehung bei den
Ägyptern. Sphinx VII.) ; anderseits weist der Kopf unserer Gebärmutter- Kröte
zuweilen menschliche Züge auf (s. Abb. 7 bei Spieß I. c. Sp. 2 17), Über die gleiche
Bedeutung der Kröte im alten Mexiko vgl. Ernst Fuhrmann: Mexiko lU,
S. 20 ff. (Kulturen der Erde, Bd. XIIT, Darmstadt 1922).
5) s. Art. Aberglaube 1. c.
20 Das Trauma der Geburt
was wir meinen. Bei genauer Erforschung der Umstände, unter denen
die Kinderangst auftritt, wird man finden, daß tatsächlich der Angst-
affekt des Geburtsaktes im Kinde unerledigt weiterwirkt und jede Ge-
legenheit, die irgendwie — meist „symbolisch" — daran „erinnert",
dazu benützt wird, um den unerledigten Affekt immer und immer aufs
neue abzureagieren (Pavor nocturnus). Wenn man so die von Freud
erkannte Herkunft des Angstaffektes aus dem Geburtsvorgang ernst und
wörtlich zu nehmen sich getraut — und dazu nötigt uns die Reihe
der mitgeteilten Erfahrungen — so wird man leicht erkennen, wie jede
Äußerung infantiler Angst einer partiellen Erledigung der
Geburtsangst entspricht. Der unabweisbaren Frage, woher die Ten-
denz zur Wiederholung eines so starken Unlustaffektes stammen könnte,
werden wir später bei Erörterung des Lust-Unlust-Mechanismus näher-
treten, möchten iedoch schon hier auf die ebenso unzweifelhafte ana-
lytische Tatsache verweisen, daß ganz wie jeder Angst die Geburtsangst
zugrunde liegt, jede Lust letzten Endes zur Wiederherstellung
der intrauterinen Urlust tendiert. Schon die normalen, von der
Analyse als libidinös erkannten Funktionen des Kindes, die Nahrungs-
aufnahme (Saugen) und die Ausstoßung der Stoffwechsolprodukte ver-
raten die Tendenz, die unbeschrankten Freiheilen des pränatalen Zu-
standes so lange als möglich fortzusetzen. Wie wir aus der Analyse der
Neurotiker wissen, gibt das Unbewußte diesen Anspruch, den das Ich
zugunsten der sozialen Anpassung zurückstellen muß, niemals auf, und
ist jederzeit bereit, in Zuständen seiner Vorherrschaft, die sich der Ur-
situation annähern (Traum, Neurose, Coma), damit hervorzutreten.
Deutlicher noch zeigen die aus dem zu intensiven Festhalten an die-
sen Lustquellen folgenden „Kinderfehler" Herkunft und Tendenz
dieser Libidobefriedigungen: nämlich das Lutschen einerseits, das Be-
nässen und Beschmutzen anderseits, wenn sie zeitlich oder ihrer Inten-
sität nach über ein gewisses Maß hinausgehen (z. B. iu dem exquisit „neu-
rotischen" Symptom der Enuresis nocturna). In der vom Bewußtsein
Die infantile Angst 21
unkontrollierbaren, scheinbar automatischen Entleerung des Urins und
des Kotes („als Liebesbeweis" für die Mutter) benimmt sich das Kind so,
als wäre es noch im Mutterleib: inter faeces et urinas;^ auf ähnlichen
Mechanismen ruht der sprichwörtliche Zusammenhang von Angstaffekt
und Defäkation. Der Ersatz der zeitweise oder nach der Entwöhnung
gänzlich vermißten Mutterbrust durch einen Finger zeigt dagegen den
ersten Versuch des Kindes, den Körper der Mutter durch den eigenen
Korper („Identifizierung"), bzw. einen Teil desselben zu ersetzen, wobei
die rätselhafte Bevorzugung der Fußzehen deutlich die Tendenz nach
Wiederherstellung der intrauterinen Körperstellung verrät.' Vom Lut-
schen sowohl wie von der lustvollen Harnentleerung (Enuresis) führen
die von der Analyse aufgedecktenWege zum „Kinderfehler" kat exochen,
der genitalen Masturbation (s. auch den späteren Ersatz der Eniuesis : die
Pollution), welche den endgültigen und großartigsten Ersatz der Wieder-
vereinigung mit der Mutter, den Sexualakt, einleitet und vorbereiten
hilft. Der Versuch, das angstbesetzte (mütterliche) Genitale sexuell zu
besetzen, macht Schuldgefühl, indem die maternale Angst nach dem
Mechanismus der Phobie an den Vater gebunden wird. Auf diesem
Wege erfolgt die teilweise Verwandlung der Urangst in (sexuelles)
Schuldgefühl, wobei man oft sehr schön beobachten kann, wie die ur-
sprünglich mütterliche Tierangst in die deutlich auf Sexualverdrängung
beruhende Vaterangst übergeht, die durch Verschiebung auf Räuber,
Einbrecher (Schwarzer Mann usw.) einwandfrei im Sinne des phobi-
schen Mechanismus rationalisiert werden kann. Hierbei entsteht die sog.
i) Das Klosett erscheint im Traum als tj-pische Mutterleibsdarstelluiig (be-
reits bei Stekel: Die Sprache des Traumes, igii).
2) Nach einer mündlichen Mitteilung des Wiener Kinderarztes J. K. Fiied-
jung konnte er nicht selten Kinder beobachten, die mit dem Finger im Mund
zur Welt kamen. Dies zeigt die Tendenz zur unmittelbaren Ersetzung der Mut-
ter in „statu nascendi". — In letzter Zeit sollen Versuche über die Reflexerregbar-
keit beim Fötus gezeigt haben, daß schon etwa im 6. — j. Monate Saugreflexe
auslösbar sind.
22 Das Trauma der Gehurt.
Realangst deutlich als Bindung und Abfuhr der verschobenen Urangst,
wobei die Verwandlung der mütterlichen Raumangst in die väterliche
Eindringensangst vollkommen dem Verhalten zu den großen (mütter-
lichen) und den kleinen (phallischen) Tieren entspricht.
An dieser Stelle wird sich voraussichtlich ein Einwand von psycho-
analytischer Seite selbst erheben, den wir aber um so leichter zu er-
ledigen hoffen. Die Erfahrung, daß jede Angst des Kindes der Ge-
burtsangst entspricht (und jede Lust des Kindes zur Wiederherstellung
der intrauterinen Urlust tendiert), könnte im Hinblick auf die sog.
Kastrationsangst, die neuestens so stark betont wurde, in ihrer
Allgemeingültigkeit angezweifelt werden. Doch scheint mir leicht
verständlich, daß die kindliche Urangst sich im Laufe der Entwick-
lung ganz besonders an das Genitale heftet, eben wegen seiner ge-
wiß dunkel geahnten (oder erinnerten) faktischen biologischen Be-
ziehung zur Geburt (und Zeugung). Es ist begreiflich, ja eigentlich
selbstverständlich, daß gerade das weibliche Genitale als der Ort des
Geburtstraumas dann bald wieder zum Hauptobjekt des ursprüng-
lich von dorther stammenden Angstaffektes wird. So basiert die Be-
deutung der Kastrationsangst, wie schon Stärcke gemeint hat,^ auf
der „Urkastration" der Geburt, d. h. der Trennung des Kindes von der
Mutter.' Nur erscheint es nicht gerade zweckmäßig, dort schon von
„Kastration zu sprechen, wo es sich noch nicht um eine deutlichere
Beziehung der Angst aufs Genitale handelt, als sie durch die Tatsache
der Geburt aus dem (weiblichen) Genitale gegeben ist.^ Eine starke
heuristische Stutze findet diese Auffassung darin, daß sie uns zwanglos
das Rätsel der Ubiquität des „Kastrationskomplexes" löst, indem sie ihn
i) A. Stärcke; Psychoanalyse und Psychiatrie (Beiheft IV), 1921.
2) In Endträumen der analytischen Kur fand ich den Phallus öfters als
„Symbol" der Nabelschnur verwendet.
5) Siehe auch Freud: Die infantile Genitalorganisation. Zschr. IX/a, 1925.
(Erst nach Abschluß dieser Arbeit zitiert.)
▲.
I
Die infantile Angst 2}
auf die unbestreitbare Allgemeinheit des Geburtsaktes zurückführen
kann; ein Gesichtspunkt, der sich für das volle Verständnis und die
reale Fundierung auch der anderen „Urphantasien" von der größten
Bedeutung erweisen wird. Auch glauben wir nun besser zu verstehen,
warum die „Kastrationsdrohung" regelmäßig eine so kolossale und nach-
haltige Wirkung auf das Kind ausübt, — übrigens auch, warum die
kindliche Angst und das daraus stammende, vom Geburtsakt „mitge-
brachte Schuldgefühl durch keinerlei Erziehungsmaßnahmen zu ver-
meiden oder durch die üblichen analytischen Aufklärungen zu beheben
ist.' Die Drohung trifft nicht nur auf das dunkel erinnerte Urtrauma,
bzw. die dasselbe repräsentierende unerledigte Angst, sondern bereits
auf ein zweites voll bewußt erlebtes und der Nachdrängung verfallenes
Unlusttrauma, die Entwöhnung, dessen Intensität und Nachhaltig-
keit lange nicht der des ersten gleichkommt, ja ein gut Teil seiner
„traumatischen" Wirkung dem voraufgegangenen verdankt. Erst an
dritter Stelle tritt dann das in der Individualgeschichte regelmäßig
phantasierte, höchstens als Drohung erlebte Genitaltrauma' der
Kastration, das aber gerade wegen seiner Unrealität besonders prädis-
poniert scheint, den größten Teil des natalen Angstaffektes als Schuld-
gefühl zu übernehmen, das sich tatsächlich, ganz im Sinne des biblischen
Sündenfalls, an die Trennung der Geschlechter, die Verschiedenheit
i) Siehe daiu Melanie Klein: Eine Kinderentwicklung, Imago,Bd.VII igzi.
2) Die typische Zweiheit, welche als Abwehr- und Trostsymbol der
Kastration den Verlust des einen unersetzlichen Gliedes (oft durch eine Viel-
heit) kompensieren soU, scheint ursprünglich dem Entwöhnungstrauma zuzuge-,
hören und auf die Möglichkeit der Ernährung an beiden Brüsten zurück-
augehen, wobei tatsächlich die eine Brust den „Verlust" der anderen ersetzt.
Auch die „symbolische" Verwendung der Testikel erweist sich nicht selten
als Mittelsvorstellung zwischen den Brüsten und dem Penis, wie das Kuheuter
(vgl. dazu Stekels symbolische Gleichung der „paarigen Organe").
In einer andern Schichte scheint die Zweiheit der Kastrationsabwehr der
infantUen Ironie gegenüber dieser Lüge der Erwachsenen zu dienen (siehe dazu
das Folgende im Text).
24 Das Trauma der Geburt
der Sexualorgane und -funktionell geknüpft erweist; das tiefste Unbe-
wußte, das immer geschlechtlich indifferent (bisexuell) bleibt, weiß da-
von nichts und kennt nur die primäre Urangst des allgemein-mensch-
lichen Geburtsaktes.
Im Vergleich mit den wirklich schmerzhaft erlebten realen Traumen
der Geburt und Entwöhnung scheint sogar eine tatsächlich erfolgte
Kastrationsdrohung die normale Abfuhr der Urangst als genitales Schuld-
bewußtsein insofern zu erleichtern, als ja das Kind den Unernst der
Kastrationsdrohung ebensobald entdeckt hat wie alle anderen Unwahr-
heiten der Erwachsenen. Dem Urtrauma gegenüber wirkt dann die bald
als leere Drohung entlarvte Kastrationsphantasie vielmehr als ein Trost,
daß ja doch die Trennung nicht erfolgen könne.' Von hier führt ein
direkter Weg zu den infantilen Sexual theorien (s. später S. 52 f.), welche
die „Kastration" (das weibliche Genitale) nicht anerkennen wollen,
offenbar um damit das Trauma der Geburt (Ur-Trennung) verleugnen
zu können.
Wir bemerken hier übrigens, daß jede spielerische Verwendung der
tragischen Urmotive, welche mit dem Bewußtsein der Irrealität einher-
geht, lustauslösend wirkt, indem sie die Negierung des Geburtstraumas
vortäuscht. So die typischen Kinderspiele, vom frühesten „ Verstecken "
{Guck-Guck)uberSchaukeln, Eisenbahn-, Puppen- undDoktorspielen,'^
welche übrigens, wie Freud sehr frühzeitig erkannt hatte, dieselben
Elemente wie die entsprechenden neurotischen Symptome, nur mit posi-
tivem Lustvorzeichen beinhalten. Das Versteckenspielcn (auch „Zau-
bern"), das die Kinder unermüdlich wiederholen, stellt die Situation der
1) Den gleichen Trost-Mechanismen finden wir bei den als Opferhandlungen
erkannten Fehlleistungen des Verlierens wieder: Man trennt sicli von einem
wertvollen Teil seines Ich anstatt selbst ganz „getrennt" zu werden („Der Ring
des Polykrates", der ins Meer geworfen wird, aber im Fischbauch wieder zur
Welt kommt.)
2) Die beiden letzten mit direktem Bezug auf das Kinderkriegen (Puppe=Fö-
tus in Träumen).
Die infantile Angst 2J
Trennung (und des Wiederfindens) als nicht ernst dar ; die rhythmischen
Bewegungsspiele (Schaukeln, Hopp-hoppreiten) wiederholen einfach den
embryonal empfundenen Rhythmus, der dann im neurotischen Sym-
ptom des Schwindels die zweite Seite seines Januskopfes zeigt. Bald wird
dann alles Spiel des Kindes irgendwie dem wesentlichen Gesichtspunkt
der Irrealität untergeordnet und die Psychoanalyse hat ja zeigen können,
wie daraus die höheren und höchsten lustspendenden Irrealitäten, die
Phantasie und die Kunst hervorgehen.' Selbst noch in den höchsten
Formen dieser Scheinrealität, wie sie beispielsweise die griechische Tra-
gödie repräsentiert, sind wir imstande, Angst und Schrecken zu ge-
nießen, indem wir dieseUrafTekte im Sinne von Aristoteles' Katharsis
abreagieren, ähnlich wie das Kind die angstvolle Situation der Trennung
als freiwilliges Verstecken," das beliebig leicht und oft rückgängig zu
machen und zu wiederholen ist.
Die aus dem Geburtstrauma stammende ständige Angstbereit-
schaft des Kindes, die sich gerne auf alles mögliche verschiebt, äußert
sich noch in ganz direkter, sozusagen biologischer Weise in dem auch
Itulturgeschichtlich bedeutsamen , charakteristischen Verhältnis des
Kindes zum Tode. Was uns dabei zunächst überrascht hat, war nicht
die Tatsache, daß das Kind die Todesvorstellung gar nicht kennt, son-
dern daß es auch hier, ähnlich wie auf dem Gebiete der Sexualität,
lange Zeit nicht imstande ist, entsprechende Erfahrungen und selbst
Aufklärungen in ihrer wirklichen Bedeutung zu akzeptieren. Es ist eines
der größten Verdienste Freuds, unsere Aufmerksamkeit auf diese ne-
gative Todesvorstellung des Kindes gelenkt zu haben, die sich darin
äußert, daß es beispielsweise verstorbene Personen wie zeitweise ab-
wesende behandelt. Bekannt ist auch, daß das Unbewußte diesen Stand-
i) Freud: Der Dichter und das Phantasieren, 1908.
2) Auch im Märchen, z. B. von den sieben Geißlein, hat das Verstecken die
Geburts-Rettungs- Bedeutung, d.h. der Rückkehr in den Mutterleib bei äußerer
Gefahr.
26 Das Trauma, der Gehurt
punkt niemals aufgibt, wofür nicht nur der unausrottbare, in immer
neuen Formen auflebende Unsterblichkeitsglaube Zeugnis ablegt, son-
dern auch die Tatsache, daß wir von Verstorbenen wie von Lebenden
träumen. Es wäre nun wieder gänzlich verfehlt, im Sinne unserer in-
tellektualistischen Einstellung zu glauben, das Kind könne die Todes-
vorstellung wegen ihrer Peinlichkeit und ihres Unlustcharakters nicht
akzeptieren; dies ist schon deswegen nicht der Fall, weil es sie a priori
ablehnt, ohne noch die Vorstellung ihres Inhalts vollzogen zu haben.
Überhaupt kennt das Kind keine abstrakte Todes Vorstellung, es reagiert
nur auf den erlebten Todesfall oder den geschilderten (erklärten) in-
bezug auf die ihm nahestehenden Personen. Totsein ist für das Kind
gleichbedeutend mit Fortsein (Freud), d. h. getrennt sein, was un-
mittelbar an das Urtrauma rührt. Das Kind akzeptiert also die bewußte
Todesvorstellung, indem es sie unbewußt mit der Urtrennung identi-
fiziert. Darum kann es den Erwachsenen roh erscheinen, wenn das Kind
einen unerwünschten Konkurrenten, etwa ein neues Geschwisterchen,
dessen Störung ihm unangenehm ist, tot wünscht, was so viel heißt,
wie wenn wir selbst jemandem sagen, er möge zum Teufel gehen, d. h.
uns allein lassen. Nur verrät das Kind ein weit besseres Wissen um den
ursprünglichen Sinn dieser „Redensarten" als die Erwachsenen, wenn
es beispielsweise dem störenden Geschwister eben rät, wieder dorthin
zu gehen, woher es gekommen sei. Dies meint das Kind ganz ernsthaft
und ist dazu auch imstande, wieder auf Grund jener dunkeln Erinne-
rung an den Ort, woher die Kinder kommen. Der Todesgedanke ist
somit von Anfang an mit einem starken unbewußten Lustaffekt, dem
der Rückkehr in den Mutterleib, besetzt, der sich durch die ganze
Geschichte der Menschheit, von den primitiven Bestattungssitten
bis zur Wiederkehr im spiritistischen Astralleib unvermindert er-
halten hat.
Aber nicht bloß die Todes Vorstellung des Menschen hat diesen
libidinösen Hintergrund, sondern auch gegen die bewußterweise als
Die infantile Angst ^7
real erkannte Vernichtung im Tode spielt der Mensch unbewußt den
Trumpf der pränatalen Existenz aus, welche den einzig wirklich er-
fahrenen Zustand jenseits des bewußten Lebens repräsentiert. Wenn das
Kind einen störenden Konkurrenten beseitigen will, ihm also den Tod
wünscht, so kann es dies nur mittels der eigenen lustvoUen Erinnerung
an den Ort tun, von wo es selbst gekommen ist und woher auch das
Geschwisterchen kam: von der Mutter. Man könnte auch sagen, es
wünscht sich selbst an den Ort zurück, wo es noch keinerlei Störungen
von außen gab. Die Berechtigung, in den kindlichen Todeswünschen das
eigene unbewußte Wunschelement zu betonen, erhellt aus dem Verständ-
nis der neurotischen Selbstvorwürfe, mit denen regelmäßig auf die zu-
fällige Erfüllung eines solchen Wunsches reagiert wird. Wenn man eine
nahestehende Person, gleichgültig welchen Geschlechts, verliert, so er-
innert diese Trennung wieder an die Urtrennung von der Mutter und die
schmerzliche Aufgabe, die Libido von dieser Person abzulösen, welche
Freud im Vorgang der Trauer erkannt hat, entspricht einer psychi-
schen Wiederholung des Urtraumas. An den verschiedenen Trauerriten
der Menschen wird unzweifelhaft klar, wie erst kurzlich Reik in einem
Vortrag gezeigt bat, ' daß der Trauernde sich mit dem Toten zu iden-
tifizieren trachtet, was zeigt, wie er ihn um die Rückkehr zur Mutter
beneidet. Die bedeutungsvollen Eindrücke, die tatsächlich frühverstor-
bene Geschwister im Unbewußten des Überlebenden, später oft neuro-
tisch Gewordenen zurücklassen, zeigen deutlich die unheimliche Nach-
wirkung dieser Identifizierung mit dem Verstorbenen, die sich nicht
selten darin äußert, daß der Betreffende sein Leben sozusagen unbewußt
in steter Trauer, d, h. in einem Zustande verbringt, der dem suppo-
nierten Aufenthaltsort des Verstorbenen verblüffend angepaßtist. Manche
Neurose läßt sich geradezu in ihrer Ganze als eine solche embryonale
Fortsetzung der unterbrochenen Existenz eines frühverstorbenen Ge-
i) „Tabnit, König von Sidon" (Wiener PsA. Vereinigung, März i9»3)-
2ö Das Trauma der Gehurt
schwisters verstehen und die Melancholie zeigt denselben Mechanismus ■
häufig a]s Reaktion auf einen aktuellen Todesfall.^
Das Kind beneidet den Toten um das Glück der Rückkehr zur Mutter
und dementsprechend knüpft die eigentliche Eifersucht auf das neue
Geschwisterchen, wie man in den Analysen noch deutlich sieht, in der
Regel an die Schwangerschaftsperiode, d.h. dessen Aufenthalt im Mutter-
leibe an, während die bekannte Abfindung mit der Tatsache des neuen
Konkurrenten durch Identifizierung mit der Mutter (das Kind vom Vater)
bald nach der Geburt beginnt (das Kind als lebende Puppe). In dieser
unbewußten Tendenz des Kindes, sich mit dem intrauterinen Geschwi-
sterchen, dessen bevorstehende Ankunft ihm ja genugsam angekündigt
wurde, 2u identifizieren, liegt das Wesentliche dessen beschlossen, was
man im Sinne der psychoanalytischen Forschungen als das Trauma
des zweiten Kindes (Geschwister-Trauma) bezeichnen könnte. Das
Wesentliche dabei besteht darin, daß das nachfolgende Kind die tiefste
Wunschtendenz des bereits vorhandenen, den Aufenthalt in der Mutter
realisiert, so aber ein- für allemal den Weg zur Rückkehr sozusagen
verlegt, was bestimmend für die ganze weitere Einstellung und Ent-
wicklung des Erst- oder Vorhergeborenen werden kann (siehe die Psycho-
logie des Jüngsten S. 107: „Die heroische Kompensation"). Von da aus
werden auch manche sonst unverständlicheZüge im erwachsenen Liebes-
leben (neurotische Kinderheschränkung usw.)—, wie gewisse organ-
neurotische Frauenleiden analytisch zugänglich (Pseudo-Sterilitätusw.).
Die Identifizierung des Todeszustandes mit der Rückkehr in den Mut-
terleib erklärt auch, warum die Toten in ihrer Ruhe nicht gestört werden
dürfen und warum eine solche Störung als die größte Strafe empfunden
wird. Dies beweist die sekundäre Natur der ganzen Wiedergeburts-
phantasie, welche keinen andern Sinn hat, als den ursprünglichen Zu-
stand wiederherzustellen. Dies zeigen auch verschiedene biologische
1) Es wäre der Mühe wert, in den Anamnesen Melancholischer darauf zu
achten, ob sie in der Kindheit einen Todesfall (in der Familie) erlebt haben.
Die infantile Angst 2^
i
Tatsachen, bei denen das von Jung irrtümlich für das Wesentliche
gehaltene ethisch-anagogische Element der Wiedergeburtsidee ausge-
schlossen ist.' Ein besonders lehrreiches Beispiel bildet eine bestimmte
Art der Cichliden, „Maulbrüter", deren Weibchen die Laichkörner bis
zur Reife in einem Kehlsack austragen." Bei der in Nordafrika leben-
den Art Haplocliromis strigigena, die ihre Eier an Pflanzen und Steine
heftet, wird erst den ausgeschlüpften Jungen der Kehlsack der
Mutter Zuflucht und Schutzorgan. Droht Gefahr oder kommt die Nacht,
dann öffnet die Mutter das Maul und eine ganze Schar der jungen
Haplochromen kriechen darin unter und bleiben so lange dort, bis die
Gefahr vorüber ist oder der Morgen graut. Dies Gebahreti ist besonders
interessant, weil es nicht bloß den durch die ganze Tierreihe hindurch-
gehenden physiologischen Schlaf als zeitweilige Rückkehr in den Mutter-
leib erweist, sondern weil gerade bei dieser Spezies die eigentliche
Brütung außerhalb des mütterlichen Körpers erfolgt (auf Steinen und
Pflanzen) und von diesen Tieren sozusagen später nachgeholt wird, weil
sie scheinbar nicht darauf verzichten können.
Andere Tiere, die nicht wie die Beuteltiere (Känguruh) die partielle
Rückkehr in den Mutterleib als Schutz haben, ersetzen diesen in einer
nur „symbolisch" zu nennenden Weise, wie beispielsweise die Vogel
,) Jung ist hier blind an den biologischen Tatsachen vorbeigegangen, weil
er sich gegen die „analytische" Regressionstendenz zu schützen suchte und dabei
die biologische übersali. So ist er oppositionell in die ethisch-anagogische Rich-
tung geglitten, welche die Idee der Wiedergeburt in den Mittelpunkt stellt, die
doch nur ein intcllcktualistischer Ausläufer ist („Wandlungen und Symbole der
Libido", Jahrbuch, IV, 1912, S. 267).
a) Die Mau Ibrut pflege findet sich bei zahlreichen Knochenfischen, ja sogar
vereinzelt unter den Wirbeltieren. S. Meisenbeimer: Geschlecht und Ge-
schlechter im Tierreich. Jena 1921, I. Band, Kap. 20: „Die Verwendung des
elterlichen Körpers im Dienst der Brutpflege", VIII. Stufe, S. 566 f. — Hierher
gehören auch die wunderbaren Ortsinstinkte der Zugvögel und Wanderfische,
die von jedem fremden Platz, an den man sie bringt oder an den sie selbst ge-
langen, ivieder an den Ort ihrer Geburt zurückkehren.
30 Das Trauma der Geburt
durch den Nestbau ' (den übrigens schon Jung heranzieht). Wir werden
hier darauf aufmerksam, daß das, was wir tierischen Instinkt nennen,
im wesentlichen die Anpassung der pränatalen Libido an die Außen-
welt beinhaltet, also die Tendenz, diese Außenwelt möglichst getreu
dem vorher erlebten Urzustand anzugleichen, während der Mensch auf
Grund seiner langen Graviditätsperiode und mit Hilfe der später ent-
wickelten höheren Denkfähigkeiten den wirklichen Urzustand auf alle
mögliche "Weise, sozusagen schöpferisch wieder herzustellen sucht, was
ihm in den sozial angepaßten Phantasieprodukten der Kunst, Religion,
Mythologie bis zu einem hohen Grade von Lustgewinnung gelingt,
während es in der Neurose kläglich scheitert.
Der Grund hierfür liegt, wie die Psychoanalyse gezeigt hat, in einer
psycho - biologischen Entwicklungshemmung, welche wir unter dem
Gesichtspunkt des Sexualtraumas im nächsten Abschnitt besprechen
wollen, da das wesentliche Moment der Neurosenentwicklung darin
zu liegen scheint, daß der Mensch bei der biologischen wie kulturellen
Überwindung des Geburtstraumas, welche wir Anpassung nennen, am
Durchgangspunkt der Sexualbefriedigung scheitert, welche sich der
Ursituation am meisten annähert, ohne sie doch vollinhaltich im in-
fantilen Sinne wieder herzustellen.
i) Eine amerikanische Kiadergärtnerin erzählte mir einmal, daß die kleinen
Kinder, wenn sie mit Plastelin spielten, zumeist spontan Vogelnester nachbildeten.
..i
Die sexuelle Befriedigung
Das ganze infantile Sexualproblem liegt eigentlich in der berühmten
Fragenach der Herkunfider Kinder beschlossen. Diese Frage, zu der das
Kind früher oder später spontan gelangt, tritt, wie wir erfahren haben, als
Endresultat eines unbefriedigenden Denkprozesses hervor, der sich in
mannigfachen Eigenarten des Kindes (Fragedrang) äußert, die beweisen,
daß das Kind in sich selbst die verlorene Erinnerung an seinen früheren
Aufenthalt sucht und infolge einer äußerst intensiven Verdrängung nicht
finden kann. Daher bedarf es auch in der Regel eines äußeren Anstoßes,
meist der Wiederholung des Ereignisses durch die Geburt eines Ge-
schwisterchens,' um die Frage schließlich offen hervorbrechen zu lassen
„„a so an die Hilfe der Erwachsenen zu appellieren, die offenkundig
dieses einmal verlorene Wissen irgendwie wiedergefunden zu haben
scheinen. Bekanntlich bringt aber die Beantwortung der Frage, selbst
durch analytisch aufgeklärte Erzieher, dem Kinde ebensowenig Be-
freiung wie dem erwachsenen Neurotiker die Mitteilung irgendeines
ihm nicht bewußt gewesenen Zusammenhanges, den er infolge innerer,
gleichfalls unbewußter Verdrängungs widerstände nicht akzeptieren
kann. Auch verrät die typische Reaktion des Kindes auf die wahrheits-
getreue Antwort (das Kind wachse im Mutterleib, wie etwa die Pflanze
i) Es Bcheinl nach verschiedenen analytischen Erfahrungen, daß einiige oder
jüngste Kinder (hxw. auch solche, die ein schweres Geburtstraumaiu verdrängen
hatten) die Frage nicht so direkt stellen,
^2 Das Trauma der Gehurt
in der Erde), wo das eigentliche Interesse des Kindes liegt: nämlich im
Problem, wie man hineinkomme! Dies bezieht sich aber nicht so
sehr auf das Rätsel der Zeugung, wie die Erwachsenen von sich aus
riickschließen, sondern zeigt zunächst die Tendenz zur Rückkehr dort-
hin, wo man vorher war. ' Da das Trauma der Geburt die intensivste
Verdrängung erfahren hat, so kann das Kind die Erinnerung trotz
der Aufklärung nicht herstellen und hält an seinen eigenen Theo-
rien von der Herkunft der Kinder fest, welche offenkundig unbewußten
Reproduktionen des pränatalen Zustandes entsprechen und ihm so
die Illusion einer möglichen Rückkehr offen lassen, welcher es durch
Akzeptierung der Aufklärung verlustig ginge.
Da ist vor allem die berühmte Storchfabel, die ja geradezu darauf
gegründet scheint, daß der periodisch an denselben Ort wiederkehrende
Zugvogel das Kind sowohl bringen als auch wieder mit sich zurück-
nehmen kann,^ wobei gleichzeitig der traumatische Sturz in die Tiefe
durch den sanften Gleitflug des ausdauernden Fliegers ersetzt ist. Eine
andere von Freud aus dem Unbewußten erschlossene infantile Geburts-
theorie knüpft mit ihrer Beziehung auf die Verdauungszirkulation
direkt an das Leibinnere der Mutter an: das Kind kommt (als Speise)
durch den Mund in die Mutter und wird als Kot durch den Darm
entleert. Auch dieser, wie wir wissen, für das Kind luslvolle Vorgang,
der sich täglich abspielt, soll die Leichtigkeit der Wiederholungsmög-
lichkeit im Sinne der Kompensation des Traumas gewährleisten. Auch
i) Mephistopheles: „'s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster;
Wosiehereingesclilüpft, da müssen sie hinaus.
Das erste steht uns frei, beim zweiten sind wir Knechte."
Die Indianer sollen bei der Herstellung von Pleclitarbeiten u.a. die Kreise in
den Ornamenten nicht ganz schließen, weil die Frauen sonst keine Kinder be-
kämen (nach mündlicher Mitteilung einer Reisenden).
2) Sei es zu anderen Eltern (Familienroman), sei es an den Ort der Herkunft
f „Todeswunsch"). Siehe des Verfassers Abhandlung über die Lohengrin-
sage, igii.
Die sexuelle Befriedigung }}
die spätere Theorie, an der viele Menschen ziemlich lange festhalten,
daß nämlich die Kinder durch Aufschneiden der Mutter (meist in der
Nabelgegend) geboren werden, beruht auf der Verleugnung der eigenen
Geburtsschmerzen, die zur Gänze der Mutter aufgebürdet werden/
Der gemeinsame Zug aller infantilen Geburtstheorien, die auch
ethnologisch {Mythen und besonders Märchen) reichlich zu belegen
sind,^ ist die Verleugnung des weiblichen Sexualorgans und dies verrät
deutlich, daß sie auf der Verdrängung des dort erlebten Geburtstraumas
beruhen. Die unlustvolle Fixierung an diese Funktion des weiblichen
Genitales als Gebärorgan, liegt letzten Endes noch allen neurotischen
Störungen des erwachsenen Sexuallebens zugrunde, der psychischen
Impotenz wie der weiblichen Frigidität in allen ihren Formen, äußert
sich aber auch besonders deutlich in bestimmten Arten von Platzarigst
(Schwindelanfällen), die mit dem Gefühl des Enger- and Weiterwerdens
der Straße einhergehen usw.
Weiters gehen aber auch die Perversionen, die ja nach Freud
das Positiv der Neurose darstellen, in entscheidender Weise auf die in-
fantile Ursituafion zurück. Wie ich bereits anderwärts ausgeführt habe^
jst das Verhalten des Perversen dadurch charakterisiert, daß er die in-
se
i) Hier ist die typische Mythenphantasie zu erwälinen, daß der furchtlo-_
Held regelmäßig einaus dem Mutterleib Geschnittener ist, der— meist frühreif —
schon als Kind Wundertaten vollbringt; ihm bleibt offenbar mit der Geburts-
angst auch die neurotische Frühperiode ihrer Erledigung erspart (siehe den Ab-
schnitt: Die heroische Kompensation, S. 102).
Übrigens hat es nach vereinzelten Erkundigungen den Anschein, als ob Kinder,
die operativ zur Welt gebracht wurden, sich tatsächlich in gewisser Beziehung
besser entwickelten. Anderseits hatte eine Frau, die ihr Kind in Narkose zur Welt
gebracht hatte, das Gefühl, es sei nicht ihres, weü sie bei der Geburt bewußtlos
gewesen sei. Ihr infantiles Interesse, woher die Kinder wirklich kommen, ist also
dabei unbefriedigt geblieben.
2) Siehe meine Abliandlung : Völkerpsychologische Parallelen zu den infantilen
Sexualtheorien, 1911.
5) Perversion und Neurose, (Zschr., VIII, 1922.)
3 Raak
)4 Das Trauma der Geburt
fantile Geburtstheorie vom analen Kind durch ihre teilweise Reali-
sierung vor der Verdrängung mittels des Schuldgefühls bewahrt: er
spielt selbst das anale Kind, ehe es das Geburtstrauma erleiden mußte,
also in möglichster Annäherung an den Zustand der ( „polymorph -per-
versen ")Urlustsit-uation. Für die Ko pro- und Urolagnie bedarf es dazu
keiner weiteren Erklärung und ebenso setzen alle anderen Arten der
Mundperversion die intrauterine Libidobefriedigung {bzw. die postnatale
an der Mutterbrust) irgendwie fort.' Der Exhibitionist ist dadurch
charakterisiert, daß er in den paradiesischen Urzustand der Nacktheit
zurückkehren will, in dem er vor der Geburt lebte und den das Kind
darum so liebt. Eine besondere Lustbetonung weist dabei der Akt des
Auskleidens, das Abstreifen der Hüllen auf, wie wir es in ausge-
sprochenen Fällen finden. Die Entblößung der Genitalien entspricht
dann im Sinne der heterosexuellen Entwicklungsstufe dem Ersatz des
stellvertretenden Teiles (Penis — - Kind) für den ganzen Körper, wobei
der Mann die erste, das Weib die zweite Bedeutung bevorzugt, was mit
der verschiedenen Entwicklung des Kastrationskomplexes (normal:
Schamgefühl) zusammenhängt. Die besondere Charakteristik des sexu-
ellen Schamgefühls, das Schließen oder Bedecken der Augen" und das
Erröten weisen auf die pränatale Situation hin, in der bekanntlich dem
nach unten gerichteten Kopf das Blut zuströmt. Übrigens ist auch die
apotropaische Bedeutung der Genitalen tblößung, die ein großes Stück
des Aberglaubens beherrscht, ursprünglich nichts anderes als der Aus-
druck des auf dem Gebärorgan lastenden Verdrängungsfluches, der auch
x) Aus der Analyse einer Frau, die den Cunnilingus bevorzugte, ergab sich, f.
daß die LustempGndung an das Gefühl geknüpft war, ihre Klitoris (analog dem
Penis) in einer warmen Höhle zu spüren.
2) Die tiefe Verknüpfung der von mir als „exhibitioniBtisch" erklärten Motive
der Nacktheit: Kleidung, Blendung und Fesselung (s.w. unten) ergibt sich
erst durch ihre gemeinsame Beziehung zur Ursituation. (Siehe meine damalige
Abhandlung; Die Nacktheit in Sage und Dichtung, 1911. 1
-•!■
a
Die sexuelle Befriedigung )j
in den verschiedensten Verwünschungen und Flüchen deutlich zum
Ausdruck kommt.
Ähnliches gilt für den Fetischismus, dessen Mechanismus als einer
Partial Verdrängung mit kompensatorischer Ersatzbildung Freud längst
beschrieben hat; die Verdrängung betrifft dabei ganz regelmäßig das
mütterliche Genitale im Sinne der traumatischen Angstbesetzung und
dessen Ersatz durch einen lustbesetzten Körperteil oder dessen ästhetisch
noch einwandfreiere Hülle (Kleider, Schuhe, Korsett usw.).
Für den Masochismus haben mich schon frühere analytische Er-
fahrungen ahnen lassen, daß es sich dabei um die Umwandlung der
Geburtsschmerzen („SchlagephantasJe") in lustvolle Empfindungen
handelt, ^ was sich aus anderen typischen Elementen der masoch istischen
Phantasie erklärt, wie der fast regelmäßigen Fesselung (Strafe:
s. später), als teilwei ser Wiederherstellung derintrauterinenLustsituation
der Unbevveglichkeit, die ja in der Windelsituation (Sadger) nur
nachgeahmt erscheint,^ Auf der anderen Seite scheint der typische
Sadist, der im Blut und in den Eingeweiden wühlende Kinderschlächter
(Gilles de Ray) oder Frauenmörder (Bauch aufschlitzer), die infantile
Neugierde, wie es im Leibesinnern aussieht, restlos zu agieren. W^ährend
der Masochist den ursprünglichen Lustzustand durch affektive Um-
i) Hierher scheint der weitverbreitete Fruchtbark ei tszauber des Ruteii-
schlagens („Lebetisrute") zu gehören, wie er in den Mythen der jungfräulichen
Bona Dea als Strafe von seiten des eigenen Vaters erscheint, dessen Lüsten sich
die keusche Göttin widersetzt. — Man vgl. dazu das Peitschen der Brautpaare
in den deutschen Hochzeitsbräuchen (W. IVI an nhardt: Antike Feld- und Wald-
kulte I, 299—503), in den römischen Luperkalien, im Wintersonnenwendefest
der Mexikaner, wobei die jungen Madchen mit Säckchen geschlagen wurden,
um sie fruchtbar zu machen.
2.) Die bei den letztgenannten Formen (Exhibitionismus, Masochismus) be-
sonders hervortretende Rolle der von Sadger sog. „Haut -Seh leim haut- und
Muskelerotik" scheint direkt aus der intrauterinen Situation ableitbar, wo der
ganze Körper sozusagen ständig durch ein wohliges Gefühl von Weichheit,
Wärme und Flüssigkeit angenehm „gekitzelt" wird.
3*
^s
^6 Das Trauma der Geburt
Wertung des Geburtstraumas wieder herzustellen sucht, verkörpert der
Sadist den unauslöschlichen Haß des Ausgestoßenen, der mit seinem
voll erwachsenen Körper wirklich versucht, dort wieder hineinzu-
kommen, wo er als Kind herausgekommen war, ohne Rücksicht darauf,
daß er dabei auch sein Opfer zerfleischt, was keineswegs die Haupt-
sache ist. (Siehe später über das Opfer, S. 94.)
Auch die Homosexualität scheint sich dieser Auffassung zwanglos
zu fügen; basiert sie doch ganz offensichtlich beim Manne auf dem
Abscheu vor dem weiblichen Genitale, und zwar wegen seiner innigen
Beziehung zum Geburtsschock. Der Homosexuelle sieht im Weib nur
das mütterliche Gebärorgan und ist daher unfähig, es als lustspendendes
Organ anzuerkennen. Überdies spielen die Homosexuellen beiderlei
Geschlechts, wie wir aus den Analysen wissen, nur bewußterweise
Mann und Frau, im Unbewußten regelmäßig Mutter und Kind —
was bei der weiblichen Homosexualität direkt manifest ist — und stellen
insofern tatsächlich eine besondere Art der Liebesbeziehung dar {„das
dritte Geschlecht*'), nämlich die direkte Fortsetzung der ungeschlecht-
lichen aber libidinösen Bindung der Ursiluation. Es ist der Hervor-
hebung wert, daß die Homosexualität als diejenige Perversion, die
sich anscheinend nur auf den Geschlechtsunterschied bezieht, eigent-
lich zur Gänze auf der im Unbewußten fortlebenden Bisexualitat des
embryonalen Zustands beruht.'
Mit diesen Erörterungen befinden wir uns mitten in dem Problem
der Geschlechtlichkeit, welches die simplen Äußerungen der Ur-
libido späterhin in so unerwünschter Weise kompliziert. Ich denke
das konsequente Festhalten an unserer bisherigen Auffassung wird uns
auch in den Stand setzen, dem Verständnis der normalen Sexualent-
wicklung ein Stück näher zu kommen und die scheinbar entgegen-
stehenden Schwierigkeiten zu überwinden.
1) Hier wird die Hinfälligkeit von Adlers „männlichem Protest" als Er-
klärungsprinzip für die Perversionen (HomoseKualität) offenkundig.
4
Die sexuelle Befriedigung 57
Es ist besonders in letzter Zeit wiederholt bemerkt worden, daß
unsere gesamte Mentalität und Welteinstellung den männlichen Stand-
punkt so sehr in den Vordergrund rückte und den weiblichen fast
gänzlich vernachlässigt hat. Vielleicht das krasseste Beispiel für diese
Einseitigkeit auch des sozialen und wissenschaftlichen Denkens ist die
Tatsache, daß lange und bedeutsame Perioden der menschlichen Kul-
turentwicklung unter dem Einfluß des von Bachofen „entdeckten"
und sogenannten „Mutterrechtes' , d. h. der Vorherrschaft der Frau
standen und es erst einer besonderen Anstrengung, der deutlichen Über-
windung von Widerständen bedurfte, um diese offenbar auch aus der
Überlieferung „verdrängten" Perioden wiederzufinden und als Tat-
sachen zu akzeptieren.' Wie weit diese Einstellung sogar noch in uns
Psychoanalytikern nachwirkt, zeigt sich darin, daß wir in der Regel
die Sexualverhältnisse stillschweigend nur für den Mann darstellen,
wie wir vorgeben der Einfachheit wegen oder wenn wir ehrlicher sind,
aus mangelhaftem Verständnis des weiblichen Lebens. Ich glaube kaum,
daß diese Einstellung die Folge einer sozialen Unterschätzung der Frau
ist, wie Alfred Adler meinte, sondern umgekehrt, beides der Ausdruck
jener Urverdrängung, welche das Weib wegen seiner ursprünglichen
Verbindung mit dem Geburtstrauma auch sozial und intellektuell herab-
zusetzen und zu verleugnen sucht. Indem wir nun die verdrängte
ürerinnerung an das Geburtstrauma wieder bewußt zu machen suchen,
glauben war auch, die damit zugleich verdrängte Hochschätzung des
Weibes durch Befreiung des auf seinem Genitale lastenden Fluches
wieder zu rehabilitieren.
Wir haben mit Überraschung aus den Analysen Freuds erfahren,
daß es ein vollwertiges, wenn auch intensiv verdrängtes männliches
Gegenstück zu dem schon oberflächlicher Beobachtung erkennbaren
— ^ — . — ' — — \ ^ • ^ — ' — '-^ — '
i) Siehe M. Vaerting: Die weibliche Eigenart im Männerstaat und die
männliche Eigenart im Frauenstaat. Karlsruhe igai-
1
ßS Das Trauma der Geburt
Penisneid der Mädchen gibt: nämlich den unbewoißten Wunsch des
Knaben, Kinder — auf dem analen Weg — gebären zu können. Diese
Wunschphantasie, die durch die unbewußte Gleichsetzung von Kind
und Kot (anales Kind), späterhin mit dem Penis, im Unbewußten wirk-
sam erhalten bleibt, stellt gleichfalls nichts anderes dar, als einen Ver-
such zur Wiederherstellung der Ursituation, in der man selbst noch
ein „anales" Kind war; d. h. aber, ehe man als erstes Genitale das weib-
liche kennen lernte, dessen primäre Wahrnehmung wohl physiologisch
feststeht, psychologisch aber erst durch das Geburtstrauma repräsentiert
wird. Daß der Knabe bald nach der Geburt das ihm eigene Glied bei
allen anderen Geschöpfen voraussetzt, ist wohl aus der anthropomor-
phen Einstellung des Menschen überhaupt leicht verständlich. Den-
noch sollte uns die Hartnäckigkeit, mit der er gegen aJlen Augenschein
an dieser Auffassung festhält, davor warnen, dies der narzißtischen
Selbstüberschätzung allein zuzutrauen. Es liegt vielmehr nahe an-
zunehmen, daß der Knabe die Existenz des weiblichen Genitales so-
lange als möglich zu leugnen sucht, weil er es vermeiden will, an
den ihm noch in allen Gliedern spukenden Schreck beim Passieren
dieses Organs erinnert zu werden, d. h. den daran hängenden Angst-
aiiekt zu reproduzieren. Beweisend dafür sclieint mir jedoch, daß
sich das kleine Mädchen in der gleichen ablehnenden Weise gegen
das eigene Genitale einstellt, und zwar eben weil es auch das weib-
liche ist, ohne des narzißtischen Vorteils eines Penisbesitzes teil-
haftig zu sein. Diese Einstellung manifestiert sich als der sogenannte
„Penisneid", wobei sich zeigt, daß auch der — mehr oder weniger
bewußten — Motivierung vom Ich (Neid) keineswegs die Hauptrolle
zufällt. Im Gegenteil ergibt sich, daß beide Geschlechter in gleicher
Weise das weibliche Genitale geringschätzen und zu verleugnen suchen,
weil beide ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht der Urverdrängung des
mütterlichen Genitales unterworfen sind. Beider Überschätzung des
Penis — von Adler in Anlehnung an die sexuale Schulpsychologie
Die sexuelle Befriedigung }9
aus dem nicht einmal sekundären Gefühl der „Minderwertigkeit" er-
klärt — erweist sich letzten Endes als Reaktionsbildung gegen die
Existenz eines weiblichen Sexualorgans überhaupt, aus dem man ein-
mal schmerzhaft ausgestoßen wurde. Die Akzeptierung der „Kastration ,
die ja die normale weibliche Entwicklung bedingt, die uns aber auch
in so typischer Weise im Kastrationswunsch der männlichen Neuro-
tiker entgegentritt, ist vermöge des bereits erwähnten phantastischen
Elements geeignet, die reale Trennung von der Mutter durch die Identi-
fizierung mit ihr zu ersetzen und so auf dem Umweg der Geschlechts-
liebe sich wieder der Ursituation anzunähern.
Für den Mann bedeutet ja ganz zweifellos, wie Ferenczi' in geist-
reicher Weise ausgeführt hat, das Eindringen in die Va^nalöffnung
des Weibes eine partielle Rückkehr in den Mutterleib, die durch Identi-
fizierung mit dem Penis, den wir als Symbol des Kleinen („Däumling")
kennen, nicht nur zu einer vollständigen, sondern auch wieder zur
infantilen wird. Bei der Frau liegen aber die Verhältnisse, wie sich an
analytischem Material nachweisen läßt, ganz ähnlich, denn auch die
Frau ist vermöge der in der Masturbation so intensiv erlebten Klitoris-
libido imstande, sich in weitgehendem — oft genug zu weitgehendem - —
jyjaße mit dem Penis, bzw. dem Mann zu identifizieren und so sich
indirekt auch der Mutterleibssituation anzunähern. Die darin schein-
bar zutage tretende Männlichfceitstendenz, die auf der unbewußten
Identifizierung mit dem Vater ruht, verfolgt letzten Endes den Zweck,
wenigstens so des unschätzbaren Vorteils teilhaftig zu werden, den der
Mann vor der Frau voraus hat und der darin besteht, daß er sich par-
tiell mit dem das Kind selbst repräsentierenden Penis in die Mutter
zurückbegeben kann. Für die Frau ergibt sich dann eine noch weiter-
gehende, die normale, Befriedigung dieses ürwunsches in der Identi-
fizierung mit der Leibesfrucht, die als Mutterliebe manifest wird.
i) Versuch einer Genitaltheorie (Kongreßbericht), Zschr. VIII, 1922, S. 479.
40
Das Traujna der Gehurt
Die unbewußte Gleichsetmng von Kind und Penis, die wir in den
Psychosen so häufig be^vußt finden, vermagzwei analytisch gefundeneTat-
sachenzuerklären. Einmal die sohäufige, von Boehm(Zschr.Vin,i922)
beschriebene Angstvorstellung des (homosexuellen oder impotenten)
Mannes, von einem bei der Frau versteckten ungeheueren „aktiven"
Penis, der plötzlich (nach Art eines Rüssels oder Pferdegliedes) heraus-
geschleudert wird, was deutlich auf die Identifizierung mit dem im
mütterlichen Genitale versteckten Kinde hinweist, das plötzlich — im
GebuTtsakt — herauskommt. Das weibliche Gegenstück zu dieser
Vorstellung der „Frau mit dem Penis" hat sich mir aus Analysen,
besonders von weiblicher Frigidität ergeben, wo nicht, wie man meinen
sollte, der erste Anblick eines männlichen Gliedes (etwa des Brüder-
chens oder von Gespielen) im Sinne des „Penisneides" pathogen wirkte.
Vielmehr war es der Anblick eines großen (erigierten oder väterlichen)
Genitales, was die traumatische Wirkung hatte, weil es an die Kindes-
größe erinnerte, d. h. statt eines am eigenen Leib (durch Masturbation)
wahrgenommenen Körpereingangs bereits etwas drin stecken zeigt, was
den supponierten Eingang versperrt und sich späterhin (auf der sexu-
ellen Stufe) sogar als etwas erweist, das in den eigenen Körper ein-
dringen will (vgl. dazu die Angst vor Meinen Tieren). Der oft bewußte
Schreck neurotischer Frauen, wie denn das große Ding in sie hinein-
gehen solle, rührt unmittelbar an die ürverdrängung des Geburts-
traumas. Anderseits zeigt die bekannte Hochschätzung des gioßen Glie-
des durch die Frau, daß sich gerade daran und eben deswegen die
höchste Lustmöglichkeit knüpft, die durch eventuelle Schmerzen im
Smne der Ursituation nur gesteigert wird. Aus den Analysen der
weiblichen Frigidität (Vaginismus) ergibt sich mit Sicherheit, daß die
typischen (masochistischen) Vergewaltigungsphantasien, die bei diesen
Frauen verdrängt sind, nichts anderes darstellen als mißglückte An-
passungsversuche an ihre (weibliche) Sexualrolle, indem sie sich als
Niederschlag der anfänglischen Identifizierung mit dem Manne (Penis)
i&t
Die sexuelle Befriedigung 41
erweisen, die das aktiv-libidinöse Eindringen in die Mutter ermög-
lichen sollte.^ Das männliche Vorbild dazu finden wir in dem für die
meisten Männer besonders lustvollen („sadistischen") Aktder Defloration,
dem schmerzlichen und blutigen Eindringen in das weibliche Genitale,
in dem noch niemand drin war."
Im ersten Stadium der Kindheit verhalten sich also beide Geschlechter
in bezug auf das Urobjekt der Libido, die Mutter, ganz gleich. Der Kon-
flikt, den wir dann in den Neurosen in so großartiger Entfaltung sehen,
setzt erst mit der Kenntnis des Geschlechtsunterschiedes ein. welche
ebenfalls für beide Geschlechter das für die spätere Neurosenbildung
entscheidende Trauma darstellt. Für den Knaben, weil er das weibliche
Genitale kennen lernt, dem er entstammt, und in das er später ein-
dringen soll, für das Mädchen, weil es das männliche Genitale kennen
lernt, das nicht nur ein Eindringen in das Liebesobjekt unmöglich zu
machen scheint, sondern später selbst einzudringen bestimmt ist. Ge-
lingt es auch dieses Trauma durch glückliche Anpassung an die Oedipus-
situation zu überwinden, dann kommt es im späteren Liebesleben durch
den Geschlechtsakt zu einer teilweisen Befriedigung des Urwunsches,
1) Vgl. zu dieser typischen Form der weiblichen Objektwahl meine bereits
zitierte Arbeit über die Libido Vorgänge bei der Heilung (1. c).
gj Vgl. auch die späteren Hinweise auf mythologisches Material (S. io6).
Es scheint übrigens, daß auch diese unbewußten Strebungen, wie so vieles
andere, in der Folkloristik als unverstandene Tatsachen existieren. So die be-
kannte Mikaoperation der Australier, die meist nach der Beschneidung (Circum-
cision) ausgeführt wird (zwischen 1 2 und 14 Jahren) und eine künstliche Hypo-
spadie des Penis erzeugt, der damit im erigierten Zustande flach und lappen-
fdrmig wird. Beim Weibe — deren Labien und Klitoris Übrigens vielfach
beschnitten werden, um den Kindern nicht zu schaden (offenbar bei der Ge-
burt) — wird dann zur Ermöglichung des Koitus der Hymen gewaltsam durch-
trennt und der Scheiden ein gang durch einen Schnitt gegen den After hin er-
weitert. Trotzdem muß der Mann seinen Penis noch mit besonderer Schwierigkeit
einführen, offenbar aus Angst gänzlich hängen zu bleiben oder hineinzufallen.
(Siehe Näheres über die Operationen inReitzensteins bereits zitiertem Artikel
im „Handwörterbuch der Sexualwissenschaft", S. 5 ff.)
I
4-2 Das Trauma der Geburt
jedenfalls zur weitestgehenden, die Überhaupt möglich ist. Das Scheitern
an diesem Trauma jedoch ist das für die spätere Neurose Entscheidende,
in der ja Oedipus- und Kastrationskomplex eine so überragende Rolle
spielen und die Sejcuakblehnung bei beiden Geschlechtern im Vorder-
grande steht. Beide werden dann in der Neurose auf die Stufe des ersten
GenitalkonHifctes zurückgeworfen und flüchten von da weiter zurück
in die ursprüngliche Libidosituation, die wieder für beide Geschlechter
in der Rückkehr zur Mutter besteht.
Der Mann kann dabei von Anfang an beim selben Objekt bleiben,
das für ihn Mutter, Geliebte und Weib darstellt, wobei der Vater bald
zum Repräsentanten der an die Mutter (das mütterliche Genitale) ge-
Icnüpften Angst wird. Bei der Frau ist dagegen ein Stück entscheidende
Übertragung der ursprünglich mütterlichen Libido auf den Vater not-
wendig, der mit dem von Freud bereits gewürdigten Passivitäts-Schub
parallel geht. Handelt es sich doch für das Mädchen darum, auf die
aktiveRückkehrzurMutter,dasals„männliches«Vorrechterkannteoder
geahnte Eindringen zu verzichten und den Wunsch nach Wiedererlan-
gung des seligen Urzustandes auf dem Wege der passiven Reproduktion,
d. h. der Schwangerschaft und Geburt des Kindes im höchsten Mutter-
gluck zu befriedigen. Das Scheitern dieses psychobiologischen Umwand-
lungsprozesses sehen wir in den weiblichen Neurotikern, die ausnahms-
los das männliche Genitale ablehnen, indem sie es im Sinne des soge-
nannten „Männlichkeitskomplexes" nur als Instrument zum eigenen
Emdrmgen in das Liebesobjekt gelten lassen wollen. Beide Geschlechter
werden also neurotisch, wenn sie die Urlibido der Rückkehr zur Mutter,
welche das Trauma der Geburt gutmachen soll, nicht auf dem ihnen
vorgezeichneten Wege der Sexual befriedigung, sondern in der ursprüng-
lichen Form der Infantilbefriedigung stillen wollen, wobei sie natürlich
wieder auf die Angstgrenze des Geburtstraumas stoßen müssen, die eben
auf dem Wege der Sexual befriedigung am besten vermieden wird.
So erweist sich die Geschlechtsliebe, die in der sexuellen Vereinigung
.jTi.
~is^M-
Die sexuelle Befriedigung 43
gipfelt, als der großartigste Versuch einer partiellen Wiederherstellung
der Ursituation zwischen Mutter und Kind, die erst im neuen Frucht-
keim wieder volle Erfüllung findet. Und wenn Plato das Wesen der
Liebe, in Übereinstimmung mit orientEilischen Überlieferungen, aus
der Sehnsucht zweier ehemals vereinigt gewesener und dann getrennter
Teile erklärt, so ist dies die schönste poetische Umschreibung' für den
großartigsten biologischen Versuch der Überwindung des Geburtstrau-
mas durch die wahrhaft „platonische Liebe", die des Kindes zur Mutter.
Auf Grund dieser Auffassung wird uns auch die Entwicklung des
Geschlechtstriebes etwas verständlicher, derimGegensatzzurLibidodoch
zur Fortpflanzung" als dem einzigen Mittel der Endbefriedigung ver-
urteilt ist. Die erste deutliche Äußerung des Geschlechtstriebes ist im
Oedipuskomplex gegeben, dessen Zusammenhang mit dem Wunsch
nach Rückkehr in den Mutterleib von Jung im Sinne der anagogischen
Wiedergeburtsphantasie" gedeutet worden war, während Ferenczi
(1. c.) ihm wieder seinen Platz als biologische Grundlage desselben ange-
wiesen hat. Tatsächlich steht ja auch im Hintergrund der Oedipussage
jje dunkle Schicksalsfrage nach der Herkunft des Menschen, die Oedi-
nus nicht erkenntnismäßig, sondern durch faktische Rückkehr in den
Mutterleib lösen will. ' In symbolischer Form erfolgt dies auch restlos,
denn seine Blendung stellt im tiefsten Grunde die Rückkehr in das
Dunkel des mütterlichen Leibesinnern dar und seine schließliche Ent-
rückung durch eine Felsspalte in die Unterwelt drückt die gleiche
Wunschtendenz nochmals an der Mutter Erde aus.
Wir gelangen damit zum Verständnis des psycho-biologischen Sinnes,
der sich in der normalen Entwicklungsstufe des Oedipuskomplexes
i) Man vergleiche die entsprechenden bibliselien Aussprüche: „Mann und
Frau sind ein Fleisch^' usw. (Erant duo in carne una).
3) Die kürzlich von Abraham aufgezeigte vaginale Symbolik des Hohlwegs
(bzw. Dreiwegs) in der Oedipussage rekurriert auf die bekannte intrauterine
Phantasie, in die der Vater (bzw. dessen Penis) störend eintritt (siehe Image IX,
1923,5. ia4fE).
44 Das Trauma der Gehurt
. manifestiert. Vom Standpunkt des Geburtstraumas haben wir im Oedi-
puskomplex den ersten vollwertigen Versuch zu erblicken, die Angst
vor dem (mütterlichen) Genitale durch seine lustvoJle Besetzung als
Libidoobjekt zu überwinden. Das heißt mit anderen Worten, die ur-
sprüngliche— d. h. intrauterine- Lustmöglichkeit auf den Genital aus-
gang, der angstbesetzt ist, zu übertragen, also eine alte durch Verdrän-
gung verschüttete Lustquelle wieder zu eröffnen. Dieser erste Versuch
ist von vornherein zum Scheitern verurteilt: Nicht nur weil er mit un-
vollkommen ausgebildetem Sexualapparat unternommen wird, sondern
hauptsächlich, weil er sich am Urobjekt selbst abspielt, an dem noch die
ganze Angst und Verdrängung des Urtraumas unmittelbar hängt. Dies
erklärt aber auch, warum dieser — man wäre versucht zu sagen — tot-
geborene Versuch überhaupt unternommen- werden muß. Offenbar ist
es die Voraussetzung für das Gelingen der späteren normalen Über-
tragung in der Liebeswahl, daß das Kind die Trennung vom Urobjekt
auch auf der ersten Stufe der Geschlechtsentwicklung, als Sexual-
trauma wiederholt. Damit ist aber auch der Oedipuskomplex, als die
dritte große Wiederholung des Urtraumas der Trennung, dazu verur-
teilt, von der Urverdrängung des Geburtstraumas in den Orkus hinab-
gezogen zu werden, allerdings nur, um bei jeder neuen Libido versagung
mit den typischen Rückfallssymptomen zu reagieren.
Von hier aus glauben wir auch den von Freud erkannten und in
den Analysen wiederholten zweizeitigen Ansatz in der menschlichen
Sexualentwicklung aus der Individualgeschichte zu verstehen, indem
wir in ihm den Nachklang der durch das Trauma der Geburt so tief
geschiedenen Zustände des lustvollen Intrauterinlebens und der extrau-
terinen Anpassungsaufgaben erblicken. Es folgt dann auf das Se-
xualtrauma der geschlechtlichen Lösung von der Mutter die „Latenz-
periode", mit ihrem zeitweiligen Verzicht auf die direkte Regressions-
tendenz zugunsten der Anpassung, bis dann wieder mit der Pubertät
das Primat der Genitalzone erreicht wird, das wir im Sinne unserer
Die sexuelle Befriedigung 45
Ausführungen als Wiedergewinnen der einst als Urprimat erlebten
Schätzung des (mütterlichen) Genitales auffassen müssen. Denn das
Genitalprimat, welches den endgültigen Ersatz des ganzen Körpers als
Objekt für die Mutter durch das (männliche) Genitale bedeutet, kann
nur zugelassen werden, wenn es gelungen ist, die ursprünglich ans
Genitale geknüpfte größte ünlusterfahrung in die möglichste Annähe-
rung an jene Urlust zurückzu verwandeln, deren man beim ersten Auf-
enthalt in der Mutter teilhaftig war. Die Möglichkeit dazu wird ge-
schaffen unter den bekannten Zeichen schwerster Erschütterung, die
wir als Pubertät zusammenfassen und gipfelt im Liebesakt mit seinen
hundertfachen Vorstadien, Annäherungen und Variationen, die alle auf
einen möglichst innigen Kontakt, eine Einverleibung (Fressen vor
Liebe) hinauslaufen (l'ammale ä deux dos). Nicht ohne Grund
hat man daher den Zustand der Verliebtheit, der bis zur Identifizie-
rung der ganzen Außenwelt mit dem Objekt gehen kann (Wagners
Tristan und Isolde"), als eine neurotische Introversion und den Koitus
uiit seinem momentanen Bewußtseinsverlust als kleinen hysterischen
j^nfall bezeichnet.
Die neurotische Reproduktion
Nachdem wir die kindliche Libidoentwicklung bis zum Sexual-
trauma des Ödipuskomplexes, als dem für die Neurosen Bildung ent-
scheidenden Durchgangspunkt, verfolgt haben, können wir zu der Frage
zurückkehren, inwiefern das einzelne neurotische Symptom selbst, wie es
im analytischen Heiiungsprozeß verständlich wird, dem Geburtstrauma
entspricht. Nun scheint die Formel dafür recht einfach zu sein : Als Kern
jeder neurotischen Störung hat die Analyse bekanntlich die Angst er-
wiesen und da wir die Herkunft der Urangst aus dem Geburtstrauma
durch Freud kennen, müßte sich eigentlich dieBeziehungdarauf überall
leicht nachweisen lassen, ganz ähnlich wie in den Affektreaktionen des
Kindes. Es handelt sich aber nicht etwa bloß um die Auffassung, daß der
Angst affekt, der sich dann in verschiedener Form an bestimmte Inhalte
heftet, aus jener Urquelle stammt, sondern es läßt sich analytisch am
emzelnen Symptom und der ganzen Neurosenbildung mit aller Sicher-
heit zeigen, daß es sich dabei wirklich um reproduzierte Reminiszenzen
an die Geburt bzw. ihr lustvolles Vorstadium handelt. Wenn wir
damit letzten Endes wieder auf die ursprüngliche „traumatische" Theorie
der Neurose zurückgreifen, wie sie in den klassischen „Studien über
Hysterie" vor mehr als einem Yierteljahrhundert formuliert wurde, so
denke ich, daß weder wir noch diese Theorie sich dessen zu schämen
brauchen. Man darf wohl sagen, daß in all diesen arbeits- und erfolg-
reichen Jahren der analytischen Forschung keinen von uns — selbst bei
weitestgehender Würdigung aller andern Faktoren — je die Gewißheit
Die neurotische Reproduktion 4y
verlassen hat, daß an dem „Trauma" doch mehr dran sei als wir uns
einzugestehen getrauten. Allerdings müssen wir zugeben, daß auch
der Zweifel an der Wirksamkeit jener scheinbaren Traumen berechtigt
war, die Freud bald als bloße Wiederholungen von „Urphantasien"
erkannt hatte, deren psychobiologisches Substrat wir nun glauben im
allgemein-menschlichen Trauma der Geburt mit allen seinen Folgen
gefunden zu haben.
In statu nascendi können wir dieses Neurotisch werden, sozusagen
als Kurzschluß, in der echten traumatischen Neurose verfolgen,
wie sie besonders im Kriege zu beobachten war {„Kriegsneurose"). Dort
wird durch den Schock die Urangst selbst unmittelbar mobilisiert, da
die äußere Todesgefahr die sonst unbewußterweise reproduzierte Ge-
burtssituation affektiv realisiert.' Daß dann von hier aus die ver-
schiedensten neurotischen Symptome entstehen können, die wir in
anderen Fällen ohne Einwirkung des Schocks entstehen sehen, be-
weist eben die fundamentale Bedeutung des Geburtstraumas als Aus-
drucksmittel jeder neurotischen Angst. Nur steht die traumatische Neu-
rose, mit diesem Zusammentreffen von Form und Inhalt, am Anfang
einer pathogenen Reihe, an deren Ende die ausgesprochenen Psycho-
neurosen stehen, deren Inhalt das Sexualtrauma ausmacht, während sie
sich als Abwehr und Abfuhrmittel desselben universalen Regressionsaus-
drucks bedienen, sobald das Individuum irgendwie an der Realität
scheitert. Der Neurotiker scheitert nun ganz allgemein gesprochen, wie
ja die Analyse nachweisen konnte, an der Sexualität, was in diesem Zu-
sammenhange so viel heißt, daß er sich nicht mit der partiellen Be-
friedigung der Rückkehr zur Mutter, wie sie der Sexualakt und das Kind
gewähren, begnügt, sondern stark „infantil" geblieben, selbst noch
ganz in die Mutter zurückverlangt. Er ist so letzten Endes unfähig.
i'i Die Traume der traumatischen Neurosen „wiederholen" in typisch er Weise
das Geburtstrauma in der Einkleidung des aktuellen traumatiBchen Erlebnisses,
aber meist mit dem einen oder anderen verräterischen Geburtsdetail.
^S Das Trauma der Geburt
das Trauma der Geburt auf dem normalen Wege der Angstverhütuug
durch Sexual befriedigung zu erledigen und wird auf die Urform der
Libidobefriedigung zurückgeworfen, die ja unerfüllbar bleibtund gegen
die sich sein erwachsenes Ich mit Angstentwicklung sträubt.
Bereits an verschiedenen Stellen der bisherigen Ausführungen über
die kindliche Libidoentwicklung wurde andeutungsweise auf die ent-
sprechenden Erscheinungen in der Neurose hingewiesen ; namentlich
bei allen Zuständen, in denen die Angst manifest wird, ebenso bei
den unmittelbaren Störungen der Sexual funktion {„Aktualneurcsen")-
Halten wir uns zum besseren Verständnis der neurotischen Angst-
zustände noch einmal den einfachsten Fall der kindlichen Angstent-
bindung vor Augen, der vorbildlich für jede neurotische Angstentbin-
dung bleibt: die Angst des Kindes im dunkeln Raum. Diese Situa-
tion — man kann es kaum anders ausdrücken, obwohl es nicht ganz
so ist — „erinnert" das Unbewußte des Kindes an den Aufenthalt im
dunkeln Mutterleib, der zwar seinerzeit äui3erst lustvoll empfunden
wurde — was auch die Tendenz zu seiner Wiederherstellung erklärt — ,
aber durch die angstauslösende Trennung von der Mutter beendet
wurde, die das all ein gelassene Kind nun vermißt. In der Angst vor
dem Alleinsein wird also offenbar der Angstaffekt der ersten Trennung
vom Libidoobjekt er-innert, und zwar durch reales Wiedererleben,
durch Reproduktion und Abfuhr. Dieser Zwang zur Reproduktion des
starken Unlustaffektes, dessen Mechanismus uns später noch beschäf-
tigen wird, ist jedenfalls ganz ausgezeichnet geeignet, die Echtheit und
Realität dieser „Erinnerung" zu illustrieren. Dem gleichen Vorgang
entsprechen alle Formen neurotischer Angstentwicklung, einschließ-
lich der Phobien, auf dem Wege der durch die Analyse aufgedeckten
Mechanismen. Ebenso die sogenannte Aktualform der Angstneurose,
die aber bereits — wie auch die Neurasthenie — zu den direkten
Störungen der Sexual funktion hinüberleitet, indem der sie auslösende
Koitus interruptus der Angst vor dem mütterlichen Genitale entspricht
Die neurotische Reproduktion 4^
(gefährliche vagina dentata). Auf der gleichen mütterlichen Ur-
fixierung und der geschilderten infantilen Entwicklung beruhen alle
Formen von männlicher Impotenz — der Penis schreckt überhaupt vor
dem Eindringen zurück — und weiblicher Anästhesie (Vaginismus):
hier versagt, nach dem von Freud beschriebenen hysterischen Mecha-
nismus, die eine Funktion des Organs zugunsten einer anderen unbe-
wußten ; Lustfunktion — Gebärfunktion, worin der Gegensatz zwischen
Art (Propagation) und Individuum (Lust) steckt. '
Weisen diese ausgesprochenen Angstsymptome darauf hin, daß der
Neurotiker ein Mensch ist, der das Trauma der Geburt nur in höchst
unzureichendem Maße überwunden hat, so zeigen die körperlichen Sym-
ptome der Hysterie, nicht nur ihrer manifesten Form, sondern auch
dem tiefsten unbewußten Inhalt nach vielfach ganz direkte physische
Reproduktionen des Geburtsaktes mit der ausgesprochenen Tendenz
der Verleugnung, d. h. der Rückkehr in die vorherige Lustsituation
des Intrauterinlebens. Hierher gehören vor allem die Erscheinungen
der hysterischen Lähmung, von denen jaz.B. die Gehhemmung nichts
anderes als die körperlich dargestellte Platzangst ist' und die Unbeweglich-
fceit der lustvollen Ursituation zugleich mit dem Schreck der Befreiung
daraus zur Darstellung bringt. Die typischen, durch Anziehung der Ex-
tremitäten an den Körper charakterisierten Lähmungserscheinungen,
ebenso die Coordinationsstörungen wie man sie z. B. bei Chorea minor
findet, nähern sich der Intrauterinstellung noch getreuer an.^
1) Siehe die entsprechenden Ausführungen in meiner Arbeit: Perversion und
Neurose.
, 2) Vgl. Federns Arbeit (Jahrb. VI, 1914) ,,über zwei typische Traumsen-
sationen", der Hemmung und des FUegens, sowie ihrer Beziehung zu den neu-
rotischen Symptomen der Lähmung, bzw. des Schwindels. AU diese Sensationen
erweisen sich als eindeutige Reproduktionen entsprechender Geburtssensationen
(siehe das im Abschnitt „Symbolische Anpassung" über den Traum Gesagte, S.76).
5) Man sieht wie diese Auffassung an M ey n e r t anknüpft, derdie Bewegungen
der Chorea minor bereits auf die Säuglingsbewegungen zurückführte.
4 Raak
JO
Das Trauma der Gehurt
Bei Begründung dieser hysterischen Symptome als Reproduktionen
von Intrauterinstellüng, bezw. Geburtsakt erscheint auch das Problem
der Konversion in einem neuen Lichte. Nicht die „Konversion" der
psychischen Erregung ins Körperliche ist zu erklären, sondern der Weg,
auf dem das ursprünglich nur körperliche Ausdrucksmittel auch
psychische Ausdrucksmöglichkeiten erlangen konnte. Dieser Weg
scheint aber der Mechanismus zu sein, auf dem die Angst entsteht,
die sozusagen der erste psychische Inhalt ist, dessen sich der
Mensch bewußt wird. Von der Angst führen dann mannigfaltige Wege
zum weiteren psychischen Überbau, von denen wir den kulturgeschicht-
lich wie pathologisch bedeutsamsten, unter dem Namen der Symbol-
bildung bekannten, später noch weiter bis zur Sprachbüdung verfolgen
werden. Hier wollen wir nur kurz auf die Phantasiebiidungen, diese
psychischen Ausläufer der hysterischen Körpersymptome hinweisen,
wie sie sich beispielsweise in den sogenannten hysterischen Traum-
oder Dämmerzuständen (einschließlich der Absencen) äußern. Aus der
trefflichen Schilderung von Abraham (Jahrb. II 1910) ist leicht
ersichtlich, daß es sich dabei um „psychische Konversionen", d. h. uro
Reproduktionen der Ursituation auf psychischem Gebiete handelt,
wobei das physische Zurückgehen in die Mutterleibssituation durch die
bloße Introversion der Libido ersetzt, d. h. das Zurückziehen von der
Außenwelt auf sich selbst durch die psychische Isolierung dargestellt
wird, die wir dann in den Psychosen realisiert sehen. Bezeichnend ist
übrigens, wie häufig diese Traumzustände mit einem Angstaflekt enden,
der dem Zurückgehen in der Phantasie eine Grenze setzt, wie die Angst
dem nächtlichen Traum. Wie nahe diese Zustände den mystischen Ek-
stasen, der Versenkung in das eigene Innere stehen, ist ja bekannt,
wenngleich seiner Herkunft nach unverstanden.'
1) CavendishMoxon (Mystical ecstasy and hysteiical dream states. TLe Jour-
nal of abnormal Psychology,i92o/zi,p. 529) schildert die Beziehungen zur Extase,
während eine tiefergehende Arbeit von Theodore Schroeder (Prenatal psycbism
Die neurotische Reproduktion JI
Zu den direkten körperlichen Reproduktionen des Geburtstraumas
gehören ferner alle neurotischen Atembeschwerden (Asthma), welche
die Erstickungssituation wiederholen, der so vielseitiger Verwendung
fähige neurotische Kopfschmerz (Migräne), der auf die besondere
schmerzhafte Rolle des Kopfes beim Geburtsakt zurückgeht, und schließ-
lich ganz direkt alle Krampfanfälle, wie man sie übrigens schon bei
ganz kleinen Kindern, sogar Neugeborenen, als fortgesetzte Erledigung
des primären Geburtstraumas beobachten kann. Der große hysterische
Anfall endlich bedient sich des gleichen Mechanismus, nur zeigt er,
auf der vollen Höhe der sexuellen Entwicklung stehend, auch die volle
Abwehr in der bekannten Stellung des arc de cercle, welcher der ein-
gekrümmten Embryonal Stellung diametral entgegengesetzt ist. ^
Vom hysterischen Anfall aus, den die Psychoanalyse als Äquivalent
und Abwehr der Koitusstellung erkannt hat, lassen sich einige Probleme
des Neurosenmechanismus und der Neurosenwahl streifen. Die emi-
nente Sexualablehnung, die sich im hysterischen Anfall so deutlich
manifestiert, ist eine Folge der Mutterfixierung. Die Kranke verleugnet
in der „Organsprache" zugleich mit dem Sexualwunsch auch den
Wunsch der Rückkehr in den Mutterleib, welcher sie eben an der nor-
malen sexuellen Einfühlung hindert. Diese pathologische Sexualisierung
and mystical pantheism. Internat Journal of Psychoanalysis, Vol. III 1922) auf
die pränatalen Momente hinweist.
1) In dieser ganzen Auffassung liegt vielleicht ein Hinweis auf die tiefere
Bedeutung der Hysterie als ,,Uterus"-Krankheit (siehe auch E i s 1 e r : Hysterische
Erscheinungen am Uterus, Kongreßvortrag, Berlin, Sept. 1922).
Auch die typischen Menstrualbeschwerden lassen sich leicht in diesem Sinne
verstehen, wie ja tatsächlich die Geburt nur eine Kollektiv- Menstruation dar-
stellt. Die Menstruation, welche ja auch „periodisch" die Mutterleibsexistenz
fortsetzt, scheint beim Kulturmenschen in die allgemeine Verdrängung des
Geburtstraumas einbezogen worden zu sein. Ursprünglich das Signal der höch-
sten lustvoUen BefruchtungsShigkeit des Weibes, ist sie unter dem Einfluß der
Verdrängung zum Sammelpunkt der verschiedensten neurotischen Beschwerden
geworden.
1*
*
s^
Das Traunia der Geburt
des Geburtsaktes ist das Zerrbild der zur Erreichung des normalen
Sexualzieles notwendigen. Dagegen wird auch das ganze Quantum
Sexuallust (Libido) aus der späteren Entwicklung sozusagen in die
infantile Ursituation rückverlegt, was dem Anfall den von allen Beo-
bachtern beschriebenen lüsternen Charakter verleiht. So könnte man
den hysterischen Anfall, in die bewußte Sprache übersetzt, als den
Schrei: Weg vom (mütterlichen) Genitalel formulieren, und zwar im
sexuellen gleichwie im infantilen Sinne. Denselben Mechanismus
zeigen aber auch all die anderen von der Analyse verständlich ge-
machten hysterischen „Verschiebungen", die zumeist nach der oberen
Körperhälfte tendieren („Verlegung nach oben"), wobei es nicht be-
deutungslos sein mag, daß gerade der Kopf zuerst das mütterliche
Genitale verläßt, also der Körperteil ist, der das Geburtstrauma nicht
bloß am intensivsten erlebt, sondern es auch zuerst passiert hat.
Aus einzelnen Analysen kann man den bestimmten Eindruck ge-
winnen, daß die spätere „Wahl" der Neurosenform in ganz entschei-
dender Weise vom Akt der Geburt, den besonderen Angriffspunkten
des Traumas' und der Reaktion des Individuums darauf bestimmt
wird. Ohne den Detailuntersuchungen hier vorgreifen zu wollen,
möchte ich als allgemeinen Eindruck formulieren, daß die Verschie-
bungen sowohl nach oben (z. B. Globus — Atemnot) als nach unten
(z. B. Lähmungen — Krämpfe) jedenfalls einem Divergieren vom Geni-
talmittelpunkt entsprechen, ein Gesichtspunkt, der sich für das Ver-
ständnis des neurotischen Charaktertypus überhaupt und seiner ge-
samten Reaktionsweise als hochbedeutsam erweist, da er die ganzen
psycho- biologischen Reaktionen auf das Geburtstrauma umschließt.
Das heißt die körperlichen Symptome versuchen zumeist mit Umgehung
der 'Angstgrenze direkt in das pränatale Stadium zu regredieren, wobei
sich die umgangene Angst jenachdem direkt oder in der oben (S. 21)
1I Man vgl. die typischen Körperfehler der neugeborenen Helden, S, 102.
Die neurotische Reproduktion S}
beschriebenen Abwehrform von Seiten des Ich als sexuelles Schuldgefühl
manifestiert, was dann auch die sexuelle Bedeutung der Symptome erklärt
(z. B. Steife, Röte : Erektion). Die psychischen Symptome versuchen vom
gleichen Angstpunkt des mütterlichen Genital-Aus-Eingangs in der ent-
gegengesetzten Richtung des psychophysischen Apparates sich dem
gleichen Ziel zu nähern (Phantasiebildung, Introversion, Halluzination
und die als Endstadien dieser Reihe aufzufassenden stupurösen und kata-
tonen Dämmerzustände). Beide Wege führen zum Endeffekt der so-
genannten „Sesualablehnung", die letzten Endes auf die Ablehnung des
mütterlichen Genitales zurückgeht : die körperlichen Verschiebungs- und
„Konversions"-Symptome, indem sie das Genitale durch weniger angst-
besetzte Ersatzgenitalien vertreten lassen; die psychischen Symptome,
"indem sie zunächst überhaupt vom Körperlichen wegführen, abzulenken
suchen und so zu den Sublimierungsprozessen und Reaktionsbildungen
Anlaß geben, die wir dann in den hochentwickelten Leistungen von
Kunst, Philosophie und Ethik in höchster Ausbildung sehen.
All diese weitverzweigten psychischen Zusammenhänge erkannt und
im einzelnen erforscht zu haben ist heute schon das unbestrittene Ver-
dienst der Psychoanalyse. Dagegen fehlt es noch an einer entsprechend
beweiskräftigen Begründung für den psychischen „Sinn" der körper-
lichen Symptome. Nun glauben wir, daß unsere Auffassung von der
psychobiologischen Bedeutung des Geburtstraumas imstande ist, diese
Lücke auszufüllen, indem sie auf einen Zustand rekurriert, der uns
sozusagen zum erstenmal ein reales Substrat für die psychophysiologi-
schen Zusammenhänge und Beziehungen liefert. Die von Ferenczi'
in seinen Hysteriestudien angebahnte und von Groddeck^ für die
organischen Krankheiten geltend gemachte Auffassung scheint mir erst
durch die volle theoretische Würdigung des Geburtstraumas ihre wirk-
i) Hysterie und Pathoiieurosen, 1919.
2) Psychische Bedingtheit und psychoanalytische Behandlung organischer
Leiden. 1917. Und die jüngste Publikation; Das Buch vom Es. 1933.
vi
S4
Das Trauma der Geburt
liehe biologische Begründung zu erhalten. Von der Reproduktion des
Geburts- und Intrauterin-Zustandes im Traume ist nur ein Schritt zu
den entsprechenden Darstellungen in der Hysterie und von da wieder
nur ein Schritt zu den gleichen rein organischen Krankheitssymptomen,
die immer noch denselben „Sinn zu Iiaben scheinen und den gleichen
Tendenzen dienen. Die Übergänge dieser verschiedenen Erscheinungs-
formen ineinander sind so fließend, daß manchmal eine differential-
diagnostische Unterscheidung kaum möglich ist. Aus der Zuriickfüh-
rung dieser Erscheinungen auf einen Primärzustand, wo Psychophy-
slsches noch vereint ist, wo es also diese Trennung noch nicht gibt
(Groddeck), wird neben dem Mechanismus zugleich auch Inhalt
und Form der neurotischen Kürpersyraptorae verständlich. Dies gilt
dann für die als „psychisch" anerkannten Fälle ebenso wie für die
neurologisch oder organisch qualifizierten. Denn vom Standpunkt
unserer Auffassung ist es ganz gleichgültig, ob etwa eine anatomische
Schädigung im Gehirn oder ein toxischer Reizzustand oder endlich ein
rein psychogenes Erlebnis das Ich nötigt, dem ewigen Drang des Un-
bewußten nachzugeben und zum Urquell der Libidobefriedigung und
des Schutzes zu regredieren. Die Gleichartigkeit der Symptome aus
diesen verschiedenen Anlässen wird dann selbstverständlich, die ganze
künstlich hineingetragene Problematik verschwindet, denn das Indi-
viduum kann ja gar nichts anderes tun, als die Bahnen der psycho-
physischen Entwicklung so weit zurückzulaufen, als es die individuelle
Angstfixierung resp. Verdrängungsgrenze zuläßt. Ein Problem ent-
stünde erst, wenn die Symptome nicht so gleichmäßig wären wie sie
es tatsächlich sind und naturnotwendig sein müssen.
Ich muß mich hier damit begnügen, auf ein paar schlagende Bei-
spiele zu verweisen und die weitere Verfolgung dieser vielversprechen-
den Aufklärungen neurologisch und internistisch erfahrenen Beobach-
tern zu überlassen. So zeigen die Fälle von Narkolepsie, sowohl die
genuinen wie die hysteroiden, den typischen Zustand des Embryonal-
vi
■VJ
Die neurotische Reproduktion SS
Schlafes, wobei auch das Symptom der plötzlichen Willenslähmung,
die kataplektischen Hemmungen, sich in sinnvollem biologischen Zu-
sammenhang mit dieser Situation erweisen dürften (Gliederstellung!).
Nicht unwesentlich scheint es, daß die plötzliche Schlafsucht die Patien-
ten oft gerade in gefährlichen Situationen überfällt (beim Straßenüber-
queren, Bahnfahrten usw.), was wieder an die Somnambulen erinnert,
die es gleichfalls lieben, sich in solche Situationen zu begeben, die im
Normalzustand Angst auslösen würden. Bei der organischen Parallel-
erkrankung, der Encephalitis, weisen die bekannten Symptome des
Tag- und Nachtwechsels, der Atemnot, der Tics, direkt auf das Geburts-
trauma hin. Das praktisch Bedeutsame aus diesen Einsichten ergibt
sich durch Anknüpfung an die bekannte klinische Erfahrung, wie
leicht diese und ähnliche Zustände psychisch beeinflußbar sind.' Es
ist jedoch zweifellos, daß ebenso wie das gleiche Symptom von beiden
Seiten her entstehen kann, es auch möglich sein muß, es von beiden
Seiten her therapeutisch zu beeinflussen. Wenn in letzter Zeit davon
die Rede war, daß beispielsweise AsthmaanfäUe — auch solche psychi-
scher Natur — durch laryngolo^sche Eingriffe günstig beeinflußt wer-
den konnten, so ist dies ebensowenig zu bezweifeln wie ähnliche neuere
Erfahrungen über Behebung von nervösen Erscheinungen bei Kin-
dern (Angstzustände, ängstliche Träume usw.) durch operative Frei-
machung der Nasenluftwege. ^ Anderseits wird man bei Kenntnis der
dabei wirkenden psychophysischen Mechanismen nicht überrascht sein
i) Ich führe hier eine mündliche BemerkungvonDoz. Paul Schilder aus der
Zeit der Niederschrift dieser Arbeit (April 1923) an, der darauf hinwies, daß
z. B. die Anfälle einer Kranken mit Cliorea minor schwanden, sobald mändje
Patientin ins Bett (!) legte, und der auch die leichte psychische Ansprechbarke it
der senilen Abasien und Astasten betonte.
2) Siehe Dr. Stein in der Wiener tlin. Woch. (April 19115) und gleichzeitige
Mitteilungen (in der Ges. d. Ante zu Wien) von Eppioger (Klinik Wencke-
bach) und Hofer (Klinik Hajek) über operative Behandlung bei Asthma
bronchiale.
/^
Das Trauma der Gehurt
zu hören, daß narkotisierte Kinder eine Zeitlang später direkt Angst-
zustände entwickeln, die sie scheinbar schon längst überwunden hatten,
oder daß bestehende Ängstlichkeit (allein im dunkeln Zimmer zu
schlafen, Schreckträume, pavor nocturnus usw.) nach der Narkose in
auffallend verstärktem Maße auftritt.' Alle diese Tatsachen erklären
sich so, daß das Körpersymptom (z. B. Atemnot) automatisch die Geburts-
angst mit dem ganzen daranhängenden psychischen Komplex mobili-
siert oder der narkotische Schlaf wieder in die Ursituation zurückführt.
Es wird von Art und Schwere des Falles abhängen, ob man sich für
eine organische (operative) oder psychische Beeinflussung entscheidet;
die letzte ist vorläufig noch zu ungewohnt, wird sich aber über kun
oder lang bei entsprechender Vereinfachung gewiß einbürgern.
Schließlich sei in diesem Zusammenhange noch ein Problem erwähnt,
das von allgemeinerer Bedeutung zu sein scheint. Wenn wir die Ana-
lyse z. B. einer Zwangsneurose konsequent durchführen, eo buchen wijc
es als ersten Erfolg, wenn wir den Patienten dazu gebracht haben, von
seinen rein intellektuellen Spekulationen zu den früheren infantilen
Vorstadien derselben, den Zwangshandlungen — eventuell sogar den ur-
sprünglich lustvollen — zurückzukehren. Nicht selten stellen sich dabei
sogar körperliche „ Kon versions "-Symptome her. Die Analyse zeigt dann,
daß die Zwangsneurose häutig — meine beschränkte Erfahrung erlaubt
mir nicht zu sagen immer, obzwar ich es regelmäßig gefunden habe —
von emem „hysterischen" Kern ausstrahlt, den wir ja am Grunde jeder
Kinderneurose vermuten müssen.
So wie man hinter der Zwangsneurose fast regelmäßig einen hyste-
1} Einer englischen Kinderärztin verdanke ich die Mitteilung, daß die Kinder
nach Mandeloperationen in der Narkose oft noch jahrelang nächtliche Angst-
anfalle haben, die von den Eltern (oder sonstigen Beobachtern) seihst auf das
„Trauma" der Operation zurückgeführt werden. Übrigens ist dies nach verein-
zelten Erfahrungen auch noch häufig hei den Erwachsenen so, die auf Operationen
in der Narkose mit typischen Mutterregressionsträumen, bezw. -Symptomen rea-
gieren.
Die neurotische Reproduktion jy
rischen, vom Geburtstraiima unmittelbar abhängigen Kern auffinden
kann, so hat mich die Analyse einiger Fälle von Hysterie gelehrt, daß
neben der seit frühester Kindheit (schweres Geburtstrauma) bestehenden
Neigung zu körperlichen Symptomen („Konversion"), die sich in der
Neurose lärmend vordrängen, eine zwangsneurotische Ader fast immer
in das hysterische Urgestein eingesprengt ist, ohne deren Aufdeckung
selbst die vollständige Analyse der Hysterie und das Schwinden ihrer
Symptome unvollständig bleibt. In den mir in Erinnerung gebliebenen
Fällen von weiblicher Hysterie ergab sich mit voller Klarheit, daß die
körperlichen Symptome, auf dem Geburtstrauma basierend, fast restlos
im Sinne des (heterosexuellen) Ödipuskomplexes verwendet waren,
sich also auf die Übertragung der Libido auf den Vater, die Reaktion
auf die Enttäuschung und das Schuldgefühl zurückführen ließen. Die
körperlichen Symptome der Neurose erwiesen sich so (bei weiblichen
Patienten) als Niederschlag der in pathologischer Weise auf den Vater
verschobenen Libido (Mutteridentifizierung).
Aus der Enttäuschung am Vater hat aber ein Teil der Libido dieser
Mädchen wieder den Rückweg zur Mutter eingeschlagen, um die be-
reits teilweise aufgegebene (auf den Vater übertragene) früheste Libido-
fixierung wieder zu besetzen. Da dies dann noch weniger gelingen kann,
weil die Mutter inzwischen zur Ödipuskonkurrentin erhoben wurde,
muß jetzt zu einem stärkeren Abwehrmittel gegriffen werden um die
auch biologisch notwendige neuerliche Lösung von derMutter zu voll-
ziehen. Dies erfolgt auf dem Wege der durch die Analyse aufgedeckten
Verwandlung von Liebe in Haß. den für die Zwangsneurose charakteristi-
schen Mechanismus. Dieser Haß, der dazu dienen soll, von der Liebe
zur Mutter loszukommen, bedeutet aber nur eine andere Art der Fi-
xierung an die Mutter, an die man nun in Haß gebunden ist. Die se-
kundären Befreiungsversuche von ihr führen, meist unter dem trau-
matischen Eindruck eines neugekommenen Geschwisters, zur Ver-
schiebung auf dasselbe oder den Vater, als die eigentlich von der Mutter
y8 Das Trauma der Gehurt
trennenden Faktoren. Hier ist aber auch die Wurzel der direkten „To-
deswünsche" (weiblicher Patienten) gegen die Mutter zu suchen, welche
die eigene Rücksehnsucht („Liebestod") durch Abstoßung der Mutter
zu überwinden versuchen. Der weitere Weg der Reaktionsbildungen
gegen diese „sadistischen", nicht ichgerechten Todeswünsche, von den
ethischen Hemmungen (Hypermoral, Mitleid) bis zur schwersten Selbst-
bestrafung (Masochismus, Depression) sind ja analytisch bereits einge-
hend verstanden und gewürdigt.
Die Versuche, diesen ambivalenten Urkonflikt durch intellektuelle
Arbeit zu bewältigen, die dann in so großartiger Hypertrophie im Zwangs-
grübeln und Zwangsdenken wiederkehren, gehören ja entschieden der
späteren Periode der „ Sexual forschung" an. Durch Abtragung dieses
spekulativen Überbaues, dem wir durch Angstentbindung und Libido-
zufuhr den Boden entziehen können, treiben wir die im „System" ver-
schanzte und kaum mehr auffindbare Urangst eigentlich wieder ins
Körperliche zurück, um sie auf diesem normalen Wege — sozusagen
in die Erdleitung — abströmen zu lassen.
Dieser ebenfalls längs der gebahnten psychobiologischen Wege ver-
laufende Prozeß kann sich nun auch unter weniger extremen Bedin-
gungen, sozusagen im Normalausmaß abspielen und tatsächlich hat man
von sehr vielen rein organischen Leiden den Eindruck, daß sie — wenn.
man so sagen kann — dem Individuum den Luxus einer Neurosen bildung
ersparen; richtiger wäre es allerdings zu sagen, daß die Neurose der an-
spruchsvollere Ersatz für ein banales Organleiden ist, dem aber die gleiche
Ursache zugrundeliegt. Nicht selten sieht man zu seiner Überraschung,
wie eine Neurose mit ihren „nachgemachten" körperlichen Symptomen
eigentlich jede wirkliche Erkrankung derselben Organe zu verhindern,
weil zu ersetzen imstande ist. Es ist übrigens auch — wie Freud ge-
legentlich erwähnte — bemerkenswert, daß beispielsweise Patienten,
die viele Jahre hindurch an den schwersten Angstanfällen leiden, dabei
blühend aussehen ; ebenso daß Patienten mit jahrelanger Schlaflosigkeit
Die neurotische Reproduktion j"j>
nicht ermüdet sind wie Menschen, die „wirklich" solange nicht ge-
schlafen hätten. Offenbar bezieht das Unbewußte aus dem Symptom
so viel Urlibido, um den „neurotischen" Ausfall wettzumachen.
Von den hysterischen Erscheinungen an den Extremitäten, die in
ganz charakteristischer Weise auf den Komplex des Urtraumas zurück-
weisen, führt eine gerade Linie zu gewissen zeremoniellen, zwangs-
mäßigen Lagerungen im Bett, wie wir sie ebenso schon bei kleinen
Kindern beobachten können und dann bei gewissen Zwangskranken
wiederfinden, die es häufig auf die peinlich genaue Anordnung ihrer
Garderobe zu verschieben pflegen. Daß dieses Zeremoniell sich an die
Bettlage knüpft, stimmt zur Auffassung des Schlafzustandes als einer
zeitweisen Rückkehr in die Embryonalsituation.
Ohne uns auf die Übergangsformen von den hysterischen Symptomen
zu den Zwangshandlungen, wie den Tics u. a. einzulassen/ heben wir
nur die klassische Zwangsneurose hervor, bei der ja der Weg vom ur-
sprünglich körperlichen Symptom (Zwangshandlung) zu dem rein psy-
chischen, ja intellektuellen Bewaltigungs versuch von der Analyse restlos
klargelegt wurde. Gilt für die körperlichen Erscheinungen Zwangs-
kranker {z. B. Tic) das für die Hysterie Gesagte vollinhaltlich, so geht
das typische Zwangsdenken und Zwangsgrubeln, wie die Analyse gleich-
falls gezeigt hat, auf das infantile Problem der Herkunft der Kinder zu-
rück („anales Kind") und knüpft damit an die ersten kindlichen Versuche
einer intellektuellen Bewältigung des Geburtstraumas an;
dabei gelangt der Zwangskranke schließlich doch wieder auf dem Wege
der „ Gedankenallmacht" in die ersehnte ürsituation zurück(F e r e n c z i), '
allerdings indem er dabei auf seine individuelle Weise den Umweg zu
i) Hierher gehören auch die sogenannten „Impulshandlungen" (Stekel), die
meist im (hysterischen) Dämmerzustände ausgeführte Zwangshandlungen sind
(Wandertrieb: Heimweh — Zurückgehen! Pyromanie: Feuer — Wärme —
Mutter).
2) Entwicklungsstufen des Wirklichkeitssinnes. Zschr. I, 1913.
6o Das Trauma der Geburt
philosophischen Spekulationen über Tod und Unsterblichkeit sowie das
Jenseits mit seinen Höllenstrafen sucht. Er wiederholt damit die scheinbar
unvermeidliche Projektion des Lebens vor der Geburt in die Zukunft,
nach dem Tode, welche die Menschheit viele Jahrtausende hindurch
auf die verschlungen dsten Irrwege des religiösen Aberglaubens, der in
den Unsterblichkeitslehren gipfelt, geführt hat und noch heute bei der
breiten Masse in dem starken Interesse am Übersinnlichen, Okkulten,
mit seiner ganzen Geisterwelt weiterlebt. '
Den Stimmungsschwankungen des Zwangskranken stehen die Cy-
clothymien sehr nahe, seiner spekulativen Systembildung gewisse For-
men von ausgesprochener Psychose. Dieerste Krankheitsform, mitihrem
plötzlichen Wechsel von Melancholie und Manie, geht ganz unmittelbar
auf die Reproduktion der Gefühlszustände vor und nach dem Geburts-
trauma zurück, indem der Urmechanismus der Lust -Unlustverwand-
lung bei Verlust des ersten Libidoobjektes, der Trennung vom Mutter-
leib, wiedererlebt wird. Diese Krankheitsform ist daher für das Studium
des Lust-Unlustproblems von ganz besonderer Bedeutung. Bei der Ana-
lyse tiefer Depressionszustände kann man die darin verarbeitete Libido
sozusagen als Niederschlag herauskristallisieren; sie äußert sich oft als
„Sexualerregung an der ganzen Körperoberflächc". Das melancholische
Stadium, das in einer das tiefste Wesen so treffend ausdrückenden Weise
„Depression" genannt wird, ist charakterisiert durch körperliche Symp-
tome, welche säm tlich zur intrauterinen Situation tendieren,' während
. i) Ich kann es mir hier nicht versagen, eine überaus charakteristische Äuße-
rung von Thomas Mann wiederzugeben, der in einer Schilderung einer okkul-
tistischen Seance, der er bei S c h r e n ck - N o 1 1 i n g beiwohnte, vom M edium u. a.
folgenden Eindruck wiedergab (in einem Vortrag in Wien am 29. III. 1925):
„Einen mystischen Eindruck gewinnt die Situation nur durch das ringende
Almen des Mediums, dessen Zustand unzweideutig und täuschend an
den Gebärakt erinnert."
2) Gedrückte Körperhaltung, Einrollen im Bett, tagelanges nnbewegli ches Lie-
gen , Verweigerung der selbständigen Ernährung, des Sprechens, ja jeder Bewe-
gung usw.
-P--V
"^- ' . ' ^ - f ftf^ V -^
Die neurotische Reproduktion 6l
der Affekt der Traurigkeit dem post natum omne ardmal triste est
Ausdruck gibt. Das darauffolgende manische Stadium ist dagegen
ausgezeichnet körperlich durch die postnatale Lebhaftigkeit und Be-
weglichkeit, während das hohe Glücks- und Seligkeitsgefühl der
praenatalen Libidobefriedigung entspricht. Den interessanten Mecha-
nismus dieser sonderbar gekreuzten Aufteilung von Affekt und Inhalt
werden wir bei Besprechung des Lust-Unlustmechanismus aufklären.
Hier, wo es sich nur um grob schematisierende Hervorhebung des
neuen Gesichtspunktes handelt, müssen wir darauf verzichten zu
zeigen, wie sich auch des feinere Detail der Symptombildung, bezw.
der Mechanismus der Affektverteilung im Sinne unserer Auffassung rein
analytisch verständlich machen läßt. Die symptomatische Entsprechung
von prae- und postnataler Libidosituation wird sich in praxi dadurch
komplizieren, daß sich ja im Geburtsakt selbst, dessen psychische Be-
gleiterscheinungen wir eben direkt nicht beobachten können, neben
dem hauptsächlich „traumatischen" Erleben auch lustvolle, oder zu-
mindest relativ lustvolle Momente einschieben, auf die vermutlich auch
regrediert werden kann.^
Wir möchten nur noch hervorheben, daß die Melancholie sicii
zum Unterschied von den rein neurotischen Symptomen dadurch in
bemerkenswerter Weise unterscheidet, daß sie nicht nur den eigenen
Körper (oder das Ich) als Darstellungsmittel der Ursitualion verwendet,
sondern bereits die Neigung verrät, Dinge der Außenwelt im gleichen
Sinne zu benützen (z. B. Verdunkeln des Raumes), was wir als „psy-
chotischen" Einschlag bezeichnen können. Macht so der Melancho-
liker mit seiner Zurückziehung von der Außenwelt die Anpassung an
dieselbe ein Stück weit wieder ruckgängig, so sollen die psychotischen
i) Es scheint sich aber dabei vorwiegend um die normalen Regressions-
möglichkeiten zu handeln, die im Gegensatz zur Manie bloß „euphorisch" zu
nennen wären. — Zur Bezeichnung dieser Affektlage wäre der von Hatting-
herg geprägte Begriff der „Angstlust" gut brauchbar.
^2 Das Trauma der Gehurt
Wahnsysteme, deren Inhalt so offenkundig die Wiederherstellung des
Urzustandes anstrebt, die nicht mehr libidogerechte Außenwelt durch
die beste aller Welten, das intrauterine Dasein ersetzen. Wo immer
man eine solche Krankengeschichte, namentlich der weiten Gruppe
der sogenannten Dementia praecox aufschlägt, findet man gehäufte
Darstellungen von Geburtsphantasien, die letzten Endes Reproduktionen
der eigenen Vorzeit entsprechen, sei es in direkter, nur ihres Affektes
beraubten Sprache, sei es in symbolischen Ausdrücken, deren Be-
deutung auf Grund der psychoanalytischen Traumforschung leicht
verständlich geworden ist.
Die ersten verdienstvollen Schritte zum Verständnis des „Inhalts der
Psychose" verdanken wir der einsichtsvollen Züricher Psychiaterschule
unter Führung von Jung und Bleuler, die bereits früh die eminente
Bedeutung der psychoanalytischen Funde für die Psychiatrie erkannte
und nutzbar machte.' Nachdem Freud bereits 1894 den Abwehr-
mechanismus zur Aufklärung gewisser halluzinatorischen Psychosen
herangezogen und 1896 zum erstenmal die „Verdrängung' auch in
Fällen von Paranoia als wirksam nachweisen konnte, ^ dauerte es ein
1) Siehe Jungs Referat über die einschlägige Literatur im Jahrbuch f. psycho-
analytieche u. psychopathol, Forschungen, Bd. II, 1910, S. 556— 388 (die ent-
sprechende Literatur deutscher u. Österr, Autoren ref. v. Abraham [s. auch
dessenArbeit: Die psjchosexiiellenDifferenienderHysterieundDementia praecox,
1908] im Jahrbuch I, S. 546ff.; fortgesetzt in Jahrbuch VI, 1914, S. 343f. und
schließlich im „Bericht über die Fortschritte der Psychoanalyse in den Jahren
1914—1919", Wien und Leipzig 1921, S. igSf.) Insbesondere sei hier verwiesen
auf die ersten Arbeiten von Jung: Über die Psychologie der Dementia praecox,
Halle 1907 und: Der Inhalt der Psychose, Leipzig und Wien 1908. — Ferner
die einschlägigen grundlegenden Arbeiten von Honegger, Itten, Maeder,
Nelken, Spielrein u. a. in den verschiedenen Bänden des „Jahrbuchs". SchlieJ3-
lich Bleulers groß angelegtes Werk: Dementia praecox oder Gruppe der
Schizophrenien, igii, das zum größten Teil nichts als die Anwendung der
Ideen Freuds auf die Dementia praecox sein wUl.
2) „Die Abwehmeuropsychosen" und „Weitere Bemerkungen über die Ab-
wehmeuropsychosen" (Kl. Sehr. Bd. T\.
y\ ■
— **^ .* vV.n^-^iJJ ti^L-L^:
Die neurotische Reproduktion 6^
volles Dezennium, bis die Zürcher Klinik den ersten großen Vorstoß
auf diesem Gebiet unternahm. Bald danach trat Freud (1911) mit
seiner großangelegten Analyse eines Falles von Paranoia (Schreber)
hervor, die — an seine eigenen Vorarbeiten anknüpfend und die
wertvollen Ergebnisse der Züricher Schule verwertend — zum ersten-
mal das Verständnis für den psychischen Mechanismus und struktuellen
Aufbau der Psychose eröffnete. Dabei erwies sich die „homosexuelle"
Einstellung und die Abwehr gegen diese feminine Libidoposition durch
den Mann als das bedeutsamste Stück des Mechanismus, der auch wieder
der allgemeinsten Tendenz zur Überwindung des Geburtstraumas' —
im Sinne der Identifizierung mit der Mutter und des Gebarens (anales
Kind) — unterzuordnen ist. Durch diese Untersuchungen Freuds war
erst das theoretische Verständnis der Psychose möglich geworden, dem
dann eine Reihe von Einzelarbeiten seiner Schüler gewidmet war, ^ In
die allgemeine Psychiatrie sind diese umstürzenden Auffassungen natur-
gemäß sehr langsam eingedrungen, scheinen aber gerade in der allerletzten
Zeit die Betrachtungsweise der jüngeren Psychiatergeneration entschei-
dend zu beeinflussen. 3 Im Vordergrundestehtdabeiderentwicklungspsy-
cholo^scheGesichtspunkt, der ein unbestreitbares Verdienst der Züricher
Schule (Honegger, Jung) ist, gegen dessen methodologischen Miß-
brauch sich aber bereits F reu d gewendet hatte, indem er zeigen konnte
1) In der klassischen Paranoia laßt sich leicht hinter den lärmenden Sym-
ptomen das Ur Symptom der Angst aufdecken (Verfolgtwerden!), ganz ähnlich
wie hinter den Schutibauten der Phobien oder den Reaktionsdämmen der
Zwangsneurose.
2) Literatur: Jahrbuch VI, S. 545 ff.; Bericht, S. 158.
5} Siehe besonders die interessanten Arbeiten von Dozent Paul Schilder
(Wien) und seine letzte zusammenfassende Darstellung; Seele und Leben
(Springersche Monographien, Berlin 1925^. Die fast gleichzeitig erschienene
Arbeit von Alfred Storch (Tübingen): Das archäisch -primitive Erleben und
Denken der Schizophrenen (Berlin 1922), ruht fast ganz auf analytischer Auf-
fassung, ohne dies so rückhaltlos wie Schilder zuzugestehen. — Rein analytisch
sind die wertvollen Beiträge von Nunbergin der Internat. Zschr. f. Psychoanalyse.
L- - .
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^A Das Trauma der Geburt
wie vieles noch der individuellen Analyse zugänglich und verständlich
ist, ehe man zur Heranziehung phylogenetischer Materialien oder Ge-
sichtspunkte greifen dürfe. Natürlich hat diese Mahnung nicht viel
genützt und so sehen wir jetzt die fortgeschrittenen Psychiater im des-
kriptiven Vergleich der Psychologie der Schizophrenen mit der des
Primitiven stecken.' Wenn beispielsweise Storch in seiner zweifellos i[-
interessanten Arbeit die archäisch-primitiven Gefühlseinstellungen mit
den „magisch-tabuistischen" vergleicht und die „mystische Einigung"
wie die „kosmische Identifizierung" betont, so macht er insoferne einen
Ruckschritt von der Psychoanalyse, als er deren Verständnis der primi-
tiven Einstellung nicht zur Erklärung der schizophrenen heranzieht,
sondern sich an der Nebeneinander Stellung genügen läßt, ohne zu be-
merken, daß er ein offenbar einfacheres Problem der Individualpsycho-
logie nur durch ein komplizierteres ethnologisches ersetzt hat.
Unsere Auffassung tendiert vielmehr dahin, das individualpsycho-
logische Verständnis noch ein ganzes Stück weiter zu führen und so
auch weitere Aufklärungen der völkerpsychologischen Rätsel zu finden.
Der hier vertretene Gesichtspunkt von der fundamentalen Bedeutung
des Geburtstraumas scheint uns nun tatsächlich der Lösung nahe zu
bringen. In den Psychosen ist ja die Regressions tendenz so stark aus-
geprägt, daß wir erwarten dürfen, in ihnen die weitestgehende An-
näherung an dieUrsituation zu finden. Tatsächlich erweist sich der Inhalt 'j
der Psychose teils ganz offenkundig, teils in den den Kranken eigenen
Zerfallssymptomen des Denkens und Sprechens vollständig durchsetzt
von den ausgebreitetes ten Geburts- und Intrauterinvorstellungen.
Wir müssen es der fleißigen Arbeit der Psychiater danken, daß sie uns
durch ausführliche Mitteilung von Krankengeschichten, deren Material
unter dem Einfluß analytischer Gesichtspunkte gewertet ist, in den Stand
gesetzt haben, dieaus der Analyse der Neurosen gewonnenen Erfahrungen
i) Siehe auch die im Material interessante Arbeit von Prinzhorn: Bildnerei
der Geisteskranken, Berlin igaa.
Die neurotische Reproduktion 6j
in so schlagender Weise an den Psychosen bestätigen zu können. Indem
ich auf das diesbezügliche große Material in der bereits zitierten Literatur
hinweise, möchte ich nur aus der letzten, mir zu Gesicht gekommenen
Publikation von Storch einiges zur Illustration anführen. „Ein an-
nähernd stupuröser Kranker macht andauernd Drehbewegungen, indem
er mit seiner Hand um den Nabel herumfährt. Auf Fragen gibt er
die Erklärung ab, er wolle ein Loch machen (wozu?) um in die Frei-
heit hinauszukommen. Weiteres ist nicht zu erfahren." Es ist jedoch
klar, daß Pat. damit unbewußt die Rückkehr in den Leib meint, da
sonst das „Symbol" unverständlich bliebe. Sogar für eine manifest aus-
gesprochene Kastrationshandlung gibt er die gleiche Motivierung: „der
Kranke biß sich einige Tage nach dem vorhinerwähnten Vorfall ein
Fingerglied ab ; erst nach Überwindung vieler Sperrungen gab er eine
Motivierung: .Durch das Abbeißen des einen Gliedes habe ich die
anderen Leute herbeigezogen, um zu zeigen, daß es an einer Stelle fehlt.'
Bei weiterem Nachfragen fuhr er dann aber fort: ,Ich wollte in die Frei-
heit; durch das Loch bin ich hinausgeschlüpft, wie ein Käfer'"
(S. 7). Storch vermutet zwar, daß damit nicht nur das Verlassen der
Klinik, sondern im analytischen Sinne auch die „unklare" Vorstellung
von einer Befreiung aus dem Mutterleib {Nabelgeburt) mit anklang,
und bemerkt dazu, daß dem Kranken, wie so vielen Schizophrenen die
Idee der Wiederverkörperung eine durchaus selbstverständliche Tat-
sache war, ebenso wie dem Primitiven die Reinkarnation. — Eine
junge Schizophrene, die als Kind vom eigenen Vater vergewaltigt worden
war und aus ihrem Dienst entlief, durchlebte in einem katatonen Zu-
stand eine Geburtsphantasie, indem sie sich zugleich als das Christus-
kind und dessen Mutter vorkam (S. 6l), Dieselbe Kranke „sprach von
einem .Auseinander fallen ihrer eigenen Jugend mit ihrer jetzigen Per-
son'. Sie habe das Gefühl, daß sich in ihrem Körper zwei Per-
sonen befänden, eine mit der häßlichen Vergangenheit, und eine andere;
die etwas .ganz Hochgestelltes. Übergeschlechtlicbes' sei" (S. 7W78).
S Rank
^6 Das Trauma der Geburt
Eine andere Kranke (S. 65) machte die Pflegeschwester zu ihrem „Herr-
gott" und sagte, „in ihr und in der Schwester sei alles enthalten, alles,
,von Christus bis zum Niedrigsten'". (Auf Befragen nach ihrer Be-
ziehung zu der Krankenschwester) ,Wir sind ganz eins, beide eine.
sie ist der Herrgott, ich bin dasselbe wie sie . . . Ich bin in der Schwester,
und die Schwester ist in mir' . Ein andermal sagt sie, „sie habe
die ganze Welt in sich" und erläutert dies (auf Befragen) in charak-
teristischer Weise (S. 80).
Einige Kranke zeigen die Regressionstendenz in Form des Wunsches
nicht erwachsen zu sein, den man oft auch als Gegenstück zur Größen-
sehnsucht bei Kindern findet. „Ein in der Mitte der 50 er stehender
Schizophrener beklagt sich in gereiztem Ton, daß er zu einem Kind
gemacht werde: Ich bin nicht mehr der Mann, bin bereits ein Kind;
wie mich meine Frau besucht hat, war ich nicht der Mann, der zu
der Frau gehört, ich bin dagesessen wie ein Kind bei seiner Mutter"
(S. 57). Im Gegensatz zu anderen Fällen, wo „die Umwandlung in
den weiblichen oder kindlichen Lebenszustand von den Kranken als
Minderungund Herabsetzung ihres Ichs erlebt" wird, bemerkt S torch,
„machten wir öfters bei jungen Schizophrenen, die eben über die
Schwelle der Kindheit ins Leben der Erwachsenen hineintreten,
die entgegengesetzte Erfahrung; wir fanden bei ihnen nicht selten eine
ausgesprochene Lebensfurcht und Angst vor dem Erwachsensein,
unter Umständen im Konflikt mit starkem Lebensdrang und Liebes-
bedürfnissen. Aus diesem Konflikt heraus möchten sie in die Kindheit
zurückfliehen . . ." (S. 89). Ich glaube, daß wir in dieser Tendenz den
Kern dessen vor uns haben, was die Bezeichnung des Krankheitsbildcs
(als Dementia praecox) auch psychologisch rechtfertigen würde. Andere
stellen direkt die alte Kloakentheorie, d. h. den Aufenthalt im Mutterleib
wieder her, wie die Kranke (S. 42), die „zwar nicht glaubt, daß die Kinder
durch denDarm geboren werden, wohl aber, daß zwischen dem ,TragBack ,
in dem ihrer Meinung nach das Kindin der Mutter heranwächst, und den
Die neurotische Reproduktion ^7
untersten Darmabschnitten ein Gang besteht, durch den der Embryo
seinen Kot entleert. Das Kind ist im Tragsack, saugt innen an den Er-
nährungzäpfchen (die sich innen an Stelle der Brüste befinden).VomTrag-
sack geht ein ,AuBlauf nach dem After, ,daß das Kind gesäubert wird von
der Nahriing, die es mit der Milch nimmt.' Vor dem Gebären heilt
der Auslauf aus, gehl er weg, ist zum Putzen da' . Eine andere Kala-
tone mit Koprophagie gibt direkt die embryonale Motivierung für ihr
Tun, wenn sie berichtet, „wie sie während ihrer psychotischen Zustände
Urin habe trinken und Kot essen müssen; nachdem sie vorher das Er-
lebnis des Absterbens durchgemacht hatte, habe sie gemeint, sie brauche
die Stoffe für ihren ,Aufbau'. In einem von Nunberg eingehend
analytisch untersuchten Fall eines Katatonen bedeutete das Verschlucken
der Exkremente eine Selbstbefruchtung und Wiedererneuerung. ' Zu-
sammenfassend sagt Storch (im Abschnitt „Wiedergeburt"): „Wir
treffen auf die Idee, gestorben und wiedererwacht zu sein, auf die Idee
eines Hindurchgehens durch den Tod, des Neuwerdens und schließlich
der Vergottung; wjr finden auch die primitiv-sinnlichen Ein-
kleidungen des Wiedergeburtsgedankens, die Vorstellung eines
wirklichen Geborenwerdens und dgl, wieder. Dabei läßt das
komplexe Denken der Kranken in der Geburts- und Kindschaftsvor-
Stellung das Gebären und Geborenwerden, das Mutter- und
Kindsein oft durcheinanderfließen" (S. 76).'
Aber nicht nur der Inhalt der Wahn bildungen scheint eindeutig
nach dieser Richtung bestimmt, sondern auch die psychotischen Aus-
nahmszustände wie Halluzinationen, Dämmerphasen und Kata-
tonien lassen sich als weitergehende Regiessionen in den Fötahustand
verstehen. Den ersten kühnen Versuch einer solchen Auffassung aus
analytischem Material verdanken wir der wertvollen Arbeit des früh-
verstorbenen Tausk „Über die Entstehung des Beeinflussungsappa-
1) Über den katatonischen Anfall. Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse, VI, 1920.
2) Hervorhebungen von mir.
5«
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68
Das Trauma der Geburt
rates in der Schizophrenie",' den er als Projektion des eigenen im
Mutlerleib genitalisierten Körpers auffaßt. „Die Projektion des eigenen
Körpers wäre also eine Abwehr gegen eine Lipidoposition, die der des
Endes der fötalen und des Anfangs der extrauterinen Entwicklung ent-
spricht" {I. c. S. 23). Von hier aus versuchte Tausk die Erklärung
verschiedener schizophrener Symptome anzubahnen: „Könnte die
Katalepsie, A\e ßexibilitas cerea, nicht jenem Stadium entsprechen, in
dem der Mensch seine Organe nicht als eigene empfindet und sie. als
nicht zu sich gehörig, der Gewalt fremden Willens überlassen muß? . . .
Könnte der katatone Stupor, der eine vollkommene Ablehnung der
Außenweh darstellt, nicht eine Zurückversetzung in den Mutterleib
sein? Sollten diese schwersten katatonen Symptome nicht das ulti-
mum refugium einer Psyche sein, die auch die primitivsten Ich-
funktionen aufgibt und sich ganz auf den foetalen und Säuglingsstand-
punkt zurückzieht .... Das katatone Symptom, die negativistische
Starre des Schizophrenen, ist nichts anderes als eine Absage an die
Außenwelt, in .Organ spräche' ausgedrückt. Spricht nicht auch der
Säuglingsrefiex im Endstadium der progr. Paralyse für eine solche Re-
gression zum Säuglingsleben? Manchen Kranken wird diese Regression
in die Säuglingszeit und sogar bis in die Foetalzeit — das letzte wohl
nur als Drohung mit einer Konsequenz der Krankheitsentwicklung —
sogar bewußt. Ein Patient sagte mir: ,Ich fühle, daß ich immer
jünger und kleiner werde, jetzt bin ich vier Jahre alt, dann komme
ich in die Windeln und dann in die Mutter zurück'" (S. 23I)- Tausk
meint also, daß die Phantasie von der Rückkehr in den Mutterleib,'
die als weitere atavistisch vorgebildete „Urphantasie" angenommen
werden müsse, „als pathologische Realität der sich zurückbilden-
den Psyche in der Schizophrenie symptomatisch auftritt .
1) Internat. Zeitschr, f. Psychoanalyse, V, 1919-
b) Er merkt übrigens an» daß der Ausdruck „Muttcrleibsphantasie" von
Gustav Grüner stamme.
Die neurotische Reproduktion 6^
Setzt man nun hier die Realität des Geburtstraumas mit seinen
folgenschweren Nachwirkungen ein, so kann man die Vermutungen
von Tausk nicht nur sicher bejahen, sondern sie real begründen und
zum Verständnis auch anderer Symptome Geisteskranker gelangen, die
sich direkt auf das Geburtstrauma und nur indirekt auf das Vor-
stadium beziehen. So alle Anfälle, insbesondere der sogenannte epi-
leptische,' der inhaltlich und formal die deutlichsten Reminiszenzen
an den Geburtsakt verrät. Dabei findet übrigens eine ähnliche zwei-
zeitige Trennung wie bei der Cyclothymie statt, wenngleich ohne die
der letzteren eigene zeitliche Umkehrung; denn die dem großen epi-
leptischen Anfall vorangehende flura mit ihrem von Dostojewski so
meisterhaft beschriebenen Glückseligkeitsgefühl, entpricht der präna-
talen Libidobefriedigung, während der Krampfs nfall selbst den betreffen-
den Akt der Geburt reproduziert.
All diesen psychotischen Krankheitsymptomen ist gemeinsam, daß
sie im Sinne der Analyse eine noch weitergehende Regression der
Libido als die Neurosen darstellen, indem sie den Verlust des ürobjek-
tes in einer kosmologisch zu nennenden Projektion durch Ablösung
ihrer Libido von der die Mutter ersetzenden Außenwelt vervollstän-
digen, wobei sie aber durch Einverleibung (Introjektion) der Objekte
in ihr Ich wieder nur zur Ursituation zurückgelangen (Mutter und
Kind). In diesem eigentlich psychotischen Mechanismus, der die Störung
des Verhältnisses zur Außenwelt beeinhaltet, steht die klassische Para-
noia — und die paranoiden Formen der Psychose — dem mytho-
lo^schen Weltbild am nächsten.^ Sie scheint dadurch charakterisiert.
i) Die Zuriickführbarkeit des epileptischen Anfalles auf eine frühe Phase
der Gebärdensprache hat bereits Ferenczi in seiner auch für die hier vorge-
tragene Auffassung grundlegenden Arbeit über „Entwicklungsstufen des Wirk-
lichkeilssinnes" angedeutet (Internat. Zeitschr. f. PsA. I, 1915).
■2) Siehe im „Mythus von der Geburt des Helden" (1909) die „paranoide"
Charakterisierung der mythischen Phantasicbildung (S. 75, 2. Aufl. 1922» S. 123).
csl
70
Das Trauma der Gehurt
daß bei ihr die Außenwelt in einer die normale „Anpassung" weit
übersteigenden Intensität mit Libido besetzt, sozusagen die ganze Welt
zum Uterus gemacht ist, dessen feindlichen Einflüssen der Kranke nun-
mehr ausgesetzt ist (die elektrischen Ströme usw). ' Die ganze Situation
des schützenden Mutterleibs ist hier in ihrer kulturellen und kosmo-
logischen Bedeutung mittels der Gefühlsumkebrung (Hass) gegen den
störenden Vater zu einem einzigen feindlichen Riesenobjekt geworden,
das den mit dem Vater Identifizierten (Helden) verfolgt und zu immer
neuen Kämpfen herausfordert,
i) Es ist bemerkenswert, daß der Paranoiker Strindberg die Erklärung für
die ersten Wahrnehmungen des Kindes, Furcht und Hunger, in der vorgeburt-
lichen Einwirkung erkannt hat. (In seinem autobiographischen Werk: Die
Vergangenheit eines Toren). Auf die Beziehungen, die sich von hier zum Ver-
sehen" der Schwangeren ergeben, kann nur hingewiesen werden. Es seien hier
einige für unsere Auffassung besonders bezeichnende Äußerungen Strind-
bergs angeführt (nach Storch 1, c. S. ifif). Als ihm die Geliebte durch einen
Fremden genommen wird, ist ihm das eine „Erschütterung seines ganzen
Seelenkomplexes", denn „es war ein Teil von ihm selber, der jetzt von
einem andern eingenommen wurde, ein Teil seiner Eingeweide, mit
dem man jetzt spielte". (Entw. einer Seele, Kap. 5). — „In der Liebe schmilzt
er mit der geliebten Frau zusammen, dann aber, wenn er ,sich und seine Form
verloren' hat, erwacht sein Selb sterhaUungs drang, und in der Angst, sein .Selbst
durch die ähnlich machende Macht der Liebe zu verlieren', sucht er sich von
ihr frei zu machen, um sich als etwas ,für sich Existierendes' wiederzu-
finden (Entzweit, Kap. 2/3). Nach der Psychose zieht er sich in die Einsam-
keit zurück, hat sich in „die Seide seiner eigenen Seele eingesponnen" (Einsam,
Kap. 3). Aus seiner schizophrenen Spätzeit berichtet er von Schutzmaßregeln,
die er gegen die iim zur Nachtzeit störenden Ströme anwendet : „Wenn man den
Strömen einer Frau ausgesetzt ist, meistens während des Schlafes, so
kann man sich isolieren; ein Zufall vcranlaßte mich eines Abends, ein wollenes
Tuch über Achsel und Hals zu werfen, und in dieser Nacht war ich ge-
schützt, obwohl ich die Attaken der Strome merkte". Schließlich verrät er auch,
daß die „Verfolgung" bei ihm an die Angst geknüpft ist, indem erden „pani-
schen Schrecken vor allem und nichts" für seine Ruhelosigkeit verantwortlich
macht. — Strindbergs traurige Kindheit und sein besonderer „Mutterkom-
plex"sindbekannt(s.denHinweis„Inzestmotiv", 1912,8.52 Note ). Vondiesem
Punkte aus ist seine ganze Entwicklung, Persönlichkeit und Leistung zu verstehen.
;
Die neurotische Reproduktion 7^
Im Sinne dieser Rücktendenz zur Mutter, die der Psychotiker auf
dem Wege der Projektion anstrebt, ist der psychotische Krankheitsver-
lauf, wie Freud erkannt hat, tatsächlich als Heilungsversuch aufzu-
fassen, was wir ja im analytischen Heilungsprozeß, von dem wir aus-
gegangen waren, auch deutlich sehen. Nur findet die Psychose aus dem
unterirdischen Labyrinth der Mutterleibssituation nicht mehr den Weg
zum Tageslicht der Gesundung, während der Neurotiker sich an dem
ihm vom Analytiker zugeworfenen Ariadnefaden der Erinnerung wie-
der ins Leben zurückzufinden vermag.
Wie nach der Freudschen Auflassung die Hysterie der künst-
lerischen Produktion, die Zwangsneurose der Religionsbildung und
philosophischen Spekulation nahestehen, so die Psychosen dem mytho-
logischen Weltbild. Wenn analytisch eingestellte Psychiater erkannt
haben, daß der Inhalt der Psychose, „kosmologisch" sei, so dürfen wir
den nächsten Schritt, zur Analyse der Kosmologien selbst, auch nicht
scheuen und werden dann finden, daß sie nichts anderes als die auf die
Natur projizierte infantile Reminiszenz der eigenen Geburt darstellen.
Indem ich mir die eingehendere Begründung dieser Auffassung an
reichem mythisch -kosmologischen Material vorbehalte, wie ich sie seit
langem unter dem Titel „Mikrokosmos und Makrokosmos" geplanthabe,
kann ich hier nur auf verschiedene eigene Vorstudien aus dem Gebiet der
Mythologie verweisen, welche zu zeigen versuchen, daß das mensch-
liche Geburtsproblem tatsächlich im Mittelpunkt des mythischen wie
des infantilen Interesses steht und den Inhalt der Phantasiebildungen
entscheidend bestimmt/
x) Siehe die Arbeiten: Der Mythus von der Geburt des Helden (1909),
Die Loheiigrinsage (1911)1 Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage (»912)
(namentlich Kap. IX; Die Weltelternmythe) und schließlich; Psychoanalytische
Beiträge zur Mythenforschung. Gesammelte Studien aus den Jahren 1911 ^1914;
2. veränd. Auflage 1923 (namentlich die Sintflutsage, Verschlingungsmythen,
Tiermärchen usw.)
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Die symbolische Anpassung
Bevor wir uns den mythischen Verarbeitungen des Geburtstraumas
in den großartigen Kompensationsschöpfungen der Heroenbildung zu-
wenden, haben wir teils näherliegende, teils menschlich bedeutsamere
Tatsachen anzuführen, welche die fundamentale Bedeutung des Geburts-
traumas und die unsterbliche Sehnsucht, es zu überwinden, in geradezu
überwältigender Weise offenbaren. Diese biologischen Tatsachen sind
schließlich auch geeignet, uns die zwischen der asozialen neurotischen
und der überwertigen heroischen Leistung liegende Anpassung des Nor-
malen verständlich zu machen und zu erklären, wieso ihm diese An-
passung, die wir Kultur nennen, überhaupt gelingen kann.
Der Zustand des Schlafes, der sich allnächtlich automatisch her-
stellt, legt die Auffassung nahe, daß auch der normale Mensch, wie zu
erwarten, das Geburtstrauma eigentlich nie ganz überwindet, da er ja
die Hälfte seiner Lebenszeit in einem dem intrauterinen fast gleich-
kommenden Zustand verbringt." In diesen Zustand verfallen wir auto-
il Siehe dazu besonders Freud: Vorlesungen (Taschenausg. S. 80) und Fe-
ten cii:EiitwickIungsstufendes Wirklichkeitssinnes. Internat. Zschr. f. PsA. 1913.
Die neurotische Schlaflosigkeit scheint regelmäßig auf zu intensiver Ver-
drängung dieser biologischen Notwendigkeit auf Kosten libidinöser Strebungen
(tur Mutter) zu beruhen (wie der Somnambulismus in allen seinen Formen). Die
so häufige Angst, lebendig begraben zu werden, gehört gleichfalls in diesen
Zusammenhang («.Traumdeutung, 2. Aufl. igog, S. 19g Fußnote), ebenso wie
ihr „perverses" Gegenstück, die Nekrophilie.
Die symbolische Anpassung "]}
matisch, sobald es dunkel wird, also wieder wie beim dunkeln Zimmer
der Kinderangst, wenn die äußeren Umstände dem Unbewußten die
Identifizierung mit dem Urzustand nahelegen. Daher wird auch das
Dunkelwerden im Vorstellungsleben aller Völker in anthropomorpher
Angleichung als Rückkehr der Sonne in den Mutterleib (Unterwelt)
aufgefaßt. '
Im Schlafzustand, in dem wir selbst täglich in weitgehendem Maße
in die Intrauterinsituation zurückkehren, träumen wir und bedienen
uns dabei, wie schon die Alten wußten, merkwürdiger Symbole, die
von der Psychoanalyse empirisch festgesteHt, aber in ihrer Herkunft
und allgemein-menschlichen Bedeutung noch nicht ganz verstanden
sind. Nun zeigen die analytischen Traume, von deren Verständnis wir in
der Heilungssituation ausgegangen sind, daß diese Symbole im Wunsch-
tranm letzten Endes regelmäßig den Aufenthalt im Mutterleib
darstellen, während im Angsttraum das Geburtstrauma, die Ver-
il Der Mond mit seinem periodischen Wachsen und Verschwinden scheint
sich noch besser zur mythologischen Darstellung der immer wieder aufs neue
ersehnten Rückkehr zu eignen, und erscheint in den Mythen nicht nur direkt als
schwangeres und gebärendes Weib, sondern auch als das verschwindende und
wiederkehrende Kind. Auch gilt die Mondgöttin als Beistand der Geburt (Heb-
amme), was mit ihrem Einfluß auf die Menstruation zusammenhängt. Die Kon-
gruenz der weiblichen Menses und der lunaren Phasen, die ja auch noch bei uns
im Volksglauben als identisch gelten", führt Th. W.Danzel dazu, die astrono-
misch-kosmische Periodik erst als symbolischen Ausdruck subjektiver Pe-
rioden und Rhythmen ins Bewußtsein treten zu lassen und dem Kalender zu-
grunde zu legen, der ursprünglich in den Astralländem (China, Babylonien, Ägyp-
ten, Mexiko) ein „Buch der guten und bösen Tage« war (siehe „Mexiko" Bd. I,
S. 28 [Kulturen der Erde, Bd. XI], Darmstadt 1922). „Der aSotagigen Periode des
Tanal-anad^ die im mexikanischen Kalender eine besondere Rolle spielt, hat
vielleicht außer astronomischen Zeiträumen auch die Dauer der Schwanger-
schaft zugrunde gelegen" fDanzel: Mexiko^II, S. 25, Darmstadt 1922). Fuhr-
mann (Mexiko III) erhebt diese Vermutung zu größerer Sicherheit, indem er
das mexikanische Jahr auf die vorgeburtliche Zeit des Menschen und die
neue (nicht auf den Sonnenlauf basierte) Zeitrechnung auf dieses Embryo-Jahr
zurückführt (S. 21).
m^
14
Das Trauma der Gehurt
treibung aus dem Paradies, oft mit allen wirklich erlebten körperlichen
SensationenundDetailsreproduziert wird. Die halluzinatorischeWunsch-
erfüUung des narzißtischen Traum-Ich, zu deren Verständnis Freud
auf den embryonalen Zustand zurückgreift," läßt sich tatsächlich aus
völlig unbeeinflußten analytischen Träumen als ein wirkliches Zurück-
gehen und Reproduzieren der intrauterinen Situation nachweisen, wie
sie ja rein physiologisch durch den Schlafzustand in weitem Ausmaße
bereits physiscli realisiert ist. Ja, die Traumbildung erweist sich vielfach,
zumindest ihrer von Freud postulierten unbewußten Wunecherfül-
lungstendenz nach, als eine vollständigere Rückkehr in uterum, als sie
durch den bloß physiologischen Schlaf vollzogen scheint. " Der infantile
Charakter des Traumes geht also viel weiter zurück und ist viel tiefer
fundiert als wir bis jetzt uns anzunehmen getrauten, weil wir mit un-
serem Bewußtsein, das zur Wahrnehmung der Außenweit geschaffen
ist, dieses eigentliche tiefste Unbewußte nicht erfassen konnten.
Indem ich unter Vorbehalt des zu veröffentlichenden reichen Ana-
lysenmaterials hier nur darauf hinweise, daß sich Wunsch -und Angst-
traum, die beiden von Freud aufgestellten Haupttypen, der Zurück-
führung auf die Lirsituation, bzw. ihrer peinlichen Unterbrechung durch
das Geburtstrauma,' zwanglos fügen, möchte ich nur noch den dritten
Typus Freuds, den Straftraum erwähnen. Wenn sich der — meist
i) Metapsychologische Ergänzung zur Traumlehre. 1917.
2) Wir glauben daraus auch besser zu verstehen, warum das Traumleben unter
dem Einfluß der analytischen Situation oft in so überraschender Weise zu flo-
rieren, ja üppig zu wuchern beginnt.
5) Das Erwachen, besonders aus dem Angsttraum, wiederholt regelmäßig
den Geburtsvorgang,dasZurweltkommen;diesderSinndersogenantiten „Schwel-
lensymbolik" (Silber er), die ja auch mythologisch ganz eindeutig als Geburts-
situation erscheint. (SieheRöheim: Die Bedeutung des Überschreitens. Zschr.
VI, 1910, im Anschluß an die dortseihst vorangehende Arbeit von Frau Sokol-
nicka.) Übrigens äußert sich das Gehurts- Schwellensymptom auch in den so
häufigen Zuckungen der Beine beim Einschlafen.
Die symbolische Anpassung ']$
im JLeben erfolgreiche — Träumer später, wie es den Anschein hal
„strafweise , in eine peinliche Situation zurückversetzt, so ist es, wie
Freud angedeutet hat, neben einer „masochistischen" Tendenz der
Verjüngungs wünsch, der ihn dazu bewegt, der aber letzten Endes auf
die lustvolle Rückkehr in den Mutterleib abzielt. Typischerweise erfolgt
dies im sogenannten Prüfungstraum, einem fast allgemeinen Angst-
traumerlebnis aller Menschen, der eben bis zur Angstgrenze der
bestandenen Prüfung in der Schulzeit zurückgeht. Der vorbewußte
Trostgedanke, dem der Prüfungstraum Ausdruck verleiht, daß es näm-
lich „damals" auch gut gegangen sei, bezieht sich regelmäßig zutiefst aut
den Geburtsakt, der übrigens auch die Vorstellung des glatten „ Durchrut-
schens", bezw. des peinlichen „ Durchfallens" verständlich macht. Was
auch hier zu erklären bleibt, ist das intensive Schuldgefühl, das sich
an diesen Urwunsch regelmäßig knüpft und offenkundig mit dem
Angstaffekt der Geburt so zusammenhängt, daß es seine volle Re-
produktion vermeiden soll, wie ja auch das „Steckenbleiben" bei der
Prüfungssituation das weitere Zurückgehen zum Urtrauma selbst ver-
hindert.
Das Gegenstück zum Straftraum, der Bequemlichkeitstraum,
läßt sich als Versuch zur Wiederherstellung der Intrauterinsituation
verstehen, auch wenn er scheinbar von so realen Nöten wie Hunger
oder Sekretionsbedürfnis ausgelöst wird. Denn mit der physiologischen
Schlaf Situation lebt auch die Tendenz zur hemmungslosen Befriedigung
aller Körperbedürfnisse in der intrauterinen Form wieder auf (Enuresis,
auf sexueller Stufe Pollution, gleichbedeutend mit Inzest, weswegen
gerade die offenkundigen Inzestträume so häufig mit Pollution einher-
gehen und anderseits der Pollutionstraum fast immer einen unverhüll-
ten Inzestwunsch darstellt). Ja selbst auch der „Bequemlichkeits"-
Wunsch zu schlafen, den Freud als wesentlich für die Traumbildung
überhaupt hervorhebt, entspricht der Rückkehrtendenz in die intra-
uterine Situation,
7(>
Das Trauma der Geburt
AUeTräumevonkörperlichenSensationen, auch wenn sie durch
äußere Reize ausgelöst werden ' — wie die Bequemlichkeitsträume durch
innere Reize — gestatten eine zwanglose Rückführung auf die Ursitu-
ation. Beispielsweise die Kälteempfindung bei abgerutschter Bettdecke,
die vom Unbewußten im Sinne des ersten Verlustes der schützenden
Hülle interpretiert und durch traumhafte Zurückziehung in ein Mutter-
leibssymbol kompensiert wird. Ähnlich die Hemmungs- resp; Flug-
sensation, die nicht selten beim gleichen Träumer abwechseln: erstere
häufig bei Menschen mit schwerer Geburt (Hemmung) vom Unbewuß-
ten im wunscherfüllenden Sinne des Nichthinauskönnens aus der Mutter
verwendet; letztere das heftige Geburtstrauma im Sinne der Storch-
fabel zu einem leichten Hinausschweben verwandelnd, im tiefsten Un-
bewußten aber den Dauerzustand des wohligen Schwabens in der Ur-
situation reproduzierend (siehe die geflügelten Engel, die Seelen der
noch Ungeborenen usw.); die entsprechende Angstsituation erscheint
in den Fallträumen reproduziert.
Wir bemerken hier, vorläufig zusammenfassend, daß die bis jetzt
besprochenen Traumtypen und -Sensationen ganz allgemeine Traum-
erlebnisse betrafen, deren typischer Charakter sich eben aus dem all-
gemein-menschlichen Geburtserlebnis erklärt." Dies gilt aber auch für
die von der Analyse ihrem latenten Inhalt nach als typisch erkannten
i) Auch auf die sogenannten experimentelleriTräumefälU hierneues Licht.
Die apphzierten Reize werden im Sinne der erlebten Ursituation interpretiert
(Stellung der Gliedmaßen usw.), um so mehr, als sie meist vom Experimentator
unbewußt so gewählt werden (Auflegen von Gesichtsmasken, Nasenreiie, Fuß-
sohlenkitzel usw.),
a) Dies gilt auch für die sogenannten Zahnreizträume, die bereits Jörper, in dem man sich vor dem Geburtstrauma geschützt
und gewärmt aufgehalten hat. Es ist nun nach kulturhistorischen
Untersuchungen gar kein Zweifel, daß ebenso wie der Sarg und seine
i) Siehe Ferenczis Hinweis aufdie„Psychogenese der Mechanik" ^.Iniago V,
iQiq) und die dort litierten Arbeiten von Mach, E. Kapp u. a. Dazu: Die
Maschine in der Karikatur, von Ing.H. Wettich (mit 260 Bildern), Berlin 1916,
sowie: Die Technik im Lichte der Karikatur, von Dr. Anton Klima (mit
139 Bildern), Wien 1915.
2) Siehe Bachofens griechische Parallele dazu („Das Mutterrecht«, S. 55).
6«
'&=^
i
84 Das Trauma der Geburt
primitiven Vorläufer, das Baum-, Erd- und Hockergrab {Embryonal-
stellung), einzig der Mutterleibssituation nachgebildet sind, in die man
nach dem Tod zurückzukehren wünscht, wie die primitiven Wohnungen
der Lebenden, mögen es nun Erdhöhlen' oder hohle Bäume gewesen
sein', in instinktiver Erinnerung an den wärmenden, schützenden
Mutterleib gewählt oder gemacht wurden, analog dem Nestbau des
Vogels, der die schützende Eihülle ersetzt. Was sich später im Laufe
der fortschreitenden Ur Verdrängung, die eine allmähliche Entfernung
vom Urtrauma in sublimierte Ersatzbildungen des Urzustandes bedingt,
daraus entwickelt hat, bleibt doch immer ganz offenbar mit jener realen
Ursituation aufs tiefste verknüpft, wie das moderne Kind uns mit seiner
Angst im dunkeln Räume verrät. Mag es die primitive Laubhütte
(Nest) sein, oder der erste „Altar'\ der aus dem Herdfeuer (Mutter-
wärme) hervorging, oder das Urbild des „Tempels" (wie die indischen
Höhlentempel), der das Dach oder Haus zum Schutz dieses Feuers
darstellte; oder die überdimensionalen orientalischen Tempelbauten,
die der himmlischen und kosmischen Projektion dieser menschlichen
Stätten entsprechen (Babelturm), welche im giiechischen Tempelbau
mit seinen den primitiven Baumstamm ersetzenden und die mensch-
lichen Beine repräsentierenden Säulen und seinen formenreichen
i) Amerikanisches Material zur Geburtshöhle bringt Roheini in einem Ar-
tikel: Primitive Man and Environment (Internat. Journal of Psycho an alysis II,
1921, p. 170 pp). Von den reiclilich zitierten Quellen ist besonders W. Mathews
erwälinenswert, der die Geburlssymbolik in den betreffenden Mythen erkannt
hat (Mythe at Gestation and Parturition. Americ. Anthropol. TV, 190», p. 737)-
2) Emil Lorenz hat in einer Studie: Der politische Mythus, Beiträge zur
Mythologie der Kultur (Imago V!, igaounderweitert separat 1922), anknüpfend
an Jungs mythologische imd Ferenczis biologische Gesichtspunkte auf diese
symbolische Bedeutung eindringlich hingewiesen und für das Verständnis der
„Anpassung der Wirklichkeit an unsere Wünsche und Bedürfnisse unter dem
bestimmenden Einfluß des Urtypus der durch die Mutter- Imago vermittelten
ersten Auseinandersetzung des Icliganzen mit der Welt" den Begriff des „psychi-
schen Integrals" vorgeschlagen (S. 57 der Separatausgabe).
Die symbolische Anpassung Sj
Kapitalen (Köpfen)die höchste künstlerischeldealisierung dieses mensch-
lichen Usprungs erreichte, wie er im Hohen Lied naiv versinnbildlicht
erscheint; oder die gotischen Kirchenbauten des Mittelalters mit ihrer
Rückkehr zu den aufstrebenden und doch drückenden dunkeln Ge-
wölben; oder schließlich die amerikanischen Wolkenkratzer mit ihrer
glatten Körperfassade und den Liftschächten im Innern : überall handelt
es sich um eine über die bloße „Symbolbildung" des Traumes, ja auch
der Kunst hinausgehende Reproduktion, d. h. schöpferische Gestaltung,
welche in angenäherter Form den Ersatz der Ursituation gestattet.
Von diesem simpelsten Fall der „symbolischen" Realpassung ergeben
sich die weitesten Perspektiven für das Verständnis der gesamten mensch-
lichen Kulturentwicklung: Die Kinderstube, die vom Beutel des Kän-
guruhs und dem Nest, über die Windeln und die Wiege sich erweitert
zu dem dem mütterlichen Körper instinktiv nachgebildeten Haus,'
i) Das Bauopfer, das ursprünglich darin besteht, ein lebendes Kind in das
Fundament eines neuen Hauses einzumauern, soll den Charakter des Gebäudes
als Mutterleibsersati sinnfällig machen.
Ernst Fuhrmann, der in seinen interessanten Arbeiten auf das menschlich-
körperliche Urbild des Profan- und Sakralbaues hingewiesen hat, als dem
schützenden Raum, in dem der Mensch sich zur Nachtzeit verkriecht (Haiis)
oder aus dem er die Neugeburt erwartet (Tempel), weist auch auf bemerkens-
werte sprachliche Übereinstimmungen hin: „Das Haus entsprach also der Haut,
es entsprach dem Wasser, in das die Sonne eingeht, und auch das ganze Wort-
register für Dorf usw. zeigt, daß ein Untergangsbe griff damit verbunden war.
Aus Haut wurde Hut, Hütte, Haus usw., aus Fell %vurde Ville, Bull usw. Aus
Schaf wurde Schuppen, auch russ. Schuba, der Pelz. Aus WV, dem Wassdr,
wurden Bect, Beih, das hehr. Haus, Ved^ der Wald im Schwedischen, das Holz
usw. . . . Wenn ein Mensch ins Bett ging, war er im Wasser angelangt. Seine
Decken waren die Wellen, zwischen denen er lag, und sie wurden entsprechend
aus einer Materie gemacht, die weich und fließend war. An den Pfosten des
Bettes wurden häufig Schnitzereien angebracht, die auf die Ungeheuer der
Unterwelt Bezug hatten, aber auch die Engel, die Geister, die den Körper
wieder belebten, mußten dabei vorhanden sein . . ." {„Der Sinn im Gegen-
stand", München 1923 ; und „Der Grahbau", München 1925, bes. S. 43 u. ff.)
ߣ Das Trauma der Geburt
zur schützenden Stadt," zur befestigten Burg^ und von da in An-
knüpfung an die bereits früher erfolgte mythische Anghedemng
(Projektion bzw. Introjektion) der Natur (Erde, Kosmos) einerseits zu
den sozialen Verschiebungs- und Ersatzbildungen begrifflicher Art wie
Vaterland, Nation und Staat, die in der von Freud rekonstruierten
Weiset an die Urhordengeschichte und den gemeinsamen Verzicht und
Besitz der Urmutter in der späteren sozialen Gemeinschaft anknüpfen.
Wie Freu d gezeigt hat, wird der Urvater von den Söhnen erschlagen.
die in den Besitz der Multer gelangen, d. h. wieder zur Mutter zurück
wollen, was in der Urhorde das „starke Männchen", der „Vater", als
äußerer Widerstand und Träger der „Angst" (vor der Mutter) verhin-
dert. Der Grund des Verzichtes ist aber, daß sie wohl — wie die primi-
tiven orgiastischcn Totenfeiern zeigen —alle die Mutter geschlechtlich
besitzen (Promiskuität), nicht aber alle in sie zurückkehren können.
Dies ist das psychisch -reale Motiv der „heroischen Lüge", d.h. der
Tatsache, daß im Mythus und Märchen immer nur ein Einzelner, und
zwar der Jüngste, der keinen Nachfolger bei der Mutter hatte, die
Urtat begehen kann.
Aus diesem psychologischen Motiv heraus erfolgt auch die für die
Menschheitsentwicklung so folgenschwere männliche Staatenbildung,
indem es auch sozial notwendig wird, daß wieder ein Einzelner in Iden-
tifizierung mit dem Vater dessen Platz einnehme und so den Bann der
Unzugänglichkeit der Mutter, der im sogenannten „Mutterrecht" seinen
soziologischen Ausdruck gefunden hatte, zu durchbrechen.* Die Auf-
richtung der Vatermacht erfolgt also, indem die zur Ehrfurcht gemilderte
Furcht vor der Mutter auf den neuen Usurpator der Vaterstelle, den
i) Zur Stadt als Muttersymbol vgl. meine Arbeit: Um Städte werben, 1911.
Die sieben Hügel Roms entsprechen den Zitzen der säugenden Wölfin.
2) Von; Berg — verbergen: ursprünglich „Fluchtburg" (Lorenz, S. 8;-),
5) „Totem und Tabu«, 191B. — „Massenpsychologie und Ich-Analyse", 1921.
4) Bachofen: Das Mutterrecht, 1861 (zweiter unveränderter Abdruck 1897).
^
.:-
Die symbolische Anpassung 07
Häuptling, Führer, König übertragen wird. Den Schutz, den er aut
Grund von „Rechten" (Verträgen) gegen die Wiederholung des Ur-
verbrechens, d. h. das neuerliche Erschlagen werden genießt, den ver-
dankt er der Tatsache, daß er an Stelle der Mutter tritt, und so aus
der teilweisen Identifizierung mit der Mutter die ihr freiwillig zugestan-
denen „Rechte" mit übernimmt. In der sogenannten Herrschaft des
Vaterrechts stammt also das „Recht", d.h. der gegenseitige (vertrag-
liche) Schutz, die soziale Schonung und Achtung des anderen, aus der
natürlichen Phase der Mutterbindung, die einerseits auf dem Schutz
durch die Mutter (Leib), anderseits auf der aus dem Geburtstrauma
stammenden Angst vor ihr beruht. Die sonderbare Ambivalenz gegen
den Herrscher erklärt sich daraus, daß er geliebt, geschützt und geschont
wird, d. h. tabu^ ist, soweit er die Mutter repräsentiert, dagegen gehaßt,
gequält und erschlagen wird als Repräsentant des Urfeindes bei der
Mutter. Er selbst kehrt in all den Einschränkungen (Zeremoniell), die
seine „Rechte" oft vollständig aufzuheben scheinen, teilsweise in die
lustvolle Ursituation zurück, an den Ort, wohin selbst der König ohne
Begleitung und zu Fuß gehen muß.
Dies wird besonders im „Sonnenkultus" klar, dessen Bedeutung sich
keineswegs in der bewußten Identifizierung mit dem mächtigen Vater
erschöpft, sondern seine tiefer liegende unbewußte Lustquelle in der
ursprünglichen Geburtsvorstellung hat, welche die täglich auf- und
niedergehende Sonne als das neugeborene und nächtlicherweile zur
Mutter rückkehrende Kind auffaßt (Sonne-Sohn). Im Leben der peru-
anischen Herrscher, dessen Zeremoniell der Sonnenidentifizierung ent-
spricht, kommt dies deutlich zum Ausdruck: Der Inka „geht niemals
zu Fuß, sondern wird stets in einer Sänfte getragen. Er nimmt die Nah-
rung nicht selbst zu sich, sondern wird von seinen Frauen gefüttert. Er
trägt ein Kleid nur einen Tag lang, dann legt er es ab und sechs Mo-
1) Das Urtabu ist das mütterliche Genitale, das von Anfang an ambivalent
besetzt ist (heilig- verrucht),
88
Das Trauma der Geburl
l^..-
nate lang werden diese abgelegten Kleider aufgehoben und dann an
einem Tage verbrannt. Der Inka nimmt Nahrung nur einmal aus einem
Gefäß, jedes Ding benutzt er nur einmal . , , Der Inka ist also an jedem
Tage ein ganz neues Wesen, der Säugling der Frauen, der auch von
ihnen genährt werden muß".' Der Inka ist also durchaus „eintägig",
dauernd in statu nascendi wie Fu hrmann mit Recht zusammenfassend
bemerkt. Einem ähnlichen Geburtszeremoniell ist aber jeder Herrscher
mehr oder minder unterworfen. Der Priester-König auf Neu-Guinea darf
sich nicht bewegen und muß sogar sitzend schlafen (um so für einen
gleichmäßigen Zustand der Atmosphäre zu sorgen). — Im alten Japan
mußte der Mikado jeden "Vormittag einige Stunden lang mit der Kaiser-
krone auf dem Haupt auf dem Thron sitzen (noch heute die Vorstellung
unserer Kinder vom „Regieren" ^= Allmacht auf Erden ausüben); aber
steif wie eine Statue, ohne Hände, Füße, Kopf oder Augen zu bewegen,
da sonst Unheil über das Land kommen würde (nach Kämpfer: Hi-
story of Japan)." ■ *
Der König ist also ursprünglich nicht „Vater", sondern Sohn, und
zwar ein kleiner Sohn, infam, ein Unmündiger, „Seine Majestät das
Kind , das von Mutters Gnaden regiert.^ Wir haben schon angedeutet,
Puhrmana: Reich der Inka, Hagen 1922,8,52 (Kulturen der Erde, Bd.I).
2) Der König oder Gott sitzt aber nicht „wie eine Statue", sondern die „Statue"
verewigt nur diesen seligen Ruhezustand der Unbeweglichkeit (siehe Abschnitt
über die Kunst). — Die Krone, diese höchste aller Kopfbedeckungen, geht letzten
Endes auf die embryonale „Glückshaube" zurück, wie noch unser Hut, dessgp
Verlust im Traum die Bedeutungder Trennung von einem Teil desIchs hat.—
Das Szepter, dessen phallische Bedeutung keinem Zweifel unterliegt,
stammt aus der primitivsten Phase der Mutterlierrschaft (Frau mit dem Penis)
und hat für den männlichen Herrscher ursprünglich nur den Sinn, ihn — der
wie die ältesten Priester kastriert = die Mutter war — durch diesen Ersatz wieder
zum Mann zu machen (siehe die hölzerne Nachbildung, die Isis vom verlorenen
gegangen PhaEus des Osiris für sich machen läßt, — Dazu Rank: Die Matrone
von Ephesus, 1915)-
5) Vielleicht hangt Kaiser = cfl«ßr mit schneiden zusammen : der Heraus-
geschnittene (siehe auch „Kaiserschnitt"?).
*. -
Die symbolische Anpassung S^
wie es zu dieser frühesten Vorstufe einer sozialen Organisation, diesem
Staat „in Kinderschuhen', gekommen sein mag. Die frühere Hoch-
schätzung des Weibes (ihres Genitales), die noch in den alten Göt-
tinnenkulten sichtbar ist und ihre Spuren im späteren „Mutterrecht
hinterlassen hat, mußte durch die spätere soziale Vaterorganisation, wie
sie Freud aus der primitiven Horde abgeleitet bat, abgelöst werden. Der
gestrenge, aber rechtliche, nicht mehr gewalttätige Vater mußte wieder
als „Inzestschranke" gegen die Rückkehrten denz zur Mutter aufge-
richtet werden, womit er nur wieder seine ursprüngliche biologische
Funktion aufnahm, die Söhne von der Mutter zu trennen. Die Angst
vor der Mutter wird dann als Ehrfurcht auf den König und die hem-
menden Ich(-Ideal)-Instanzen, die er repräsentiert (Recht, Staat) über-
tragen. Die Söhne (Bürger, Untertanen) stellen sich zu ihm in der
bekannten doppelseitigen ödipuslibido ein und die systematische soziale
Entwertung der Frau resultiert schließlich aus ihrer ursprünglichen
Hochschätzung als Reaktion auf die infantile Abhängigkeit, die der
Vater gewordene Sohn auf die Dauer nicht ertragen kann.'
Daher strebt jede mächtige und erfolgreiche Eroberernatur letzten
Endes nach dem Alleinbesitz der Mutter' (Vateridentifizierung) und
jede Revolution, die den Sturz der männlichen Herrschaft anstrebt.
es
i) Eine äußerst instruktive Illustration zu dieser biologischen Wurzel d
„Matriarchats« bietet die von Leo Frobenius („Das unbekannte Afrika'-.
München 1923,8.23) veröffentlichte und S. 4iff in diesem Sinne erläuterte
Felszeichiiung von Tiut in Algerien, die einen durch die Nabelschnur
mit der (betenden) Mutter verbundenen Jäger zeigt.
2} Siehe L. Jekels; Der Wendepunkt im Leben Napoleons L, Imago IIJ,
J914 und William Boven: Alexander der Große, ebenda VIII, 1922.
Man beachte übrigens das charakteristische Bekenntnis des jungen Napoleon,
der am 26. Oktober 1798 schreibt: „Es gibt wohl kaimi einen kleinmütigeren
Menschen, als ich es hin, wenn ich einen militärischen Plan vorhabe . . . ich
bin wie ein Mädchen, das seine Niederkunft erwartet. Habe ich aber
meinen Entschluß gefaßt, dann ist altes vergessen bis auf das, was zum Erfolg
beitragen kann" (Napoleon- Brevier, hg. von Hans F. Helmolt, Görlitz 1923).
^0 Das Trauma der Geburt
tendiert zur Mutterrückkehr. Veranlaßt und ermöglicht wird aber diese
blutige Auflehnunggegen die Vaterherrschaft letzten Endes von der Frau,
und zwar ganz im Sinne der „heroischen Lüge" des Mythus. Wie die fran-
zösische Revolution zeigt, ist es weniger der König als die ausschweifende
Königin,— der man übrigens charakteristischerweise den Inzest mit ihrem
Sohn nachsagte, — überhaupt die Maitressenwirtschaft und Weiberherr-
schaft, welche die Wut der Menge reizt und auch die hervorragende Rolle
der Frau in den revolutionären Bewegungen mitbestimmt.' Durch ihre
sexuelle Macht (vgl. auch die serbische Königin Draga Maschin) wird sie
für die Geroeinschaft gefährlich, deren soziales Gefüge auf der auf den
Vater verschobenen Angst ruht. Der König wird erschlagen, nicht um
aus dem Joch loszukommen, sondern um sich ein stärkeres, sicher vor
der Mutter schützendes aufzuerlegen;^ Le roi est mort, vive le roi.^
Denn die Frau wirkt antisozial,'' was ihren Ausschluß sowohl in pri-
mitiven (Klubhäuser) wie in hochentwickelten Kulturen vom sozialen
wie politischen Leben psychologisch bcgiündet.^ Der Mann schätzt sie
i) Sielie dazu Beate Rank; Zur Rolle der Frau in der Entwicklung der
menschlichen Gesellschaft. (Vortrag, Wiener PsA. Vereinigung, Mai 1923).
2) Bachofeii (S. 51) leitet das pariicidiwn des römischen Rechtes, das ur-
sprünglich den Königs- oder Vaterniord bedeutet, von pareo =^ gebären ab. „In
dem Worte parricidium wird der Geburtsakt besonders hervorgehoben . . . Pari-
cidiuni ist die an der gebärenden Urmutter in irgendeiner ihrer Geburten
begangene Verletzung". fvSieKe auch A.J. Stör f er: Zur Sonderstellung des Vater-
mordes. Eine rechts geschichtliche und völkerpsychologische Studie, 1911).
5) Siehe auch Paul Pedern: „Die vaterlose Gesellschaft. Zur Psychologie der
Revolution", 1919, der zum Schlüsse kommt, daß die Menschheit eine vaterlose
Gesellschaft auf die Dauer nicht vertragen kann.
4.) Als Leutnant hatte Napoleon Biionaparte einen Dialog über die Liebe ver-
faßt, in dem es heißt: „Ich halte die Liebe fürschädlichderGesellschaft,
dem Glücke des Einzelnen; ich glaube, daß sie mehr Übles als Gutes verursacht,
und hielte es für eine Wohltat, wenn die Gottheit die Well davon befreien wollte !"
5) In seiner wertvollen Arbeit über „Die Pubertätsriten der Wilden" hat
Th. Reik geieigt, wie die eigentliche Mannwerdung durch eine symbolische
Wiederholung der Geburt, durch Ablösung von der Mutter dargestellt wird
(Imago IV, 1915/16).
. F^V
Die symbolische Anpassung ' 9^
nur bewußterweise gering, im Unbewußten fürchtet er sie. Sie wird
darum auch in der französischen Revolution als Göttin der Vernunft ent-
sexualisiert und idealisiert, wie im alten Hellas die aus dem Haupte des
Zeus geborene Athene. Die „Freiheit" (la liherte) hat immer weiblichen
Charakter gehabt und geht letzten Endes wieder nur auf die Befreiung
aus dem mütterlichen Gefängnis zurück (die Erstürmung der Bastille).
Die Ausgestaltung der vaterrechtlichen Herrschaft zu den immer
stärker vermännlich ten Staatssystemen ist also eine Fortwirkung der
Urverdrängung, ' welche darauf hinausgeht, die Frau — eben wegen
der peinlichen Erinnerung an das Geburtstrauma — immer weiter aus-
zuschalten, sogar um den Preis, die so unsichere Herkunft vom Vater
(semper iiicertus) zur Grundlage des ganzen Rechtswesens zu machen
(Namen, Erbfolge usw.).^ Die gleiche Tendenz, den schmerzhaften
i) Dies hat bereits Winterstein im Anschluß anBacliofen zum Verständ-
nis der philosophischen Sjstembildungen verwertet (ImagoU, 1915, S. 194 u. 2o8),
2) Der ursprüngliche Schwur bei den Testikeln des Vaters (tettes'), auf dem
noch unser Eid (Fingerstellung) beruht, ist im Sinne des Unbewußten immer ein
Meineid, da dieses mir die Herkunft von der Mutter kennt, wie die volkstüm-
lichen Schwüre und Flüche zur Genüge beweisen, die alle in eindeutig derber
Weise auf den Mutterleib deuten.
Daß der Name des „Rechts" von der Körperseite abgeleitet ist, die physiologisch
durch das Geburtstrauma weniger betroffen und also kräftiger ist, zeigt in welcher
Weise diese biologischen Urtatsachen die Menschwerdung bestimmen. Die linke
Seite, die in den Geburtsträumen so häufig als die gefährdete erscheint und die be-
reits B a c h o f e n aus mythischer Überlieferung als die „mütterliche" erkaimt hatte,
ist ja durch anatomische Besonderheiten des Menschen von Anfang an, und zwar
ontogenetisch, zur Minderwertigkeit bestimmt (die normale Geburtsposition in
Linkslage). So erweist sich die (ethische) Symbolik von rechts und links (= schlecht),
auf die Stekel hingewiesen hat, im Geburtstrauma, ja im Intrauterin zustand
verankert. Sieheauch die psychischen Besonderheiten der Linkshänder (Fl i e fl u. a.
Autoren) sowie die Erklärung der hysterischen Hemianästhesie bei Ferenczi:
Erklärungsversuch einiger hysterischer Stigmata („Hysterie und Pathoneu-
rosen", 1919.) Datu in der jüdischen Mystik die Auffassung, daß das Linke
(Weibliche) abstoße, das Rechte [Männliche) anziehe, sowie Ähnliches in der
chinesischen Mystik (Langer: Die Erotik der Kabbala. Prag 19231 S- 125)-
■f
92
Das Trauma der Gehurt
Anteil der Frau an der eigenen Entstehung gänzlich auszuschalten, haben
uns alle die Mythen bewahrt, in denen der Mann die erste Frau schafft.
wie beispielsweise in der biblischen Schöpfungsgeschichte, also sozu-
sagen das Ei vor der Henne dagewesen sein soll.
Auf die ständige Festigung der Vatermacht scheint nun auch eine
Reihe von Erfindungen abzuzielen, ähnlich wie die bereits genannten
Kulturschöpfungen auf die ständige Erweiterung des Schutzes durch
die Mutter. Wir meinen die Erfindung derWerkzeugeund Waffen, die
eigentlich alle dem männlichen Geschlechtsorgan direkt nachgebildet
smd,we]chcslange voraller Kultur, in der biülogischenEntwicklung.dazu
bestimmt ist, in die spröde weibliche Materie (Mutter) einzudringen. '
Da dies in einem für das Unbewußte immer nur höchst unzureichenden
Maße der Fall sein kann, wird der Versuch an den natürlichen Ersatz-
stonen (maleria) immer wieder mit vollkommeneren Mitteln, eben
den Werkzeugen, wiederholt, die bekanntlich als Vervollkommnung
der anderen, natürlichen Werkzeuge (wie Hände, Füße, Gebiß) gelten.
Diese Vervollkommnung erhält aber ihren unbewußten Antrieb von
der Mutlerlibido, d. h. der ewig unbefriedigbaren Tendenz zum voll-
ständigen Eindringen in die Mutter, wozu die auffällige Tatsache
summt, daß der Penis selbst infolge der Urangst keinerlei ähnliche „Ver-
längerung" erfahren hat wie sie die Werkzeuge für die andern Glied-
maßen darstellen,' auf die eben diese Tendenz verschoben erscheint,
ebenso wie die Mutter durch die materia ersetzt ist. Bei dieser mir
ungern vollzogenen Ersetzung (Erde),^ welche die erste kulmrelle An-
passungsleistung darstellt, scheint nun auch eine ganz entschiedene rein
,) Priti Giese: Sexual Vorbilder bei einfachen Erfindungen, Imago III, 1914.
1) Dagegen zur Lusterhohung im Se^ualakt selbst wie die (S. 41, Fußnote a)
angeführten Veranstaltungen Primitiver zeigen, die wir psychologisch als „Fräser-
vativ" vor der Angst des gänzlichen Verschlungen werdens auffaßten.
5) Nach den (bisher noch unveröffentlichten) bioanalytischen Unters uchungeu
Perenczis scheint die Erde selbst ein Ersatz der Urmutter aller Lebewesen,
des Seewassers zu sein (Meer als Muttersjmbol).
■7
i^v.-.jtA- «Vf
n
Die symbolische Anpassung p}
körperliche Abwendung vom Weibe als dem Urobjekt der Bewältigungs-
libido stattgefunden zuhaben. Es scheint, daß wir in der Aufrichtung
desMenschen vom Erdboden, die ja neuerdings mit der Werkzeug-
erfindung in Verbindung gebracht wird,' den entscheidenden Schritt
zur eigentlichen Menschwerdung, d. h. zur „kulturellen" Überwindung
des Geburtstraumas durch Abwendung vom weiblichen Genitale und
Anpassung an die genitalisierte Außenwelt, zu erblicken haben, die
letzten Endes wieder nur mütterliche Bedeutung hat.
Eng verwandt in der Genese mit den Werkzeugen sind die Waffen,
ursprünglich vermutlich sogar identisch und wohl gleichzeitig zur Be-
arbeitung von Material wie zur Jagd (Tötung) verwendet. Die Jagd
selbst knüpft wieder unmittelbar an den Ersatz der mütterlichen Nah-
rung an, und zwar um so direkter je weiter wir in der Ernährung durch
die Mutter zurückgehen. Das warme Blut des erlegten Tieres wurde
in direkter Fortsetzung der intrauterinen Ernährung getrunken, das
rohe Fleisch verschlungen — wovon noch in den Verschlingungsmy then
deutliche Nachklänge zu finden sind, wo der Held im Innern des Tieres
von dessen Weichteilen zehrt. Die „Einverleibung" des tierischen Flei-
sches, auf dessen mütterliche Bedeutung kürzlich Ro h ei m hingewiesen
hat,' wird noch auf der Stufe des totemistischen Vateropfers, im Sinne
der Intrauterlnsituation, als Begabung mit den Kräften des Verzehrten
aufgefaßt; ähnlich wie die Löwenhaut, in die sich beispielsweise Hera-
kles hüllt, ihm nicht bloß die männliche (väterliche) Kraft des Tieres
verleiht, sondern die Unverwundbarkeit des in utero geschützten Kindes
(vgl. dazu denim „Schutze" der Nabelschnur jagenden Afrikaner). Hier ist
übrigens daran zu erinnern, daß jed^ Schutz vo r elementaren Gefahren
i)PaulAlsberg: Das Menschheitsrätsel. Versuch einer prinzipiellen Lösung
(1922), der allerdings umgekehrt die Menschwerdung als Resultat des Werkzeug-
gebrauchs hinstellen möchte; und zwar ursprünglich des mit der Hand gewor-
fenen Steins.
2) „Nach dem Tode des Urvaters« (Kongreß Vortrag, Berlin, September 1922)
ImagoIX, 1, 1925.
L
f.
i) Dies zeigt die hlassische Überlieferung, nach der die persischen Frauen die
panische Flucht ihrer Männer und Söhne vor den Mcdem durch Entblößung
ihrer Scham aufhielten : rogantes mim in uUroi matrium vtl uxorum vtlint refagere.
j" Plutarch, de virt. niulierum, 5).
i- a) Das Einhüllen des Körpers in die warme Haut frisch geschlachteter Tiere gilt
dem Volk noch heute als Heilmittel, weil es die vorgeburtliche Situation herstellt.
* Die den Embryo umgebende Eihaut kannte schon Empedokles unter dem
> Namen „Schafhaut" [s. Schultz: Dokumente der Gnosis, 1910, S. 22 u. 128).
\ So erweist sich die noch heute vorwiegend aus tierischen Stoffen gefertigte
'■ Kleidung gleichzeitig als körperlicher Schuti vor der Kälte {die man bei der
Geburt zuerst erfahren hat) und als libidinöse Befriedigung durch teilweise
Rückkehr in den warmen Mutterleib.
l Qj Das Trauma der Geburt i
\ oder menschlichen Angriffen (mit Waffen), von der Erdhöhle oder dem
j ßaumloch bis zum beweglichen Schild oder Streitwagen, Unterseeboot
und Tank, letzten Endes eine Flucht in die mütterliche Schutzhülle
' bedeutet.* Das noch warme Fell des Tieres (Haut), das dem Menschen
zugleich als erste Schutzhülle gegen die Kälte diente, ist so das reale
Gegenstück zum mythischen Hineinkriechen in den warmen tierischen
Leib." Ein Stück der Ambivalenz des späteren Tieropfers, die schon in der
Bezeichnung „Opfer" liegt, erklärt sich aus dieser mütterlich-libidinösen
Bedeutung und drückt das Bedauern aus, daß die teilweise Realisierung
der Ursituation an die Tötung der Mutter gebunden ist („Sadismus"),
iür die daher später der großartige totemistische Opfertod des Urvaters
eingesetzt wird, ganz im Sinne der früher hervorgehobenen Ersetzung
. des mütterlichen Libidoobiektes durch das väterliche Ichideal.
Diesen Übergang zeigt sehr schön das große mexikanische Frühlings-
{- fest {Ochpanixtli = Wegkehren), bei dem eine die Göttin Tlazolteotl
l repräsentierende Frau durch Kopfabschneiden, getötet wurde. „Dann
!" wurde dem Opfer die Haut abgestreift, die ein Priester über-
t zog, der bei den weiteren Zeremonien nun die Göttin reprä-
sentierte. Aus der Schenkelhaut des Opfers wurde eine Maske gefertigt
(„Schenkelmaske'^), mit derderSohn der Göttin, der Maisgott arateo^/,
bekleidet wurde" (Danzel, Mexiko I, S. 45). Auch in diesen seltsamen
1
1
t.
Die symbolische Anpassung pS
Bräuchen handelt es sich um die Darstellung einer Geburt (die des
Maisgottes), was auch durch die gespreizte Beinstellung des Abbil-
des der Göttin versinnbildlicht wird (die mit der dem Sohn über den
Kopf gezogenen Schenkelmaste in Verbindung zu stehen scheint). Auch
hier zeigt sich wieder, daß der Übergang vom Mutteropfer (Göttin) zum
Vateropfer (Priester) über den Sohn erfolgt, derauf dem Wege dieses
Opfers wieder in die Mutter eingeht. Denn die ursprünglichen
Menschenopfer, wie sie uns am reinsten der mexikanische Kult bewahrt
hat, lassen keinen Zweifel daran, daß der Geopferte mit dem in die
Mutter Zurückgeschickten identisch war und der Akt des Opferns selbst
den Vorgang der Geburt rückgängig machen sollte' „Der Gedanke des
Gefangenenopfers beherrschte so sehr die Anschauungen der Mexikaner,
daß sogar das Gebären eines Kindes dem Erbeuten eines Gefangenen
verglichen wurde. Die Frau, die ein Kind geboren, ist der Krieger, der
einen Gefangenen gemacht hat, und die Frau, die im Kindbett gestor-
ben ist, ist der Krieger, der in die Hände der Feinde gefallen und auf
dem Opfersteine getötet worden ist' (Danzel, Mexiko I, S. 2g).' Dem-
entsprechend finden wir zum Fest Toxcatl einen Knaben als Opfer, der
ein Jahr lang als der Gott verehrt wurde, als dessen Repräsentant er
geopfert werden sollte. Dieses Jahr entspricht der oben angeführten
Embryonal dauer von 260 Tagen, während deren der Knabe beständig
von acht Pagen timgeben war; während der letzten 20 Tage wurde
ihm ein Mädchen (als neunter Begleiter) beigegeben (nach Fuhr-
mann, Mexiko III, S. 15).
Wir glauben die „Symbolik" als das wichtigste Mittel zur Realan-
passung in dem Sinne verstanden zu haben, daß aller „Comfort", den
1) In den mexikanischen Bilderhandschriften wird der Geopferte meist als
ein mit eingezogenen Gliedmaßen kopfabwarts Stürzender darge-
stellt (s, Danzel, Mexiko, Bd. I).
2) Diese Auffassung wird psychoanalytisch erläutert von Alice Bilint: Die
mexikanische Kriegshieroglyphe athlachinolli (Imago IX, 4, 1925).
96
Das Trauma der Geburt
Zivilisation und Technik fortwährend zu steigern suchen, nur durch
immerwährende Substitution das Urziel zu ersetzen sucht und sich
dabei im Sinne der sogenannten Entwicklung immer weiter davon ent-
fernt. Daraus erklärt sich der sonderbare Charakter des Symbols und
die eben so sonderbare Reaktion der Menschen darauf, die es in einem
gewissen Zusammenhang leicht erkennen, in einem anderen aber ent-
rüstet ablehnen. Denn die vom Menschen geschaffene Realwelt selbst
hat sich uns als eine Kette ununterbrochen erneuerter Symbolbil-
dungen erwiesen, die aber nicht bloß einen Ersatz für die verlorene
Urrealität darstellen sollen, die sie möglichst getreu nachbilden, sondern
gleichzeitig so wenig als möglich an das daran hängende Urlrauraa er-
innern dürfen. Dies erklärt u. a. auch das Problem, wieso eine moderne
Erfindung, wie beispielsweise der „Zeppelin" , als u n be w u ß tes Symbol
verwendet werden kann: weil er nämlich selbst nach dem unbewuß-
ten Urbild gestaltet ist, das sich darin nur selbst wieder erkennt. Daß
es sich auch bei allen praktischen Erfindungen letzten Endes um nichts
anderes als um die Verminderung der äußeren Widerstände gegen eine
möglichst ausgiebige, dem Urzustände möglichst angenäherte Libido-
befriedigung handelt, zeigt die Analyse des Erfinderwahns, die Kiel-
holz in einer schönen Arbeit versucht hat.' In einzelnen seiner Fälle
ist offensichtlich, daß die Kranken, welche das perpetuum mobile oder
die Quadratur des Zirkels finden wollen, damit das Problem des Dauer-
aufenthalts im Mutterleibe (ev. die Schwierigkeit der Größenverhält-
nisse) lösen wollen; in anderen Fällen von elektrischen Erfindungen
(Apparat, wo warme Ströme unsichtbar hindurchgehen) u. ä. dürfte eine
eingehendere Beschäftigung mit dem Wahnsystera der Kranken dessen
Bedeutung als Reaktion auf das Geburtstrauma klarstellen.'
i) „Zur Genese und DynamikdesErfiaderwahns." Kongreßvortrag, Berlin 1922.
2) Siehe Tausks Vennutung, daß die „elektrischen Ströme" der Schiio-
phrcncn vielleicht die Empfindung der ersten Nerven- und Muskelfunktionen
des Neugeborenen darstellen (1. c. S. 28 Kote).
i
Die symbolische Anpassung ^7
Haben wir so die „Symbolbildung" als das eigentlich menschliche
Urphänomen erkannt, das den Menschen zum Unterschied vom Tier
befähigt, statt der Veränderung des eigenen Körpers (Autoplastik*
wie beim Giraffen, der sich „nach der Decke", d. h. dem Futter streckt),
die Außenwelt in derselben Weise als genauen Abklatsch des Unbe-
wußten zu gestalten (Alloplastik), so erübrigt noch, mit einem Worte
auch des eigentlich intellektuellen Ausdrucksmittels zu gedenken, das
gleich dem aufrechten Gang den Menschen vom Tier fundamental un-
terscheidet: der Sprache und ihrer Entwicklung. Die merkwürdige
analytische Erfahrung, daß einerseits die Übereinstimmungen in der
Symbolik als einer lautlosen Universalsprache" über die Sprachgrenzen
weit hinausgehen, anderseits verblüfTende sprachliche Gleichklänge und
Anklänge sich bei Völkern finden, bei denen eine direkte Beeinflussung
gänzlich ausgeschlossen erscheint, wird mit einem Schlage verständlich,
wenn wir die Symbolik nicht als Niederschlag der Sprachbildung, son-
dern diese als Fortentwicklung der „Ursymbolik" verstehen. Daß auch
die Träume der Tiere, die eine Fötalentwicklung durchmachen, die
Mutterleibssituation reproduzieren, ist anzunehmen, nur fehlt ihren
Darstellungen der sprachliche Ausdruck, der für den Menschen charak-
teristisch ist. Wieso gerade der Mensch dazu gekommen ist, hängt
natürlich mit der phylogenetischen Entwicklung der höheren Zentren
und Funktionen zusammen, aber ein Stück weit geht ja — auch noch
in der individuellen Entwicklung des Einzelnen — die Entstehung und
die Funktion des tierischen Lautes dem Urstadium der artikulierten
i) Nach Ferenczi: Hysterische Materialisationsphänomene (Hysterie und
Patlioneurosen, 1919, S. 24); dortselbst ist auch bemerkt, „daß in der Hysterie
ein Stück der organischen Grundlage, auf die die Symbolik im Psychischen über-
haupt aufgebaut ist, zum Vorschein kommt" (S. 39).
2) Schon Schelling betonte in einer Jugendarbeit, daß die „älteste Sprache
der Weh keine anderen als sinnliche Bezeichnungen der Begriffe kannte". —
Siehe auch die Arbeit von Hans Apfelbach: Das Denkgefühl, Eine Untersu-
chung über den emotionellen Charakter der Denkproiesse. Wien igaa.
7 Rant
98
Das Trauma der Gehurt
Sprache parallel. Die erste Reaktion nach dem Geburtsakt ist der Schrei,
der vermutlich als gewaltsame Aulhebung der Atemnot ein Stück Angst
mit abführt (entspannt). ' Derselbe Schrei wird dann als Verlangen nach
der Mutter wiederholt, wobei die beim Saugen an der Brust geübte
Lippenstellung als Wunschmoment zur Formung der allgemein mensch-
lichen Silbe ma führt.'' Hier ist die Bildung des Lautes aus dem Sym-
bol in statu nascendi zu erfassen;^ denn die zum Saugen geformten
Lippen stellen den ersten Ersatz der Mutter durch einen sozusagen auto-
plastischen Ansatz dar, dessen Mißlingen wieder nur den ersten unlust-
vollen Angstschrei auslöst, welcher die Trennung von der Mutter signa-
lisiert. Dieser Auffassung fügt sich die Theorie vom sexuellen Lock-
rufzwanglos ein, der auf der geschlechtlichen Stufe ja nur das Verlangen
nach Wiedervereinigung mit dem Objekt wiederholt. Natürlich ließe
sich auch in der Wort- und Sprachbildung, die späterhin immer mehr
sexualisiert wird, ein gutes Stück der Ursymbolik als fortlebend und
fortwirkend nachweisen,* wie ja auch noch auf der nächsten Ersatzstufe
für das Wort, nämlich in der Schrift und ihrer Vorstufe der Zeichnung
(Bilderschrift) die Symbolik eine große Rolle spielt, die dann der Künst-
ler durch Wiederentdecken und seine besondere Art der Reproduktion
für den ästhetischen Genuß nutzbar zu machen weiß, während ihre
peinlichen Angstwirkungen in der Analyse der Sprachstörungen (Stot-
tern — Steckenbleiben), sowie in den Neologismen u nd dem Sprach-
1) Vom auegepreßten Schrei führt nach Pfeifers phylogenetischer Theorie
ein direkter Weg mr Stimmbildung und zum Gesang (Kongreß Vortrag, Berlin,
Sept. 1922). Der Weg zur Musik scheint nach Schlüssen aus Analysen nicht vom
Geburtstrauma, eondem von der Intrauterinsituation unmittelbar abiuiweigen.
2) Siehe dam S.Spieltein: Die Entstehung der kindlichen Worte Papa und
Mama. Imago VIII, 1922.
5) Die amerikanische Schule der behaviourins läßt die Werte im Kehlkopf
zuerst plastisch geformt werden.
4.) Siehe Hans Sperber: Über den Einfluß sexueller Momente auf Entstehung
und Entwicklung der Sprache. Imago I, 1912; und Berny: Zur HypoÜiese des
sexuellen Ursprungs der Sprache, ebenda II, 1913.
Die symbolische Anpassung S^
zerfall der Geisteskranken wieder auf die ursprüngliche Symbolbe-
deutung regredieren.' - ,.
Nachdem wir so den Umkreis menschlicher Schöpfung als Versuch
zur Realisierung der Ursituation, d. h. zur Rückgängigmachung des Ur^
traumas, vom nächtlichen Wunschtraum bis zur Realanpassung durch-
messen haben, wobei sich der sogenannte Fortschritt der Kulturent-
wicklung als eine ständig wiederholte Anpassung der triebhaften Tendenz
der Rückkehr zur Mutter an die erzwungene Entfernung von ihr erwiesen
hat, wollen wir, dem Gang der Kulturentwicklung folgend, an diesem
Punkt devüberdeutlichen Annäherungan das Urtraumadem Ruf: Zurück
zur Natur ! folgen. Sehen wir uns aber das Verhältnis des Menschen zur
Natur näher an, so erkennen wir darin eine nur noch deutlichere Art der
anthropomorphen Angleichung, die darauf hinausläuft, alles kosmisch
Gegebene im gleichen Sinne des Unbewußten zu apperzipieren wie die
Kultur es zu reproduzieren strebt. In der Naturmythologie sehen wir die
großartigen Überreste dieser vielleicht primitivsten Anpassungsleistung
sowohl im phylogenetischen wie auch im ontogenetischen Sinne. Denn
das Neugeborene könnte gar nicht leben, wenn es nicht sofort den ihm
zunächst liegenden Teil der Außenwelt und damit letzten Endes diese
selbst sofort zum Mutterersatz machen würde: seien es nun die Hände
der Hebamme oder das warme Wasser, späterhin dieWindel, das Bettchen,
das Zimmer usw. — Das phylogenetische Gegenstück sehen wir in den
Mythen, wo zunächst die greifbare Erde, später gerade wegen seiner Un-
erreichbarkeit der Himmel als schützende Mutterhülle erscheinen. Vor
der Erde vertritt das Wasser in Angleichung an das Intrauterinleben den
mütterlichen Urquell, während der Sonne als Wärmequelle diese Bedeu-
tung zufällt, die noch in der „Symbolik" des Feuers fortlebt. Die Gebirge
mit ihren Grotten undHöhlen,mitihrer Bewaldung (Haar) werden aisrie-
sige Urmutter mit besonderer Betonung des schützenden Charakters ange-
i) Vgl. Freud: Das Unbewußte, 1915 (Kl. Sehr. IV, S. 329 u. ff.).
7-
100
; ,
■' ;
Das Trauma der Geburt f
1
V
sehen. Mit fortschreitender Erkenntnis der Unzulänglichkeit all dieser ge-
gebenen Ersatzbildungen kommt es teils zur realen Schöpfung womöglich
vollkonimenererKulturbildungen.und, so weit auch dies unzureichend
ist, parallel damit zu den großartigen kompensatorischen Phantasiebil-
dungen vom naiven Paradies und dem himmlischen Fortleben, oder vom
realistischen Schlaraffenland oder idealistischen Sehnsuchtsland Orplid.
Soweit es sich dabei um Schöpfungen des Menschen handelt, also um
Kultur im engsten und weitesten Sinne, haben wir es mit Realanpas-
sungen und Phantasieergänzungen zu tun, die vom biologisch-instink-
tiven bis zum bewußt-sozialen Tun reichen und unter dem Gesichtspunkt .^
derAnpassung der Realität an das Unbewußteals eigentliches
Entwicklungsprinzip des Menschen betrachtet zu werden ver-
dienen.' Soweit es sich um die Einbeziehung der Natur in diesen
durch das lange menschliche Fötalstadium gegebenen „Symbolkreis
handelt, haben wir den Mechanismus der mythischen Projektion voruns,
mittels deren der Mensch allein imstande ist, die gegebene „Natur' im
Sinne dieser angeborenen Urformen zu apperzipieren. So erklären sich
die Weltschöpfungs- und „Welteltern"-raythen, welche uns im Prozeß
der kosmischen Angleichung den großartigsten Versuch zur Rückgängig-
machung des Urtraumas, zur Verleugnung der Trennung von der Mutter, j
aufbewahrt haben." Die erste bewußte Anerkennung dieser Trennung
bleibt der erkenntnistheoretischen Erfassung des Gegensatzes von Ich
i) Biologische Vorstufen dazu im Tierreich zeigt Brun: Selektionstheorie
und Lustprinzip.Iiitem.Zschr.f.PsA.IX, 2, 1925. — Ansätze schon hei Ferenczi: ,v
Hysterische Materialisationsphänomene, 1919, S. 31. J
2) Ähnlich die Weltuntergangsphantasien (Schieber) und -my then, welche in ^'.
der radikalste« „Trennung" die innigste Wiedervereinigung (Auflösung ins All)
erreichen. — Die Sintflut, die ja ein neues Weltzeitalter einleitetj ist nichts ;
anderes als eine „universelle" Reaktion auf das Geburtstrauma, wie auch die |,
Natursagen" von der Entstehung der Erde oder der Meere zeigen. Hierin ^
scheint überhaupt der Schlüssel zum Verständnis der Überlieferungen vom
neuen Weltzeitalter zu liegen, die ich an anderer Stelle behandeln werde.
h
Die symbolische Anpassung lOl
und Nicht-Ich vorbehalten, nachdem die philosophische Spekulation
sich am Urproblem der „Identität" erschöpft hatte, das letzten Endes
in der physiologischen Beziehung von Mutter und Kind beschlossen
liegt.
-
Die heroische Kompensation
i-
Wenn wir von unserem neugewonnenen Standpunkt aut die psycho-
analytische Mythenforschung zurückblicken, so bemerken wir. daß hier,
wo das Material mit universaleren Ausdrucksmitteln als in den Neu-
rosen und Psychosen spricht, uns die Bedeutung des Geburtstraumas
zuerst nahegebracht worden war. Schon der „Mythus von der Geburt
des Helden", den der Scharfblick Freu ds als Kernproblem der Mythen-
bildung erkannt hatte, hätte uns volle Klarheit darüber verschaffen
können, wenn wir jener analytischen Erfahrungen teilhaftig gewesen
wären, die uns ermutigt hätten, diesen „ Kinder märchen" einen noch
größeren Wahrhclts- und Realilätsgehalt zuzugestehen und diese Pro,ek-
tionsphänomene nach der Anweisung Freuds' restlos in Psychologie
zurückzuübersetzen. Statt dessen hat diemenschliche Neigung, auf jede
zu deutliche Annäherung an die Erkenntnis dos Urtraumas mit Ver-
drängung zu reagieren, später zu einer Vernüchtigung der Einsicht in
den anagogisch-ethischen Mythendeutungen Jungs geführt.
Der Mythus von der Geburt des Helden beginnt bekanntlich mit
der Situation des Kindes im schützenden Mutterleib (Kästchen), wo es
bereits vom Vater verfolgt wird, der das Kind — im Sinne der ür-
wunscherfüllung — gar nicht zur Welt kommen lassen will. Das
ganze weitere Schicksal des Heros ist nun nichts anderes als die Aus-
wirkung dieser Situation, d.h. die Reaktion auf ein besonders schweres
i) Siehe; Zur Psychopathologie des Alltagslebens (letzter Abschnitt).
r
Die heroische Kompensation lO)
Geburtstraunia, das durch überkompensatorische Leistungen, unter
denen die Wiedergewinnung der Mutter an erster Stelle steht, über-
wunden werden mui3.
Denn diese als Heldentaten bekannten Leistungen dienen auch im
Mythus, genau wie in der Neurose und allen anderen Schöpfungen
des Unbewußten, der Wiedergewinnung der ürsituation in der Mutter,
wobei natürlich der Vater gleichzeitig als Hauptobjekt des Widerstandes
bekämpft wird. Wie wir im Neurotiker den Menschen erkannten, der
den Uraffekt der Angst aus dem Geburtstrauma nicht ohne Schaden
Überwinden kann, so repräsentiert der Heros den angstfreien Typus,
der ein anscheinend besonders schweres Geburtstrauma durch kompen-
satorische Wiederholung in seinen Taten zu überwinden sucht. Daher
ist der Held in der nachträglich gebildeten (infantilen) Wunschphantasie
regelmäßig ein aus dem Mutterleib Geschnittener, dem also das Angst-
trauma von Anfang an erspart geblieben ist. Anderseits zeigt dieses
Motiv im Sinne des Mythus von der Geburt des Helden, wie schwer es
dem Heros von Anfang geworden ist, den schützenden Mutterleib zu
verlassen, in den er hinter der Maske aller noch so kühnen Reform- und
Eroberertaten immer wieder zurückzukehren strebt. Auch das Motiv der
heldischen Unverwundbarkeit erklärt sich als eine Art Daueruterus,
den der Held als Panzer, Hornhaut oder Helm (Tarnkappe) mit zur W^elt
bringt,' der aber doch durch die einzig sterbliche Stelle, die ,, Achilles-
ferse", verrät, wie stark einst auch der Held rein körperlich an die
Mutter fixiert war." Deswegen wird im Motiv der Aussetzung, das
i) Auch die die trojanischen Helden in Gefahr verhüllenden „Wolken" oder
Nebel" der Athene gehören hierher. — Manchmal wird der Held in voller
Rüstung geboren, wie Uitzilopochtli, der Stammesheros der Azteken.
2) Im Gegensati zum „geschütien" Kopf (Glückshaube, Krone), der den
Mutterleib zuerst verläßt, sind meist die Füße, die zuletzt herauskommen, der
schwache Teil. Wie die Achillesferse, übrigens auch die geschwollenen Füße
des Ödipus, zeigen, dürfte es sich um diejenige Korperstelle handeln, die tat-
säcUicli das mütterliche Genitale beim Anstritt zuletzt berührt hat; dies würde
_ji---
■^
jOA Das Trauma der Geburt
>■
■VI
gleichzeitig die Rückkehr zur Mutter und das Trauma der Geburt
darstellt (Hineinstürzen), eine zweite und schmerzlosere Ablösung von
der Mutter durch phantastische Reproduktion der UrsituatJon versucht,
während das Motiv der zwei Mütter, das Jung als Wiedergeburts- -p
Symbol auffaßt, durch deren Charakterisierung als Mutter und Amme Jj
(Tiersäugung) direkt auf das zweite Trauma der Entwöhnung hinweist. ^
Wie den Mythen dabei, genau wie den Neurosen, ganz reelle Remi- "^
niszenzen an die beiden erlebten Urtraumen zugrunde liegen, möge ein
W^
kurzer Hinweis auf den Heraklesmythus illustrieren, der ausdrücklich *i
berichtet, wie schwer die Geburt des Herakles gewesen sei. Und
aus seiner Säuglingszeit wird eingehend geschildert, daß das von der
Mutter ausgesetzte, d. h. aus ihrem Leibe ausgestoßene Kind von der
Gottermutter Hera selbst an die Brust gelegt wurde. Aber der kräftige
Knabe bereitete ihr, wie die Sage weiter erzählt, solche Schmerzen, daß
sie das Kind unwillig zu Boden warf.' Eine deutlichere Erinnerung an
diese frühesten Traumen darf man selbst in der Analyse kaum erwarten,
es sei denn in Form neurotischer Reproduktionen, die sich aber in
der heroischen Überkompensation als Heldentaten manifestieren. ;|
Weit naiver als die unter dem Zeichen der mythischen Kämpen- ^-
sation erfolgende Heroenbildung verraten die Kindermärchen, d. h.
die Märchen, in denen der Held selbst noch als Kind, also vorwiegend ,"_
H
auch erklärlich machen, wieso dieser schwache Punkt später zum „symbolischen-' |
Vertreter des eigenen Genitales werden kann (Fuß = Penis ; Kastratioiisangst!). >
Auch die Adlersche Theorie von der Organmiiiderwertigkeit und ihrer 7,
Überkompensation (Achilleus heißt der „Schnellfüßige"), die der Autor hereditär- 1
embryologisch zu begründen versuchte, scheint individuell in der Reaktion auf r:
das Geburtstrauma verankert. i;
1) Siehe: Der Mythus von der Geburt des Helden (.1909, 2. Aufl. 1922, ■',
S. 58/59), wo noch ähnliche Überlieferungen angeführt sind. f
Auch Achilleus, der spätere Heros der äolischen Auswanderer, tragt in i
seinem Namen das Zeichen des Entwöhnungstraumas; er heißt der Uppenlose I
{a-xeii(.os) , weil seine Mutter ihm im Feuer, wo sie ihn unsterblich machen ^
wollte, eine Lippe verbrannt hatte. ]
■
<
■ ^
Die lieroische Kompensation JOJ
leidende Person auftritt, die typische Reaktion auf das Urtrauma. Neben
dem bereits analytisch gewürdigten Geburtsmärchen vom Rotkäppchen,
das sogar die Asphyktie des aus dem Wolfsbauch geschnittenen Kindes
und seinen Blutandrang zum Kopfe (Rotkäppchen) nicht vergißt — (und
seinen Varianten: sieben Geißlein usw.)' —, sei hier nur, als die viel-
leicht eindeutigste Darstellung des Geburtsthemas, das Märchen von
Hansel und Gretel genannt, welches aus dem die Kinder verschlingen-
den Tier wieder die böse Urmutter (Hexe) macht und zeigt, wie die
postnatale Situation der Lebensnoi" (Hunger) durch immer neue Dar-
stellungen des mühelos ernährenden Mutterleibes ersetzt wird : im Schla-
raffenlandmotiv vom eßbaren Haus, im Käfig, wo man so dick gefüttert
wird, daß man schließlich heraus muß, aber nur, um wieder in den
heißen Backofen zu kommen. ^
i) Siehe meine Psychoanalyt. Beiträge zur Mythenforschuiig, 2. Aufl., S. 67,
, 2) Ich möchte es hier dahingestellt sein lassen, inwieweit die urgeschicht-
liche Not der Eiszeit, die im Mythus von der Sintflut dargestellt sein soll, aus
der individuellen Urgeschichte ihre näher liegende Erklärung findet. Kennt ja
doch das Unbewußte den plötzlichen Temperaturwechsel, die Gegensätze von
warm und kalt, als typische Reproduktionen des Gehurtstraumas, sowohl im
Traum als auch in gewissen neurotischen (vasomotorischen) Störungen wie Fro-
stein, Erröten usw. Jedenfalls scheint diese individuelle Erfahrung nicht ohne
Einfluß auf unsere Vorstellung von der „Eiszeit" gewesen zu sein, deren
wissenschaftliche Erfassung keineswegs noch gelungen ist. Wahrscheinlich ist
daß es sich nicht um eine, sondern um mehrere ganz langsam fortgeschrittene
Abkühlungsperioden handelte, die der einzelne überhaupt nicht als solche wahr-
genommen hahen kann. — Im übrigen ließen sich beide Auffassungen mittels der
bioanaly tischen Katastrophentheorie Ferencais auf dem Boden der Phyloge-
nese vereinigen.
Sehr hübsch bemerkt Fuhrmann, daß die Märchen ursprünglich Winter-
märchen seien, d. h. daß man sie nur im Winter erzählt hat, um sich über die
langen dunkeln Monate hinwegzutrösten. (Das Tier in der Religion, München
1912, S. 55). — Man vgl. übrigens auch ebendort seine Deutung der dänischen
Sage vom König Lindwurm im Sinne des Geburts Vorgangs (S. gi ff-)-
5) Die bekannte Geburts Symbolik des Brotes und Backens, die Fuhrmann
zuletzt dargestellt hat (s. : Der Sinn im Gegenstand, S. 6).
io6 Das Trauma der Geburt
Ein zweiter Typus von Märchen führt nicht mehr das Kind in
seinen unmittelbaren Reaktionen auf das Geburtstrauma vor. sondern
den herangereiften Jüngling in seinem Liebesleben. Diese beliebten
Erzählungen vom erfolgreichen Märchen prinzen,' der die ihm von
Anfang an bestimmte Jungfrau erlöst und gegen alle Brüder -Kon-
kurrenten für sich gewinnt, läßt sich im Sinne unserer Ausführungen
über das Sexualtrauma, d. h. die Reaktion der Urlibido auf die Genita-
lität, verstehen.
Während im Geburtsmythus der Heros von der Mutter gerettet, d. h.
im Mutterleib — vor dem Vater — geborgen wird," um später als
sozialer und ethischer Reformer den Kulturfortschritt gegen die alte
Vatergeneration durchzusetzen,^ zeigt uns der Familienroman des Mär-
chenprinzen die Revancherettung der Mutter- (oder Tochterfigur) aus
der Gewalt des bösen Tyrannen. Die typischen Erlösungsmärchen
verraten uns aber, wieso er dazu imstande ist, und was die furchtlose
Überwindung all der schrecken erregenden Abenteuer letzten Endes
bedeutet. Die typischen Details der Erlösungssituation zeigen mit
aller Deutlichkeit, daß die Rettung der Frau aus dem Todesschlaf
nichts anderes darstellt, als die mittels der „heroischen Lüge" erfolgte
Umwertung des eigenen Geburtsaktes. Die Schwierigkeit und Gefähr-
lichkeit des Herauskommens ist dabei durch die Schwierigkeit des Ein-
■ i) Der dem Heldenmythus zugrunde liegende und im Märchen ganz naiv
durchbrechende „Familienroman" hat neben der bewußten Erhöhungs-
tendenz und der unbeivußten Vaterablehnung noch den letzten Sinn der Rück-
gängigmachung der eigenen Geburt überhaupt,
2) Typus : Menachenfressermythen. Ansätze zu ihrer Analyse in meiner Ab-
handlung: Die Don Juan-Gestalt (Image VIII, igaa).
5} Als „Städtegründer" versucht er wieder die Ursituation des mütterlichen
Schutzes zu realisieren.
Noch in der Psychogenese des geistigen Roformers, des intellektuellen Heros,
wie ihn vielleicht am deutlichsten Nietzsche repräsentiert, erkennen wir im
„Freimachen" von allem Überkommenen, Konventionellen die gleiche Tendenz
der Loslösung.
Die heroische Kompensation
loy
dringens (Dornröschen, Waberlohe, rutschiger Glasberg, Klappfelsen)
ersetzt und der endgültige Durchbruch der schützenden Hülle im Auf-
schneiden des Panzers, öffnen des Sarges oder Auftrennen des Hemdes
dargestellt, in dem das Mädchen eingeschlossen erscheint. Daß alle diese
Handlungen auch offenkundige Defloration ssymbole darstellen, bestätigt
nur die Auffassung, daß es sich im Koitus selbst um die lustvolle Um-
arbeitung des Eindringens in die Mutter handelt, wobei das physiolo-
gische Ideal der Virginität sich nicht bloß als Verleugnung, sondern
auch als direkten Ersatz des mütterlichen Ideals erweist.' Die für das
Verständnis der Märchen wichtige Tatsache, daß regelmäßig hinter der
genitalen BedeutungderSymboleanch die Geburtsbedeutung steht,' weist
wieder auf die doppelte Lust-Unlustqualität des Geburtsakts hin und
zeigt, wie die aus dem Geburtstrauma stammende Angst durch die
„erlösende" Liebe überwunden werden kann. So ergibt sich, daß die
Rettung der schlafenden Frau durch den furchtlosen Helden die Ver-
leugnung der Geburtsangst zur Grundlage hat. Dies zeigt sich dann
deutlich in jenen Fassungen, wo der Held nach Tötung des Drachens,
aus dem er die Jungfrau befreit, 3 selbst in einen todesähnlichen Schlaf
verrällt, während dessen ihm der Kopf abgehackt und nachher wieder
verkehrt aufgesetzt wird* (Geburtssituation). Der Todesschlaf ist dabei
wie in allen Zuständen der Hypnose, Starrheit (Versteinerung) usw..
i) Das Eindringen wird um so lustvoller, je mehr es an die Schwierigkeiten
des Herauskommens erinnert. Anderseits verringert die Virginität die Urangst,
da dort noch niemand drin gewesen sein kann, worüber bekanntlich kein Mann
hinwegkommt (Hebbel, Maria Magdalena). Vgl. auch Freuds Abhandlung:
Das Tabu der Virginität. 1918 (Kl. Schriften, IV. Folge.)
2) Als ein Beispiel dieser, man möchte sagen „phylogenetischen" Symbolik sei
auf das Märchen vomFroschkönig verwiesen, wo der Frosch den Penis, aber
auch den Foetus bedeutet.
5) In der babylonischen Kosmologie wird aus dem Leib des entzweigeschnit-
tenen Ungeheuers Tiamat die Welt gemacht.
4) Z. B. im „Brüderinärcheii". Siehe meine Psychoanalyt. Beiträge a. Mythen-
forschung, a. Aufl. Kap. VI, S, iigff.
lOS Das Trauma der Geburt
ebenso aber auch im Traum und allen neurotischen wie psychotischen
Zuständen, als ein typisches Detail der intrauterinen Situation repro-
duziert. '
Hier wird auch klar, warum es gerade immer der Jüngste sein muß,
der als Heros vor seinen Brüdern erscheint. Sein Attachement an die
Mutter beruht nicht bloß auf den psychischen Motiven der Zärtlichkeit
und Verwöhnung (Muttersöhnchen), sondern diese selbst hat biologische
Gründe. Er bleibt sozusagen auch rein körperlich immer mit ihr ver-
bunden, da nach ihm kein anderer den Platz in der Mutter eingenom-
men hat (Virginitätsmotiv), er also wirklich der einzige ist, für den die
Rückkehr in den Mutterleib und das Verbleiben dort möglich wäre,
für den es sich sozusagen lohnt. Wohl aber versuchen die älteren Brü-
der — vergebens — ihm diesen Platz streitig zu machen, den er trotz
der für ihn charakteristischen „Tumpheit" erringt und behauptet. ="
Seine Überlegenheit besteht eigentlich darin, daß er als Letzter kommt,
der die anderen sozusagen vertreibt, darin wieder dem Vater ähnlich,
mit dem er allein sich aus dem gleichen Motiv schließlich zu identifi-
zieren vermag.
Zum Typus der Erlösungsmythen gehört auch die biblische Para-
dieslegende, wo in direkter Umkehm ng des wirklichen Vorgangs
i) Hierher gehört aizch das in anekdotischer und novellistischer Form darge-
steUte Thema der Befnichtung (Koitus) im Schlafe. (Siehe : Heinr. v. K 1 e i s t : Die
Marquis cvon O ... Die Dichtung und ihre Quellen. Mit einem EegleJtwort hrg.
von Alfred Klaar.)
2) Diese Torheit, die sich immer auch als sexuelle Unerfahrenheit manifestiert
(so schläft Parzival einige Nächte bei der Geliebten ohne sie zu berühren), scheint
der ursprünglichen Li hid ob efriedigungs -Situation zu entsprechen, wie afrika-
nische Erzählungen zeigen, die Frobenius bei den Hamiten des Nilgebietes
hörte. Dort schläft häufig ein Konigssohn monatelang bei einer Priniessin;
jede Nacht „umschlingen sie sich mit den Beinen" und „saugen sie sich fest an
den Lippen". Nach Monaten erfolgt die Entdeckung. Der Prinz wird um ein
Haar geopfert. Da wird sein Rang entdeckt, die Hochzeit gefeiert und das Bei-
lager. Und in der Hochzeitsnacht „fand er eine undurchbohrte Muschel, und das
Blut netzte die Leinewand" {„Das unbekannte Afrika", S. 77).
k
Die heroische Kompensation lO^
das Weib aus dem Mann geschnitten, d. h. der Mann „heldenhaft"
geboren wird, da auch hier er es ist. der in den Todesschlaf ver-
fällt. ' Die darauffolgende Vertreibung aus dem Paradies, das für uns alle
das Sjmbol des unerreichbaren seligen Urzustandes geworden ist, stellt
wieder nur eine Wiederholung des schmerzlichen Geburtsvorganges, der
Trennung von der Mutter — durch den Vater — dar, der Mann und Frau
in gleicher Weise unterworfen sind. Der auf die Erbsünde der Geburt
folgende Fluch; Mit Schmerzen sollst du deine Kinder gebären, verrät
unverhüllt das der ganzen Mythenbildung zugrunge liegende Motiv,
das Urtrauma rückgängig zu machen, dessen unvermeidlich fortwir-
kende Wiederholung im Fruchtgleichnis ausgesprochen ist. Das Verbot,
die Paradiesesfnicht vom Baum zu pflücken, erweist sich im Sinne des
Geburtstraumas als der gleiche Wunsch, die reife Fmcht nicht vom
mütterlichen Stamm zu trennen, wie im Mythus von der Geburt des
Helden die ursprüngliche Feindseligkeit des Vaters, der den Helden
gar nicht zur Welt kommen lassen will. Auch die auf die Übertretung
gesetzte Todesstrafe zeigt deutlich, daß das Vergehen des Weibes in der
Abtrennung der Frucht, d. h. der Geburt besteht und auch hier
wieder erweist sich der Tod im Sinne der Rückkehrtendenz als wunsch-
hafte Reaktion auf das Geburtstrauma.
Wie ich bereits im „Mythus von der Geburt des Helden" angedeutet
und in der „Lohengrinsage" breit ausgeführt habe, gilt dies für alle
mythischen Überlieferungen vom Tod des Helden, was sich in der Art
seines Sterbens und in den Bestattungssitten aller Völker und Zeiten
in einer auf den ersten Blick vielleicht überraschenden, unserem Un-
bewußten aber recht vertrauten Weise offenba rt. ' Und zwar keineswegs,
i) Das Einblasen des Odems durch die Nase weist wieder auf diebegleitende
Atemnot des Neugeborenen hin. Die spatere griecliische und neutestanientliche
Pneumakonzeption hat hier ihre Wurzel.
. 2) In der Polarzone wird der Tote in einen mit Haut überzogenen prisnia-
fischen Behälter in Hockcrstelluag gesetzt; ähnlich übrigens im alten Ägypten,
noch vor der Periode der Einbalsamierung, in lusanimengekauerter Stellung in
jjQ Das Trauma der Geburt
wie Jung auB dem manifesten Inhalt geschlossen hat, durch die Wieder-
geburtsidee, die ja von vornherein wieder mit dem Todesfluch belastet
wäre (Seelenwanderung), sondern durch die unbewußte Auffassung des
Todes selbst als dauernde, ewige Rückkehr in den Mutterschoß. „Alle
Geburt sinkt wieder in den Mutterschoß zurück, aus welchem sie ernst,
durch des Mannes Tat erweckt, ins Reich des Lichts hervortrat. Ja die
Alten erkennen gerade in der Wiederaufnahme des Toten die höchste
Äußerung der Mutterliebe, die Ihrer Geburt in dem Augenblick die
Treue bewahrt, in welchem sie von allen anderen verlassen dasteht . . .
(Bachofen).' Sehr schön hat Bachofen dies an der todbringenden
Nemesis gezeigt, die aus dem (Vogel-) Ei stammt.' sowie an einer Reihe
anderer antiker Unterwelts- und TodesgöttJnnen. „Wir sehen, wie diese
Anschauungsweise durchaus eine Eselin und eine weibliche Typho (im
Oknos-Mythus) erforderte und erkennen den inneren Zusammenhang,
welcher die Eselin mit den eigestalteten Todesmüttem des lykischeu
Harpyenmonumentes, mit der Beisetzung der ägyptischen Königstochter
im Leibe der eigens angefertigten Kuh (Herod. 2, 151), mit der gorgo-
nischen Minerva steriler Todesnatur, mit der Vorsiellung von großen
Grabesmüttern und mit der demetrischen Benennung der Verstorbenen
ein Fell eingehüllt (Fuhrmann: Der Grabbau). In Neuguinea befinden sich die
Grabstätten unter den Frauenhäusem. Bei den späteren Kulturvölkern bekommt
der Tote seine Frau mit ins Grab, oder, wenn er unverheiratet war, ein Witwen-
oder Mädchenopfer, das später durch die sogenannten „Totenkonkubinen" (nackte
weihliche Tonfiguren) ersetzt wurde (Handw. d. Sex. Wiss.).
i)„Oknos,der Seilfl echter." Erlösungsgedanken antikerGräbersymbolik (Neu-
ausgabe; München 1925, S. 81). Das Oknos-Motiv gehört in die Reihe jener
Unterwelts-Arbeiten, die wir im nächsten Abschnitt als Umwandlungen der Ur-
lust-Situation in eine peinvolle Straf Situation verstehen werden: er flicht das
Seil unaufhörlich, dessen anderes Ende von der Eselin verschlungen wird
(Nahelschnurfixierung !).
2) „Auf dem Lycischen Harpyenmonument bildet das Ei selbst den Vogelleib.
Ei und Henne fallen also hier ganz zusammen. Was der Mythus durch Tochter
(Leda)- und Mutterverhältnis nebeneinanderateUt, gibt die bildende Kunst in
voller Durchdringung" („Mutterrecht", S. 7off.).
Die heroische Kompensation III
aufs engste verbindet. Überall erscheint das Weib als Träger des Todes-
gesetzes und in dieser Identifizierung zugleich als liebreiche und als
finster drohende Macht, voll der höchsten Zuneigung, aber auch des
höchsten Ernstes, wie die mütterlich gestalteten Harpyen und die alles
stofflichen Lebens Gesetz in sich tragende ägyptisch-phönizische Sphinx
(Oknos S.83). Dies erklärt nach Bachofen auch, warum die Männer
von den antiken Trauerriten ausgeschlossen waren (siehe die „Klage-
weiber" an der Leiche Hektors urid die trauernden Frauen am Fuße
des Kreuzes) und das „weibliche' Totenzeremoniell, wie es auch im
deutschen Volksaberglauben in einzelnen unverstandenen Bräuchen
weiterlebt. So die Süddeutschen Totenbretter, die keinen anderen
Zweck hatten, als dem Toten die Berührung mit dem mütterlichen
Holze zu vermitteln; ferner ihn mit den Füßen nach auswärts aus dem
Hause zu tragen — also in der umgekehrten Geburtsstellung — und
hinter ihm Wasser (Fruchtwasser) auszuschütten."
Wie dieses einfache naturmythische Muttersymbol die für das Reli-
giöse charakteristische Umgestaltung zum Bilde ewiger Strafe erfährt, hat
gleichfalls bereits Bachofen in besonders schöner Weise am Dana'iden-
mythus, gezeigt („Oknos" S. 89 ff.). Wenn also selbst die Todesstrafe, die
in der biblischen ErzählungdieVertreibungaus dem Paradies wiederholt
und verschärft, letzten Endes als die definitivste Wunscherfüllung des
Unbewußten erscheint, so steht dies in vollem Einklang mit der infan-
tilen Auffassung des Sterbens als Rückkehr an den Ort, woher man ge-
kommen ist. In den Mythen vom Paradies und dem goldenen Zeitalter
haben wir die lustbetonte Darstellung dieses Urzustandes vor uns.
1) Nach L r e n z I. c. S. 77. Siehe dortselbst auch den Grabspruch an den Toten
und die Erde aus dem Rigveda (X 18, 49 und 50); „Krieche nun ein hier in die
Mutter Erde, in die weiträumige, breite, hochheilvoUe. Wolleweich ist die Erde
dem Opferlohngeber, sie heschütie dich auf deiner Weiterreise." — „Hebe dich
empor, o du breite, drücke nicht niederwärts, sei ihm leicht zugäng-
lich und leicht einläßlich. Wie die Mutter den Sohn mit dem Zipfel
bedecke du ihn, o Erde."
JI2
Das Trauma der Geburt
während die sogleich dualist ischauftretenden großen Religionssysteme,
im Sinne der zwangsneurotischen Ambivalenz, die ethischen Reaktions-
bildungen gegen das Auftauchen der angstbesetzten Rücksehnsucht
und die Versuche zu ihrer Sublimierung darstellen.
:
ii
Die religiöse Suhlimierung
Die letzte Tendenz aller Religionsbildung liegt in der Schaffung eines
helfenden und schützenden ürwesens, in dessen Schoß man aus allen
Nöten und Gefahren flüchten kann und zu dem man schließlich in
ein jenseitiges, zukünftiges Leben zurückkehrt, welches das getreue,
wenn auch stark sublimierte Abbild des einmal verlassenen Paradieses
ist. Am konsequentesten ist diese Tendenz ausgebildet in der die ge-
samte antike Weltanschauung zusammenfassend abschließenden christ-
lichen Mythologie, mit ihrem reich bevölkerten Himmel, der aller-
dings eine Wiedervermenschlichung der altorientalischen Himmels-
mythologie darstellt, an die dann in einem späteren Verdrängungsschub
die mittelalterliche Astrologie mit ihrenGeburts-Horoskopen' wie-
der anknüpft, um dann schließlich in der wissenschaftlichen Astro-
nomie, die noch reichlich iin bewußt-phantastische Elemente enthält
zu münden.
Wie sich das altanlike Weltbild, das in der babylonischen Welt-
anschauung kulminierte, letzten Endes entwickelt hat, könnte uns
nur die psychologische Analyse lehren, denn soweit die Überlieferung,
auch in bezug auf die Bildwerke, zurückreicht, sehen wir immer nuj"
ein ferriges scheinbar ganz astrales Weltbild, Über dessen Genese aus
der babylonischen Kultur zunächst keine Auskunft zu holen ist. Ein
i) Die Astrologie konnte man eigentlich als die erste Lehre vom Geburta-
trauma beieichoen; Des Menschen ganzes Wesen und Schicksal wird davon
bestimmt, was im Momentseiner Geburt (am Himmel) vorgeht.
8 Rank
Das Trauma der Geburt
114
„euexer Versuch dieser Art von Hermann Schneider, „die lungstein-
zeitliche Sonnenreligion im ältesten Babylonien und Ägypten nach-
zuweisen, scheint mir insofern nicht ganz geglückt, als der gelehrte
Verfasser m sehr darauf ausgeht, das zu finden, ^vas er sucht und dabei
dem Material vielfach Zwang antun muß. Jedenfalls ergibt sich aber,
daß das von ihm herangezogene Material der vorbabylonischen Siegel-
bilder aus der Zeit um 4000 v. Chr. stammt, wo uns bereits „die ganze
Symbolik der jungsteinzeitlichen Sonnenreligion, die wir aus den nor-
dischen Felszeichnungen kennen", als fertiges Produkt entgegentritt
(1 c S 11) Erst wenn man sich um die psychische Genese ebensosehr
kümmert wie um die historische Bestimmung, ist man imstande, das
ganze ProblemderEntwicklungdieser jungsteinzeitlichen Sonnen-
religion zu erfassen.
Das astrale Weltbild, das uns hier scheinbar fertig entgegentritt, .st
- wie ich an anderer Stelle ausführlich begründen werde - das spate
Produkteines langen psychischenEntwicklungsprozesses der Projektion.
auf den im Laufe der folgenden Ausführungen noch einiges Licht
fallen wird. Hier genügt es, hervorzuheben, daß auch nach Ansicht
Schneiders diese ganze Entwicklung „von der Wertung des Feuers
ausgehen" mag, das auch „als Sonne am Himmel steht", wie es „im
warmen Menschen- und Tierleib gegenwärtig ist (1. c. S. 4)- Liegt hier
der mütterliche Ursprung des Sonnenkults auf der Hand, so mag eine ein-
fache Danebenstellung des „Sternenkults" primitiver Völker, der Cora-
Indianer, veranschaulichen, wie auch diese „religiösen" Vorstellungen
tief im Verhältnis des Kindes zur Mutter wurzeln. Der Sternenhimmel
wird dort mit der Unterwelt identifiziert, da an beiden Orten Nacht
herrscht. So ist er der Ort des Todes. In diesem Zusammenhang gelten
die Sterne als die verstorbenen Vorfahren, die durch ihr Eingehen in
die Unterwe lt zugleich am Nachthimmel auftauch eiKDa^ber^u^-;
1922, g. 27. JahrgangV
Die religiöse Sublimierung IIS
Unterwelt alle Vegetation emporwächst, so ist der als Spiegelbild der
Unterwelt gedachte Nachthimmel zugleich ein Ort der Fruchtbarkeit. ^
In altmexikanischen Mythen werden die Sterne als Opfer bezeichnet,
welche der Sonne beim Untergehen als Nahrung dienen, die ohne diese
Speise sich nicht erneuern könnte. Die irdischen Menschenopfer sind,
wie Preuß ausführt, großenteils nur Nachahmungen dieses Opfers der
Sterngottheiten {1. c. p. XXXV).
Ganz abseits, ja direkt entgegengesetzt dieser antiken Projektion ins
MakTofcosraische führt der andere große Zweig der altorientalischen
Religionsentwicklung, die mystische Versenkungslehre Ahindiens. in
den menschlichen Mikrokosmos hinein und gelangt dort bis zum tiefsten
Punkt der Überwindung des Geburtstraumas in der Seelenwanderungs-
iehre. Den ausgesprochen „therapeutischen" Charakter dieser religiös
gefärbten Philosophie und Ethik, der „Yogapraxis", hat erst kürzlich
F. Alexander in einer ausgezeichneten Studie,^ auf der Darstellung
von Heiler^ fußend, aufgezeigt und dabei auf die Ähnlichkeit mit dem
analytischen Verfahren hingewiesen.'' Das Ziel all dieser Übungen ist
das Nirwana, das lustvolle Nichts, die Mutterleibssituation, zu der noch
Schopenhauers halb metaphysischer Wille einzig zurückzukehren
sich sehnt. Der Weg dazu ist, ähnlich dem analytischen, die Versetzung
i) Preuß: Nayarit-Expedition, p. XXVII u. XXX (zit. nach Storch 1. c.)
3) Der biologische Sinn psychischer Vorgänge. Eine psychoanalytische Studie
über Buddhas Versenkungslehre. Imago IX, 1, 1925. (Kongreßvortrag, Berlin,
Sept. J922-)
3) Die Buddhistische Versenkung. München 1922,
4) Neuere Versuche, wie der von OscarA. H. Schmitz, „Psychoanalyse und
Yoga" zu verbinden, zeugen nur von der unzulänglichen psychologischen Er-
fassung beider Erscheinungen, die einander höchstens in gewissem Sinne ersetien
könnten. — Die Tendenz zur Modernisierung alter Formen der Überwindung
des Geburtstraumas verrät nur die Ünverwüstlichkeit des Regressionsdranges,
dessen Quellen übrigens Schmitz an einem Punkte seiner Darstellung, in An-
lehnung an psychoanalytische Gedankengänge, nahekommt. [Psychoanalyse und
Yoga. Darmstadt 1925, S. 89.)
Il6
Das Trauma der Gehart
in eine dem Embryonalzustand angenäherte Situation des hmdammern-
den Meditierens, dessen Ergebnis, nach Alexander tatsachhch exn
weitgehendes Rückerinnern an die Intrauterinsituation ermöglicht
Den kürzlich erschienen Untersuchungen von Haner^ verdanken
wir die Zugänglichkeit der altindischen Schilderungen ekstatischer
Erlebnisse, die in unzweifelhafter Weise den Sinn all dieser Veran-
staltung erkennen lassen. Der Brahmacarin, der geweihte Brahmanen-
Schüler, der sich mit der geheimen Zauberkraft zu erfüllen trachtet,
die für den Inder den Urgrund des Seins bedeutet, muß während semer
Einv^eihung (üpanayana) einen dreitägigen hypnotischen Schlafzu-
stand durchmachen. Es heißt von ihm, daß er drei Tage im Mutter-
leib des Lehrers ruht: „Der Lehrer, der den Schüler einführt, macht
ihn zum Embryo in seinem Innern. Drei Nächte trägt er ihn im
Mutterleib. Dann gebiert er den, den zu schauen die Götter kommen
(Atharvaveda XI, 5 ; nach Hauer, S. 86). Wahrscheinlich saß der Novize,
wie dies Oldenburg für die sog. Diksa {Opferweihe) festgestellt hat,
drei Tage lang mit geballten Fäusten und nach oben gebogenen Beinen
in Embryostellung, mit allerlei Hüllen (amnion) umgeben, in einer
Hütte (Haner S. 98): „Die Priester machen den wieder zum Em-
bryo, an dem sie die Diksa vollziehen ... Die Diksitahütte ist für den
Diksita der Mutterleib: so lassen sie ihn in seinen Mutterleib em-
gehen, ... sie umhüllen ihn mit dem Gewände. Das Gewand \bX. für
den Diksita das Amnion; so umhüllen sie ihn mit dem Amnion. Man
legt darüber ein schwarzes Antilopenfell, außerhalb vom Amnion ist
das Chorion : so umhüllen sie ihn mit dem Chorion. Er ballt die Fäuste.
Mit geballten Fäusten liegt der Embryo darinnen ; mit geballten Fäusten
wird der Knabe geboren ... das schwarze Antilopenfell ablegend, steigt
er zum Avabhrthabad hinab: deshalb werden die Embryonen vom
Chorion gelöst geboren. Mit seinem Gewand steigt er hin a b, deshal b
Die AnfdBge der Yogapraxis. Eine Untersuchung über die Wur«In der
indischen Mystik. 1922-
Die religiöse Sublimierung
IJ7
wird der Knabe mit dem Amnion geboren".' Deutlich wird im Rig-
veda eine Stellung beschrieben, uttana, die sich bis auf die heutige
Yogapraxis erhalten hat und die, wie Storch (l. c. S. 78) bemerkt,
„g2inz gewissen Embryostellungen gleicht, wie wir sie als Haltungs-
stereotypie katatoner Kranken nicht selten sehen." An anderen Stellen
des Rigveda ist von rollenden Kopf- und Augenbewegungen, von
Schaukelbewegungen, Zittern und Schwanken die Rede, was sich wieder
auf das Geburtstrauma zu beziehen scheint.
Wir haben hier das primitive Urphänomen der lustvoll-schützenden
Situation vor uns, aus dem dann später durch Trennung von der Mutter
und Übertragung auf den Vater die Gestalt des allmächtigen und all-
gütigen, aber auch strafenden Gottes als religiöse Sublimierung auf dem
Wege der Projektionsschöpfung hervorgeht. Wie Rudolf Otto^ meint,
stehen am Ursprung aller Religionsgeschichte, vor der Ausbildung be-
stimmt umrissener Dämonen- und Göttergestalten, gewisse „numinöse
Urgefühle", Gefühle des Erschauerns vor dem Unheimlichen, des Stau-
nens vor dem Unbegreiflichen, die sich beim Primitiven zunächst als dä-
monische Scheu" manifestieren. 3 Wir wissen nun durch Freuds Auf-
klärungen,* daß die Dämonen sich ursprünglich auf die Furcht vor den
Toten beziehen, d. h. dem nach außen projizierten Schuldgefühl ent-
sprechen, während sich anderseits die unbestimmte Angst selbst — wie
beim Kinde — als Fortvvirkung des Urtraumas erklärt. Aus der indi-
viduellen Entwicklung ist es verständlich, daß sich dann die Uran<rst
unmittelbar an den die Ursituation repräsentierenden Toten wieder an-
1) Oldenburg: Religion des Veda, 2. Aufl. S. 405.
2) Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein
Verhältnis zum Rationalen. 11. Anfl. Stuttgart 1923.
5) Die positive Seite dieses religiösen Urgefühls, das „mystische Kraftkonti-
Huum", wie es unter den Namen des Ormda, JVakondo, Mana als in und zwi-
schen allen Menschen und Dinge wirksam gedacht wird, hat bereits Loreni
(1. c. S. 58 ff.) als Projektion der Mutter-Kind-Beziehung aufgefaßt.
4) Totem und Tabu. 1912. S. 13.
SB"
!J71Tt.TC-
f
ii8
Das Trauma der Geburt
knüpft. Der Weg vom Dämonen- zum Götterglauben ist mythologisch
und folkloristisch gut erforscht; das psychologische Agens der ganzen
Entwicklungliegt aberim allmählichen Ersatz der angstbesetztenMutter
(Dämonen) durch die an die „sublimierte" Angst, das Schuldgefühl,
appellierende Vatergestalt. Dieser Prozeß der religiösen Entwicklung
geht absolut parallel dem der sozialen, wie wir sie (S. 86-90) geschildert
haben. Auch hier anfangs der Kult der großen asiatischen Muttergott-
heit, „bald als die wilde Göttin der wollüstigen Liebe und des üppigen
Naturlebens" genommen, „bald als reine Himmelskönigin, als die jung-
fräuliche Göttin",' die in der Eva und Maria wiederkehren und sich in
der Charis des Irenäus, der Helena des Simon Magnus, der Sophia u. a.
fortsetzen. „Es ist gi-oßartig,"bemerkteinneuererUntersucher der „Gno-
stischen Mysterien".' „welche Biegsamkeit der Glaube an die Mutter-
göttin beweist; in ihm konnte schlechterdings alles Heimatrecht finden,
was religiös in irgendeinem Sinne war, vom Orgiasmus bis zum Kunst-
und Schönheitswillen, von den Mysterien der ovvovaia bis 7.ur Astro-
logie und bis zum Licht von Bethlehem. Die Muttergöitin konnte
Weltseele, Weltgeist, Weltentwicklung, Wcltlust, AVeltleid. Welt-
erlösung, Weltlicht, Weltsame, Weltsünde — und alles dessen eine Ab-
strahlung in allen Stufenreihen der Wesen bis zum Gemüse — sie
konnte Lachen und Weinen, Geist und Leib. Göttin und TeufeUn.
Himmel, Erde und Hölle, sie konnte alles sein!" Die späteren Vor-
stellungen religiöser und philosophischer Art von einer Schöpfung der
Welt durch den männlichen Gott gehen, wie bereits Winterstein er-
kannte, nur auf eine Verleugnung der Urmuttex hinaus ^ ganz wie die
1) Siehe Bousset in Realenzyklopädie von Fauly-Wissowa-Kroll, VII, 1515^-
2) Ein Beitrag aur GeEchichte des christlichen Gottesdienstes von Dr. Leon-
hard Fendt. München 1923,8.41.
5) Noch in der christlichen Religion wird Gott dalier mit einer Gebärmutter
versehen. Bei Petavius, deTrinitate lib. V, c. 7,§ 4 heißt es; „Ebenso sagt die
Schrift daß der Sohn aus der Gebärmutter vom Vater erzeugt sei: denn obgleich
in Gott keine Gebärmutter, überhaupt nichts Körperliches ist, so ist doch in ihm
I
Die religiöse Sublimieruiig ^^9
biblische Mensch enschöpfung. Dementsprechend finden wir die ketze-
rischen Sekten sowohl des jüdischen wie des christlichen Glaubens
charakterisiert durch eine sexuell betonte Rückkehr zur Muttergöttin.
Diese revolutionären Bewegungen innerhalb der Religion erfolgen also
auch' vollkommen in der gleichen Weise wie bei den sozialen Be-
wegungen, nämlich als Regi-essionen zur Mutter.
wahre Erzeugung, wahre Geljurt, die el>cn mit dem Worte ,Geb an nutter' an-
gezeigt wird" (zit. nach Wiuterstein 1. c. S. 194).
Weiteres hierhergeliörige überaus interessante Material bei Wolfgaug
Schultz: Dokumente der Guosis, Jena 1910.
Ich kann es mir hier nicht versagen, aus dem prachtvollen „Buch von der
Schöpfung des Kiudcs", wie es in den „Kleinen Midraschira" überliefert ist, den
Hauptgedankengang und einige Satze anzuführen. Das „Buch" beginnt mit dem
Beischlaf der Eltern und den ersten Schicksalen des „Tropfens", der von eiuem
Engel beschützt wird, Nachdem „der Geist" in den Tropfen gebracht ist, fuhrt ihn
der Engel des Morgens in „das Paradies" und des Abends in „die Hölle« und
zeigt ihmdann den Ort, wo er auf Erden wohnen, und den Ort, wo er begraben
sein wird. „Der Engel führt ihn aber immer wieder in den Leih seiner Mutter zu-
rück, und der Heilige, gelobt sei er, macht ihm Türe und Riegel. Und der Heilige,
gelobt sei er, sagt zu ihm : Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter. Und es
liegt das Kind in dem Schöße seiner Mutter neun Monate. — Die ersten drei
Monate wohnt es in der untersten Kammer, die drei mittleren in der mittleren
Kammer und die drei letzten in der obersten Kammer. Und es ißt von allem,
wovon seine Mutter ißt, und es trinkt von allem, wovon seine Mutter trinkt, und
führt keinen Kot ab ; denn sonst würde seine Mntter sterben. — Und sobald jene
Zeit gekommen ist, daß es hinausgehe, kommt jener Engel und sagt zu ihm:
Gehe hinaus; denn die Zeit ist gekommen, daß du hinausgehest in die Welt. Und
der Geist des Kindes antwortet: Ich habe bereits vor demjenigen, der da sprach,
und die Welt ward, gesagt, daß ich es mir genügen lasse an der Weit,
in der ich gewohnt habe. Und der Engel antwortet ihm : Die Welt, in die
ich dich bringe, ist schön. Und ferner ; Wider deinen Willen bist du im Leibe
deiner Mutter gebildet worden und wider deinen Willen wirst du ge-
boren, um hinauszugehen in die Welt. Sofort weint das Kind. Und weshalb
weint es? Wegen jener Welt, in der es war, und die es jetzt verläßt. Und wie es
hinausgeht, schlägt es der Engel unter seine Nase und verlöscht das
Licht über seinem Haupte. Er bringt es gegen seinen Willen hinaus,
und es vergißt alles, was es gesehen hat. Und wie es lunauskommt,
weint es."
120
Das Trauma der Geburt
So erscheint der bekannte Spermatult im gnostischen Abendmahl
der Sekte der Phibioniten (etwa soo — 300 n. Chr.) verbunden mit
dem Dienst der asiatisch-ägyptischen Mnttergöltin ; Mami bei den Sume-
rern, Ischtar in Babylon, Magna Mater, Kybele, Ma, Ammas in Klein-
asien, Große Mutter in ^Carthago, Isis in Ägypten, Demeter bei den
Griechen, Astarte bei den Syrern, Anahita bei den Persem, Alilat bei
den Nabatäern, Kwannyin im indischen, Kwannon im japanischen
Buddhismus und die „Ur-Mutter" des chinesischen Ta'oismus. Die
Phibioniten -Mahle, diese religio libidinum, die ,, trotz allem echten
Heidentum in ihnen, immer wieder wie alte schwerverständliche Kom-
mentare zum christlichen Abendmahl und seinem Abkömmling, der
Messe, anmuten",* bestehen ihrem Wesen nach, wie Fendt richtig er-
kannte (1. c. 4), nicht in der geschlechtlichen Vermischung, die ihnen
so sehr zum Vorwurf gemacht wurde," sondern im Genuß (Verzehren)
der Sexualexkrete. „Es nehmen das Weib und der Mann das männliche
Sperma in ihre Hände . . . Und so essen sie es und kommunizieren
ihre eigene Schande und sprechen: Das ist der Leib des Christus . . .
Ebenso aber (machen sie es) mit dem vom Weibe, wenn das Weib die
Blutperiode hat . . . und sie essen es ebenso gemeinsam. Und sie spre-
chen: Das ist das Blut des Christus. "^ Folgerichtig sieht Fendl
0. c. g) in der dritten Feier, die sie „das vollkommene Pascha" nennen,
die Ergänzung und Erklärung der beiden anderen in dem Sinne, daß
der Sexualakt nur dazu verwendet wird, um den Samen, dieses Mittel
1) Siehe Fendt: Gnostische Mysterien, 1. c. S. 8.
2) Besonders die inzestuösen Orgien, die ja zum asiatischen Mutterkult ge-
nau so gehören (siehe Rank: Iniestmotiv, 1912) wie zuTSatai]s-Messe,indcrdas
Weib wieder angebetet wird (vgl. LÖwenstein: Zur Psychologie der Schwar-
zen Messen. Iinago IX/i, 1923).
Den Phihioniteii wirft Minucius Felix (nach 200) vor: „-poit multat epulat,
ubiconvivium ealuit et incettae libidinü tbriatU ftrvor exarsit" (Fendt 1. c. 12).
3) Eine iiluiliche Gleichsetzung der Großen Mutter mit Christus als dem
Logos s. bei Fendt, S. 80.
Die religiöse Siiblimierung I2l
des Ärchons der Begierde, zu vertilgen. „Ist nämlich trotz allem ein
Kind erzeugt worden, so wird die heilige Speise des dritten Mahles dies
Kind sein! Aus jeder so zufällig Mutter gewordenen Frau wird der
Embryo herausoperiert, zerhackt, mit Honig, Pfeffer, Öl und Wohl-
geriichen präpariert, und jeder ißt mit dem Finger davon. Und danach
beten sie zur Danksagung die Formel: ,Der Archon der Begierde ver-
mochte uns nicht zu narren, nein, wir haben die Sünde des Bruders
aufgelesen." — Nun kennen wir", setzt Fendt (S. 5) erläuternd hinzu,
..eine Bekämpfung der Archonten in der Form der Auflösung des Ge-
botes, die der alexandrinische Klemens von den Antitakten und Niko-
laiten aussagt: was der Vatergott schuf, war alles gut; aber ein Unter-
gotl mischte das Böse darein; von diesem Untergotte stammen die
Gebote . . . der Archon der Begierde will, daß Kinder erzengt werden — ■
darum wird alles getan, um die Kindererzeugung zu verhindern."
Wir haben diesen Kult und seine Kommentare ausführlich wieder-
gegeben, weil darin der ganze Mechanismiis der religiösen Sublimie-
rung, also der eigentlichen Religionsbildnng unverhüllt zutage tritt.
Der böse Untergott, der die Kinder zur Welt bringen, sie also das Ge-
burtstrauma immer wieder erleiden lassen will, ist die Mutter und die
ganze (inzestuöse) Unzucht der Gnostiker läuft darauf hinaus, wieder
in den Mutterleib einzudringen, wobei jedoch die Erneuerung des Ge-
burtstraumas ausgeschlossen werden soll: daher wird der Same vom
Mand aus einverleibt (gegessen). Ist dennoch Konzeption erfolgt, so
wird der Embryo herausgeschnitten, um das Trauma zu verhindern
und wieder nur durch den Mund einverleibt. „Man begi-eift", sagt
Fendt, „die Weltentwicklung ist ein ungeheurer Fehlschlag, die Er-
lösung kommt nur durch Zurücknahme des im All Wirksamen."'
1) Auch der Brahinaiienschüler, der Samejiverlust erlitten hat, betet; „Zu
mir kehre zurück die Sinnenkraft, Leben und Segen, zu mir kehre Brahmanen-
schaft, lu mir Besitz. Der Samen, der mir heute zur Erde entglitten ist, der %u
den Kräutern, zu den Wassern entflohen ist, den nehme icb_wieder in mich
auf. zu langem Leben und Glanz" (Oldenburg, 1. c. 430). Vom Yogin heißt
122 D^s Trauma der Geburt
Der Vatergott ist an Stelle der angst-lustbesetzten Urmutter ge-
setzt worden, um ganz im Sinne des Freudschen „Totemismus die
soziale Organisation zu schaffen und zu gewährleisten. Jeder Rückfall
in die Mutter Verehrung, der sich nur sexuell auswirken kann, gilt
darum als antisozial und wird mit allen Schrecken des sog. religiösen
Fanatismus verfolgt,' der aber letzten Endes, wie auch die soziale Re-
volution, auf Erhaltung und Verstärkung der välerlichen Macht zum
Schutz der sozialen Gemeinschaft hinausläuft. Deswegen folgt auf alle
Zeiten solcher Rückfallsbewegungen eine verstärkte puritanische Reak-
tion, wie auch in der Geschichte des jüdischen Glaubens. Die bekann-
teste Bewegung dieser Art ist die pseudomessianische Zeit der „Schab-
batianer", vor etwa 300 Jahren, deren Urheber Schabbatai Z'wi ein
spaniolischer Jude aus Smyrna war. ^ Ähnlich wie die Gnostiker prokla-
mierte auch er eine Auflösung des Gebotes und seine Anhänger ent-
fernten sich denn auch — besonders nach seinem Tode — vollständig von
den sittenstrengen Satzungen des Judenmms. Ihre Besonderheit bestand
darin, daß ihnen die Frau als Gottheit galt und verbotene Formen
des Geschlechtslebens, besonders inzestuöse, als Gottesdienst. „In Höhlen
in der Nahe Salonikis veranstalteten sie zu religiösen Zwecken wildeste
Orgien. Am Eingange des Sabbaths stellten sie eine nackte Jungfrau
in die Mitte und tanzten, gleichfalls nackt, um sie herum. Die Stelle
der Gebete nahmen Orgien ein. Ähnliche Gebräuche haben sich bald
beinahe durch alle jüdischen Gemeinden der Welt verbreitet . . . Natür-
es: er zwinge durch Übung den Tropfen, der in den Schoß der Frau
fahren will,umiukehten. Wenn aber der eigene Tropfen schon gefallen
ist, zwinge er ihn umzukehren und behalte ihn. Der Yogin, der so den Trop-
fen bewahrt, wird den Tod besiegen. Denn wie der gefallene Tropfen den
Tod bedeutet, ebenso bedeutet das Zurückgehaltene das Leben." {Schmidt:
Fakire und Fakirtum, 1908.)
1) Siehe zu diesem Thema Reik: Der eigene und der fremde Gott. Zur
Psychoanalyse der religiösen Entwicklung. 1923.
2) Nach M. D. Georg Langer: Die Erotik der Kabbaln, Prag 1925.
Die religiöse Suhlinüerung I2)
lieh wurden sie durch die Rabbiner aufs schärfste verfolgt . . . Trotz-
dem gelang es ihnen doch zweihundert Jahre lang nicht, die Sekte aus-
zurotten. In der Türkei gibt es Übeneste bis zum heutigen Tage."
(Langer, 1. c. S. 59). Die unmittelbare Reaktion, welche dann allerdings
nach Langers schöner Erklärung nicht nm- zur asketischen Aus-
schaltung des Weibes, sondern zur Verstärkung der (sozial wirkenden)
homosexuellen Bindung führte,' ist an den Namen des berühmten
Rabbi Israel ben Elieser, Baal Sehern Tow (1700 — 1760) und des
von ihm geschaffenen Chassidismus geknüpft. Langer kommt zu dem
Schluß: „Die ganze innere Geschichte des ewigen Volkes erscheint
also eigentlich wie eine Kette mehr oder minder bewußter Kämpfe der
beiden Richtungen. Der Kampf wurde gewöhnlich mit einem Kom-
promiß abgeschlossen, welches in der prähistorischen Zeit neue Ge-
setze und neue Symbole zu den schon bestehenden hinzufügte. Dabei
greift der von Freud so genannte Ödipus-Komplex und der Todes-
gedanke mächtig ein und so ist die gesamte jüdische Gesetzgebung
eigentlich vom Eros präformiert, ehe sie durch die Offenbarung die gött-
liche Sanktion erhält" (1. c. 95).
, An diese ausgezeichnete Formulierung möchten wir eine methodor
logische Bemerkung knüpfen, die auch auf die psychoanalytische Relir
gionsforschung Bezug hat. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir es in
diesen mütterlichen Sekten und Kulten mit ßückfallserscheinungen im
Sinne einer „Wiederkehr des Verdrängten" zu tim haben. Man muß
sich aber hier ebenso wie auf biologischem Gebiete vor dem vorzeitigen
Hineintragen des phylogenetischen Gesichtspunktes hüten, auch durch-
aus ein historisches Substrat finden oder rekonstruieren zu wollen, wo
jedenfalls ein psychologisches Substrat, dieses aber sicher im Unbewuß-
ten, vorliegt. So greifen die modernen jüdischen Sektierer scheinbar auf
1) Deuteronomimn (15^ 7) spricht von dem „Freunde, der dir wie deine
'■■ Seele. ist" gleich neben der „Frau deines Schoßes« als vo^ etwas durchaus
\ allgemein Bekanntem (Langer S. gi).
->r-
j^. Das Trauma der Geburt
die asiatischen Muttcrkulte zurück, während sie natürlich gar nichts
davon zu wissen brauchen, sondern die gleichen Reaktionen aus ihrem
individuell erlebten Unbewußten produzieren können. Aber auch wo
eine direkte Übernahme möglich oder sogar wahrscheinlich ist, wie beim
„goldenen Kalb" der Juden,' welches „das Neugeborene" als Sohn-
Gott darzustellen scheint, ist der psychologische Tatbestand bedeutsamer
und interessanter als der immer nur mechanische der „Überlieferung .
Wenn wir anderseits in der Überlieferung der Vaterreligionen selbst
Bruchstücke der verdrängten mütterlichen Vorstufen zu erkennen und
zu rekonstruieren vermögen, werden wir daran festzuhalten haben, dali
es sich eben nur um Vorstufen der Religionsbildung im eigent-
lichen Sinne des Wortes handelt, die wir mit Freud' als Endresultat
der Urkämpfe für um und gegen die Mutter und als Sieg der sozialen
Vatermacht anerkennen müssen.
Unter diesem Gesichtspunkt können wir, neben der von Freud ge-
schilderten sozialen Entwicklung der „Brüderhorde" zur Gemeinschaft, ;
auch deren religiöse Entwicklung ein Stück weiter verfolgen, und zwar >
in Übereinstimmung mit unserer Annahme von der sozialen Entwick- [|
lung (König-infans) , als Ü bergang des Mutterkultus zurVaterreligion über J
die Sohn-Gottschaft, die im Christentum ihren reinsten Ausdruck ?
gefunden hat. Vielleicht beruht die welthistorische Bedeutung des Chri-
stentums überhaupt darauf, daß sie es zum erstenmale gewagt hat, den
Sohn-Gott in den Mittelpunkt zu stellen, ohne gleichzeitig die Ursprung- j
liehen Rechte der Mutter und die sekundären des Vaters anzulasten. Dem ^
entspricht auch die hohe Bewertung des Kindes durch Christus in den *
Evangelien texten. Christus selbst ist immer infant geblieben, wie ihn '
auch die Bildwerke — selbst noch als Toten — darstellen (Pietä). i
i) „Götzendienst" scheint schlechtweg Dienst der Muttergottheit lu bedeu-
ten. Vgl. den Dienst des Baal (kanaanäisch : El), dem bei den PhÖnikem und
anderen Völkern kleine Kinder in den glühenden Rachen geworfen wurden.
a) Totem und Tabu, 1912.
~r-.r-Sr??^g'n?^-;-'^— '--T^-^Hr--^ ■ •^■-'-" ■'■ ' - ' " ' ' -■' .■
Die religiöse Sublimierung j 2/
In den antiken Mysterien wurde jeder einzelne Myste selbst
unmittelbar zum Gott. Die Bekenntnisformel : „Ich habe gefastet,
ich habe den Kikeon (Mischtrank) getrunken, ich habe es aus der Kiste
genommen, und nachdem ich gearbeitet hatte, habe ich es in den Korb
gelegt und aus dem Korb in die Kiste", zeigt, daß es sich dabei um eine
Rückkehr (und Wiederkehr) in den Mutterleib handelt, als welcher die
cysta mystica jetzt auch schon von den Archäologen aufgefaßt wird.
„Indem der Myste aus der heiligen xtaxi^ die Nachbildung eines Mutter-
schoßes nahm und über seinen Leib gleiten ließ, empfing er die Gewiß-
heit, aus dem Schoß der Erdmutter wiedergeboren, ihr leibliches Kind
geworden zu sein."^ So erklären sich auch die noch dunkleren Andeu-
tungen, in denen manche christlichen Schriftsteller vom Geheimnis
der eleusinischen Mysterien sprachen: ,,Ist dort nicht der finstere
Niedersteig und das feierliche Zusammensein des Hierophanten und
der Priesterin, zwischen ihm und ihr allein, und hält nicht eine un-
zählbare Menge fiir ihr Heil, was in der Finsternis von den beiden voll-
zogen wirdl"'Daß es sich üicht um den bloßen Koitus, auch nicht
den „sakralen" handelt, dessen ja die „unzählbare Menge" auch teil-
haftig werden kann, sondern um die Vereinigung mit der Mutter be-
weist nicht nur das Symbol der cysta mystica, sondern noch eindeutiger
der realistische phiygische Mysterienkult, in dem der Myste in ein
Grab hinabsteigt, „wo ihn das Blut eines geschlachteten Stieres über-
rieselt. Nach der Wiedergeburt empfängt er Milchnahrung, da der
Gott in ihm oder er in dem Gott noch ein Kind ist, dann steigt er
empor und wird von der Gemeinde als Gott verehrt". -' Auch die indische
i) A. Körte im Arch. f. Rel.-Wiss. XVUI, 1915, '
2) De Jong: Das antike Mysterienwesen, 1909, S. 22. ' -
3) ReitiensteiniHeUeoistischeMysterienkuite. 2. Aufl. 1920,3.53.10 einem
hermetischen Wiedergeburtsmysterium ruft der Myste aus ; „Ich bin im Himmel,
ich bin in der Erde, im Wasser bin ich, bin in der Luft, ich bin in den Tieren,
in den Pflanien, im Mutterleib, von Mutterleib, nach Mutterleib,
bin überall" (ebenda S. 29 u. 55). — Man vgl, auch die Mysterien des persischen
■l-.,!«.'-^'.*.-.'----"
I
f
f
/ Das Trauma der Geburt i
~ — ■ ', i
Yogaprasis ermöglicht es ]eAem einzelnen durch mystische Ver-
senkung selbst zum Gott zu werden, daB heißt durch Eingehen in
den Mutterleib, durch Rückverwandlung in den Embryo, der göttlicher
Allmacht teilhaftig ist (siehe Ferenczi: Entwicklungsstufen).
Erweist sich so das in/ans — letzten Endes das Ungeborene — als Gott,
ganz wie sein Statthalter auf Erden, sei es nun der König oder der noch
stärkeren Einschränkungen unterworfene Papst, so wird gefolgert : jeder
war einmal selbst ,,Gott" und kann es wieder werden, wenn bzw. so weit ■
er sich wieder in den Urzustand zurückversetzen kann und deswegen ist -
jeder so leicht imstande, sich mit dem späteren „einen und einzigen Gott' ,
zu identifizieren.' Wie aber nicht alle in die Mutter zurück können,
so können nicht alle König oder Gott sein. Daher sind die aus einer Viel-
heit Auserwählten, die Priester, ursprünglich Kastrierte, d. h. sie müssen
auf diesesVorrecht des Eindringens in die Mutter verzichten, schließlich
zLigunsten eines einzigen und zwar des Jüngsten, der sich wirklich
an die Stelle des Vaters zu setzen vermag und mittels der religiösen Subli-
mjerung die lustvollste Handlung, mit der ihn allerdings die Menge
zu strafen glaubt, in ein freiwilliges Opfer für die anderen umzuwan-
deln.* So rettet er aber die soziale Gemeinschaft vor dem Zerfall. Die
Mutter wird dabei teils zur Himmelskönigin erhöht, teüs als das böse |
verlockende Urprinzip alles Gebarens zur religiös-ethischen Ausgestal- ^
tung des antiken Unterweltsbegriffs verwendet, der aus der Himmels- J
mythologie (Jenseits) stammend, über die in der Joha nnes-Apokalypse ^
Mithras und dessen Stieropfer. (Cumont: Mithras; Dieterich: EineMithras- »
liturgie^. 'I
i) Siehe die gleiche Auffassimg im „Mythus von der Geburt des Helden", I
daß jeder einzelne ein „Held" und die Geburt die eigentUche Leistung sei. ~ f
Wenn beispielsweise eine Schizophrene (S t o r c h S. 60) sich mit Christus iden-
tifiziert, da auch sie in einem Stall zur Welt gekommen sei, so hat sie vollkom-
men recht: denn auch sie ist auf natürlichem Wege geboren und will das Ge-
burtstrauma verleugnen.
2) So scheint Mahomet in seinen epileptischen Zuständen (Aura?) das isla-
mische Paradies mit seinen Wonnen (Huris) konxipiert *u haben.
Die religiöse Suhlimierung 12^ ' '}
vorbereitete religiöse Sublimierung bis zum andern Extrem der mittel- ij
alterHchen Höllen Vorstellung führt, '\
Diese offenbart sich in ihren krassen körperlichen Details als das \
angstbesetzte Gegenstück zur intrauterinen Paradies- und Himmels- \
Phantasie. Insbesondere die Höllenstrafen, die den griechischen Un- \
terweltstrafen entsprechen, stellen bis ins einzelne gehende Reproduk- 1
tionen der Intrauterin-Situation dar (Fesseln, Hitze usw.), und es kann m
uns daher nicht wundern, wenn die Hysterien des Mittelalters sich j
mit besonderer Vorliebe dieses voi-gebildeten Materials zur Darstellung \
der gleichen unbewußten Tendenzen bedienten.' Aus der Analyse des \
Unbewußten ergibt sich dann, warum der spätere Herr dieser ,, Hölle" J
die Züge des bösen Urvaters trägt, denn er ist es ja, der den ursprüng-
lichen Schauplatz aller Lustsensationen in deren Gegenteil verkehrt
hat. Die ursprünglich weibliche Bedeutung des Teufels, der ja den \
Höllenschlund selbst verkörpert, ist vielleicht noch in der halb komi- ''■
sehen Figur seiner Großmutter erhalten, die ja in den Hexen — und '
nicht nur in denen des Märchens — als die alte böse und gefähr-
liche Urmutter fortlebt. Im mittelalterlichen Hex enwahn und den gi-au- ''
samen Verfolgungen durch die Inquisition können wir nichts anderes ■
erblicken als die in die Wirklichkeit übertragene Höllen Situation mit
ihren Strafen, was nach einer mündlich geäußerten Vermutung Freuds
auf ein reales Trauma zurückgehen mag, welches das Sexual- und da-
mit auch das Geburtstrauma unmittelbar berührt zu haben scheint.
Mit der Deutung der Höllenstrafen als Darstellungen der Intrauterin-
Situation mit negativem Vorzeichen haben wir uns einem bereits wie-
derholt berührten Thema genähert, das wir im letzten Abschnitt als
das psychologische Kernproblem des Geburtstraumas verstehen werden.
Auch können wir den komplizierten, durch das Studium der Zwangs-
neurose erhellten Weg von diesen primitiven Projektionen zu den hoch-
i) Siehe dazu Groddeck: Der Symbolisierungszwang, Imago VIII, 1932.
128
Das Trauma der Geburt
wertigen ReaktionsbUdungen hier nicht weiter verfolgen, die in den
ethischen Vorstellungen gipfeln. Wir möchten nur auf den fort-
schreitenden Prozeß der Verinnerlichung hinweisen, der sich dabei
vollzieht und der parallel geht'mit der zunehnnenden Einsicht in die
psychische Genese der ethischen Bildungen, die ja letzten Endes im
^mbewußten Schuldgefühl wurzeln, Die strafenden und lohnenden
höheren Mächte, die man nicht
verletzen darf, werden schließ-
lich wieder ins Ich zurückver-
legt, von wo sie einst aus dem
narzißtischen All mach tsgefühl
in die Ober- und Unterwelt
projiziert worden waren und
dort je nachdem als mütter-
liche (Schutz, Hilfe, Gnade)
oder väterliche Repräsentan-
ten (das eigene Allmachtsge-
fühl) figurieren. Erst der tita-
nischen Geistestat des starrsten
Ethikers Kant blieb es vor-
behalten, das moralische Ge-
setz in uns vom gestirnten Himmel über uns wieder zu trennen und
auch ihm nur, indem er diese schwer aufgegebene Identität in dem
bekannten Gleichnis wenigstens metaphorisch wiederherstellte.
Für die Entwicklung des Strafbegriffs ist es bedeutsam, daß nicht
nur alle Strafen, die die Menschheit in der Phantasie ersonnen, son-
dern die sie auch in die Tat umgesetzt hat, den Urzustand der Mutter-
leibssituation mit Betonung des Unlustcharaklers darstellen. Ohne uns
auf eine detaillierte Deutung der griechischen Unterweltsstrafen ein-
lassen zu können, sei nur erwähnt, daß die bekanntesten von ihnen
typische Züge aufweisen, die man schon mit Rücksicht auf die Loka-
Ixion auf dem Rade
(Anssclmitt ans einem Vasenbild in Berlin)
Die religiöse Sublimierung
12^
lität leicht versteht. Das Vergehen dieser Ursti'äflinge besteht regel-
mäßig in einer Auflehnung gegen den höchsten der Götter, meist be-
gründet mit dem Begehren nach dessen Weib, der Urmutter, wie bei
Ixion, der überhaupt als der erste Verwandtenmorder gilt. Seine Strafe
besteht darin, daß er auf Zeus' Befehl „auf ein geflügeltes feuriges Rad
Tantalos
(Auf emem Saikopha.g)
mit vier Speichen, das sich unaufhörlich dreht, mit Schlangen gefesselt
und unter Geiselhieben und dem Ausmfe: .Wohltäter soll man ehren",
durch die Luft dahingerollt wird. Doppelt schwer erscheint die Strafe
für Ixion, sofern er unsterblich ist."" Ähnlich wird Tantalos, eine
„Personifaktion der Fülle und des Reichtums" wegen seines freveln-
den Übermuts gegen die Götter, denen er gleich sein will, gestraft. Die
i) Roschers Lexikon der Mythologie II/i.
9 Kwk
•la-'TiTVIKI
I}0
Das Trauma der Gehurt
msprüngliche Version zeigt die Angstsimstion in Pemianenz, indem
über seinem Haupte ein Stein schwebt, der stets niederzufallen droht ;
die andere Strafe des ihn ewig quälenden Hungers und Durstes bezieht
sich offenbar auf den, an allen üppigen Gbrtermahlzeiten als Gast teil-
nehmenden Günstling, der, um die Götter auf die Probe zu stellen,
ihnen Menschenfleisch vorsetzte. Auch er erscheint übrigens auf einem
Sarkophag (s. Röscher Bd. V. Sp. .85/84) i" g^i"'- naturalistischer Weise
aufs Rad geflochten, während Ixion in schöner Stilisierung in den
Doppelkreis hineinkomponiert ist. Sisyphos endlich, den es auch nach
der gleichen „Unsterblichkeit" der Götter verlangt, wird dieser Wunsch
in der gleichen Weise erfüllt: das ewige Zurückrollen des Steines,
den er gegen dessen natürliche Tendenz herunterzustürzen, immer
wieder versucht, über den Gipfel des Berges zu wälzen: „Schweiß rinnt
von seinen Gliedern und eine Staubwolke umhüllt sein Haupt.
Alle diese Strafen und Sträflinge sind aber, nach der griechischen
Überlieferung selbst, erst später, und zwar im Sinne der griechischen
Kulturentwicklung an den Ort der Unterwell, den Tartaros, versetzt
worden. Ursprünglich waren sie nicht nur real und halten auch als solche
die gleiche unbewußte Bedeutung, sondern sie sind ia im Dunkel des
Mittelalters, das im Vergleich zum Griechentum selbst eine höllische
Unterwelt darstellt, wieder- realisiert worden. Die Verbrennung und
Räderung der Hexen — nicht zu sprechen von den Köipcrverrenkungen
der Gefesselten und Gefolterten {Kopfabwärtshängen) — die Blendung
oder Aussetzung im Wasser, die typische Strafe für den Vatermörder,
der in einen Sack vernäht ins Meer vei'senkt wird': all dies zeigt so
recht deutlich den unverwüstlichen Wunschcharakter des Unbewußten
wie_ihn Freud erkannt hat, daß selbst noch die schrecklichsten Strafen,
die der Mensch ersinnen konnte und die er in den körperlichen Sym-
ptomen der Neurose gegen sich selbst richtet, in die Form der ersten
i) SieheStorfer: Ziir Sonderstelhiiig des Vaterinordes. 1911.
Die religiöse Sublimierung Ißl
und stärksten Lusterfahvung, des Intrauterinlebeiis eingekleidet werden.
So wird es möglich und verständlich, daß derartige Strafen nicht nur
ertragen, sondern auch InstvoU empfunden werden, wie übrigens auch*
die Veranstaltungen von Masochisten täglich beweisen. Dies erklärt
auch zum größten Teil den Lustcharakter gewisser neurotischen Sym-
ptome, in denen der Patient sich selbst zum Gefangenen macht, in dem
er sich in ein Zimmer zurückzieht und einsperrt oder indem er in
pessimistischen Phantasien die ganze Welt als Kerker empfindet und sich
dabei unbewußtdarin wohlfühlt. 'Die eigen tlicheStrafe, die ihnlängst ge-
troffen hat und der er durch diese Selbstbestrafungsphantasien nur schein-
bar entrinnen will, war ursprünglich das Verlassen des Mutterleibs, die
VertreibungausdiesemUr-Paradies, das immer wiederin allen möglichen
Formen von der unstillbaren Sehnsucht realisiert zu werden versucht.
Auch die Kreuzigung, die als Strafe für die Auflehnung gegen
Gottvater im Mittelpunkt der Christusmythe steht, entspricht derselben
Verwandlung und Angleichung der intrauterinen Situation, wie die
Einschließung des Ixion ins Rad, mit dessen Wegfall die Speichen zum
Kreuz werden.^ Die Kreuzigung entspricht somit gleichfalls der unlust-
betonten Rückkehr in den Mutterleib, auf die ganz folgerichtig die
Auferstehung, d. h. die Geburt und nicht die Wiedergeburt folgt.
Denn es handelt sich auch hier um nichts anderes als um eine ins
Ethisch-Religiöse sublimievte WiederholungHind Reproduktion des Ge-
,) Von hier aus ist auch die Tiefenpsychologie der sog. .,Haftpsychoseii" erst
zu verstehen.
2) So stellt das Kreuz selbst noch etwas „Inneres" dar, niimtich die von der
Umklammerung des Radkranzes befreiten Speichen. — „Auch das Hakenkreuz
gehört in diesen Zusammenhang: das Speichenkreuz dem der Radkranz wieder
wächst, ist natürlich Sinnbild des Lebens luid des Sieges" {Schneider, 1. c.
S. 8, Anm. 2).
3) Christus selbst erklärt in den Evangelien deren unglaubwürdige Wider-
ijprüche aus der Tatsache des Wiederholungszwanges r ..Damit erfüllet werde
das Wort des Propheten!"
9*
I}2
Das Trauma der Geburt
burtsvorgangs im Sinne der neurotischen Überwindung des Urtrau-
mas. Daher erklärt sich die große Rolle, die das christliche Erlösungs-
»mysterium auch im Phantasieleben der Neurotiker und der Geistes-
kranken spielt, als Identifizierung mit dem passiven Heros, dem die
Rückkehr auf dem Wege des lustvollen Leidens geglückt ist. Diese
Identifizierung ist ein großartiger Heilungsversuch, der die Menschheit
aus dem Untergang der antiken Welt gerettet hat, und ist als solcher
auch in den überlieferten "Wunderheilungen Christi deutlich kenntlich,
der Blinde und Lahme durch sein Beispiel, d. h. durch Herausforderung
zur Identifizierung gesund machte, weil sie in ihm den Überwinder
des Geburtstraumas erblicken konnten.'
In diese Auffassung der Christuslegende fügt sich die infantile Theorie
von der unbefleckten Empfängnis als dogmatische Fassung der Tat-
sache des Geburtstraumas zwanglos ein : Sie besagt im Sinne des Heroen-
mythus, dessen extremste Ausgestaltung die Christusfigur repräsentiert,
daß auch dieser negative Held, dem die Überwindung in so weitgehen-
dem Maße gelungen ist, nicht auf dem natürUchen Wege geboren, ja
auch nicht auf dem natürlichen Wege in die Mutter hineingekommen
ist. Diese menschliche UnvoUkommenheit eines schweren Geburts-
traumas wird nun, ganz im Sinne unserer Auffassung von der Deter-
miniertheit des neurotischen Symptoms, im späteren Leben vom Er-
wachsenen in seinen körperlichen und seelischen Leidenssymptomen
gewissermaßen nachgeholt. Dabei stellt die manifeste Strafe ihrem
latenten Inhalt nach die ideale Wunscherfüllung, die Rückkehr in die
Mutter dar, während die künstlerische Idealisierung des ornamental ge-
kreuzigten Heilands ihrem latenten Sinn nach die eigentliche Unterwelt-
strafe, die Verhinderung der Embxyonalstellung, ausdrückt.
i) Die neue Zeitrechnung, die mit Christi Geburt beginnt, entspricht
psychologisch dem Embiyonaljahr und seiner ewigen Wiederholung. (S. die
mexikanische Parallele S. 75, Fußnote).
Lukas Cranach: Kreuzigung
Holzschnitt
Lukas Granach: Kreuzigung (1502)
a
Die künstlerische Idealisierung
Eine treffende Illustralion zu dieser allzu menschlichen Auffassung der
Chrismsmythe bieten die realistischen Kreuzigungsdarstellungen von
Lukas Cranach,' wo neben dem in der bekannten gestreckten Kör-
perhaltung gekreuzigten Heiland die anderen Sünder in überaus charak-
teristischer Embryonalstellung an Baumstämme genagelt erscheinen.
Weist so die stilisierte Kreuzstellung Christi in der Kunst auf einen
ähnlichen Abwehr- bzw. Strafmechanismus wie der arc de cercle hin,
so gibt die Gegenüberstellung der realistischen Figuren durch Lukas
Cmnach ein Bild von der Idoalisierungslendenz der künstlerischen
Darstellung, die darauf auszugehen scheint, die allzu deutliche An-
näherung an den Urzustand, die ihm auch Stvarrharakter verleiht, durch
ästhetische Formgebung zn mildern. =
i) Nocli reaüstischere Darstelluiigeii der Schacher bei Urs Graf u. a.
2) Es ist interessant, daß für Schopenliaiier das Wesen der ästhetischen
Wirkung i" der Erlösung vom „Willen" bestand. Niefi sehe, der die dahinter
wirkende „Sexualverdrängung" bereits klar erkannte (.Genealogie der Moral, 6),
führt die bekannte Stelle („Die Welt als Wille und Vorstellung", I, 351) darüber
an; Das ist der schmerzlose Zustand, den Epikuros als das höchste Gut
und als den Zustand der Götter pries; wir sind, für jenen Augenblick, des
schnöden- Willensdrangs entledigt, wir feiern den Sabbath der Zuchtliaus-
arbeit des \VoUens, das Rad des Ixion steht still." — Wozu Nietzsche
bemerkt : „Welche Vehemenz der Worte ! Welche Bilder der Qual und des langen
Überdrusses! Welche fast pathologische Z ei t-Gegenüberstellung, jenes
Augenblicks' und des sonstigen ,Kads des Ixion'."
n6
Das Trauma der Geburt
Dieser Piozeß der künstlerischen Idealisierung, der bei Wahrung
aller Naturtreuheit doch den ästhetischen Schein, die Unwirklichkeit
ja geradezu die Verleugnung der „Natur" anstrebt, hat seinen un-
bestrittenen Höhepunkt in der griechischen Kultur gefunden, deren
meisterhafte psychologische Analyse Nietzsche zum ersten Male ge-
gegeben hat. In seinem genialen Erstlingswerk schon erfaßte er die
harmonische Fähigkeit dessen, was uns das griechische Wesen bedeutet
und was er das „Apollinische" nennt, als Reaktion auf eine ursprüng-
liche neurotische Zerrissenheit, die er als das „Dionysische" charak-
terisiert. Und mit Recht führt er als Maßstab und Gradmesser dieses in
der menschlichen Geistesgeschichte einzig dastehenden Idealisierungs-
vorgangs das gänzlich veränderte Verhältnis zum Tode an, wie es sich
in der Anpreisung des Glückes der Ungeborenheit durch die Weisheit
des Silen und in der Einstellung der homerischen Helden zum l,eben
äußert, von denen man, „mit Umkehrung der silenischen Weisheit,
sagen könnte, das Allerschlimmste sei für sie, bald zu sterben, das
Zweitschlimmste, überhaupt einmal zu sterben." — „So ungestüm
verlangt, auf der apollinischen Stufe, der .Wille' nach diesem Dasein,
80 Eins fühlt sich der homerische Mensch mit ihm, daß selbst die
Klage zu seinem Preisliede wird. Hier muß nun ausgesprochen werden,
daß diese von den neueren Menschen so sehnsüchtig angeschaute Har-
monie, ja Einheit des Menschen mit der Natur, für die Schiller das
Kunstwort ,naiv' in Geltung gebracht hat, keinesfalls ein so einfacher,
sich von selbst ergebender, gleichsam unvermeidlicher Zustand ist, dem
wir an der Pforte jeder Kultur, als einem Paradies der Menschheit be-
gegnen müßten ... Wo uns das , Naive' in der Kunst begegnet, haben
wir die höchste Wirkung der apollinischen Kultur zu erkennen: welche
immer erst ein Titanenreich zu stürzen und Ungetüme zu toten hat
und durch kräftige Wahnvorspiegelungen und lustvolle Illusionen über
eine schreckliche Tiefe der Weltbetrachtung und reizbarste Leidens-
fähigkeit Sieger geworden sein muß , , . Der Grieche kannte und emp-
Die künstlerische Idealisierung i }7
(and die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: um überhaupt
leben zu können, mußte er vor sie hin die glänzende Traumgeburt
der Olympischen stellen. Jenes ungeheure Mißtrauen gegen die tita-
nischen Mächte der Natur, jene über allen Erkenntnissen erbarmungs-
los thronende Moira, jener Geier des großen Menschenfreundes Prome-
theus, jenes Schreckenslos des weisen Ödipus, jener Geschlechtsfluch
der Atriden, der Orest zum Mutterinorde zwingt, kurz jene ganze Phi-
losophie des Waldgottes, samt ihren mythischen Exempeln, an der die
schwermütigen Etrurier zugrunde gegangen sind — wurde von den
Griechen durch jene künstlerische Mittel weit der Olympier fort-
während von neuem überwunden, jedenfalls verhüllt und dem
Anblick entzogen."'
In diesen Sätzen hat Nietzsche das Problem der griechischen Kul-
turen twicklung mit unerhört kühnem Zugriff an der Wurzel erfaßt.
Wir brauchen nur einen kleinen Schritt weiter in der psychologischen
Erfassung des „Dionysischen" zu gehen und veir stehen am Urquell,
der diese ganze Entwicklung gespeist hat: der Angst! Um mm aber
den Weg von der Angst zur Kunst zu verfolgen und gleichzeitig zu
verstehen, wieso gerade die Griechen zur höchsten Vervollkommnung
der künstlerischen Idealisierung gelangen konnten, müssen wir wieder
auf ein Kernsymbol der Urangst in ihrer Herkunft aus dem Trauma
der Geburt zurückgreifen: auf die Sphinx.
In seinem bedeutsamen Buche: Das Rätsel der Sphinx, hat Ludwig
Laistner (1884) die griechische Volkssage vom menschen würgenden
Ungeheuer mit den Alpsagen germanischer Überlieferung zusammen-
gestellt und beide auf das menschliche Erlebnis des Alptraumes zu-
rückgeführt. Daß der Angsttraum selbst die primäre Geburtsangst re-
produziert, ist uns nun psychoanalytisch klar geworden. Ebenso ist die
das Angsterlebnis als solches repräsentierende Figur der mischgestalteten
Sphinx von der Psychoanalyse als Muttersymbol erkannt worden, und
1) Heivorhebungen von mir.
138
Das Trauma der Geburt
ihr Charakter als „Würgerin" macht die Beziehung auf die Geburts-
angst eindeutig. In diesexn Sinne zeigt die Rolle der Sphinxgeslalt hi
der Ödipussage ganz klar, daß der Hekl auf dem Wege der Rückkehr
zur Mutter die Geburtsangst überwinden muß. die ja die Schranke
darstellt, an die auch der Neurotiker in allen seinen Regressions versuchen
immer wieder stößt. Reik' hat in schöner Weise ausgeführt, \vic die
Sphinxepisode eigentlich eine DoubletLe der Ödipussage seJbsi darstellt ;
nur hat er, offenbai- verleitet von dem keineswegs primären, wenn auch
vielleicht historisch früheren Typus des männlichen agyptisclien Sphmx,
den von der Analyse ursprünglich fesLgestellten Muttercharaktei- der
Figur als sekundär erweisen wollen, was sich nicht bloU in dem hier
entwickelten Zusammenhang, sondern nach den verschiedensten Rich-
tungen als unhaltbar erweist. Gewiß ist die Ödipussage eine Doublette
derSphinxepisodi;, wasaber psychologisch so viel bedeutet, als die Wieder-
holung des Urtraumas auf dcj- sexuellen Stufe (Ödipuskomplex), wäh-
rend die Sphinx das Urtraunia selbst darstellt. Ihr menschenverschün-
gender Charaktei- stellt sie unmittelbar neben die inlaiUilen Angsttiere,
■/.u denen das Kind ja auch die bereits geschilderte ambivalente Ein-
stellung aus dem Geburtstrauma hat. Der Held, dei- von ihr nicht
verschlungen wird, vermag eben durch Überwindung der Angst
diesen unbewußten Wunsch in der lustvollen Form des Geschlechts-
aktes mit der Mutter zu wiederholen.^ Entsprechend ihrem Angst-
charkter als Wüvgerin stellt aber die Sphinx nicht nur ihrem latenten
Inhalt nach den angst besetzten Wunsch der Rückkehr in die Mutter
als Verschlingungsgefahr dar, sondern sie repräsentiert in ihrer mani-
festen Gestalt den Geburtsaltt selbst imd das Sträuben dagegen, indem
i) Ödipus und die Sphinx, hnago VI, igso.
2) Id der Hcsiod scheu Theogonie, wo die Spliiiix literarisuli zuerst erwälmt
erscheint, entsteht sie aus der Verbindung der in unterirdischer Höhle des Anmer-
landes hausenden Echidna mit ihrem eigenen Sohne. „Ausgeburt der unterirdi-
schen Echidna" wird sie auch von Euripides genannt (Koscliors Lex.).
Die künstlerische Idealisierung
J39
der menschliche Oberleib aus dem tierischen (mütterlichen) Unterleib
herauswächst, ohne sich endgültig davon lösen zu können.^ Dies ist
das Rätsel der Sphinsfigur, und in seiner Lösung ist der Schlüssel zum
Verständnis der ganzen griechischen Kunst- und Kulturent Wicklung
gegeben.
i) Eine besonders sinnfällige psychologische Vorstufe dazu bietet das be-
rühmte Terrakottarelief von Tenos, das die Sphinx als eine die Jugendblüte
dahinraffende Todesgüttin darstellen soll. (Rosclier IV, Sp. 1370,) [Dazu halte
man die älinliche „Harpic des
Grabmals von Xantos" bei Ko-
scher I/2, Sp. 184G]. Diese Be-
ziehung der Sphinx zum Tode
wird uns leicht vers.tändlich.
wenn wir uns daran erinnern,
daß ja auch der große ägypti-
sche Sphinx von Gizeh nichts
anderes als einGrabist,dersich
von den anderen „Tiersärgen",
ivie z.B.denElephantenalleen
der Minggräber in China, nur
durch die besondere Kombi-
nation von Mensch und Tier
imterscheidet, d. h. die Her-
kunft des Menschen aus dem
tierischen Leib im Sinne des
Heroenmytinis unterstreichf.
Die rein genitale Bedeutung des Sphinxleibes (als Gebärorgan) kommt schließ-
lich zum Vorschein in spätgricchischen, offenkundig zu weiblichem Gebrauch
bestimmten erotischen Salbgefäßen in Sphinxform, ivie sie liberg (in Roschers
Lexikon IV, Sp, 1384) bespricht (z. B. die schöne Sphinxvase im Brit, Mus. aus
S. Maria di Capua, welche Murray um 440 ansetzt).
Dasselbe sehen wir in der altperuanischen Keramik, die gleichfalls beweist,
daß die Sphinxfigur ursprünglich ein Gefäß war, und zwar das Gefäß, in dem
der Mensch selbst aufbewahrt wurde imd aus dem er auch herauskam. So die
merkwürdige Darstellung eines „sphinxartigen" Menschen mit Raubtiergebiß
unter einem Schneckenhaus, die Fühler wachsen ihm ans den Augen
heraus (nach Fuhrmann: Peru II, 1922, Tafel 57); oder Tafel 31 aus dem
Hamburger Museum für Völkerkunde, zu der Fuhrmann bemerkt: „Eine sehr
Sphinx
(Terrakottari'lief von Tenos)
p
jjQ Das Trauma der Gehurt
Vergleichen wir auch nur flüchtig das klassische Zeitalter der grie-
chischen Kunst mit seinen orientalischen Vorläufern, so können wir
sagen, daß die Griechen die affektiv erlebte Tendenz, sich vom Mutter-
leib zu lösen, die in den Sphinx- und Kentaurgestalten einen so eigen-
artigen Ausdruck gefunden hat, in der ganzen Entwicklung ihrer Kunst
konsequent durchgeführt haben, indem sie die tierischen Götter der
asiatischen Welt durch menschliche, ja in Homers Darstellung allzu
menschliche Gestalten ersetzten. All die mischgestalteten Fabelwesen,
an denen die griechische Mythologie so überreich ist, scheinen den
SchmerzunddieQual dieser Loslösungsbestrebungvon der Mutter wider-
zuspiegeln, dessen Resultat wir in dem edelgeformten, von allem Mensch-
lichen losgelösten und doch so menschlich gebliebenen Körper ihrer
Büdv^erke, insbesondere des nackten Jünglings bewundern.
So liegt die tiefe kultur- und entwicklungsgeschichtliche Bedeutung
merkwürdige Darstellung mit einem Menschen köpf, der hinten aus dem Tier
herauszuwachsen scheint, und die relativ starke Leibung des Tieres, das dem
vorigen Bild zu entsprechen scheint (siehe Tafel go), könnte darauf hindeuten,
daß der Körper des Menschen im Tiere selbst noch verborgen ist." — Tafel 30,
aus dem Wiener Naturhistorischen Museum, nähert sich bereits in dem vor-
geschrittenen Stadium des herausgekommenen Menschen dem Kentauren-
Typus, dessen psychologische Bedeutung in unserem Sinne durch die Bemerkung
von Fuhrmann unterstützt wird, daß ein Reittier in Peru nicht bekannt sei,
daher „muß die Grundlage dieser Darstellung noch geklärt werden." Jedenfalls
wird die „Entstehung« des Reiters dabei verständlich, der wieder nichts anderes
als den mit der Mutter Verbundenen und darum Stärkeren, Höheren, Mächti-
geren, Vornehmeren (König, Führer, Herrscher) darstellt. (Als die Ureinwohner
Mexikos die spanischen Eroherer auf ihren Pferden sahen, meinten sie, Roß und
Reiter seien ein untrennbares Ganze.) Das infantile Vorbild zu diesen fast „psy-
chotischen" Regressionen in den tierischen Leib bilden nicht nur die Schaukel-
und Steckenpferdchen der Kinder, sondern noch eindeutiger das sog. „Pferdchea-
spjel",bei dem das Kind Beine und Unterkörper nach Pferdeart bewegt (springt),
während der Oberkörper den menschlichen Reiter darstellt. — Das primitive
Steckenbleiben in diesem Zustand versinnbUdlichen sehr hübsch die von Bert-
G ch i n ger publizierten „Illustrierten HaUuzinationen"eineB Schizophrenen (Jahr-
buch f. PsA. III, 1911).
Die künstlerische Idealisierung 141
dergriechischenKunstdarin, daß sie den biologischen und prähistorischen
Akt der Menschwerdung, die Loslösung von der Mutter und die Aufrich-
tung von der Erde, in der Schaffung und Vervollkommnung ihres Kunst-
ideals vom menschlichen Körper wiederholte.' In der typischen Form
der Giebelkomposition, die von dem am Boden liegenden verwun-
deten Krieger bis zum aufgerichtet stehenden Gott eine Reihe von
Zwischengliedern — auch kentauren hafte — darstellt, möchte ich
ein Abbild dieses biologischen Entwicklungsprinzips sehen. Im übrigen
ist ja für die ganze asiatische Kunst, soweit sie den Menschen abbildete,
der Typus des Sitzenden („Thronenden") maßgebend gewesen, wie bei-
spielsweise in den Buddhastatuen mit den untergeschlagenen Beinen, in
der chinesischen Plastik usw. Erst die ägj'ptische Kunst beginnt den auf-
recht stehenden oder schreitenden Körper — allerdings noch mit dem
Tierkopf — zu bevorzugen, der dann in der griechischen Kunst sozusagen
wörtlich aus dem tierischen Mischkörper als von allen Schlacken der
Geburt gereinigtes Schönheitsideal herauswächst. In der ägyptischen
Plastik wächst, ähnlich wie in den alten chinesischen Felsskulpturen,
allmählich die Figur aus üem Stein selbst heraus („Steingeburt"), wie
beispielsweise die im Berliner Museum befindliche Granitstatue des
Senmut (um 1470 v. Chr.), der eine Prinzessin hält; von beiden sieht
man nur den Kopf aus einem mächtigen Granitblock herausragen. Das-
selbe Motiv, schon mehr gelöst aus dem künsderischen Geburtssymbol,
zeigt die gleiche Gruppe in Kairo. Hedwig Fechheimer sagt in ihrem
schönem Werk von der Plastik der Äg>-pter, ' daß sie ihrer Natur nach nur
die in Ruhe verharrende Gestalt als einwandfreien Vorwurf gelten lassen
konnte: Sitzen, festes Stehen, Hocken, Knien seien ihre häufigsten
Motive. Die Granitstatue des Senmut, bei der die menschliche Gestalt
i) Im „Laokoon" sagt Lessing, daß bei den Alten „schöne Menschen Bild-
säulen erzeugten, und der Staat schönen Bildsäulen schöne Menschen mit zu
verdanken hatte".
2) In der Sammlung: Die Kunst des Ostens. Bd.I. Berlin.
j 2 Das Trauma der Gehurt
vollständig in einen vom Kopf bekrönten Block hineinkomponiert sei.
stelle in ihrer schroffen Gesetzmäßigkeit vielleicht den konsequentesten
Auscfruck dieser Raumphantasie dar, die an architektonische Formen
grenze (S. 25/26). Von hier aus erscheinen uns Plastik und Architektur,
die ja ursprünglich offenbar eins waren, wieder ihren psychologischen
Zusammenhang zu bekommen : die Architektur, als „Raumkunst" im
wahren Sinne des Wortes, ist eine negaüve Plastik, wie die Plastik eine
„raumfüllende" Kunst ist. „Die Würfelfiguren übertreffen jede bekannt-
Plastik — auch die monumentalen Statuen vom Didymaion bei Milet.
durch die starre Konsequenz ihrer kubischen Auffassung. - . Das Form-
schema, zu dem die komplizierte Stellung des Kauerns mit hoch-
gezogenen Knien und übergefalteten Armen sich in der Vor-
stellung vereinfachen ließ, ist im Bildwerk restlos verwirkhcht. Die
beiden Figuren sind völlig vom Würfel durchdrungen" (S. 59)-
Wie sehr dem ägyptischen Geist selbst dieses Herausarbeiten des
Menschen aus der Urform mit dem Geburtsakt verwandt schien, beweist
die Sprachbildung: „ein Bildwerk ,schaffen' heißt nämlich im Ägyp-
tischen ,zum Leben bringen', die Tätigkeit des Plastikers wird durch
die Kausativform des Wortes ,leben' bezeichnet. Daß hier keine Laut-
ähnlichkeit, sondern ein innerer Grund waltete, wird durch das Vor-
kommen von Eigennamen für Statuen bestätigt, das diese zu Indivi-
duen erhebt Der Mythus gestaltete das Motiv in seiner Weise aus:
der Urgott Ptah, der einst sich selbst, die Götter und alle Dinge schuf.
ist zugleich der Schöpfer der Kunst und der Werkstätten. Sein Hoher-
priestex führt den Titel ,Oberster aller Kunstwerke', sein Name scheint
mit einem seltenen Wort für , bilden' eng zusammenzuhängen (S. 13).
Die doppelgestaltige Sphinxfigur, die für den Unsterblichkeitsglauben
des Ägypters den vollendetsten künstlerisch-architektonischen Ausdruck
der Wiedergeburt darstellte, wurde für den griechischen Menschen zum
Ausgangspunkt eines Überwindungsprozesses dieser mütterlichen Reli-
gion und führte so zur Schaffung des höchsten männlichen Kunstideals.
p —
-i
Die künstlei-ische Tdealisieru7ig j /f.}
Der Weg, auf dem diese Entwicklung vor sich ging, ist in der griechi- *
sehen Kulturgeschichte leicht zu verfolgen. Neben der übernomme- J
nen Sphinx ist nämlich die griechische Luft von einem Spuk erfüllt, ^
der ims verrät, auf welciiem Fundament dieser Prozeß der ..Helleni- i
t
sierung" ruht: nämlich auf der intensivsten Verdrängimg des mütter- '\
liehen Prinzips. Die Sphinx ist, wie Ilberg (s. Roschers Lexikon) im \
Anschluß an Rohde und Laistner ausführt, zwar ein aus der Fremde
iibernoninienes Fabelwesen, das aber von der griechischen Volksphan- '■
Tasie bald mit* den eigenen Gebilden verwandter Art verschmolzen
wurde, Es handelt sich dabei um das uraltem Glauben entstammende \
gespenstische Heei' weiblicher Unholde, wie es in solcher Fülle au(-]\ ,'
nur die griechische Sagenwelt auTzuweisen hat, die in Gestalt der ^
Hekate, Gorgo, Morrao, Lamia, Gello, Empusa, ferner der Karen, Erin-
nyen, Harpyien, Sirenen und ähnlicher Höllengeister und Todcsdämo- i
nen erscheint. Sie alle sind Repräsentanten der angstbesetzten Urmutter 1
(Geburtsangst) und zeigen als solche den fundamentalen Unterschied \
zwischen der griechischen und asiatischen Kultur, in der die gi-oße Ur- 1
mutter göttliche Verehrung genoß (Astarte-Kybele), während sie vom I
Griechentum durch Reaktiviei-ung der Angstbesetzung verdrängt und '
durch den männlichen Götlerhimrael ersetzt wurde, dem auf Erden j
der männliche Staat entsprach. ' Den Übergang zwischen diesen beiden '
extremen Weltanschauungen scheint die ägyptische Kultur zu bilden, j
aus der ja auch dieSphinxfigttrin das Griechentum übernommen wurde. \
Die ägj'ptische Kultur ist durch drei Determinanten gegeben, die J
sich alle in gleicher Weise auf die ersten Verdrängimgsschübe der posi- j
1) Wie unvollkommen diese Verdrängung des Weibes gehmgen ist, blickt
noch in den ehelichen Zwistigkeiten des Götter\'aters Zeus mit der Muttergöttin
Hera durch, die sciioii bei H oin e r des koniisdien Beigesclnnacks nicht entbehren
und die Figur des göttlichen „Pantoffelhelden" rechtfertigen, den Offenbach
aus dem abenteuerlustigen Ehemann gemacht hat. — Das christliche Gegen-
stück daiu ist des Teufels Großmutter, die auch unheslriltene Herrin der Unter-
welt bleibt fs. S. 1 27l. In Indien ist es die schreckliche Durya,
j v^ Das Trauma der Geburt
tiven Einstellung zur Mutter zurückführen lassen, die in den asiatischen
Kulturen sich noch unverdrängt in der geschlechtlichen Hochschätzung
der Urmutter auszuwirken scheint und in der christlichen Muttergottes
insublimierterForni wiederkehrt: Religiös in dem eigenartigen Toten-
kult, der in allen seinen sonderbaren Details, insbesondere der Kon-
servierung des Körpers, auf ein Weiterleben im Mutterleib hinaus-
läuft;' künstlerisch durch die übertriebene Wertschätzung des Tier-
körpers (Tierkultus); und sozial durch die Hochschätzung der Frau
(„Mutterrecht"). Diese ursprünglich rein „mütterlichen" Motive werden
nun im Laufe eines Jahrtausende währenden Entwicklungsprozesses,
\welcher der Überwindung des Geburtstraumas dienstbar ist, „vermänn-
licht", d. h. im Sinne der Anpassung auf die Vaterlibido umgearbeitet.
Typisch für alle drei Manifestationen dieses Mutterprinzips, wie für die
beginnende Tendenz zu seiner Überwindung, ist die Verehrung der
Mondgöttin Isis, neben der ihr Bruder Sohn und Gatte Osiris sich all-
mählich Geltung verschafft. Das gleiche spiegelt sich in der allmäh-
lichen Entwicklung des Sonnenkults, der aber nicht nur, wie Jung
meinte, die Angleichung an die Wiedergeburtsphantasie gestattet, son-
dern im Sinne der ursprünglicheren Mondverehrung der Mutterlibido
Ausdruck gibt. Nicht nur weil die Sonne wieder aufgeht, identifiziert sich
der Held mit ihr, sondern weil sie jeden Tag aufs neue in der Unterwelt
verschwindet und so dem Urwunsch der Vereinigung mit der Mutter
= Nacht entspricht Dies beweist gerade der ägyptische Sonnenkult un-
zweideutig: mit seinen zahlreichen bildlichen Darstellungen, welche das
Sonnenschiff auf seiner Nachtfahrt in der Unterwelt bevorzugen, wie
auch in den Texten des Totenbuches: „Unter der als Scheibe gedachten
Erde liegt eine andere Welt, die den Abgeschiedenen gehört; betritt der
Sonnengott sie, .so erheben die Toten ihre Armeund preisen ihn ; der Gott
i) Freud hat darauf hingewiesen, daß das Einsargen der Mumie in eine
Hülse von menschlicher Gestalt die Rückkehr in den Mutterleib andeutet («t.
bei Tausk, 1. c. S. 24, Anmerkg.).
:■-(
-*T' *naij .
— i
Die künstlerische Idealisierung i^j
erhört die Gebete derer, die in den Särgen liegen, und gibt ihren Nasen
wieder Atem.' Das ,Ued. der Urgötter' ruft den Sonnengott an : , Wenn du
niedergehst in die Unterwelt in der Stunde (?) der Dunkelheit, weckst
du Osiris auf mit deinen Strahlen. Wenn du aufgehst über den Köpfen
der Höhlenbewohner (= Toten), jubeln sie dir zu ... Du läßt auf-
stehen, die auf ihren Seiten liegen, wenn du in die Unterwelt eindringst
bei Nacht!' Besondere Sprüche sollen es dem Toten ermöglichen,
daß seine Seele in die Sonnenbarke einsteige und mitfahre. Die Toten
preisen den Sonnengott mit Liedern, die uns in den ihebanischen Königs-
gräbem erhalten sind. . . . Wegen dieser starken Abhängigkeit der Toten
von der Sonne stellt man in den Gräbern aus dem Ende des neuen Reiches
den Sonnengott dar: in den Königsgräbern tritt der Verstorbene dem
Gott wie ein Gleichgestellter gegenüber" (Röscher, Bd. IV, „Sonne").
Dementsprechend wird auch die Entstehung der Sonne in der ägyp-
tischen Kosmologie so gedacht, daß der Sonnengott sich selbst erzeugt
habe. Im Lied der Urgötter beten diese: „Geheim sind seine Gestalten
bei seinen Entstehungen . . ., der entstand als Re . . ., der von selbst
entstand . . ., der sich aus seinem Leibe schuf, der sich gebar; er ging
nicht aus einem Mutterleib hervor; [woraus] er hervorging ist
die Unendlichkeit.'^ Auch das andere „Lied der Urgötter" sagt: Es
gibt keinen Vater von ihm, sein Phallus zeugte ihn; es gibt keine
Mutter von ihm, sein Same trug ihn, — Vater der Väter, Mutter der
Mütter" (1. c. Sp. 1 191). Noch näher steht der embryonalen ürsitua-
tion eine andere Fassung dieses Geburtsmythus, wonach der Sonnen-
gott ein Ei geschaffen habe, aus dem er dann selbst hervorging. Im
Totenbuch heißt es: ,Re. der aus dem Ozean emporgestiegen ist', sagt.
,Ich bin eine Seele, die der Ozean geschaffen hat . . . Mein Nest ist
nicht gesehen, mein Ei ist nicht zerbrochen ... Ich habe mein Nest an
den Enden des Himmels gemacht'. Und die von Reeder (Roschers
Lex.) hierher gerechneten bekannten „Darstellungen des Käfers, der
eine Kugel (d. h. sein Ei?) vor sich her wälzt [dortige Abb. 7], und zwar
10 Rcink
14^
Das Trauma der Geburt
in den Leib der Himmelsgöttin hinein, von der er später
geboren wird," lassen keinen Zweifel daran, daß es sich um die
Urtendenz zur Rückkehr in den Mutterleib handelt, die auch dem
Sonnenkultus ursprünglich an soweit entfernten Stellen der Erde wie
Ägypten und Peru die gleiche Bedeutung gab.
Die Ausgestaltung des Sonnenkults geht aber regel-
xnäßig einher mit einer entschiedenen Wendung von der
Mutterkultur zur Vaterkultur, wie sie sich auch in der
schließlichen Identifizierang des neugeborenen Königs
(infam) mit der Sonne zeigt. Dieser Gegensatz zur Vorherr-
schaft der Frau, sowohl auf sozialem Gebiet (Vaterrecht)
wie auf religiösem, setzt sich ah Übergangsprozeß von
Ägypten nach Griechenland fort, wo er in der vollständigen
Verdrängung der Frau, sogar aus dem erotischen Üben,
zur höchsten Blüte der männlichen Kultur und der ihr ent-
sprechenden künstlerischen Idealisierung führt.
Der Übergangs- und Knotenpunkt dieser entscheidenden
^^^^^ Wendung zu unserer abendländischen Kulturentwicfclung
«^ liegt in Kreta, wo sich bekanntlich zuerst ägyptische Ein-
Der Sonnen- ^ a„„t
gott in der flüsse mit griechischen zur mykenischen Kultur vermengt
Lotosblüte >,aben. Wie diese nach Furt wänglev in der Greiffigur die
*""'"* deutlichste Übereinstimmung mit dem Sphinxtypus des
Neuen Reiches zeigt, so brachte sie auch den ganz ägyptisch anmutenden
Minotaui-us hervor, der gänzlich in Menschengestalt, nur mit emem
Stierkopl gebildet ist. Das Gefängnis dieser Mißgeburt, das berühmte
Labyrinth, ist seitdem bedeutsamen Fund Weidners' auch dem ana-
lytischen Verständnis zugänglich geworden (mündliche Mitteilung von
Prof. Freud). Weidner hat aus Inschriften erkannt, d aß es sich bei den
1) E F. Weidner: Zur babylonischen Eingeweideschau. Zugleich ein Bei-
trag zur Geschichte des Labyrinths. (Orient, Studien, Fritz Hommel zum 60. Ge-
burtstag. I. Band, Leipzig 1917, S. 191.I
Die künstlerische Idealisierung
m
unentwirrbar verschlungenen dunkeln Gängen des Labyrinths um Dar-
stellungen der menschlichen Gedärme handelt („Palast der Eingeweide"
heißt es in den von ihm entzifferten Inschriften), deren analytische
Auffassung als Gefängnis der mißgebildeten Gestalt (Embryo), die den
Ausgang nicht finden kann, im Sinne der unbewußten Wunscherfüi-
lung klar ist. Indem ich die eingehende Beweisführung für diese Auf-
fassung, deren Konsequenzen für das Verständais ganzer Kulturkreise
(nicht nur des kretisch-mykenischen, sondern auch des nordischen)
und ihrer Kunstübung (Labyrinth tanze, Ornamentik usw.) von unge-
ahnter Bedeutung ist, für einen gi-ößeren Zusammenhang aufspare,'
Die aus der Trojaburg kommenden Reiter
(DarstoUung: vom Krog von Tragliatßlla)
möchte ich für die vorliegende Darstellung die Gegenfigur des Theseus
hervorheben, dem es mittels des von der Ariadne ihm zugeworfenen
Fadens (Nabelschnur) gelingt, den Ausgang aus dem Labyrinth zu fin-
,) Für die bereits genannte Arbeit: Mikrokosmos und Makrokosmos
Vgl. F. Adama van Scheltema: Die altnordische Kunst. Berlin 1925,
S. 115 ff.: „Der Kreis als Mutterform der Bronzezeitomamentik.«
Oben eine Abbildung (nach Krause) zur vorläufigen Illustration: die Dar-
stellung von dem berühmten Krug von Traghatella : Die aus der Trojaburg, dem
„Labyrinth", kommenden Reiter darstellend, wobei der Schweif des hinteren
Pferdes noch in Windungen desselben steckt (s. Kraus e: Die nordische Herkunft
der Trojasage, Glogau 1895}. ,
L.-
i
jjg Das Trauma der Geburt
den, nach anderer Überlieferung sie daraus zu befreien. Diese seine
Befreiung, welche in der Ausdi-ucksweise der mythischen Kompen-
sation als Erlösung der gefesselten Jungfrau durch den Helden darge-
stellt wird, repräsentiert die Geburt des griechischen Idealmenschen. |
des Heros, und seine Loslösung von der antiken Urmutter.
Wir können von hier aus rückblickend verstehen, wie das vorder-
asiatische Weltbild, das ein rein mütterliches war, über den ange-
deuteten Weg der Vermännlichung in der ägyptischen Kulturwelt,
zur raänDerstaatlichen Sozial Organisation der Griechen (Sparta) und zur
Idealisierung dieser rein männlichen Kultur in der künstlerischen
Menschenschöpfung führte. Den vollendetsten Ausdruck dieses Ent-
wicklungsganges finden wir im Mythus von P r o m e t h e u s , dem kühnen
Feuerbringer und Menschenschöpfer, der sich vermaß, ganz wie seine
menschlichen Vorbilder, die unerreichten griechischen Steinkün stier,
Menschen aus Erde zu bilden und ihnen das Feuer des Lebens einzu-
hauchen." Dies sowie die Schöpfung des ersten Weibes, der Pandora,
die ihm besonders zugeschrieben wird, stellen ihn in eine Reihe mit
dem alttestamentarischen Gott; nur galt er den erlösungsbedürftigen
Griechen als Freund und Heilbringer der Menschen und seine Taten
wurden als titanische Frevel vom Göttervater Zeus bestraft. Wir dürfen
erwarten, auch in seiner Bestrafung wieder die tiefste Wunscherfüllung
des Unbewußten zu finden, die seinem Verbrechen entspricht: an einen
einsam stehenden Felsen festgeschmiedet — spätere Überlieferung spricht
auch hier von „Kreuzigung" — frißt ein Raubvogel unaufhörlich an
i) Wie Bapp(RoschersLex.) schon nachgewiesen hat, handelt es sich keines-
wegs um das „himmlische Feuer" (Blitz usw.), das Prometheus rauht, sondern
um Feuer von der Erde (Mutter). — Hier knüpft auch die nahverwandte
Hephaistos-Mythe vom göttlichen Schmiede an, der selbst lahm (Geburts-
trauraa beim Sturz aus dem Himmel!), Menschen nicht mehr aus schmutziger
Erde (Lehm) bildet, sondern aus edlem, reinen Metall. Siehe d&zM auch
Mc Curdy: Die Allmacht der Gedanken und die Mutterleibsphantasie in den
Mythen von Hephästos und emem Koman von Bulwer Lytton. {Imago III, 1914-)
Die künstlerische Idealisierung 149
seiner Leber, die bei Nacht immer nachwächst, um seine Qua] — und
seine unbewußte Lust — zu einer ewigen zu machen. Daher weiß auch
die alte Überlieferung bei Hesiod nichts von seiner Befreiung, die erst
später dem Herakles zugeschrieben wird, der ja selbst einen solchen,
ewig ans Weib gefesselten (Omphale) Helden darstellt, der iramer
wieder vergebens versucht, sich zu befreien."
Dasselbe tut aber der Künstler, indem er wie Prometheus Menschen
schafft, nach seinem Bilde, d. h. in immer neuen, stets wiederholten
Geburtsakten sein Werk und in ihm sich selbst unter den weiblichen
Schmerzen der Schöpfung gebiert. So hat der eminent künstlerische
Grieche, der das Weib nur als Gebärorgan verstand, und der Knaben-
liebe huldigte, sich in Identifizierung mit der Mutter zum Menschen-
schöpfer erhoben, indem er selbst sich in den Kunstwerken schrittweise
und unter größtem W^iderstreben von der Mutter loszulösen versuchte,
wie all die sphinxartigen Fabelwesen so überzeugend darlun. Von diesem
„Moment" der gleichzeitig ersehnten und doch nicht gewollten Los-
lösung vom tierischen Mutterleib, von diesem ewigen Steckenbleiben
im Geburtsakt, das den Neurotiker alle Angst der Ursituation immer
wieder aufs neue erleben läßt, fand der griechische Künstler und mit
i) Auch hier knüpft die spätere satirische Auffassung vom „Unglück Weih"
(die Unheilbüchse der Pandora, in der schon Preller die
cvsta my^cay das weibliche Genitale erkannte) an die
alte Stelle bei Hesiod an, wonach Zeus von Hephaistos
die Pandora aus Erde schaffen Heß, um den Prometheus
für den Feuerraub zu strafen. Hesiods Eriählung schließt
mit den Worten: „So vermochte selbst Prometheus, der
Leidabwender, dem Zorn des Zeus nicht zu entfliehen,
und gewaltsam hält ihn, so listig er ist, die mäch- Prometheus
tige Fessel gefangen." — Welche weibliche Fessel da- vom Adler gequält
mit im tiefsten Grunde gemeint ist, zeigt eine der ältesten (inioUtoia
Darstellungen der Prometheusstrafe in einer Gemme auf '■" ^"'' ""'■'
einem der sog. „Inselsteine" des Britischen Museums, die
wieder nach Kreta, dem alten Sitz einer „vielleicht pelasgisch zu nennenden"
Kunstübung zurückgeht. (Nach Röscher III/2, Sp. 3087.)
IjO Das Trauma der Geburt
ihm das ganze Volk den Weg zur Idealisierung im Festhalten dieses
bewegten Augenblicks, in seiner Erstarrung im Stein, den das Medusen-
haupt noch in seiner schreckhaften Bedeutung bewahrt hat/
So ist die griechische Kunst die erste Darstellung des Bewegten ge-
worden, welche die unbeholfene Steifheit der asiatischen und ägyptischen
BildnisseinBewegungaufgelöst hat, die aber selbst wieder zur Erstarrung
verurteilt war (Lessings Laokoon-Problem). Das Bewegungselement
hat der Grieche, der auch der erste „Sportsmann" war. in seiner Körper-
kultur, in den Spielen, Wettkämpfen und Tänzen, auf deren Bedeutung
als idealisierte (rhythmisierte und stilisierte) körperliche Paroxismen des
Unbewußten (Anfälle) wir hier nur hinweisen können."
Nach all dem wird es wahrscheinlich, daß wir in der „Plastik die
Anfänge jeder Kunst überhaupt zu suchen haben. Bevor aber der Ur-
mensch daran ging, wie Prometheus Menschen in Ton nachzubilden,
hat er vermutlich, in Analogie mit dem „Instinkt" des Nestbaues, erst
das Gefäß zur Aufnahme und zum Schutz, den Mutterleib plastisch
nachgebildet.^ Die altbabylonische Überlieferung von dem Gott, der
i) Auch hier ist der IdcalisierungsprazeD vom schreckenerregenden gorgoni-
schen Schlund, bis zur schmerz verklärten Medusa Rondanini, der griechischen
Madonna, zu verfolgen, (siehe die entsprechenden Abb. bei Koscher I/s,
Sp. 1716/17; 1725). Vgl. Ferenczi: Zur Symbolik des Medusenhanptes (Int.
Zschr. f. PbA. IX, i, 1925, S. 69^ luid die ergänzende Bemerkung von Freud : Die
infantile Genitalorganisation (ebda. H, 3, S. 171, Anmkg. i).
2) Vgl. die Schilderung und Geschichte der „Labyrinthtänze" bei Krause.
Noch in den römischen Zirkusspielen, die in nhserer Rennbahn i'orllehcn, findet
der Lauf in fiktiven Labyrinthgängen statt.
5) Fuhrmann (Der Sinn im Gegenstand, S. af.) miterscheidet zwei Typen
von Gefäßen: die einen, nicht für Flüssigkeit bestimmten, sind nach dem tieri-
schen Darm gebildet, woraus sich die Wulattechnilt der Keramik entwickelte (z. B.
auf Neuguinea). „Der Bauchtopf stellt daher im Grunde den Unterleib des
Menschen naturgetreu dar, also eine endlose Linie von spiralig geordneten
Därmen, die außen durch eine Haut iiberkleidet sind und innen den Magen
enthalten, bzw. den Nabrungsvorrat in sich aufnehmen sollen," — DiefürFlüssig-
lieiten bestimmten Gefäße seien dem Euter der Tiere, bzw. der Bnist der Frau
1
Die künstlerische Idealisierung J i^
die Menschen auf der Töpferscheibe dreht — so ist auch im Tempel
von Luxor der Gott Chnura dargestellt— weist in die gleiche Richtung.
Das ursprüngliche „Gefäß" ist also, wie im „Mythus von der Geburt
des Helden", der Mutterleib, der zuerst nachgebildet wird. Bald erfährt
dann das Gefäß eine immer deutlichere Entwicklung in der Richtung,
daß es den ursprünglichen Inhalt, d. h. den verkleinerten Menschen,
das Kind, oder dessen Kopf (Topf) darstellt. Es bekommi einen Bauch,
Ohren, einen Schnabel usw. (Vgl. die typischen Kopfbecher, bes. der
Primitiven, die Gesichtsurnen u. a. ra.) * Also auch diese erste Menschen-
schöpfung vom Gefäß zu dem (darin befindlichen) Kind wiederholt
die biologische Entwicklung getreu; und wenn die spätere richtige
Kunst, die den Menschen sozusagen gänzlich vom Gefäß befreit hat,
gleich fertige, erwachsene Menschen hervorbringt wie Prometheus und
die griechischen Künstler, so haben wir auch darin die Tendenz zui-
Vermeidung des Geburtstraunias, der schmerzlichen Auslösung zu
erkennen. -
Hierin haben wir die eigentliche Wurzel der Kunst zu er-
blicken: in dieser autoplastischen Nachbildung" des eigenen Werdens
nachgebildet (s. Schlauch = ouire — nterus; — Bocksbeulel, Beutel; — fn.
bouieille, engl, bottle, so daß jede Flasche ein Euter ist, das auf der Basis steht,
die Zit7.e nach oben".
i) Die spätere Ornamentik auf dem Gefäß ersetzt dann den ursprünglichen
Inhalt, wie besonders deutlich die peruanische Keramik zeigt (s.inPuhrmanns
Peru 1 besonders die merkwürdigen Tier- und Menschenfiguren auf den
bauchigen Korper-Gcfdßen der Chimu-Kultur, Tafel 6 u. ff.). — Ähnlich ist auch
die Ornamentik auf dem berühmten Krug von Tragbatella als Darstellung
des Innern an der Oberfläche lu verstehen. — In der indischen Bbagavad Gita
werden die Körper krchetra, d. h. Gefäße, fruchttragender Boden, Mutterleib,
genannt (nach Winterstein 1. c, S. 195).
2) Verworn hat aus der Vollkommenheit und EntwicliUuigslosigkeit des
dilurialen Naturalismus auf den von ilun sog. „phjsioplastischen" Charakter
dieser Frühkunst geschlossen (Zur Psychologie der primitiven Kunst, 1908).
-- Reinach hat dafür das trefflich doppelsinnige Wort geprägt: Prohi sine
matre crraia, inater sine prolc defuncta (nach Schcitemo 1. C, S. ö).
I
I j2 Das Trauma der Geburt
und Entstehens aus dem mütterlichen Gefäß; denn die Nachbildung
dieses Gefäßes selbst mochte auch praktischen Bedürfnissen dienstbar
gemacht worden sein, während die Gestaltung nach dem eigenen Körper
die für die Kunst charakteristische Zutat des scheinbar Zwecklosen und
doch irgendwie Sinnvollen bedeutet. In diesem Sinne entwickelt sich
die Kunst sozusagen als ein Zweig des „Kunstgewerbes", dassieursprüng-
licb wohl war, und als solches spielt sie in der Realkultur eine ganz
bedeutsame Rolle. Und es ist gewiß auch kein Zufall, daß die vor ' .
allem den männlichen Körper idealisierenden Griechen in der Stili-
sierung und Veredelung des mutterlichen Gefäßes die höchste Stufe
der Vollendung in ihrer Vasenkunst erreicht haben.
In den naturgetreuen Tierdarstellungen der Eiszeit haben wir die ent-
sprechenden Anfänge der Malerei vor uns. In diesen Höhlenzeichnungen
scheint sich der Mensch den zu dem wärmenden Unterschlupf dazu-
gehörigen Tierkörper reproduziert zu haben. Nur so wird es vei-ständ-
lich, daß „einzelne Tiere oder Tiergmppen in versteckten Tiefen, in
Kapellen und Nischen, schwer, mühsam, nach Überwindung beträcht-
licher Hindernisse (die den Unkundigen in Lebensgefahr bringen
können, Pasiega), oft nur den Kriechenden oder Knieenden zugäng-
lich" sind (nach Schneider l.c.,S.5).^ Diese Auffassung würde der
herrschenden „magischen" Erklärung nicht nur nicht widersprechen,
sondern sie psychologisch (vom Unbewußten) versländlich machen:
handelt es sich doch um Tiere, die den Menschen wärmen, schützen
und ernähren, wie einst die Mutter.
In der späteren Malerei, beispielsweise der christlichen Kunst, wird
das ganze Leben Jesu von der Geburt bis zum Tode dem des Lesens
unkundigen Volk bildlich vorgestellt, so daß die Identifizierung leicht
ermöglicht wird. Maria mit dem Kind entwickelt sich schließlich in
der italienischen Malkunst zum Symbol des Mutterglücks, d. h. des
i) Siehe dazu R. Schmidt: Die Kunst der Eiszeit, 1922, und Herb. Kühn;
Die Malerei der Eiszeit, 1923.
\
'*-^- ^- —
Die künstlerische Idealisierung IJ)
Glücks von Kind und Mutter in der Vereinigung. So löst sich der
individuelle Erlöser wieder in die einzelnen göttlichen Individuen, die
Kinder, auf. Der gekreuzigte und „wiedergeborene" Christus wird hier
■/.um gewöhnlich geborenen Kind an der Mutterbrust.
Die modernen Kunstbewegungen, die so viele primitive Züge auf-
weisen, wären dann die letzten Ausläufer jener „psychologisierenden
Kunstrichtung, die bewuflterweise „das Innere" des Menschen dar-
stellt, d. h.sein Unbewußtes, und zwar vorwiegend in „embryonalen"
Formen. '■
Wir sind hiermit auf die Wurzel des Problems der Kunst gestoßen,
das ja letzten Endesein Formproblem ist. Wie sich uns ergeben hat,
geht alle „Form" auf die Urform des mütterlichen Gefäßes zurück,
die in der Kunst in weitgehendem Maße Inhalt geworden ist; und zwar
in einer idealisierten und — eben zur Form — sublimierten Weise,
welche die der Urverdrängung verfallene Urform wieder akzeptabel
niacht, indem sie als „schön" dargestellt und empfunden werden kann.
Fragen wir uns nun, wie es möglich war, daß das griechische Volk
dazu befähigt wurde, eine so weitgehende Idealisierung des Geburts-
tvaumas zustande zu bringen, so gibt uns vielleicht die griechische Ur-
geschichte einen WinkzumVerständnisdiesereinzigartigenEntwicklung.
Ich meine die dorische Wanderung mit allen ihren B'olgen, die einen Teil
des Griechen Volkes in früher Urzeit aus dem Mutterlande hinaus-
drängte und es zwang, auf den gegenüberliegenden Ionischen Inseln
und aö der kleinasiatischen Küste ein neues Mutterland zu suchen.
Diese gewaltsame Trennung vom heimischen Mutterbaden scheint
nun im Sinne einer Wiederholung des Gebm-tstraumas, der gewalt-
samen Lösung von der Mutter, die ganze weitere Entwicklung der
gi-iechischen Kultur entscheidend bestimmt zu haben. Sicher ist, daß
i) Siehe Hennami Bahr: Expressionismus, 191G, Oskar Pfister: Der
psycho!, u. biolog. Untergrund d. Expressionismus, 1920, und zuletzt noch
Prinzhorn: Die Bildiierei der Geisteskranken, igaa.
'S4
Das Trauma der Geburt
die homerischen Epen, insbesondere die Ilias, die erste künstlerische
Reaktion auf den Abschluß dieser großen Völkerwandemng, die Be-
siedelung der kl ein asiatischen Küste duixh die griechischen Kolonisten,
darstellt. Der Kampf um die Veste Troja und die dahin aus dem
Mutterlande entführte ewig junge Helena spiegeln die verzweifelten
Versuche der griechischen Auswanderer wieder, sich im neuen Mutter-
boden festzusetzen, wobei die homerischen Götterkampfe darauf hin-
zuweisen scheinen, daß sich dabei auch der Kampf der nnühsom auf-
gerichteten olympischen Herrschaft des Zeus gegen den in Kleinasien
noch herrschenden Kult des Mutteridols (Athene) wiederholte. Ich
hoffe, einmal zeigen zu können, wie sich aus der inhaltlichen Analyse
der epischen Phantasie die wirkliche historische Wahrheit aus den
Überwuchei-ungen der unbewußten Verarbeitung herausschälen und
so die giiechische Urgeschichte rekonstruieren läßt, wozu mir bereits vor
vielen Jahren Prof. Freud die Anregung gegeben hatte, indem er mir
nahelegte, den psychoanalytisch erkannten Mechanismus der Epenbil-
dung an den homerischen Gedichten zu verfolgen.' Ich möchte hier nur
hervorheben, daß der den asiatischen Muttergöttinnen kongeniale grie-
chische Demeterkult {Pfj-fiijtrjQ ^= Mutter-Erde) nach Herodot schon
vor der dorischen Einwanderung Heimatrecht auf dem Peloponnes
hatte. Dies stützt unsere Vermutung, daß die von den dorischen Ein-
dringlingen vertriebene Bevölkerung stark an die Multer-Rrde fixiert
war-, während es anderseits vielleicht einen Hinweis darauf geben
mag, daß die Dorier in Reaktion auf diese allzu mütterliche Bindung
■lUT Knabenliebe ihre Zuflucht genommen haben. Die Gestalt des
Herakles, nach Wilamowitz ein getreues Spiegelbild der recken-
haften Adelskultur der peloponnesischen Dorier. würde dann nur im
i) Siehe meine Vorarbeiten dazu (Imago V, igi^ — ig): Psychologische Bei-
träge zur Entstehung des Volksepos. I. Homer (Das Problem). II. Die dich-
terische Phantasiebildung (daselbst S. 157 Fußnote die Skizze zum Plan des
Werkes, das bis jetzt nicht über die Vorarbeiten hinausgeführt ivurcte).
Die künstlerische Idealisierung IJS
Sinne der Heroisierung die Schwierigkeiten dieser Loslösung von Aei-
Mutter bewahrt haben. Herakles erscheint denn auch in vorhomeri-
scher Überliefei-ung als Eroberer von Troja.
Die homerische Darstellung gibt uns ein gules Beispiel davon, wie
der Dichter beim Versuch der Rückerinnerung peinlicher historischer
Ereignisse auf die eigenen unbewußten Wunsch phantasien zurücksinkt.
Während die Ilias nur die vergeblichen Kämpfe um Troja schilderl,
wird in der Odyssee der inihmreiche Abschluß dieses zehnjährigen
Ringens rückschauend erzählt. Der kluge Held läßt in der berühmten
Geschichte vom hölzernen Pferd, in dessen Bauch versteckt die Achäi-
schen Helden in das Innere der Festung gelangen, die Kämpfe ihren
Abschluß finden. Diese menschlich und poetisch gleich tiefe Über-
lieferung zeigt deutlich, daß es sich letzten Endes für die vom Mutter-
boden gewaltsam vertriebenen Auswanderer' um die Wiedergewinnung
des ewig jungen und schönen mütterlichen Ideals (Helena') auf fremdem
Boden handelte, und zwar in der dem Unbewußten einzig möglichen
Form der Erfüllung, der Rückkehr in den tierischen Mutterleib, die
der furchtlosen Helden sonst so wenig als Zuflucht und Versteck wür-
dig wäre, wenn wir nicht wüßten, daß gerade ihre Heldennatur sich
von der Schwierigkeit des Geburtstrauraas und der Kompensation der
wi
i) Ähnliches gilt von der Vertreibung der Israeliten aus Ägypten, diesem
ichtigsten „traumatischen" Ereignis ihrer Geschichte, von dem sich ihr ganzee
vveiteres Schicksal ableitet und das dein Urtrauma der Vertreibung aus dem
Paradies genau entspricht. Seither suchen die Juden dieses gelobte Mutterland,
wo Milch und Honig fließt, ohne es finden zu können (Ahasver). Übrigens
spiegelt die Paradies Vertreibung wegen Genusses der verbotenen Frucht (Mutter-
brust) die strenge Notwendigkeit des Entwöhnungstranmas, das der Mensch
mittels Realanpassung, durch Gewinnung künstlicher Nährungsstoffe aus der
Erde (Ackerbau), zu kompensieren sucht.
2) Bekannüich wird erzählt, daß vor Einnahme der Stadt das schützende
Standbild der Athene durch Odysseus und Diomedes entführt worden sei, und
zwar aus einem unter der CeUa der Göttin gelegenen Adyton durch unterirdische
Kanäle oder Brunnenschächte.
I j6 Das Trauma der Geburt
Angst ableitet. So ist das trojanische Pferd das direkte unbewußte Gegen-
stück zu den Kentauren und Sphingen des Mutterlandes, deren
Schöpfung später den großartigen Befreiungsprozeß von der Mutter ein-
leitete und begleitete. Aber auch Troja selbst, das Uneinnehmbare, in
dessen Innere man nur durch List gelangen kann, ist, wie jede Festung,
ein Symbol der Mutter;' so erklärt sich auch die „Unterweltsbedeutung",
die ihm die Mythologen beilegen, ebenso seine enge Verwandtschaft
mit den kretischen und nordischen Labyrinthen, die Ernst Krause
{Carus Sterne) in einem geistreichen Buche, das nur zu sehr am histo-
risch-mythologischen Denken krankt, über jeden Zweifel sichergestellt
hat.'
Die sprichwörtliche Schlauheit und Verschlagenheit des Odysseus,
die übrigens allen „Himmelsstürmern der griechischen Mythologie
eignet und ihnen den Sturz in den Tartaros und die Höllenstrafen ein-
trägt, wirft ein bedeutsames Licht auf die Psychologie des Dichters.^
Odysseus. der als Erzähler all dieser Lügenmärchen, welche die Rück-
kehr in den Mutterleib berichten, ganz offenbar als Vertreter des Dich-
ters selbst auftritt, darf wohl als Repräsentant und Urvater des epischen
Dichters überhaupt aufgefaßt werden, dessen Funktion es zu sein scheint,
das Urtrauma durch lügenhafte Übertreibung zu entwerten und dabei
doch die Illusion einer hinter der Urphantasie liegenden Urrealität auf-
recht zu erhalten. Noch die spätesten Nachfahren dieser Gattung, wie
der berühmt gewordene Baron von Münchhausen, suchen das Un-
mögliche, nie zu Erreichende — ja der Natur direkt Widersprechende,
z. B. sich selbst an den Haaren aus dem Wasser zu ziehen und anderes
i) Siehe meine Abhandlung: Um Städte werben. Int. Zschr. f. PsA. I, 1913.
2) Die Trojaburgen Nordeuropas. Ihr Zusammenhang mit der indogerma-
nischen Trojasage von der entführten mid gefangenen Sonnenfrau, den Troja-
Epielen, Schwert- und Labjrinthtänzen zur Feier ihrer Lenzbefreiung. Mit 26 Ab-
bildungen im Text. Glogau 1893.
3) Das psychologische Verhältnis des Dichters zum Heros habe ich in meiner
Studie Über „Die Don Juan-Gestalt" gestreift (Imngo VIII, 1922, S. 195).
I
Die künstlerische Idealisierung I yj
mehr — als die leichteste Sache von der Welt darzustellen, wobei ge-
rade die Unmöglichkeit der Situation fürs Unbewußte das am meisten
beruhigende und befriedigende Element darstellt.*
Diesem schlauen Überlister der natürlichen und göttlichen Ge-
setze, der diesen ewig unerfüllbaren Wunsch doch irgendwie zu be-
friedigen vermag, steht in den märchenhaften Erzählungen der typische
Dummling gegenüber, der merkwürdigerweise ebenso spielend die
unmöglichsten Aufgaben löst. Seine „Tumbheit ist aber nichts anderes
als ein Ausdruck seiner Kindlichkeit, er ist auch ein infans, so uner-
fahren wie der neugeborene Gott Horus, der mit dem Finger im Mund
dargestellt wird. Je dümmer, also je kindlicher er ist, desto eher gelingt
ihm die Erfüllung des Urwunsches und hat er gar nur die Große der.
ersten Embryonal zeit, wie der Däumling unseres Märchens, dann ist
er beinahe allmächtig und hat den Idealzustand erreicht, von dem noch
der Neurotiker so häufig träumt, ' und den die neugeborenen mythischen
Helden zu verkörpern scheinen: nämlich wieder ganz klein und dabei
doch aller Vorteile des Erwachsenen teilhaftig zu sein.^
Auf der anderen Seite ist die gleichfalls von den Griechen zur höch-
sten Blüte gebrachte Tragödie, die nach Nietzsche am „ästhetischen
i) Das Widernatürliche erweist sich oft verknüpft mit der Unrealisier-
barkeit der Mutterleibssituation und ihrer Darstellung. So bei Macbeth die
Drohung, er werde fallen, wenn der Bimamwald sich auf ihn zu bewege (statt : er
in den Wald hinein); diese Warnung entspricht der anderen, daß nur ein Unge-
borener, d.h. der aus dem Mutterleib geschnittene Macduff, ihn besiegen
werde (vgl. auch das Haupt des ungehorenen Kindes, das Macbeth erscheint und
das blutige Haupt). Von diesem Angelpunkt des Stuckes, das nach Freud auf
dem Thema der Kinderlosigkeit ruht, wird manches Rätselhafte darin verständ-
lich. — Man vgl. daiu die Bemerkungen Freuds Über „Das Unheimliche"
(Imago V, 1917—19) in der Dichtung, das letzten Endes auch der Mutterleibs-
situation entspricht (1. c. S. 261 ff.)
a) Vgl. den Ausspruch eines Patienten Freuds (Traumdeutung), der bedauerte,
die Situation an der Ernst seiner Amme damals nicht besser ausgenutzt zu haben.
5) F e r e n c I i hat zuerst auf diesen „Traum vom gelehrten Säugling" aufmerk-
sam gemacht (Internat. Zsch. f. PsA. IX, S. 70).
-J."-
IjS Oas Trauma der Geburt
Sokratismus", d. h. an der Hypertrophie des Bewußtseins zugrunde ging,
aus den mimischen Darstellungen der mythischen Kulthandlungen er-
wachsen und versinnbildlicht die Leiden und Strafen des mythischen
Heros aus seiner tragischen Schuld.' Diese ist uns in ihrer unbewußten
Bedeutung aus der Analyse der mythischen Überlieferung bekannt ge-
worden und der Urspiung der Tragödie aus den Tänzen und Gesängen
der in Bocksfelle gehüllten Vollstrecker des Opfers zeigt deutlich, worum
es sich dabei handelt. Das Fell, in das sich die Teilnehmer nach der
Opferung und Ausweidung der Tiere hüllen, ist wieder nichts anderes
als ein Ersatz des schützenden Mutterleibs und auch diese teilweise
Realisierung der Rückkehr hat in den zahllosen bocksbeinigen und bocks-
köpligen Faunen und Satyren der griechischen Mythologie' und Plastik
gleichfalls dauernden bildhaften Ausdruck gefunden. So lebt in der
Kunstgattung der Tragödie, die wie der Tanz den lebenden Menschen
selbst zum Objekt nimmt, der Angst- und Strafcharakter des verdräng-
ten Urwunsches in gemilderter Form als tragische Schuld fort, die jeder
einzelne von den sterblich geborenen Zuschauern im fortwährenden
Wiedererleben immer aufs Neue abreagieren kann, während in der
epischen Dichtung die Ansätze zur Überwindung des Urwunsches durch
lügenhafte Umdichtung vorliegen. Die in der starren Plastik erreichte
höchste Idealisierung des Geburtstraumas wird in der mitleiderregen-
den Tragödie sozusagen wieder in den weichen Urstoff des abfuhrfähigen
Angstaffektes aufgelöst, während in der epischen und satirischen Dich-
i) Vgl. auch Wintersteiia: Zur Entstehungsgeschichte der griechischen
Tragödie. Imago VIII, 1922.
2) In einer tiefgehenden psychoanalytischen Untersuchung; Panit und Pan-
Komplex {Imago VI, 1920) hat Dr. B. Felszeghy den Affekt des „panischen"
Schreckens im Anschluß an Ferenczis Untersuchungen über die Entwicklung
des Wirklichkeissinnes auf die Wiederholung der Gebuitsangst zurückgeführt
und die merkwürdige mythische Gestalt des Pan restlos aus dieser Bedeutung
verständlich gemacht. Vieles, was in unserer Arbeit von anderer Seite her eine
neue Beleuchtung erfahrt, findet sich bereits bei Pelszeghy ausgesprochen.
r
Die künstlerische Idealisierung
iS9
lung die zu hochgespannte Idealisierung sich als pralilerische Lügen-
haftigkeit entlädt (Der Zyniker Diogenes im Faß).
So steht die Kunst als Darstellung und gleichzeitige Verleugnung der
Wirklichkeit dem kindlichen Spiel nahe, von dem wir erkannt haben,
daß es das Urtrauma durch das Bewußtsein des Unernstes zu entwerten
sucht. Von da führt ein Weg zum Verständnis des Humors, dieser
höchsten Stufe der Verdrängungsüberwindung durch eine ganz be-
stimmte Einstellung des Ich zum eigenen Unbewußten, dessen Genese
wir aber hier nicht weiter verfolgen können, da sie uns wieder tief in
die Neurotik und in deren Therapie auf Grund der Ichpsychologie
hineinführt.
P
r— ^
Die philosophische Spekulation
Die griechische Philosophie, die eigentlich als erste diesen Namen ver-
dient, — wenngleich Aristoteles recht hatte, seine Vorläufer noch als
nahe Verwandte des Philomythos zu bezeichnen, — zeigt in ihren
Anfängen, bei den ionischen Naturphilosophen, an die später die Physik
anknüpfte, das naive Gegenstück zu der aufs höchste gespannten Ideali-
sierungstendenz, wie sie uns in der griechischen Kunst und Mythologie
entgegengetreten ist. Diese ersten abendländischen Denker von Thaies
bis Sofcrates scheinen die Übergangsstufe von der kosmischen Welt-
anschauung des alten Orients zu unserer naturwissenschaftlichen Be-
trachtungsweise zu bilden und repräsentiei-en die Vorläufer unseres
heutigen westeuropäischen Geisteslebens.
Während die orientalische Weltanschauung in großartiger kosmischer
Projektion das irdische Schicksal aus dem kosmischen Himmelsbild ab-
zuleiten suchte,' haben die ionischen Denker in naiver Anschauung
die Trennung dieser Sphären vollzogen und im Zurückgehen zur ur-
sprünglichen Mutter Natur das irdische Leben, befreit von übernatür-
lichen Einflüssen, zu erfassen versucht. Daß dies nur gelingen konnte,
indem die Griechen gleichzeitig die ganze orientalische Himmelsmytho-
logie im wahren Sinne des Wortes in die Unterwelt verbannten, haben
wir bereits im vorigen Abschnitt angedeutet. Durch diese Reinigung
i) Bei den Babyloniem geht die himmlische Stemdeutehunst der irdischen
Eingeweideschau parallel. Der Mensch und sein Inneres wurde an den Himmel
projiziert (s. meine vorhercitete Arbeit: Mikrokosmos und Makrokosmos),
Die philosophische Spekidation l6l
der Luft vom kosmischen Spuk wurden sie in den Stand gesetzt, dort,
wo die orientalische Weltanschauung nur himmlische Gesetzmäßig-
keiten zu erkennen glaubte, die sich auf Erden auswirken, die eigent-
lichen Naturgesetze in naiver Form zu sehen und zu erfassen.
Die griechische Philosophie beginnt bekanntlich mit dem Satz des
Thaies, daß das Wasser der Ursprung und Mutterschoß aller Dinge
■ sei. ' Ehe wir die weitere Entwicklung des griechischen Denkens von
dieser lapidaren Formel verfolgen,' machen wir uns klar, daß damit
die erste erkenntnismäßige Fassung des individuellen Ursprungs des
Menschen zu einem allgemeinen Naturgesetz gegeben ist. Der Mecha-
nismus dieser Erkenntnis, die für das biologische Geschehen zweifel-
los richtig ist,^ unterscheidet sich von der kosmischen und mythischen
Projektion von Himmelsgewässern (Milchstraße) und Unter weltsflüssen
(Totenstrom) dadurch, daß es sich wirklich um ein Ent-decken, das
Wegziehen eines Vorhanges, oder wie wir sagen würden, die Aufliebung
einer Verdrängung handelt, die es bisher verhindert hatte, im Wasser
den Ursprung alles Lebens wiederzufinden, eben weil man selbst ein-
,„al aus dem Fi-uchtwasser gekommen war. Die Voraussetzung zur Ent-
deckung einer Wahrheit ist somit die Agnoszierung des Unbewußten
in der Außenwelt durch Aufhebung einer inneren Verdrängung, welche
unmittelbar - wie gerade die Entwicklung der Philosophie deutlich
zeigt — von der Urverdrängung ausgeht.
Schon beim Nachfolger des Thaies, bei Anaximander aus Milet,
dem ersten philosophischen Schriftsteller der Alten, zeigt sich die
Reaktion, wenner sagt: „WoherdieDingeihreEntstehunghaben, dahin
i) Vg].: Die Bedeutung des Wassers im Kult und Leben der Alten. Eine
symbolgeschichtliche Untersuchung von Martin Ninck (Pliilologus, Suppl.
Bd. XIV, Heft 2, Leipzig igai).
2) Nach Nietzsche: Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen
(1875); danach alle folgenden Zitate.
3) Siehe jetzt dazu Ferenczis phylogenetische Parallele zur Individual-
entwicklung (Versuch einer Genitaltheorie, 1924.).
II Rank
■ ff
L-'
1-
^- Das Trauma der Ge burt ^^ ^^_
müssen sie auch zugrunde gehen, nach der Notwendigkeit; denn sie
müssen Buße zahlen und für ihre Ungerechtigkeiten gerichtet werden,
gemäß der Ordnung der Zeit." Mit Recht deutet Nietzsche diesen
orakelhaften Ausspruch als die erste pessimistische Note in der Philo-
sophie und vergleicht sie einer Äußerung des klassischen Pessimisten
Schopenhauer, die dessen ganze Einstellung zum Leben und zur "Welt
erklärt: „Der rechte Maßstab zur Beurteilung eines jeden Menschen
ist, daß er eigentlich ein Wesen sei, welches gar nicht existieren sollte,
sondern sein Dasein abbüßt durch vielgestaltiges Leiden und Tod: —
was kann man von einem solchen erwarten? Sind wir denn nicht alle
zum Tode verurteilte Sünder? Wir büßen unsere Geburl erstlich durch
das Leben und zweitens durch das Sterben ab." Der Satz des Anaxi-
mander ergänzt so die Erkenntnis des Thaies durch Betonung der Ruck-
kehr zu allem Ursprung und hat damit ein zweites Naturgesetz aus
psychologischer Intuition entdeckt, das in nur etwas veränderter Form
in unser naturwissenschaftliches Denken übernommen wurde.'
Indem Nietzsche zeigt, wie der griechische Denker von der Ver-
gänglichkeit alles Irdischen zur notwendigen Annahme einea „Un-
i) Wer weiß, ob nicht auch der hingeworfene anthropomorphe „EinfaU"
Nietzsches; „aUe unorganische Materie ist aus organischer entstanden, es ist
tote organische Materie, Leichnam und Mensch", einmal unsere Naturwissen-
schaft „umwerten« wird. —Wie weit auch die exakten Naturwissenschaften un-
bevnißt determiniert sind, versuchte neuerlich S. Rad ö darzustellen: Die Wege
der Naturforschuug im Lichte der Psychoanalyse. (Imago VIII, 1922) — l*"'"
die Vorstufe der Chemie, die AI c h i m i e , hat bereits J u n g die umfassende Formel
geprägt, daß sie letzten Endes darauf ausging, Kinder ohne Mutter zu erzeugen.
Vgl. dazu H. Silberer: Der Homunkulus (Imago III, 1914) "»^ ' Probleme
der Mystik und ihrer Symbolik, 1914. — Zu unserer modernen Chemie Vgl.
man den interessanten Aufsatz von Dr. Alfred Robitsek: Symbolisches Denken
in der chemischen Forschung (Imago I, 1912). — Es ist übrigens psychologisch
bemerkenswert, daß der eigentliche Vernichter der Alchimie und erste natur-
wissenschaftliche Chemiker Justus Liebig Erfinder des Kunstdüngers und des
Fleischextrakts ivurde und so den alchimistischen Wunschtraum in realsym-
bolischer Weise erfüllte.
d.«
Die philosophische Spekulation l6ß
bestimmten", eines Urwesens kommt, das der Mutterschoß aller Dinge
ist, gelingt es ihm, einen Einblick in den Weg zu eröffnen, der von
da über die platonische „Idee zum kantjschen „Ding-an-sich führt,
in dem erst Schopenhauer wieder den „Willen", wenn auch noch in
naturphilosophischer Verkleidung erkannte. Aus diesem Konflikt zwi-
schen Entstehen und Vergehen, der direkt aus der Verdrängung des Ur-
traumas stammt, suchte sich Heraklit durch sein Gesetz vom ewigen
Werden zu retten, indem er ganz im Sinne der Urverdrängung „den
eigentlichen Hergang jedes Werdens und Vergehens, welchen er unter
der Form der Polarität begriff, als das Auseinandertreten einer Kraft in
zwei qualitativ verschiedene, entgegengesetzte und zur Wiederver-
einigung strebende Tätigkeiten" erkannte. Handelt es sich hier um Er-
fassung der an den Akt desWerdens (Geburt) geknüpften Urambivalenz, so
fehlen auch nicht die qualitativen Substrate dieses Zustandcs. Hatte schon
Anaxiroander die Theorie vom (kalten) Wasser dahin weitergebildet,
daß er es aus „warm" und „feucht" als seinen Vorstufen hervorgehen
läßt, GO deutet sich der „Physiker" Heraklit „dieses anaximandrlsche
Warme um als den Hauch, den warmen Atem, die trockenen
Dünste, kurz alles Feurige; von diesem Feuer sagt er nun dasselbe aus,
was Thaies und Anaximander vom Wasser ausgesagt hatten, es durch-
laufe in zahllosen Verwandlungen die Bahn des Werdens, vor allem
in drei Hauptzuständen, als Warmes, Feuchtes, Festes." Auf diese Weise
entdeckt er den atmosphärischen Kreislauf mit seiner Periodizität, die
er aber zum Unterschied von Anaximander auffallenderweise so auffaßt,
daß der immer wieder erneuerte Untergang in dem alles vernichtenden
Weltbrande „als ein Begehren und Bedürfen charakterisiert wird, das
volle Verschlungensein im Feuer als die Sattheit." Mit dieser Erkenntnis
der lustvollen Rückkehr ins Nichts, die das Werden wieder zu einem
unlösbaren Problem zu machen schien, hat sich die naive verdrängungs-
befreite Anschauung bereits wieder unter dem Einfluß einer neuen
Verdrängungswelle der Spekulation zugewendet.
i64
Das Vrauma der Geburt
Während Heraklit noch mit Recht sagen konnte: „Mich selbst
suchte und erforschte ich", beginnt sein Nachfolger Parmenides die
neue Abwendung von den zu nah geschauten Realitäten in die logische
Abstraktion des ,, Seienden" und „Nichtseienden", die er aus den ur-
sprünglich ganz real-menschlichen Tatsachen des Seins und Nichtseins
herausspann, welche in ihrer anthropomorphen Übertragung auf die
Welt noch in den Sprachbildungen zu verfolgen sind: „denn esse heißt
ja im Grunde nur , atmen'" (Nietzsche). Durch logische Deduktion
gelangt dann Parmenides zur ersten Kritik des Erkenntnisapparates,
der nur den Schein erkennen lasse, und hat damit jene philosophische
Scheidung von „Geist und Körper" angebahnt, die noch in unserem
wissenschaftlichen Denken fortbesteht. Hier wird /.um erstenmal die
idealistische Weltbetiachtung, die bei Plato und noch deutlicher bei
seinen indischen Vorläufern aus einer mystischen Versenktheit in den
Urzustand hervorging, rein logisch zu begründen versucht.
Einen weiteren Schritt in die Naturwissenschaft wie Erkenntnis-
theorie machte dann Anaxagoras, indem er die Möglichkeit bestritt,
daß aus dem einen Urelement, dem Schoß des Werdens, die Vielheit der
Qualitäten hervorgehen könne. Nach ihm gibt es vielmehr von Anfang
an zahllose Substanzen, die nur durch die Bewegung die Buntheit und
Mannigfaltigkeit der Welt erzeugen. „Daß aber die Bewegung eine
Wahrheit und nicht ein Schein sei, bewies Anaxagoras aus der un-
bestreitbaren Sukzession unserer Vorstellungen im Denken, gegen Par-
menides." Um aber nun wieder die Bewegung der Vorstellungen ihrer-
seits zu erklären, nahm er im „Geist an sich", im Naus, „einen ersten
Bewegungsmoment in einer Urzeit an, als den Keimpunkt alles so-
genannten Werdens, das heißt aller Veränderung." Und so gelangt er
schließlich, auf dem Umweg über die logische Deduktion, wieder zu
jenem berühmt gewordenen Urzustand, dem Chaos, m dem der Nous
noch nicht auf die Materien eingewirkt hatte, sie also noch unbewegt
waren, im seligen Mischzustand ruhten, den Anaxagoras mit dem Aus-
Die philosophische Spekulation I^S
druck „Samen aller Dinge" bezeichnet. Wie sich der Denker aus diesem
Chaos des durch den Nous bewegten Kreises die Formung des Kosmos
vorstellt, das rührt bei aller primitiven Bildhaftigkeit der menschlichen
Zeugung, wie Nietzsche schon zeigt, an die Gesetze der Mechanik, wie
sie zwei Jahrtausende später Kant in seiner Natrurgeschichte des Him-
mels mit erhabener Begeisterung verkündete.
So kommen die ersten philosophischen Denker der Griechen vom
Urproblem des Werdens, von der Frage der Herkunft der Dinge nicht
mehr los, entfernen sich aber gleichzeitig auf verschiedenen Wegen,
auf denen ihnen dann die späteren Philosophen folgen, in immer
weiter gehender Abwendung von dem eigentlichen hinter der Ur-
verdrängung liegenden Problem der Herkunft des Menschen. Erst dem
Genius des Plato blieb es vorbehalten, in seiner Lehre vom Eros das
Problem umzukehren und so auch auf dem Gebiet der Philosophie
den Menschen als Maß aller Dinge wieder zu entdecken, wie ihn fast
gleichzeitig die griechische Kunst entdeckt hatte. Die Eroslehre Fla tos,
die von psychoanalytischer Seite bereits mehrfach gewürdigt wurde,'
stellt den menschlichen Zeugungstrieb in den Mittelpunkt der Welt-
erklärung, indem sie aufden verschiedenen Stufen des Eros die sinnliche,
seelische, philosophischeundreligiöse (mystische) Einstellungnachweist.
Hier ist zum erstenmal das philosophische Problem an der Wurzel er-
faßt und wir dürfen uns daher auch nicht wundern, wenn Plato zur
Darstellung seiner Lehre auf Bilder zurückgi-eift, die den biologischen
Tatsachen ganz nahe kommen. Er faßt den Eros als die Sehnsucht nach
einem verlorenen Zustand, ja noch deutlicher nach einer verlorenen
Einheit auf und erklärt auch in seinem berühmten Gleichnis von dem
i) Besonders eindringlich in der wertvoUen Untersuchung von Winter-
stein: Psychoanalytische Anmerkungen zur Geschichte der Philosophie.
(Imago II, 1915-) — Später von Nachmannsohn: Freuds Libidotheorie ver-
glichen mit derEroslehre Piatos (Internat. Zsch. f, PsA. III, 1915) und Pfister:
Plato als Vorläufer der Psychoanalyse (ebenda VII, 1921). ■ ■ -
PW.IUR'W
i"i--.._." .
i66
Das Trauma der Geburt
in zwei Hälften geschnittenen Urwesen, die nach Wiedervereinigung
streben, das Wesen des Geschlechtstriebes. Dies ist die deutlichste be-
wußte Annäherung an das Verlangen nach Wiedervereinigung des
Kindes mit der Mutter, die bisher in der menschlichen Geisteegeschichte
erreicht wurde und an die erst Freud wieder mit seiner Libidotheorie
anknüpfen konnte.' Ja, Plato kommt im Anschluß an die orphisch-dio-
nysische Religion zu der fast letztraöglichen biologischen Erkennt-
nis, der Eros sei der Schmerz, womit der Dämon, der durch
eigene rätselhafte Schuld in die Geburt gestürzt sei.^nach
dem verlorenen Paradies seines reinen und eigentlichen
Wesens zurückverlange.
Indem Plato durch ungewöhnlich intensive Intuition in. sich selbst
diese Sehnsucht erfaßt und zur Darstellung gebracht hatte, projiziert
er sie nun aber, der unerbittlichen Urverdrängung gemäß, auf die ge-
samte Außenwelt und gelangt so dazu, in allen Dingen die Sehnsucht
nach dem Übersinnlichen, das Streben nach Vollkommenheit, das Auf-
gehenwollen im Urbild der „Idee" zu erkennen. Wie nahe diese Vor-
stellung psychologisch der Entstehungaus einem Urwesen steht, brauchte
uns nichterstdurchdiezur Verdeutlichungherangezogenen primitiveren
Vorstellungen anderer Völker bewiesen zu werden,^ da die unbewußte
Bedeutung so klar ist. Der in dieser Auffassung zutage tretende plato-
nische Idealismus, der Bruch mit der Sinnenwelt, mit dem Plato offen-
bar seine Einsicht in die Innenwelt bezahlen mußte, findet in dem
berühmt gewordenen Vergleich des menschlichen Daseins mit dem
Aufenthalt in einer unterirdischen Höhle, an deren Wand man nur
die Schatten der wirklichen Vorgänge wahrnehme, eine wunscher-
fullende Darstellung, die auf die subjektive Quelle von Platos Ein-
i) Freud: Jenseits des Lustpriazips. 1921.
, 2) „Der Ausdruck ,Sturz in die Geburt' lindet sich nicht nur bei den Orphikem,
sondern auch im Buddhismus" (Winterstein 1. c, S. 184V
5) Winterstein 1, c. S, 195.
Die philosophische Spekulation J^7_
sichten ein helles Licht wirft. Der Höhlenvergleich ist nicht bloß,
wie bereits Winterstein (1. c.) vermutet hat, „eine Mutlerleibsphan-
tasie", sondern läßt uns einen tieien Blick in den Geist des Philo-
sophen tun. der den alles vorwärts treibenden Eros als Sehnsucht zur
Rückkehr in den Urzustand empfand und zugleich den Ausdruck der
höchsten philosophischen Sublimierung dafür in seiner Ideenlehre
schuf.'
Hatte in Plato die philosophische Erkenntnis des Menschen ihren
Höhepunkt erreicht, so bleibt nur zu erklären, was die Denker der
folgenden zwei Jahrtausende zwang, sich von dieser großarligen Syn-
these und Idealisierung der naiven nautrphilosophischen Entwicklung
des frühen Griechentums wieder abzuwenden und die krausen Wege
der Verdrängung und intellektuellen Verschiebung einzuschlagen.
Plato war der gesuchten Urerkenntnis so nahegekommen, daß eine
starke Reaktion unvermeidlich wurde, als deren Träger wir seinen
unmittelbarenSchülerundNachfolger Aristoteles erkennen. Diesem
gelang durch Abwendung vom philosophisch formulierten Urtrauma
die naturwissenschaftliche Eroberung eines neuen Stückes der Wirk-
lichkeit, mit der er der Vater der eigentlichen Natur- und Geistes-
wissenschaften wurde. Dazu aber mußte er wieder den Blick nach
innen verschließen und in zwangsneurotischer Verschiebung der ver-
drängten Urlibido auf die Denkvorgänge die logisch - dialektische
Spekulation zur höchsten Blüte bringen, von der das ganze abend-
ländische Philosophieren bis auf Schopenhauer gezehrt hat, der erst
wieder auf die indische Urweisheit und ihre philosophische Darstellung
bei Plato zurückgriff. Es würde hier zu weit führen, auch nur an-
deutungsweise den Entwicklungsgang des aristotelischen Denkens zu
i) Die phylogenetische Ergänzung dazu ist nach Nietzsches Gedanken die
Seelenwanderung des Pythagoras, die die Frage beantwortet, wie wir etwas
von den Ideen wissen können: durch Erinnerung an frühere Existenien; d.h.
aber biologisch gesprochen den Embryonal zu stand.
i68
Das Trauma der Geburt
skizzieren, das gerade deswegen von so ungeheurem Einfluß auf die
gesamte Geistesgeschichte Europas blieb, weil es immer tiefer in die
scholastische Spekulation und damit scheinbar immer weiter weg vom
Verdrängten führte. Ich sage scheinbar, denn noch in den abstraktesten
logischen Rösselsprüngen der Aristoteliker lassen sich so gieifbare
Spuren des Urverdrangten nachweisen,' daß man schon daraus allein
die immer weiter fortgesetzte Spekulation verstehen könnte. Ander-
seits verrät die allgemein introvertierte Geistesrichtung des spekulativen
Logikers und des ihm psychologisch nahestehenden Mystikers, daß er mit
der gedankhchen Entfernung vom Verdrängten sich in seiner gesamten
psychischen Einstellung selbst immer mehr der Ürsituation des Ver-
sinkens und Aufgehens nähert, der er im Inhalt des Denkens auszu-
weichen sucht.
Die philosophischen Mystiker stellen so die direkte Fortsetzung der
religiösen Mystik, des Versenkens in das eigene Innere dar. Nur nennen
sie den Gott, den sie jetzt in ihrem eigenen Innern aufsuchen, Er-
kenntnis, aber das Ziel ist. das gleiche; die urdo mysüca, das Eins-
werden mit dem All. Daß dieses mystische Erlebnis stark sexuell ge-
lärbt ist, die Vereinigung mit der Gottheit unter dem Bilde einer ge-
schlechtlichen Vereinigung (Erkennen = coiVe) geschaut und emp-
iunden wird,' weist nur auf den libidinösen Urgi-und des ganzen
_ i) In einer während der Niederschrift bei der Redaktion von „Imago" ein-
gelaufenen Arbeit von E. Boeder: Das Ding an sicii {Analytische Versuche
an Aristoteles' Analytik), wird dies in eindringender Weise bis mm biologischen
Ding an sich, dem Embryo im Mutterleib, gezeigt, von welclier Vorstellung
insbesondere der ganze (geometrische) RaumLegriff des Aristoteles abgeleitet ist..
a) Siehe Pfisler: Hysterie und Mystik bei Margareta Ebner (1291-1551).
1910. („Zum Kampf um die Psychoanalyse," Kap. V, 1930.) Ders.: Die Fröm-
migkeit des Grafen Ludwig von Zinzendorf. Ein psa. Beitrag z. Kenntnis der
relig. Sublimierungsprozessc und zur Erklärung des Pietismus, igio. ~ Femer
A. Kielholz: Jakob Boehme. Ein pathographischer Beitrag zur Psychologie
der Mystik. 1919. — Siehe auch G. Hahn: Die Probleme der Hysterie und die
Offenbarungen der Heiligen Therese, 1906. .
ttk
HMW!
Die philosophische Spekulation j6p
Strebens, die Rückkehr in den Urzustand, hin: „So wie einer, von
einem geliebten Weibe umschlungen, kein Bewußtsein hat von
dem, was außen und innen ist, so hat auch der Geist, der von dem
Urselbst verschlungen ist, kein Bewußtsein von dem, was außen und
innen ist", heißt es in den Upanischaden. Und Plotin sagt von der
mystischen Ekstase: „Es ist kein Zwischenraum mehr da, es sind nicht
mehr zwei, sondern beide sind eins, sie sind nicht voneinander
zu scheiden, solange jenes da ist. Diese Vereinigung ahmen
hier in dieser Welt die Liebenden und Geliebten nach, die
miteinander zu einem Wesen verschmelzen wollen.' Wie schon das
indische tat twam asi {das bist du selbst) zeigt, handelt es sich dabei
um eine Aufhebung der Grenzen zwischen Ich und Nicht-Ich, wie
sie das Gebet durch Einswerden mit Gott herzustellen sucht (man ver-
gleiche die Verse Mechthilds: „Ich bin in dir und du bist in mir". Heiler'
Das Gebet), und ein islamischer Mystiker ruft in der seligen Ekstase ■
„Es hat zwischen uns aufgehört das Ich und das Du, ich bin nicht ich,
du bist nicht du, auch bist du nicht ich; ich bin zugleich ich und du
du bist zugleich du und ich. Ich bin in Verwirrung darüber, ob du ich
oder ich du seist" (1. c).
Wie wir sehen, war es den Neuplatonikern und ihren Nachfolgern
griindhch gelungen, das in der Eroslehre ihres Meisters poetisch for-
mulierie Streben nach Einssein mit ihrem Ursprung in weitgehendem
iMaße, allerdings auf Kosten der philosophischen Einsicht, zu realisieren
Ais Reaktion darauf erscheint die neuer e Philosophie, die ganz ähnlich
Plotin litt selbst a« solchen ekstatisch-vi.ionären Seelen Verzückungen,
wie er in den Enneaden (IV, 8, .) berichtet - Diese Befreiung der Seele vom
Z wang der Sch.cksalsnotwendigkeiten und der Wiedergeburten lehrten auch die
Theurgen, Mag.er und Gnostiker. - Die echten Theurgen, wie die Neuplatoni-
ker, erzielten dies bei sich selbst durch Versenken in das Grübeln über die letzten
Dinge und wohl auch durch körperliche Vorbereitung, wie läuterndes Parten
und Kasteiungen aller Art (siehe Th. Hopfner: Über die Geheunlehren von
Jamblichup. Quellenschr. d, Griech. Mystik, Bd. I, Leipzig 1932).
JJO
Das Trauma der Gehurt
wie die giiechische Philosophie ihren Ausgangspunkt von der Ent-
deckung des Menschen als eines Teiles der Natur nahm und seine
Trennung von ihr gedanklich zu verleugnen und rückgängigzumachen
suchte. Dies beginnt auf einer höheren psychischen Entwicklungsstufe
mit der Entdeckung des Ich, als etwas vom Nicht-Ich Verschiede-
nem durch Descartes, um schließlich in der genialen Icherweiterung
des Kant sehen Systems zu gipfeln, während die hypertrophischen Ich-
systeme nach Art desFichteschen das Gegenstück zur mythologischen
Ichprojektion in die Umwelt darstellen. Aber auch Kant ist es nur ge-
lungen, die Apriorität der Vorstellungen von Raum und Zeit als an-
geborener Kategorien aus der Unmittelbarkeit des intrauterinen Zu-
standes zu erkennen und erkenntnistheoretisch zu fassen, indem er den
transzendenten Tendenzen seines Unbewußten einerseits in der groß-
artigen Kompensation seiner Erkenntnis der kosmischen Gesetzmäßig-
keiten, anderseits in seinem pathologischen Sonderlingsdasein eine
weitgehende direkte Befriedigung bot. Das „Ding-an-sich", das er als
das einzig Transzendente, also Unerforschliche, bestehen ließ, mußte
ihm dabei natürlich entgehen. Nicht bloß der Rückschluß aus der
Entwicklung des philosophischen Denken verrät uns, daß dieses Ding-
an-6ich wieder identisch ist mit dem geheimnisvollen, so stark ver-
drängten Urgrund unseres Seins, dem MutterschoQ ; sondern auch die
weitere philosophische Bestimmung dieses Begriffs durch den „Willen'
Schopenhauers, der damit das Ding-an-sich aus seiner transienden-
talen Verhexung wieder vermenschlichte und in unser Inneres ver-
legte, vvo es dann Nietzsche als den egoistischen Willen zur Macht zu
erkennen glaubte, während die Psychoanalyse auf dem von ihr neuge-
fundenen Wege der „Selbsterkenntnis" darin die unbewußt wirkende
Urlibido psychologisch faßbar gemacht hat.
Dies „Erkenne dich selbst", mit dem erst die Psychoanalyse wirk-
lich Ernst gemacht hat, führt uns zu Sokrates zurück, der diese
Forderung des delphischen Apollo zu seiner Lehre gemacht hatte. Wir
Die philosophische Spekulation lyi
haben bis jetzt von diesem unmittelbaren Vorläufer des Plato nicht
gesprochen, ohne den dieser selbst und die ganze folgende Entwicklung,
auch psychologisch, undenkbar ist. Denn vor dem Bilde des bewußt
und furchtlos in den Tod gehenden Sokrates hat sich sein Liebling
und Schüler Plato, wie Nietzsche sagt, „mit aller inbrünstigen Hin-
gebung seiner Schwärmerseele" niedergeworfen und sein Leben der
Pflege und Bewahrung des Andenkens an seinen Meister gewidmet.
Aber erst die Lehre des Sokrates zeigt das konkrete Substrat des Ur-
traumas, auf das sein Schüler Plato und dessen Nachfolger Aristoteles
in so weittragender Weise reagiert haben. Mit dem Auftreten des So-
krates, der sich als Sondertyp aus der Reihe der Philosophen vor und
nach ihm scharf heraushebt, tritt im griechischen Denken jene ent-
scheidende Wendung nach Innen ein, die dann durch Plato ihre phi-
losophische Gestaltung erhält, und die schon äußerlich dadurch ge-
kennzeichnet ist, daß Sokrates, wie Xenophon in seinen Memorabilien
berichtet, das Nachdenken über die Weltentstehung und die damit ver-
wandten Fragen ausdrücklich als unnütz ablehnte.
Um die Bedeutung des Sokrates, in dem Nietzsche „den einen
Wendepunkt und Wirbel der sogenannten Weltgeschichte" sieht, voll
würdigen zu können, müssen wir wieder auf Nietzsches unübertreff-
lich scharfsichtige Psychoanalyse dieses seines Erzgegners in der Ge-
burt der Tragödie" zurückgreifen. „Nur aus Instinkt! Mit diesem Aus-
druck berühren wir Herz und Mittelpunkt der sokratischen Tendenz.
Mit ihm verurteilt der Sokratismus ebenso die bestehende Kunst wie
die bestehende Ethik . . . Von diesem einen Punkte aus glaubte So-
krates das Dasein korrigieren zu müssen: er, der Einzelne, tritt mit
der Miene der Nichtachtung und der Überlegenheit, als der Vorläufer
einer ganz anders gearteten Kultur, Kunst und Moral, in eine Welt
hinein . . . Dies ist die ungeheure Bedenklichkeit, die uns jedesmal,
angesichts des Sokrates, ergreift und die uns immer und immer wieder
anreizt, Sinn und Absicht dieser fragwürdigsten Erscheinung des Alter-
1-^2
Das Trauma der Gehurt
tums zu erkennen. Wer ist das, der es wagen darf, als ein Einzelner
das griechische Wesen zu verneinen . . .?"
„Einen Schlüssel zu dem Wesen des Sokiates bietet uns jene wunder-
■ bare Erscheinung, die als ,Dämonion des Sokrates' bezeichnet wird.
In besonderen Lagen, in denen sein ungeheurer Verstand ins Schwan-
ken geriet, gewann er einen festen Anhalt durch eine in solchen Mo-
menten sich äußernde göttliche Stimme. Diese Stimme mahnt, wenn
sie kommt, immer ab. Die instinktive Weisheit zeigt sich bei dieser
gänzlich abnormen Natur nur, um dem bewußten Erkennen hier und
da hindernd entgegenzutreten. Während doch bei allen produktiven
Menschen der Instinkt gerade die schöpferisch -affirmative Kraft ist
und das Bewußtsein kritisch und abmahnend sich gebärdet: wird bei
; Sokrates der Instinkt zum Kritiker, das Bewußtsein zum Schöpfer —
eine wahre Monstrosität per defectum.^'
An diese Diagnose knüpft dann Nietzsche, fast xwanzig Jaiire
später, eine Analyse des Menschen Sokrates,* die in ihrer Unerbittlich-
keit nicht nur vor dem Allzumenschlichen nicht haltmacht, sondern
geradezu da ansetzt: ,, Sokrates gehörte, seiner Herkunft nach, zum
niedersten Volk: Sokrates war Pöbel. Man weiß, man sieht es selbst
noch, wie häßlich er war. Aber Häßlichkeit, an sich ein Einwand, ist
unter Griechen beinahe eine Wiederlegung. War Sokrates überhaupt
ein Grieche? Die Häßlichkeit ist häufig genug der Ausdruck einer ge-
kreuzten, durch Kreuzung gehemmten Entwicklung. Im andern
Falle erscheint sie als niedergehende Entwicklung. Die Anthropo-
logen unter den Kriminalisten sagen uns, daß der typische Verbrecher
häßlich ist: monstrum in fronte, momtrum in animo . . . Aui dScadence
bei Sokrates deutet nicht nur die zugestandene Wüslheit und Anarchie
in den Instinkten, ebendahin deutet auch die Superfötation des Lo-
gischen und jene Rhachitifcer-Bosheit, die ihn auszeichnet. Ver-
i) Das Problem des Sokrates (.Götzendämmerung, 1888).
Die philosophische Spekulation IJ)
gessen wir auch jene Gehörshalluzinationen nicht, die als .Dämonion
des Sokrates' ins Religiöse interpretiert worden sind."
„Als jener Physiognomiker dem Sokrates enthüllt hatte, wer er war,
eine Höhle aller schlimmen Begierden, ließ der gi-oße Ironiker noch
ein Wort verlauten, das den Schlüssel zu ihm gibt. ,Dies ist wahr,'
sagte er, aber ich wurde über alle Hen,' Wie wurde Sokrates über
sich Herr? — Sein Fall war im Grande nur der extreme Fall, nur
der in die Augen springendste von Dem, was damals die allgemeine
Not zu werden anfing: daß niemand mehr über sich Herr war, daß
die Instinkte sich gegeneinander wendeten. Er faszinierte als dieser
extreme Fall — seine furchteinflößende Häßlichkeit sprach ihn für
jedes Auge aus: er faszinierte, wie sich von selbst versteht, noch stärker
als Antwort, als Lösung, als Anschein der Kur dieses Falls."
„Vernunft ^^Tugend^^Glück heißt bloß: man muß es dem Sokrates
nachmachen und gegen die dunklen Begehrungen ein Tageslicht in
Permanenz herstellen — das Tageslicht der Vernunft. Man muß klug,
tlar, hell um jeden Preis sein: jedes Nachgeben an die Instinkte, ans
Unbewußte führt hinab . . ."
In Sokrates erblickt also Nietzsche „den Typus des theoreti-
schen Menschen", der in unerschütterlichem Optimismus daran
glaubt, „daß das Denken, an dem Leitfaden der Kausalität, bie in die
tiefsten Abgründe des Seins reiche, und daß das Denken das Sein nicht
nur zu erkennen, sondern sogarzukorrigierenimstandesei."Sokrates
hat bekanntlich kerne schriftlichen Werke hinterlassen, sondern sich
damit begnügt, durch „bloßes Reden" auf seine Schüler und Jünger
zu wirken. In dieser Technik, in ihrem Ziel der Selbsterkenntnis, in
seiner Anschauung, daß die Einsicht zur Tugend führe, und nicht zu-
letzt in seinem ganzen therapeutischen Wirken darf man ihn wohl als
den Urvater der analytischen Technik bezeichnen, die in Plato ihren
würdigen Theoretiker gefunden hatte. Dieser Vergleich erhält eine
tiefe Berechtigung, wenn wir uns erinnern, daß Sokrates selbst seine
jy^ Das Trauma der Gehurt
dialektische Therapie des Herausziebens der Gedanken der Hebammen-
praxis gleichgestellt hat, wie er es in Nachahmung seiner Mutter, die
Hebamme war, übe. Diese Anekdote beweist ebenso wie die Überliefe-
rung von seinem bösen Weib Xanthippe, daß sich bei ihm, offenbar aus
rein individuellen Motiven, jene heftige Reaktion auf das Urtrauma ein-
gestellt hatte, die ihn anscheinend zu dem von Nietzsche geschilderten
type degeneri gemacht hatte. Die biologische Folge davon, seine Häß-
lichkeit, Rhachitis, Gehörshalluzinationen und die ganze Unbeherrscht-
heit seines Trieblebens, wie sie Nietzscheschildert, würde so miteinem
Schlage verständlich werden. AberauchseinepsychischeReaktion darauf,
die ihn offenbar zwang, in der bekannten Identifizierung mit der Mutter
die Loslösung der überstarken Fixierung an sie zu erreichen und sich
der Knabenliebe hinzugeben, in der er das verlorene Mutter-Kind- Ver-
hältnis immer wieder erneuern konnte. Endlich ist ihm auch noch
in einer dritten Form die Überwindung des Geburtstraumas gelungen,
nämlich in der Überwindung der Todesangst. Wie Nietzsche ganz
richtig erkannte, hat Sokrates seinen Tod freiwillig gewollt, da für
Vergehen seiner Art nur die Verbannung üblich war. Er hat ihn ge-
wollt und er konnte ihn wollen: ,,Er erscheint uns als der Erste, der an
der Hand jenes Instinktes der Wissenschaft nicht nur leben, sondern
was bei weitem mehr ist — auch sterben konnte; und deshalb ist
das Bild des sterbenden Sokrates als des durch Wissen und Gründe
der Todesfurcht enthobenen Menschen das Wappenschild, das
über dem Eingangstor der Wissenschaft einen jeden an deren Bestim-
mung erinnert, nämlich das Dasein als begreiflich und damit als ge-
rechtfertigt erscheinen zu machen."
So ist es Sokrates — allerdings nur mit Hilfe verschiedener, z. T.
neurotischer Ersatzbefriedigungen und um den Preis des Schierlings-
bechers — gelungen, das Geburtstrauma als Erster intellektuell zu
überwinden und damit zum unmittelbaren Vorläufer der psycho-
analytischen Therapie zu werden.
Die psychoanalytische Erkenntnis
Wir haben aus der analytischen Situation und ihrer Darstellung
durch das Unbev«mßte des Analysierten die fundamentale Bedeutung
des Geburlstraumas, seiner Verdiängung und deren Wiederkehr in
neurotischer Reproduktion, symbolischer Anpassung, heroischer Kom-
pensation, ethischer Reaktionsbildung, ästhetischer Idealisierung und
philosophischer Spekulation erkannt. Wir glauben in flüchtigem Über-
blicken der wesentlichen Kulturleistungen und -ent Wicklungen ge-
zeigt zu haben, daß nicht nur alle sozial wertvollen, ja überwertigen
Schöpfungen des Menschen, sondern sogar die Menschwerdung einer
spezifischen Reaktion auf das Geburtstraunaa entspringt, und wie
schließlich die Erkennmis dieser Tatsache selbst durch die psychoanaly-
tische Methode der bisher weitest gehenden Aufhebung der Urver-
drängung durch Überwindung des Urwiderstandes, der Angst, zu ver-
danken ist.
Die Entwicklung der psychoanalytischen Erkenntnis selbst gibt ein
lehrreiches Bild von der Macht dieses Urwiderstandes und von der
gewaltigen Leistung Freuds, die notwendig war, ihn überwinden
zu helfen. Wie Freud immer wieder betont, ist er selbst nicht
der eigentliche Entdecker der Psychoanalyse gewesen, sondern der
Wiener Arzt Dr. Josef Breuer, der 1881 den eingangs erwähn-
ten Fall von Hysterie behandelte und dabei von der Patientin auf
die Idee der talking eure, symbolisch gesprochen des chimney sweeping,
gebracht wurde. Wenn Freud gelegentlich im Freundeskreis von
1-7$ Das Trauma der Gebart
der Rolle Breuers in der Psychoanalyse sprach, ließ er ein tiefes
menschliches Verständnis durchblicken, das er in seiner persön-
lichsten Arbeit „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung"'
auch andeutet: daß nämlich Breuer letzten Endes vor den Konse-
quenzen seiner Entdeckung, wie vor einem untoward event betroffen,
flüchtete, weil er das sexuelle Moment nicht erkennen wollte, dessen
mutige Anerkennung B''reud selbst viel später auch zum Verständnis
der Reaktion seines Lehrers verholfen hat. Und auch die späteren
Abfallsbewegungen, welche sich dann innerhalb der Anhängerschaft
der Psychoanalyse vollzogen und zu neuen, nicht auf Beobachtung,
sondern auf Widerspruch gegründeten Theoriebildungen geführt haben,
hat Freud selbst in der gleichen Darstellung als „rückläufige, von der
Psychoanalyse wegstrebende Bewegungen " charakterisiert. Wie er selbst
genugsam erfahren hatte, scheinen dieMenschen am allerwenigsten dazu
geschaffen, die psychoanalytischen Wahrheiten zu ertragen, imd öftev
äußerte er, wenn ihm der oder jener die weitere Gefolgschaft versagte,
daß es eben nicht jedermanns Sache sei, immerfort in den dunkeln
Schächten des Unbewußten zu forschen und das Tageslicht nur gelegent-
lich zu erblicken. Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll,
den Entdeckermut oder die Kampfzähigkeit Freuds, mit der er seine
Funde gegen die Widerstände der ganzen Welt hartnäckig zu vertei-
digen wußte; noch intensiver gegen einzelne ihm nahegestandene Mit-
arbeiter, die vor diesen Entdeckungen erschraken und wie Breuer
die Flucht ergriffen, wenn auch nach den verschiedensten Richtungen,
aus denen ihnen die Hoffnung winkte, diese an den Schlaf der Welt
rüttelnden Einsichten loszuwerden. Was sie Richtiges auf diesen Ruck-
wegen als Zuflucht fanden, hat Freud mit bewundernswerter Objek-
tivität von den Entstellungen und Verleugnungen der nur flüchtig ge-
ahnten Wahrheit gesondert, gleichzeitig aber als nicht eigentlich
„psychoanalytisch" aus seinem Arbeitsgebiet ausgeschieden.
i"! Jahrb. d. Psychoanalyse. VI, 1914 (dann in den „Kleinen Schriften", 4. Folge).
Die psychoanalytische Erkenntnis lyy
So bietet die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung, auch in
manchen Übertreibungen und Mißverständnissen der ihm treu geblie-
benen Anhänger, welche die Lehren des Meisters oft allzu wörtlich in
ihrer Weise interpretierten, das gleiche hin und her schwankende Bild
jeder geistigen Bewegung, die die Wahrheit in einem entscheidenden
Punkte enthüllt. Dieser entscheidende Punkt war tatsächlich die Ent-
deckung Breuers, aus der allerdings erst Freud imstande war, die
praktischen und theoretischen Schlüsse mit gleicher Konsequenz zu
ziehen. Wenn wir daher jetzt wieder unniiittelbar an die Breuersche
Entdeckung anknüpfen, so geschieht es, um zu zeigen, wie folgerichtig
Freud selbst in allen seinen Anschauungen war, aber auch, wie folge-
richtig die hier vorgetragene Auffassung die Breuersche Entdeckung
und die Freud sehe Konzeption und Ausarbeitung derselben abschließt.
Der Ausgangspunkt Breuers war die „Grundtatsache, daß die Sym-
ptome der Hysterischen von eindrucksvollen, aber vergessenen Szenen
ihres Lebens (Traumen) abhängen, die darauf gegründete Therapie, sie
diese Erlebnisse in der Hypnose erinnern und reproduzieren zu lassen
(Katharsis), und das daraus folgende Stückchen Theorie, daß diese Sym-
ptome einer abnormen Verwendung von nicht erledigten Erregungs-
größen entsprechen (Konversion)". Setzen wir in diese Freudsche
Formulierung' des Kernes der Breuerschen Urentdeckung das durch
die Freudsche Methode, also die eigentliche Psychoanalyse, schließlich
aufgedeckte Urlrauma der Geburt ein, das in der Kur zur Wieder-
holung und Lösung gelangt, so erscheint damit der psychophysiologische
Ausgangspunkt der Analyse vom Problem der „Konversion" (Freud)
mit dem gleichfalls psychophysischen Moment des Geburtstraumas ver-
knüpft. Was dazwischen liegt, ist die von Freud allein geschaffene
Psychologie des Unbewußten, d. h. die erste Psychologie über-
haupt, die diesen selbständigen Namen verdient, da die Bewußtseins-
psychologie, aus philosophischer Spekulation hervorgegangen, allmäh-
i) Zur Geschiclite d. psa. Bewegung, I, c. S. 208.
ti Ratik
17«
Das Trauma der Gehurt
lieh immer mehr auf medizinischen Boden gestellt wurde (Sinnes-
physiologie, Neurologie, Gehirnanalomie). Wir verstehen nun besser,
wie die erste Differenz sich zwischen der „physiologischen" Auffassung
Breuers, der „Hypnoidtheorie", und der rein psychologischen Auf-
fassung Freuds, der ,, Abwehrlehre", herstellen mußte, die dann zur
Entdeckung der Verdrängung führte und weiterhin zur Erforschung
des Verdrängten (Vorbewußten — Unbewußten), sowie schließlich der
verdrängenden Instanzen des Ich {und seiner Derivate: Gewissen,
Schuldgefühl, Idealbildung usw.).
Es ist nicht nur geschieh ts wissenschaftlich, sondern auch menschlich
interessant, daß sich die Trennung Freuds von Breuer auf dem
psychophysischen Grenzgebiet der „Konversion" vollzog, deren Name
zwar von Freud stammt, deren Tatsache sich aber den beiden For-
schern nach Freu d s Aussage „gleichzeitig und gemeinsam ergeben hat"
(1. c. S. 3og). Es ist, als halte auf diesem Boden der Entzweiung, der
Loslösung des Schülers von seinem Lehrer, seither ein Tabu gelastet,
- denn nicht nur ist das Problem der Konversion bis heule ungelöst ge-
blieben, sundern es hat sich auch kaum einer der Schüler je daran-
gewagt.' Wenn wirnun durch die konsequente Verfolgung der Freud-
schen Methode wieder auf dieses analytische Urproblem hingedrängt
werden, so bleiben wir uns der Verantwortung bewußt, die der Versuch
zu seiner Lösung in sich trägt, glauben ihn aber durch die bereits er-
wiesene allgemeine Bedeutsamkeit unseres Gesichtspunktes hinlänglich
gerechtfertigt.
Wiederholt sind wir im Verlaufe unserer Darstellung der Frage aus-
gewichen, wieso es kommt, daß das als Urtehdenz der Libido er-
kannte Streben nach Wiederherstellung der lustvollen Ursiluation
im Mutterleib, das wir als Ausdruck der höchsten Lustmöglichkeit
i) Siehe allerdings Ferenczi (Hysterie und Pathoiieuroscn, 1919), der die
Konversion in einem «Imlichen Sinne wie hier als „Regression zur Protopsyche"
auffaßt (1. c. S. 24).
Die psychoanalytische Erkenntnis l"]^
überhaupt ansehen müssen, in so unentrinnbarer Weise mit dem der
Urangst verbunden ist, wie es der Angsttraum, das neurotische Sym-
ptom, aber auch alle psychischen Abkömmlinge und Verwandte dieser
Bildungen verraten. Um das zu verstehen, müssen wir uns vor Augen
halten, daß der lustvolle Urzustand durch den Akt der Geburt — ver-
mutlich auch schon kurz vorher durch Verlagerungen und Druck
(Kindsbew^egungen) — in unerwünschter Weise unterbrochen wird
und das ganze Leben dann darin besteht, dieses verlorene P.aradies auf
den geschilderten, höchst komplizierten Umwegen der Libidoschickale
zu ersetzen, da es tatsächlich nicht mehr zu erlangen ist.
Es scheint, daß der Qrangstaffekt der Geburt, der das ganze Leben
hindurch, bis zur neuerlichen Trennung von der allmählich zur zweiten
Mutter gewordenen Außenwelt im Tode wirksam bleibt, von Anfang
an nicht bloß Ausdruck physiologischer Beeinträchtigungen (Atemnot
— enge — Angst) des Neugeborenen ist, sondern infolge Verwandlung
einer höcht lustvollen in eine äußerst unlustvolle Situation sogleich
einen „psychischen" Gefühlscharakter bekommt. Diese empfundene
Angst ist so der erste Inhalt der Wahrnehmung, sozusagen der erste
psychische Akt, welcher der noch ganz intensiven Tendenz zur Wieder-
herstellung der eben verlassenen Lustsituation die erste Schranke ent-
gegensetzt, in der wir die Urverdrängung zu erkennen haben. Die Kon-
version, deren normale Äußerungen Freud in dem sogenannten körper-
lichen Ausdruck der Gemütsbewegung erkannte, erweist sich so als
identisch mit der Entstehung des Psychischen aus der Körperinner vation,
d. h. mit dem bewußten Eindruck der wahrgenommenen Urangst. Wäre
diese rein physiologisch, so könnte sie wahrscheinlich früher oder später
auch voll abgeführt werden; so aber wird sie psychisch verankert, um
die Rückstrebung (Libido) zu verhindern, die sich dann in allen späteren
Zuständen, vvo Angst entwickelt wird, an diesem Grenzwall der Ur-
verdrängung bricht. Das heißt der wahrgenommene und psychisch
fixierte Eindruck der Urangst löscht die Erinnerung an den voran-
i8o
Das Trauma der Geburt
gegangenen Lusizustand aus, verhindert damit die Rückstrebung, die
uns lebensunfähig machen würde, wie ja der „mutige" Selbstmörder,
der diese Angstgrenze riickschreitend zu passieren vermag, beweist. Es
scheint, daß der Mensch die schmerzliche Trennung vom Urobjekt gar
nicht ertragen, und die ersatzmäßige Anpassung an die Realität über-
haupt nicht zustande bringen würde, ohne durch die drohende Wieder-
holung der Urangst von einer weitgehenden Rückstrebung abgehalten
XU werden. Sobald man — sei es im Schlaf (Traum), sei es im Wachen
{unbewußte Phantasie) — sich dieser Grenze annähern will, tritt Angst
auf und dies erklärt sowohl den unbewui3ten Lust- wie den bewußten
ünlustcharakter aller neurotischen Symptome. Die einzige reaieMöglich-
keit für die annähernde Wiederherstellung der Urlust bietet die ge-
schlechtliche Vereinigimg, das partielle rein körperliche Zurückgehen
in den Mutterleib. Diese TeiJbefriedigung, an die die höchste Lust-
empfindung geknüpft ist, genügt aber nicht allen Individuen, oder
besser gesagt, sie können infolge stärkerer Wirkung des Gcbiu-tstraumas,
die sich letzten Endes aus dem Keimplasma ableiten lassen wird, und
der stärkeren Urverdrängung (Reaktion), die es notwendig macht, diese
partielle körperliche Beziehung zum Objekt nur in mehr oder weniger
unbefriedigender Weise herstellen. Ihr Unbewußtes strebt danach, die
volle Rückkehr zu reproduzieren, sei es durch Herstellung der kom-
pletten körperlichen Identität von Mutter und Kind mit dem Sexual-
partner (Masturbation, Homosexualität'), sei es durch die Abwehr des
Identifizierungsmechanismus im neurotischen Symptom, anstatt dies
durch Vollziehung des Geschlechtsaktes und Schaffung eines neuen
Lebewesens zu tun, mit dem sie sich identifizieren können. Hier liegt
übrigens der fundamentale Unterschied in der gesamten psychischen
Entwicklung von Mann und Weib, indem das letztere imstande ist,
durch ganz reale Reproduktion der Ursituation, das heißt durch wirk-
i") Von den Homosexuellen sagt schon Martial: pars est itna patrU cetera
matrii habent.
m
Die psychoanalytische Erkenntnis iSi
liehe Wiederholung von Schwangei-schaft und Gebärakt, sich die am
weitesten gehende Annäherung an die Urbefriedigung zu verschaffen,
während der hierin auf die unbewußte Identifizierung angewiesene
Mann sich Ersatz für diese Reproduktion in der Identifizierung mit
der „Mutter und der daraus folgenden Schöpfung kultureller und
künstlerischer Produktionen schaffen muß. Dies erklärt die geringe
Rolle, welche die Frau in der Ku lturen twickiung spielt und aus
der dann ihre soziale Minderbewertung sekundär folgt, während im
Grunde genommen die ganze Ktolturschöpfung nur aus der durch
die Urverdrängung beseitigten libldinösen Überschätzung des mütter-
lichen Urobjektes durch den Mann erfolgt. ' So könnte man sagen, daß
die normale soziale Anpassung einer weitgehenden Übertragung der
Urlibido auf das Väterliche, Schöpferische entspricht, während alles
Pathologische — aber auch Übernormale — auf einer allzu starken
Mutterfixierung, bezw. der Abwehr-Reaktion dagegen, beruht. Da-
xwischen liegt die volle sexuelle Befriedigung, die auch den Kinder-
wunsch einschließt, und eine nahezu rastlose Rückverwandlung der
Urangst in die Urlibido zuläßt; daher lösen die zahlreichen, innerhalb
des komplizierten Sexualmechanismus möglichen Störungen sogleich
Angst aus, die bei den direkten Störungen der Sexualfunktion („Aktnal-
neurosen" Freuds) unmittelbar frei wird, bei den psychisch veranker-
H len Psychoneurosen dagegen im Schutzbau des Symptoms gebunden er-
scheint, und im Anfall jeder Art auf reproduktiven Wege abgeführt wird.
Mit dem Geburtstrauma und den ihm vorangehenden Foetalzustande
haben wir das vielumstrittene Grenzgebiet des Psychophysischen end-
lich greifbar gemacht und verstehen von da aus nicht nur die Angst,
dieses Ursymptom des Menschen, sondern auch die im Psychophysischen
t
i) Hier liegt die tiefste Motivierung für die von Alfred Adler als primum
movens herangezogene Vorstellung von der „Minderwertigkeit" der Frau, die
sich übrigens als direkte Folge der Verdrängung des Geburtstraunias ganz un-
abhängig vom Geschlecht findet.
flp^T^^^^J^^»^^*^^?^^^
1S2
Das Trauma der Gehurt
wurzelnde Konversion in gleicher Weise wie das gesamte Affekt- und
Triebleben. Der Trieb ist tatsächlich nichts anderes als die nächste
Reaktion auf die psychisch verankerte Urangst, sozusagen der durch
diese modifizierte Instinkt, indem das Ich in seinem Riickdrang von
der Angstgrenze immer wieder aufs neue vorwärts getrieben wird,
das Paradies statt in der Vergangenheit in der nach dem Ebenbild der
Mutter gestalteten Welt zu suchen und soweit dies mißlingt, in den
großartigen Wunschkompensationen der Religion, Kunst und Philo-
sophie. Denn diese ungeheure Anpassungsleistung gelingt in der Realität
erstmalig nur einem Typus Mensch, den uns die Geistesgeschichte als
Heros überliefert hat, soweit es sich um ein Gestalten realer Werte
handelt, und den wir als „Künstler" im weitesten Sinne des Wortes
bezeichnen möchten,' soweit es sich um ein Schaffen ideeller Werte,
des phantastischen Überbaus handelt, der aus den in der Realschöpfung
unbefriedigten Resten der Urlibido geschaffen wird. Der normale
Mensch wird dann in diese das Ursymbol bereits repräsentierende*
Welt hineingeboren und findet die dem durchschnittlichen Ver-
drängungsgrad entsprechenden Befriedigungsmöglichkeiten bereits als
fertige Formen vor, die er aus seiner individuellen Urerfahi-ung nur
wieder zu erkennen und zu gebrauchen hat („Symbolik ).
Hier ist der Ort, eine der wichtigsten theoretischen Folgerungen aus
dieser Auffassung zu ziehen, die sich ebenfalls als ganz direkte Forl-
setzung der von Freud angebahnten Forschungsrichtimg erweist. Von
Anfang an war der spezifisch analytische Gesichtspunkt die vorläufige
Zurückstellung aller hereditären und phylogenetischen Einflüsse, die
ja großenteils ohnehin unfaßbar waren und deren maßlose Überschät-
zung die Psychoanalyse dadurch korrigierte, daß sie ein großes und
höchst bedeutsames Stück der individuellen Entwicklung, nämlich die
frühe Kindheit, der Erforschung zugänglich und als determinierenden
i) Rank: Der Künstler. Ansätze -m einer Sexualpsychologie. 1907. (2. Aufl.
3918.)
i|
•i
Die psychoanalytische Erkenntnis i 8}
Faktor ersten Ranges in ausgiebigstem Maße verständlich gemacht hat.
Da uns aber die Ausgestaltung der analytischen Technik in den Stand
gesetzt hat, im Laufe unserer Erfahrung dieses infantile Entwicklungs-
stadium immer weiter nach rückwärts, schließlich bis in das pränatale
Stadium, zu verfolgen, ergibt sich, — insbesondere aus einem vertieften
Studium der Traum symkolik, — daß wir den phylogenetischen Ge-
sichtspunkt des mitgebrachten psychischen Besitzes entbehren, be-
ziehungsweise ihn wieder auf das biogenetische Grundgesetz im Sinne
Haeckels einschränken können. Nicht nur klärt sich die ganze Sym-
bolik und alle daran geknüpften Probleme in einfacherer und befrie-
digenderer Weise auf, als dies durch das vorzeitige Hineintragen phylo-
genetischer Gesichtspunkte in die Analyse durch die spekulative Nei-
gung Jungs der Fall war, der von der Psychiatrie kommend und die
Mythologie als Vergleich sobjekt heranziehend der einzig aufschluß-
reichen Erfahrungen aus der Neurosenanalyse entbehrte, die ihm ge-
stattet hätten, über die bloße Deskription und die daran geknüpfte
Spekulation hinauszugehen. Freud hat auch sogleich die Unfrucht-
barkeit des Beginnens erkannt, mit Hilfe ungedeuteten völkerpsycho-
logischen Materials die Phänomene der Individualp sychologie verständ-
lich machen zu wollen, und hat den einzig richtigen umgekehrten Weg
eingeschlagen, den wir nun noch weiter verfolgen und damit den phylo-
genetischen Gesichtspunkt ein ganzes Stück zurückschieben können.
Nachdem wir bereits die Urphantasien von der Kastration und
der ödipussituation auf das Geburtstrauma (Trennung), bzw. dessen
lustvolles Vorstadium (Wiedervereinigung mit der Mutter) zurück-
führen konnten, fällt es uns nicht schwer, in direktem Anschluß an
Beobachtungen Freuds, die beides in sich fassende typische Situation
von der Belauschung des elterlichen Koitus auf ihr reales Substrat, die
pränatale Situation zurückzuführen. Bereits in der zweiten Auflage der
„Traumdeutung" (1909) berichtet Freud von typischen Träumen,
denen „Phantasien über das Intrauterinleben, das Verweilen im Mutter-
i84
Das Trauma der Gehurt
leibe und den Geburtsakt zugrunde liegen" {S. 198), und führt als eines
der Beispiele den Traum eines jungen Mannes an, „der in der Phan-
rasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines Koitus
zwischen den Eltern benützt." Dieser sowie der nächste dort mitge-
teilte Geburtstraum einer Patientin, die sich vom Analytiker trennen
soll, sind, wie Freud zuerst erkannte, analytische Kurträume, von
deren Regelmäßigkeit unsere Untersuchung ihren Ausgang genommen
hat. In bezug auf die Heilungssituation entsprechen sie wohl „Phan-
tasien", die aber nur dem Reflex der tatsächlichen Reproduktion des
Geburtsakts mit echtem, „erinnertem" Material entsprechen. Dieses
Problem hat dann Freud viele Jahre spater, nachdem die sogenannte
„Mutterleibsphantasie" längst zum Spott aller Kritiker Heimalsrecht
in der Psychoanalyse erhalten hatte, in seiner klassischen Darstellung
der „Geschichte einer infantilen Neurose"' wieder aufgegriffen und
die allerdings unfaßbar gebliebene Realität der „Urszene" nicht nur
gegen die Umdeutungsversuche ehemaliger Anhänger, sondern eben-
sosehr gegen seine eigenen wissenschaftlichen Zweifel hartnäckig ver-
fochten. Von den analytischen Wiedergeburtsphantasien des Patienten
ausgehend, dessen Klagen, „daß ihm die Welt durch einen Schleier
verhüllt sei," sich auf seine Geburt in einer „Glückshaube" zurück-
führen ließen, gelangt Freud zur Auffassung, daß sich der Patient in
den Mutterleib zurückwünsche {1. c. S, 695), um dort in Identifizierung
mit der Mutter vom Vater befruchtet zu werden und ihm ein Kind
zu gebären. Der erste Teil des Wunsches ist, wie wir an einwandfreiem
Material zeigen können, ganz real biologisch zu nehmen, der zweite
Teil zeigt das ganze Maß von psychischer Verkleidung und Umarbei-
tung, welche diese ursprüngliche Wunschtendenz durch die spezifischen
Erlebnisse des Knaben in seiner Kindheit erfahren hat. Freud selbst
bezeichnet in einer Fußnote (1. c. S. 695) diese Frage der Rückerinne-
1) Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen lehre. IV. Folge. 1918. Die Ar-
beit selbst ist im Winter 1914/ig niedergeschtiefaen.
Die psychoanalytische Erkenntnis iSs
rungsfähigkeit als ,,die heikelste der ganzen analytischen Lehre'' und
kommt zu dem Schluß, man könne „die Auffassung schwer von sich
weisen, daß eine Art von schwer bestimmbarem Wissen, etwas wie
eine Vorbereitung zum Verständnis, beim Kinde dabei [bei der Reakti-
vierung der Urszene] mitwirkt. Worin dies bestehen mag, entzieht
sich jeder Vorstellung; wir haben nur die eine ausgezeichnete Analogie
mit dem weitgehenden instinktiven Wissen der Tiere zur Ver-
fügung" (1. c. 716). Die Tatsache, daß in den gänzlich unbeeinflußten
Träumen zu Beginn der Analyse, die dem allgemeinen Traumtypus
der betreffenden Person überhaupt entsprechen, neben der aus Ge-
hörtem und Gelerntem rückphantasierten Belauschungssituation rein
biologische Elemente (wie Gliedersteilung, besondere Geburtsschmer-
zen usw.), die auch der Mutter nicht bekannt gewesen sein können,
im Zusammenhang mit den körperlichen Symptomen der Neurose
nachzuweisen sind, setzt uns In den Stand, das reale Substrat auch
der ,,Belauschungsphantasie" zu erfassen.' Wir brauchen dazu nur den
geschilderten Weg der „symbolischen" Anpassung an die Realität vom
elterlichen Schlafzimmer, in das die Szene meist verlegt wird, zu seinem
realen Urbild, dem Mutterleib, zurückzu verfolgen. Auf diesem Wege
,vird dann das eigentliche Wesen der „Urphantasie", nämlich die
Gleichgültigkeit, ob die Szene erlebt wurde oder nicht, ohne weiteres
verständlich, denn auch der beobachtete Koitus könnte nicht die trau-
matische Wirkung haben, wenn er nicht an das ürtrauma, der ersten
Störung der seligen Ruhe durch den Vater, erinnern würde. So erweist
sich der spätere kindliche Ödipuskomplex als direkter Abkömmling,
d.h. als die psychosexuelleVerai-beitung der intrauterinen ÖdipussiUia-
tion, die sich so doch als „ Kernkomplex der Neurosen " erweist, da diese
i) Das phantastische Element daran, die Rückprojizienmg der heterosexu-
ellen Stufe, hat in zahlreichen mythischen Überlieferungen, wo der Held schon
im Mutterleib koitiert (Osiris), sowie in obszönen Scherzen Niederschlag ge-
funden.
j86 Das Trauma der Geburt
väterliche Störung, wenn auch nicht das erste „Trauma", so doch dessen
unmittelbarer Vorläufer genannt zu werden verdient.'
Unter diesen Gesichtspunkten läßt sich das reale Substrat der „Ur-
phanlasien" greifbar machen, die Urrealität aufzeigen, die ihnen zu-
grunde liegt und so die „psychische Realität", die wir nach Freud
dem Unbewußten zuerkennen müssen, als eine biologische Realität
fassen und verstehen. Wir können auf die Annahme einer Vererbung
psychischer Inhalte einstweilen verzichten, denn das primäre See-
lische, das eigentlich Unbewußte, erweist sich als das im wachsenden
Ich unverändert fortlebende Embryonale,^ welches die Psycho-
analyse als letzte metapsychologische Einheit im Begi-iff des geschlecht-
lich neutralen „Es" zusammengefaßt hat. Alles, was darüber hinausgeht,
insbesondere auch alles Geschlechtliche im engeren Sinne, gehört dem
Vorbewußten an, wie ja auch die in Witz, Folklore und Mythus ver-
wendete Sexualsymbolik zeigt ; wirklich unbewußt daran ist nur das
libidinöse Verhältnis des Embryo zum Mutterleib.
Aus dieser Bestimmung des Unbewußten erklären sich zwanglos
alle Charaktere, die nach Freuds letzter Darstellung^ dem eigentlich
unbewußten Kern unseres Ichs eignen : vor allem die in ihrer Intensität
i) Es kann daKer auch nicht ganz gleichgültig sein, bis in welche Zeit der
Gravidität derGeschlechtsverkehr fortgesetzt wird. Vgl. hierzu die Ausfüliningen
von Dr. H. Hug-Hellmuth: Aus dem Seelenleben des Kindes. Eine psa. Studie.
2. erw. Aufl. 1921, g, 2. ~ Daselbst auch der Hinweis, daß die Freude am
Rhythmus beim kleinen Kinde in ursächlichem Zusammenhang mit den Be-
wegiingsempfindungen des Foetus im Mntterleibe steht.
2) Ein Beweis dafür ist die analytisch bekannte, aber als unverstandener
Widerspruch hingenommene Tatsache, daß als Darstellung für „dasjl^be wußte"
im Traume die gleichen Symbole verwendet werden wie für den Mutterleib
(Zimmer, Gebäude, Schränke, Schächte, Höhlen, die Silberer nur rein „funk-
tional" als psychische Selbstdarstellung zu fassen vermochte. Sieh© seine letzte '
diesbezügliche Arbeit in den Sitzungsberichten der Wiener Gruppe (Internat. ^A
Zschr. f. Psa. VHI, 1922, S. 556). ]
5) Freud: Das Ich und das Es. 1925. y-
Die psychoanalytische Erkenntnis isy
stets unveränderliche und durch nichts zu befriedigende Wunsch-
tendenz, die Freud biologisch als das Streben der Libido nach Wieder-
herstellung eines verlorenen Urzustandes erfaßt hat ; dann der „narziß-
tische" Urcharakter dieser Sitation, das vollkommene Fehlen der
Geschlechtsdifferenzierung, wodurch ursprünglich jedesObjekt, das dem
Ich gegenübersteht, Muttercharakter erhält; ferner die Zeitlosigkeit und
der Mangel jederNegation, die, .erst durch den Vorgangder Verdrängung
eingeführt" wird,' also aus der psychischen Erfahrung des Geburts-
traumas stammt; endlich die fundamentalen seelischen Mechanismen
des Unbewußten : wie das für die Kulturentwicklung ausschlaggebende
Streben zur Projektion, die den verlorenen Zustand draußen ersetzen
soll, und die so rätselhafte J^eigung zur Identifizierung, dig. wieder
auf die Herstellung der alten Identität mit der Mutter abzielt.
'"" "2,u den wesentlichen und für das Verständnis der gesamten Lebens-
vorgänge hochbedeutsamen Charakteren des Unbewußten gehört auch
das vollkommene Fehlen der „Negation an sich", derTodesvorsteliung,
wie Freud frühzeitig aus dem infantilen Leben erschlossen hat. Das
Kind und sein seelischer Repräsentant, das Unbewußte, weiß nur von
(5er ihm aus der Erfahrung bekannten Situation vor der Geburt, deren
lustvolle Erinnerung in dem unverwüstlichen Unsterblichkeitsglauben,
den Ideen eines ewigen Lebens nach dem Tode fortwirkt. Aber auch
was uns biologisch als Todestrieb erscheint, kann nichts anderes an-
streben, als den bereits erlebten Zustand vor der Geburt wieder her-
zustellen, und der „Wiederholungszwang" ' rührt von der Unerfüllbar-
keit dieses Strebens her, das immer wieder in neuen Formen alle
Möglichkeiten erschöpft. Diesen Vorgang heißen wir biologisch ge-
i) Siehe: Ans der Geschichte einer infantilen Neurose, 1. c. 669, Fußnote 2.
a) Siehe Freud: Jenseits des Lustprinzips. 1921. — Mit der hier vertretenen
Auffassung decken sich fast vollinhaltlich die zusammenfassenden Ausführungen
von R6heiin am Schluß seiner Artikelserie: Das Selbst (Imago VIT, 1921,
S.gosf.).
/
1 88 Das Trauma der Geburt
sprechen „Leben". Ist es im Verlaufe desselben dem durch das Geburts-
trauma losgelösten „normalen" Individuum auch gelungen, unter den
geschilderten Schwierigkeiten der Kindheitsentwickking und mit Ver-
meidung neurotischer Rückfälle, sich die Außenwelt als die „beste
aller Welten", nämlich als Mutterersatz anzupassen, so zeigt sich, dalJ
doch das Unbewußte inzwischen mit zäher Beharrlichkeit [den ihm
vorgeschriebenen Rückweg eingeschlagen hat, der es gegen den Willen
des Ich doch zu seinem ursprünglichen Ziele zurückführt. Dieser Vor-
gang, den wir „Altern" nennen, muß sich aber zur Erreichung dieses
unbewußten Zieles auf die systematische Zerstörung des ganzen Kor-
pers verlegen, den es durch Krankheiten aller Art schließlich zum
Tode fülirt.' Im Moment des Sterbens trennt sich der Köx-per neuer-
dings von dem Mutterersatz, der „Frau Welt", deren Vorderseite schön
und wohlgebildet, deren Rückseite jedoch häßlich und grauenerregend
gedacht wird," welche Trennung für das Unbewußte anscheinend doch
leicht ist,^ da es sich ja nur um das Aufgeben eines Ersatzes zur Er-
langung der eigentlichen Seligkeit handelt. Hier wurzelt nicht nur die
populäre Vorstellung vom Tod als Erlöser, sondern auch das Wesent-
liche aller religiösen Exdösungsideen. Anderseits ist die schreckhafte
i) Siehe die drei buddhistischen Übel: Alter, Krankheit und Tod.
Sokrates sagte, als er den Giftbecher nahm: „Leben — das heißt lange
Itrank sein: ich bin dem Heilande Asklepios einen Hahn schuldig," — (Natür-
lich ist der Heiland Asklepios mythisch eine Wiedergeburtsgottheit, die von Zeus
mit dem Blitztod bestraft wurde, weil sie einen Toten erweckt hatte.)
a) Siehe „Frau Welt" von H. Niggemann („Mitra",!, igi+^Nr. io,S. 279.}
5) Schon der große Arzt und Menschenbeobachter Hufeland spricht von
der scheinbaren Schmerzhaftigkeit des Sterbens. — In einem Aufsatz, den
ich zufällig während der Niederschrift dieser Arbeit zu Gesicht bekam, zeigt
Heinz Welten {„Über Land und Meer", April 1925), „wie leicht sich's stirbt"
an den überlieferten letzten Worten unserer großen Geister. — Der berühmt ge-
wordene Ausspruch Goethes: Mehr Licht, weist deutlich auf die unbewußte.
G^urtsphantasie^den Wunsch,JasJiight_derJVelt^u erblicken, hm. Goethes
a^ornTschweresUeburtstrauma, von dem er selbst berichtet, erklärt das Rätsel-
hafte in seinem Leben und Schaffen.
Die psychoanalytische Erkenntnis lo^
Vorstellung des Todes als Sensenmann, der Einen mit gewaltigem
Schnitt wieder vom Leben trennt, auf die Urangst zurückzuführen, die
der Mensch beim letzten Trauma, dem letzten Atemzuge des Todes,
zum letztenmal reproduziert und so aus der höchsten Angst, der Todes-
angst, noch den Lustgewinn der Negierung des Todes durch Wieder-
erleben der Geburtsangst zieht. Wie ernst es dem Unbewußten mit
der Auffassung des Sterbens als einer Rückkehr in den Mutterleib ist,
geht aus den- Totenriten aller Völker und Zeiten hervor, welche die
Störung des ewigen Schlafes (durch den Vater) als die giÖßte Unbill
und den ruchlosesten Frevel ahndet.
So wie die Seele nach dem tiefsinnigen Dogma der Kirchenväter erst
im vorgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft, wenn das Kind die
ersten Eindrücke wahi-zunehmen imstande ist, in den Embi^o fährt,
so verläßt sie im Tode den Körper, um des unsterblichen Lebens teil-
haftig zu werden. In diese Trennung der Seele vom Körper versucht
das unstillbare Wünschen die Unsterblichkeit zu retten. Wir stoßen
hier wieder auf den ursprünglichen, scheinbar phantastischen, in Wirk-
lichkeit aber ganz realen Inhalt der Seelen Vorstellung, die sich nach
den schönen Ausführungen von Erwin Rohde („Psyche, Seelenkult
^md Unsterblichkeitsglaube der Griechen") aus der Todesvorstellung
entwickelt hat. Die Seele wird ursprünglich ganz real und körperlich
als ein Doppclgänger des Verstorbenen vorgestellt (der ägyptische Ka und
seine Parallel gestalten},' der ihn im Sinne eines ganz realen Fortlebens
nach dem Tode ersetzen soll. Wie sich daraus der primitive Seelen-
glaube, die religiöse Seelenvorstellung und der philosophische Seelen-
begriff entwickelt haben, versuchte ich gelegentlich in anderem Zu-
sammenhange zu skizzieren. =' Die psychoanalytische Forschung, die all
i) F. S. Krauss: Sreca. Glück und Scliicksal im Volksglauben der Sudslavcn.
Wien 1886. — Ders. : Der Doppelgängerglaube im alten Ägypten und bei den Süd-
slaven. Imago VI, 1920, S. 38^ f. — Rank: Der Doppelgänger. Imago III, 1914.
a) Die Don Juan-Gestalt. Imago VII, 1922, S. 166 ff.
1^0 Das Trauma der Gehurt
diese Gebilde als unbewußte Wunschphantasien entlarvt hat, greift
nun wieder auf den realen Seeleninhalt zurück, wie er sich in dem
immer wieder aufs neue gegebenen Embryonalzustand realisiert.
Angesichts all dieser großartigen, immer wieder erneuten Versuche,
sich auf den verschiedensten Wegen der Ersatzbefriedigung den ver-
lorenen Urzustand wieder herzustellen und das Urtrauma zu verleugnen,
glaubt man einen Augenblick lang den schwankenden Gang der Welt-
geschichte mit ihren scheinbar willkürlich wechselnden Phasen in
seiner biologisch bedingten Gesetzmäßigkeit zu verstehen. Es scheint
darin der gleiche Urmechanismus zu walten, der sich von der ürver-
drängung in so großartiger Weise auswirkt. Zeiten gi-oßer äußerer Not,
die das Unbewußte zu stark an die erste Lebensnot des Individuums,
das Geburtstrauma, erinnern, führen automatisch zu verstärkten Re-
gressionsversuchen, die wieder aufgegeben werden müssen, nicht nur
weil sie niemals zum eigentlichen Ziele führen können, sondern gerade
dann, wenn sie ihm wieder zu nahe gekommen sind und auf die Ur-
angst stoßen, die vor dem Paradiese Wache hält wie die Cherubim mit
dem gezückten Schwert vor dem Eingang zum Paradies. So wirkt gegen
die Urtendenz zur Wiederherstellung der alten höchsten Lusterfahrung
nicht nur die Urverdrängung als Schutz gegen die damit verbundene
Wiederholung der größten Unlusterfalirung, der Urangst, sondern gleich-
zeitig auch das Sträuben gegen die Lustquelle selbst, an die man nicht
erinnert werden will, weil sie unerreichbar bleiben muß. In dieser
doppelt gefügten Verdrängungsschranke, die der Abhaltung
von der Urlusterinnerung durch die Geburtsangst und dem Vergessen
des schmerzlichen Geburtstraumas durch Erinnerung an das vorherge-
gangene Lusterlebnis entspricht, also in dieser Urambivalenz des
Psychischen, liegt das Rätsel der Menschheitsentwicklung beschlossen,
das nur auf einem Wege, der Entdeckung des Verdrängungsvorganges
selbst durch die Psychoanalyse, gelöst werden konnte.
Die therapeutische Wirkung
Wenn wir uns an die am Schluß des vorigen Abschnitts noch einmal
ins Auge gefaßte Macht der Urverdrängung erinnern und an die Jahr-
tausende hindurch von der Menschheit ebenso unermüdlich wie ver-
geblich wiederholten Versuche sie zu überwinden, so mag sich im
ersten Augenblick zu den pessimistischen Konsequenzen, zu denen
diese Auffassung allenthalben zu führen scheint, der Gedanke an die
Hoffnungslosigkeit jeder Psychotherapie gesellen. Denn welche Macht
der Erde sollte imstande sein, das Unbewußte zum Verzicht auf seine
ureigenste Natur, zum Einschlagen einer andern als der ihm im wahren
Sinne des Wortes angeborenen Richtung zu bewegen? Nun tatsächlich
scheint aus dem Gesagten kein anderer Schluß möglich, als der, daß es
eben keine solche Macht geben könne. Anderseits zeigt die analytische
Erfahmng. daß doch etwas existieren müsse, was es möglich macht,
schwer neurotische Menschen, bei denen das Unbewußte besonders
mächtig herrscht, wirklich in so weitgehendem Maße von dessen Über-
macht zu befreien, daß sie imstande sind — so wie die Nichtneurotischen
7.U leben. Das ist allerdings auch alles, sehr viel und zugleich sehr
wenig, je na<:hdem yon welchem Standpunkt man dieses Resultat be-
trachtet. Nun ist anscheinend nur der Analytiker selbst geneigt, es vom
ersten Standpunkt zu betrachten, während der Patient es häufig genug
nur vom zweiten beurteilen kann. Dieser Widerspruch scheint zwar
zunächst keiner weiteren Begründung zu bedürfen, verdient aber doch,
auf seine psychologische Motivierung untersucht zu werden.
1 p2 Das Trauma der Geburt
Es ist nicht die Rede von Fällen, wo der Analytiker mit subjektiver
Berechtigung glauben darf, nicht nur sein Bestes, sondern Alles getan
zu haben und wo ein wirklicher Erfolg tatsächlich ausbleibt; sondern
ich habe Fälle im Auge, wo der Patient, tatsächlich von seinem Leiden
befreit, wieder arbeits- und genußfähig gemacht ist und sich doch wie ein
Unzufriedener benimmt. Doch lassen wir uns dadurch natürlich keinen
Augenblick von unserer Aufgabe abbringen oder wankelmütig machen.
Wer sagt uns denn, daß alle die anderen Menschen, welche die Analyse
nicht dui-chgemacht haben, bei denen es vielleicht auch gar nicht nötig
wäre, zufriedener, glücklicher sind? Wir erinnern uns dabei eines Aus-
spruches von Freud, der lautet, daß der geheilte Neurotiker oft genug
nachher nur gemeines Unglück zeige, wo er früher „neurotisches"
hatte! Der Arzt kann auch beim körperlich schwer Erkrankten dessen
Ansprüche auf volle Gesundheit kaum je erfüllen, geschweige denn
beim Neurotiker, der gerade am Übermaß seiner Ansprüche erkrankt
ist und zwar jener Ansprüche der Libido, die nach den Erkenntnissen
der Psychoanalyse ihrer Natur nach überhaupt niemals zu befriedigen
sind. Führt also die letzte Erkenntnis der Verursachung der Neurose
nicht eher zum Aufgeben jedes Heilungsversuches, statt uns mit der Er-
kenntnis der Verursachung auch die Mittel zu ihrer Beseitigung an die
Hand zu geben! Und bedeutet dies nicht geradezu den vollständigen
Nihilismus in der Psychotherapie? Ja, noch mehr, eine Absage an die
ganze Forschung und Wissenschaft, die ja tatsächlich auf dem ins Tech-
nische gewendeten sokratischen Satz zu ruhen scheint : Wissen istMacht t
Nun hat ja gerade die Psychoanalyse zu allererst an diesem Vorurteil
gerüttelt, das von ihrem antiken Vorläufer als die Summe seiner Weis-
heit überliefert ist. Die Psychoanalyse hat uns schrittweise gezwungen,
unseren intellektuellen Hochmut abzulegen und die Macht unseres
Bewußtseins gegenüber der biologischen Elementarkraft des Unbewußten
immer mehr und mehr geringschätzen zu lernen. Ich glaube, wir haben
nun denselben Weg auf dem Gebiet der psychoanalytischen Therapie
Die therapeutische Wirkung Ipß
selbst weiter zu gehen, nachdem wir uns genügend Wissen erworben
haben, um — Sokrates variierend — zu erkennen, daß alles, was wir
wissen, ist, daß unser Wissen therapeutisch nicht viel taugt, wenn wir
es nicht in wirksamer Weise anwenden können. Freu d selbst hat schon
frühzeitig davor gewarnt, das eigene Wissen und Verstehen mit dem
des Kranken zu verwechseln,^ indem er scharf zwischen der Psycho-
analyse als Forschungsmethode und als Therapie unterschied. Solange
wir noch zu wenig vom Unbewußten erfahren hatten, war es aller-
dings häufig unvermeidlich, die Forschung in den Vordergrund zu
rücken, wenn das bisherige Wissen zui- Erzielung des therapeutischen
Effektes nicht ausreichte. Aber die reichen Erfahrungen der letzten
Jahre haben uns übei-zeugt, daß die therapeutischen Möglichkeiten der
A^'ermehrung unseres Wissens nicht im erwarteten Maße entsprechen,
ja daß sogar das naive therapeutische Zugreifen durch ein Zuviel an
Wissen und Einsicht gehemmt werden kann.'' Anderseits hatte die Er-
fahrung schon lange gezeigt, daß die Mitteilung unseres Wissens an
den Patienten und sogar seine intellektuelle Akzeptierung desselben
an seinen Symptomen nichts ändert. Die Analyse mußte den thera-
peutischen Wert auf die affektive Akzeptierung legen, die letzten Endes
dem Abreagieren der Affekte gleichkam und nur nach Beseitigung
der unbewußten Widerstände möglich war. An Stelle des aus der hyp-
uotischen Vorzeit stammenden bewußten Erinnernlassens trat bald die
Wiederholung in der positiven und negativen Übertragung, der sich
die wirkliche affektive Reproduktion anschloß. ^ Es zeigte sich weiter,
i) Weitere RatscUäge zur Technik der Psychoanalyse: Zur Einleitung der
Behandhmg. 1915 (Kl. Sehr. IV, Seite 456).
2) Solche Erfahrungen dürften denn auch Professor Fr eudveranlaßthaben,auf
dem letzten Kongreß (September 1922) „Das Verhältnis der psychoanalytischen
Theorie zur Technik" zum Gegenstand einer Preisausschreibung zu machen.
5) Weitere Ratschläge usw. : Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten. 1914
(Kl. Sehr. IV). Vgl. dazu Ferenczi und Rank; Entwicklungsziele der Psycho-
analyse. Zur Wechselbeziehung von Theorie imd Praxis. 1924.
1,3 R.-inl:
194
Das Trauma der Qehurt
daß man diese durchaus nichl: zu vermeiden, sondern oft genug gerade
zu provozieren habe, wenn der Patient das Erinnern als Schutz vor
dem Wiederholen , also in seiner biologischen Funktion benützte.
Zuerst hat bekanntlich Ferenczi auf diese Notwendigkeit einer „ak-
tiven" Therapie nachdrücklich hingewiesen ' und diesen Hinweis dann
in einer eingehenderen Darstellung gegen eine mißverständliche Auf-
fassung zu rechtfertigen und zu begründen gesucht.^ Mit Recht betont
er, daß die als Neuerung verschriene Aktivität ja seit jeher in der
Psychoanalyse stillschweigend geübt worden war, und ich vi'üßte dem
kein weiteres Argument hinzuzufügen als höchstens das, daß jede Thera-
pie ihrer Natur nach „aktiv" sei, d. h. irgend eine willkürliche Beein-
flussung und eine daraus folgende Veränderung, einen Effekt bezwecke.
Die an der Psychoanalyse mit Recht gerühmte „Passivität" ist eine
Tugend des Forschers, die ihn in den Stand setzt, überhaupt etwas
Neues zu finden, was er noch nicht weiß oder durch sein Wissen provo-
ziert hat. Doch ebensowenig wie der Internist am Krankenbett in der
Geschichte der Medizin, ja selbst nicht in einem Lehrbuch nach-
schlagen wird, wie man zur richtigen Diagnose gelange, kann der
praktische Analytiker darauf eingestellt sein, mit seinem Patienten,
Schritt für Schritt der psychoanalytischen Forschung folgend, dessen
Seelenleben sozusagen historisch aufzurollen. Er hat eben auch die
Summe alles bisher erarbeiteten Wissens in richtiger Weise in sich
aufzunehmen und sie dann den Forderungen des Falles entsprechend
praktisch anzuwenden. Daß er dabei „aktiv" vorgehen muß, ist nur
selbstverständlich, wenn er irgend einen nennenswerten therapeutischen
Effekt erzielen will. Ist doch sein Eingieifen nicht weniger aktiv als
das des Chirurgen und hat zum Ziel: die kunstgerechte Lösung der
Urlibido aus ihrer Fixierung durch Aufhebung oder Milderung der Ur-
verdrängung und damit die Lösung des Patienten aus seiner neuro-
i) Technische Sclnvierigkeiten einer Hysterieanalyse. Int, Kschr, f. FsA. V, igig.
2) Weiterer Ausbau der ,aktiven Technik' in der Psa. ebenda VII, 1921.
Die therapeutische Wirkwig I?S
tischen Fixierung; in letzter Linie zurückgehend bis auf die Wieder-
holung des Geburtstrauraas mit Unterstützung einer erfahrenen Heb-
amme. Ich sage absichtlich nicht „Arztes", weil es mir zunächst um
die Betonung des rein menschlichen und praktischen Momentes zu
tun ist.
Verweilen wir einen Moment lang mit unserer Überlegung bei diesem
neu fixierten therapeutischen Ziel, so bemerken wir mit Befriedigung
den ersten Hoffnungsschimmer im Dunkel des therapeutischen Pessi-
mismus, bei dem wir zu landen schienen. Wir erkennen dann, daß
wir eigentlich nichts anderes getan haben, als das, was der Patient
ohnehin sein ganzes Leben lang, nur mit unzureichendem Erfolg, ver-
sucht hat, nämlich das Geburtstrauma im Sinne der Kulturanpassung
zu überwinden. Nach unserer Auffassung würde ja das neugeborene
Individuum sofort in den verlassenen Zustand, d. h. praktisch gesprochen
dem Tode verfallen, wenn nicht dieNamr den ersten „therapeutischen"
Eingriff an ihm vornähme und ihm das Zurückstreben durch Ver-
ankerung der Angst verbieten würde. Von diesem Moment erhalt
eigentlich jede weitere Tätigkeit des Individuums im Leben „thera-
peutischen Charakter, indem sie entgegen den Rückstrebungsten-
denzen den „aufgegebenen" Patienten eine ganze Weile am Leben
erhält, ohne daß ihr dies allerdings auf die Dauer gelingen kann. Wir
möchten in diesem Zusammenhang auch nicht versäumen, auf den
hohen „kathartischen Wert hinzuweisen, den gerade die angeblich am
wenigsten nützlichen, d. h. dem Ausdruck unbewußter Tendenzen die-
nenden Betätigungen haben: vom kindlichen Spiel' bis zum Spiel der
Erwachsenen, das im Trauerspiel seine höchste kathartische Ausgestal-
tung erfährt. Ja, wie Freud an dem Zerrbild der Psychosen zeigen
konnte, haben wir selbst deren Verlauf vielmehr als einen Heilungs-
versuch aufzufassen, der genau so wie der analytische eine rückläufige
i) Siehe Karl Grooß: Das Spiel als Katharsis. Zsclir. f. pädag. Psycholo-
gie, XII, 1912.
>3*
1^6
Das Trauma der Geburt
Bewegung einschlägt. Dieser mußte auch die Analyse folgen, wollte sie
überhaupt eine Möglichkeit der Beeinflussung gewinnen. Nur ist sie
imstande, dem Patienten immer gerade nur so viel Lust zu gewähren,
daß die endgültige Entziehung des Libidomißbrauchs nicht gefähr-
det ist. Dabei ersetzt sie ihm in der eingangs geschilderten Weise
das verlorene Urobjekt der Mutter durch ein Surrogat, auf das er um so
eher verzichten lernen kann, als es ihm fortwährend nur als solches
bewußt gemacht wird. Der hohe Wert, den dieses Surrogat tiotzdem
für ihn hat und der sich in dem Phänomen der Übertragung äußert,
liegt in seiner Realität, d. h. darin, daß der Analytiker dem Patienten
nicht nur eine Zeitlang gestattet, seine Libido an ihn zu fixieren, son-
dern dies durch die Bedingungen und Veranstaltungen der Kur geradezu
herausfordert. So wird die neurotische Introversion durch die analy-
tische Situation paralysiert und das Medikament, auf das die Psycho-
analyse damit zurückgi-eifl, ist der Mensch, der ähnlich den magischen
Praktiken des Medizinmannes dadurch wirkt, daß er direkt an das
Unbewußte des Patienten appelliert.' Wenn man dies Suggestion nennen
will, so ist dagegen nichts einzuwenden, außer daß man damit einen
nuiimehr psychologisch verständlichen Vorgang durch ein inhaltloses
Kunstwort ersetzt hat.*
Nicht nur die analytische Therapie, jede Therapie, auch alle medi-
kamentöse, wirkt letzten Endes im selben Sinne „suggestiv", d. h. inso-
fern sie das Unbewußte des Patienten anspricht. Dies äußert sich schon
in der Wahl oder der persönlichen Beziehung zum Arzte, die regel-
mäßig auf der Übertragung ruht'' und so sekundär dessen therapeu-
tischen Maßnahmen den nötigen Nachdruck des Unbewußten verleiht.
Aus zahlreichen Erfahrungen in den Analysen sind wir aber in der
i) Siehe dazu das reichhaUige, wie mir scheint jedoch in zu komplizierter
Weise ausgedeutete folkloristische Material bei Hdlieim: Nacli dem Tode des
Urvaters. Imago IX/i, 1925.
2) Siehe Freud : Zur Dynamik der Übertragung. 1, c. S. 595.
g) Siclie Fcrenczi: liitroj ektion und Übertragung. Jahrb. I, 1319.
Die therapeutische Wirkung i^']
l-.age, diese unbewußte Übertragungs Wirkung in ihrem Mechanismus
aufzuklären. Wir wissen, daß im Leben des Kindes der „Doktor" eine
ganz bestimmte, eng umgrenzte Rolle spielt, die im bekannten Doktor-
spiel eindeutig zutage tritt: er repräsentiert insofei-n das unbewußte
Ideal des Kindes, als er sicher zu wissen scheint, woher die Kinder
kommen und was überhaupt im Innern des Körpers vorgeht. Ob er nun
horcht und klopft, die Exfcretionen prüft oder mit dem Messer ope-
riert, immer rührt er dabei an das dunkle Urlrauma; die psychoanaly-
tische Situation, in der diese „Übertragung" bewußt gemacht werden
muß, zeigt uns mit voller Deutlichkeit, in welchem Ausmaße das Un-
bewußte der erwachsensten Menschen das ganze Leben lang am „Doktor-
spiel" fixiert geblieben ist, welches in direkter Verknüpfung mit dem
Urtrauma steht. Ja, jeder Kranke benimmt sich manifesterweise wie das
ängstliche Kind im dunkeln Zimmer, d. h. er beruhigt sich bekanntlich
sogleich wesentlich, wenn der Arzt nur erscheint und ihm tröstend zu-
spricht. Wenngleich nun die Mehrzahl der Ai-zte dies nicht anerkennen
wollen — und vielleicht können es viele gar nicht, die selbst noch im
Unbewußten zu viel „Doktor spielen" — weil sie davon eine Einbuße
ihrer wissenschaftlichen Reputation fürchten, so mögen sie von den
wenigen analytisch beeinflußten Internisten und Spezi aläi-zten lernen,
denen die ernsthafte Anerkennung und praktische Verwendung dieser
Tatsache manchen unerwarteten Erfolg gebracht hat. Die Analyse,
welche aber nicht bloß zur Anerkennung dieser Tatsache, sondern auch
zur Aufklärung des Patienten darüber geführt hat, scheint zu beweisen,
daß dies, weit davon entfernt zu schaden, sogar die einzige Möglich-
keit ist, um dem therapeutischen Erfolg eine Dauerwirkung zu geben.
Denn diese Loslösung vom Analytiker, die das wesentliche
Stück der analytischen Arbeit ist, wird im Zeichen der Reproduktion
des Geburistraumas vollzogen, so daß der Kranke zugleich mit seinem
Arzt auch sein Leiden verliert, ja, besser gesagt, seinen Arzt aufgeben
muß, um sein Leiden zu verlieren.
1^8
Das Trauma der Geburt
Dieser Parallel vorgang gibt zu denken und führt zur eigentlichen
Frage des Heilungs Vorganges, seines Mechanismus und der Technik,
deren man sich dabei zu bedienen hat. Nun lassen sich diese Probleme
nur am Material selbst und seiner detaillierten Analyse studieren, auf
deren baldige Veröffentlichung ich hier vertrösten muß,' Nur mit
ein paar Bemerkungen möchte ich dabei die Rolle des Unbewußten
einerseits, des vielfach mißverstandenen bewußten Wissens anderseits
umschreiben.
Wir müssen uns hier besonders davor hüten, in den von Nietzsche
mit Recht kritisierten „Sokratismus" zu verfallen, einer Gefahr, der
aber auch Sokrates selbst schließlich auf gewaltsame Weise entging.
Wir alle sind immer noch viel zu sehr „theoretische Menschen" und
geneigt zu glauben, daß das Wissen tatsächlich schon „tugendhaft"
mache. Das ist, wie gerade die Psychoanalyse bewiesen hat, durchaus
nicht der Fall. Die Erkenntnis ist etwas vom Heilfaktor durchaus Ver-
schiedenes. Das tiefste Unbewußte ist seinem Wesen nach ebensowenig
zu ändern, wie andere lebenswichtige Organe des Menschen; das ein-
zige, was wir in der Psychoanalyse erreichen können, ist eine ver-
änderte Einstellung des Ich zum Unbewußten. Dies bedeutet
aber sehr viel, ja, wie die Entwicklungsgeschichte der Menschheit zeigt,
geradezu alles. Denn die psychische Gesundheit und Leistungsfähig-
keit des Menschen hängt vom Verhältnis seines Ich zum Unbewußten,
zum Es, ab.' Beim normalen leistungsfähigen Menschen sind die ver-
schiedenen hemmenden Ichinstanzen, die dem sokratischen ,, Dämo-
nion" entsprechen, imstande, das Unbewußte durch kritische Verur-
teilung und gefühlsmäßige Ablehnung (Gewissen und Schuldgefühl)
in Schach zu halten. In den Neurosen vom hysterischen Typus muß
ein stärkeres Mittel, nämlich die Angst des Urtraumas immer wieder
i) Siehe vorläiifigr Zum VcratäiidiiiB der Libidoentwicklung im Heihingsvor-
{fang. Ztschr. IX, 4, 1923.
2) Siehe dazu Freuds letzte Arbeit: Das Ich und das Es. 1923.
Die therapeutische Wirkung
199
mobilisiert werden, um das Unbewußte zu verhindern, das aus ihm
hervorgegangene Ich in die Riickbewegung mitzureißen; in den Neu-
rosen vom Zwangstypus wird derselbe Effekt durch Hypertrophierung
der Ichinstanzen erreicht; während wir in den Psychosen das abschrek-
kende Resultat selbst vor uns haben, das eintritt, wenn sich das Es zu
mächtig und das Ich zu schwach erweist.^ Der therapeutische Wir-
kungsbereich der Analyse umfaßt also alle jene Fälle, in denen es sich
darum handelt, das Verhältnis des Ich zum Es so zu regulieren, daß
durch entsprechende Dosierung, d. h. Libidoverteilung, das harmonische
Verhältnis resultiert, das wirals normale Leistungsfähigkeit bezeichnen.
Dieses Gebiet umfaßt nicht nur alle neurotischen Störungen und die
Anfangszustände der Psychosen,' sondern auch alles, was man als psy-
chischen „Sekundäraffekt" bezeichnen könnte: d. h. Sexualkonflikte
und Charakterabnormitäten bis zu einem gewissen Grade. Also nicht
nur die groben Störungen des Verhältnisses zwischen Ich und Es, son-
dern auch eine Reihe von feineren Funktionsstörungen innerhalb dieses
Verhältnisses.
Es ließe sich unter Berücksichtigung der Bedeutung des Geburts-
traumas eine neue Charakter- und Typenlehre aufstellen, die vor
j) Dies ist natürlich am ehesten an dem Knotenpunkt der Entwicklung mög-
lich, den ivir als „Pubertät" bezeichnen und diese Erfahrung hat oiTenbar die
Psychiatrie verleitet, den ursprünglich in diesem Sinne berechtigten Krankheits-
begriff der Dementia praecox so übermäßig auszudelinen, daß er seinen guten
Sinn verlor.
3) Ich habe den Eindruck, daß sich von hier aus vielleicht auch therapeu-
tische Möglichkeiten für die Psychosen ergeben könnten, wie überhaupt die
dargelegten Gesichtspunkte erste Ansätze zu einer wesentlich vereinfachten
therapeutischen Einwirkung, die mehr aufs Unmittelbare geht, zu bieten schei-
nen. Die Neurosen einfacher Menschen und der primitive Inhalt der Psychosen
legen es ja nahe, die Beeinflussung auch auf einem ehifachen Wege zu suchen.
Ich verweise hier übrigens auf die bekannte klinische Tatsache, daß geistes-
kranke Frauen nach einer Geburt oft wesentliche Besserungen zeigen ; aber auch
das Gegenstück, die Puerperalpsychosen, lassen die hier dargelegten Zusammen-
hänge erkennen.
200 ' Das Trauma der Gehurt
den bisherigen Versuchen dieser Art' ein weitgehendes Verständnis der
individuellen Bedingtheit und damit die Möglichkeit einer ßeeiii-
flussbarkeit voraus hat. Den introvertierten und ex tro vertierten Neu-
rosentypen {die Bezeichnungen stammen von Jung) entsprechen näm-
lich ähnliche Charakter typen, die sich in gleicher Weise aus dem Ur-
trauma bzw. der Reaktion darauf ableiten lassen. Den schwachen,
zarten, leichten Kindern, die oft Frühgeburten, meist auch leichte
Geburten hatten, scheint der Introversionscharakter anzuhaften, wäh-
rend die voll ausgetragenen, daher meist starken Kinder häufig den
entgegengesetzten Typus zeigen. Dies erklärt sich daraus, daß bei den
ersteren infolge des relativ schwächeren Geburtstraumas die Urangst
nicht so mächtig ist und dem Ruckstreben weniger Widerstand ent-
gegensetzt; wenn diese Menschen neurotisch werden, zeigen sie ge-
wöhnlich introvertiert depressiven Charakter. Die zweiten treibt die
intensiv erlebte Urangst mächtig nach außen und sie werden in ihren
Neurosen weniger zur Reproduktion der Ursituation als des Geburts-
traumas selbst neigen, auf das sie bei ihrem Rückstreben mächtig stoßen.
Während wir also glaubten, bis zum ersten verursachenden Trauma
der Neurosen vorgedrungen zu sein, mahnt uns hier etwas, uns zu
hüten, am Ende nicht einem Irrtum zu verfallen, den die Psychoana-
lyse am Anfang und seither wiederholt durch das scharfe Beobachten
und Denken Freuds immer wieder rechtzeitig durch Fortschritte in
der Forschung und Erkenntnis zu vermeiden gewußt hat. So wie die
ersten „Traumata", die man für das Zustandekommen der neurotischen
Symptome verantwortlich zu machen geneigt war, sich als allgemein
menschliche Normalerlebnisse erwiesen, und wie schließlich noch der
analytisch aufgedeckte Kern der Neurosen, der Ödipuskomplex, als die
typische Normaleinstellung des Kindes und Kulturmenschen erkannt
wurde, so ist auch noch das letzte analytisch faßbare Trauma, das
i) Siehe i. B. Kretschmer: Körperbau und Charakter, igai, oder Jung:
Psychologische Typcni igzi.
■.,^-^.<y.^^..:-^.
Die therapeutische Wirkung 201
Trauma der Geburt, geradezu das allgemeinste menschliche Erlebnis
überhaupt, aus dem sich eben mit zwingender Notwendigkeit der Ent-
wicklungsgang des Einzelnen wie der Menschheit in der geschilderten
Weise ableitet und erklärt. Es ist offenbar kein Zufall, daß xmmpr
wieder, sobald wir nur glauben, den Schlüssel zum Verständnis der
Neurosen gefunden zu haben, dieser sich uns in der Hand zu eineiti
Instrument verwandelt, das doch besser geeignet erscheint, die bisher
unbekannte Psychologie des Normalen zu erschließen. So erklärt es
sich auch, daß Freuds Hauptwerk eigentlich das erste Verständnis der
normalpsychologischen Phänomene (Traum, Witz, Alltagsleben, Sexual-
theorie), die Schaffung der ersten Psychologie überhaupt bedeutet, die
allerdings aus pathologischem Material, und zwar mittels der psj'^cho-
analytischen Methodik und Technik gewonnen wurde. Und so möchten
wir auch unsere Ausführungen über die Bedeutung des Traumas der
Geburt für die Psychoanalyse nur als einen Beitrag zum Freudschen
Gebäude der Normalpsychologie betrachten, im besten Falle als einen
seiner Grundpfeiler, wobei wir allerdings aucli glauben, die Neurosen-
lehre — einschließlich der Therapie — ein gutes Stück gefördert zu haben.
Wir wollen uns aber ganz klar machen, wie weit dies gelungen ist,
weil davon die eigentliche weitere Problemstellung abhängt. Wir
glauben, daß es uns gelungen ist, alle Neurosenformen und Symptome
als Ausdrucksmittel einer Regression von der Stufe der Sexualanpassung
in den pränatalen Urzustand, bzw. in die Geburtssituation, die ja dabei
überwunden werden muß, zu erkennen. Für das iii-ziliche Verständnis
und das therapeutische Eingieifen ist diese Einsicht keineswegs zu
unterschätzen, mag sie auch in bezug auf die Theorie der Neu-
rosen in dem oben angedeuteten Sinne unbefriedigend geblieben sein,
da sie ja das Spezifische des Falles, bzw. der Sj'mptombildung auf
etwas so allgemeines wie das Geburtstrauma zurückführt; wenngleich
']& innerhalb desselben sowohl für hereditäi'e Einflüsse des Keimplasmas
wie auch für etwaige individuelle Eigentümlichkeiten (des Geburtsaktes)
202 Das Trauma der Geburt
reichlich — man könnle vielleicht sogar finden : zuviel — Raum bleibt.
Immerhin versucht unsere Auffassung, die Theorie verschiedener Fixie-
rungsslellen, welche die Neurosenwahl beslimraen sollen, durch eine
Verschiedenes bewirkende traumatische Schädigung an einer einzigen
Fixierungsstelle, im Geburtsakt, zu determinieren. Gibt es doch unserer
Ansicht nach nur eine einzige Fixierungsstelle überhaupt, nämlich den
mütterlichen Körper und alle Symptome beziehen sich inultinm analyxis
auf diese Urfixierung, die uns eben durch die psychobiologische Tatsache
unseres Unbewußten gegeben ist. In diesemSinneglaubenvvirim Trauma
der Geburt das Urtrauma entdeckt zu haben und brauchen im einzelnen
Falle erst gar nicht auf dem langwierigen WegderanalylischenForschung
die „pathogenen Traumata" zu eruieren, sondern nur das spezifische Ge-
burtstrauma in der Reproduktion zu erkennen und dem (erwachsenen)
Ich des Patienten als infantile Fixierung xu demonstrieren. Dabei gibt
der im Geburtstramna wirkende Trostmechanismus (am besten bekannt
aus dem Prüfungstraum: Es ist auch damals glimpflich abgelaufen!)
einen nicht zu unterschätzenden Heilfaktor ab, der zu einem entschie-
denen therapeutischen Optimismus berechtigt.
Liegt also in unserer neuen Einsicht vom Wesen und Charakter des
Unbewußten (Es) ein eminent praktischer Vorteil, so müssen wir in
bezug auf die Neurosenlehre bekennen, daß erst von hier aus die
Theorie der Neurosen eine Ausgestaltung erfahren müßte. Zunächst
haben wir aber die Neurosen in all ihren vielfältigen Formen als Repro-
duktionen und Auswirkungen des Gebiirtstraumas erkannt, welches
aber zugleich auch die kulturelle Normalanpassung sowie alle Höher-
leistungen des Menschen bedingt und begründet. Wir kommen hier
auf den frühen Satz Freuds zurück, daß die Psycho-Neurosen eigeni-
Ikh keine Krankheiten im strengen medizinischen Sinne des Wortes
sind," sondern Entwicklungshemmungen in der realen sexuellen An-
i) Ein Sati, den Jung dann auch für die Psychosen bestätigen konnte, die
nach ihm mit denselben .,Komplexen" ringen, die der Normale bewältigt hat.
S£k
Die therapeutische Wirkung 20 J
passungsleistung des Menschen; sie stellen aber, ebenso wie diese,
Versuche zur Überwindung des Geburtstraumas dar, wenn auch ge-
scheiterte. In der Kulturanpassung, mit all ihren schwierigen normalen
und überwertigen Leistungen sehen vvir die in verschieden hohem
Grade gelungenen Versuche zur Überwindung des Geburtstraumas, zu
deren gelungenstem wir die Psj'choanalyse — und dies keineswegs nur
in ihrer therapeutischen Anwendung — rechnen müssen.
So reduzierte sich letzten Endes das Neurosenproblem scheinbar auf
ein Formproblem, Denn wir sehen in der biologischen Anpassung des
Kindes an die Extrauterinsituation, in der Normalanpassung des Kultur-
menschen, sowie in seinen kompensatorischen Überleistungen der Kunst
(im weitesten Sinne des Wortes) den gleichen Überw in du ngs versuch
sich in ähnlichen Formen abspielen; mit dem einzigen, allerdings
wesentlichen Unterschied, daß der Kulturmensch und noch mehr
der „Künstler" dies in vielfältigen, durch das Urtrauma bestimmten,
streng determinierten Formen objektiv reproduzieren kann, wäh-
rend es der Neurotiker immer wieder nur in gleicher Weise am
eigenen Korper zu produzieren gezwungen ist.' In dieser zwangs-
raäßigen „Wiederkehr des gleichen" Produkts am eigenen Körper
scheint aber das Wesen der meisten pathologischen Prozesse zu bei-uhen.
Der Neurotiker wird so immer wieder auf das reale Geburtstrauma zu-
rückgeworfen, während der Normale und Übernorraale es sozusagen nach
vom wirft und nach außen projiziert, es also zu objektivieren vermag.
Wollen wir uns schließlich noch kurz Rechenschaft darüber geben,
in welcher Weise wir therapeutisch wirken und worin der Heilfaktor
besteht, so haben wir abermals die analytische Erkenntnis und den
Weg zu ihr als etwas bereits Gegebenes herauszustellen. Die Analyse
ist jetzt in der Lage, sichin weitgehendem Maße von der Forschungs-
arbeit zu befreien, nachdem nicht nur der ganze Inhalt des Unbewußten
i) Siehe dazu Ferenczis Zitat der Freudschen Auffassung eines auto-
plastischtin Stadiums.
204 Das Trauma der Geburt
und die psychischen Mechanismen, sondern auch das vorläufig letzte.
Element, das Urtrauma, von vornherein bekannt sind. Da der Patient
in der Regel mit der Übertragung einsetzt, ist auch technisch die
Möglichkeit gegeben, mit der Aufdeckung des Urtraumas zu beginnen.
anstatt dem Patienten Zeit zu lassen, es am Schluß der Analyse auto-
matisch zu wiederholen. Man kommt dadurch in dieLage, den gordischen
Knoten der Urverdrängung mit einem kräftigen Schnitt zu lösen, an-
statt sich mühselig um seine Entknüpfung zu bemühen, die dämm so
schwer gelingt, weil jedes Stückchen Lösung auf der einen Seile den
Knoten auf der anderen nur um so fester zusammenzieht. Die Rekon-
struktion der Kindheitsgeschichie erfolgt dann nach Aufdeckung ihres
Fundamentes auf dem festum rissen en Plan desselben sozusagen vom
Sockel aufwärts ohne Mühe, wobei auch das Erinnerungsgefühl, das
mit dem Urtrauma verdrängt war, sich einstellt. Es handelt sich also
darum, den Patienten, der in seiner Neurose zur Muttex-fixierung zurück-
geflüchtet ist, das Geburtstrauma während der Analyse in der
Übertragung und deren Auflösung wiederholen und ver-
stehen zu lassen und ihm nicht die unbewußte Reproduktion des-
selben bei Lösung vom Analytiker y.u gestatten. Der imgeheure thera-
peutische Vorteil, den man durch diese rechtzeitige Aufdeckung der
Urfixierung erreicht, ist der, daß man am Schluß der Analyse statt der
Reproduktion des Geburtslraumas die Sexualkonflikte, vor denen der
Patient geflüchtet ist (Ödipuskomplex etc.) und das zu ihnen gehörige
Schuldgefühl (statt der Angst) rein erhält und so ungestört vom Regres-
sionsmechanismus lösen kann. Das Hilfsmittel ist die aus der Über-
tragung folgende Identifizierung mit dem Analytiker, mittels deren
libidinösem Anteil der Patient die Angst auf dem Wege der sexuellen
Übertxagungsmöglichkeiien überwinden lernt. Letzten Endes wird also
in der Therapie der Zwang zur Wiederholung (Reproduktion) des Ur-
traumas bezw. der Ursituation beseitigt, indem die Richtung der Libido
im Sinne der Anpassungsstiebung veränderl wird.
g^^ ■
r
Die therapeutische Wirkung 20S
All dies erfolgt mittels der von Freud ausgebauten Assoziations-
und Übersetzungstechnik als Hilfsmittel, wobei wir aber als hauptsäch-
lichen Motor dem Unbewußten des Patienten unser eigenes Unbe-
wußtes entgegensetzen,' Dies ist das einzige Mittel, mit dem wir auf
seine Libido einwirken können. Wir gestatten ihm dabei sozusagen
zeitweise eine weitgehende Wiederherstellung der Ursituation, indem
wir sein Unbewußtes durch die „Versagung" (Freud) dazu drängen,
um dann sogleich durch das Aufzeigen des infantilen Charakters dieser
Tendenz sein bewußtes Ich von der Unmöglichkeit und Verwerflichkeit
dieses Zieles zu überzeugen, anstatt es durch fortwährende Angst-
produktion davon abschrecken zulassen. Das wichtigste technische Mittel,
die Lösung vom Ersatzobjekt der Libido, dem Analytiker, wird nicht
erst auf der Höhe der Überlragungsentfaltung durch die unwiderruf-
liche Terminsetzung angewendet: sondern tritt ganz automatisch von
Anfang an in Aktion. Nicht nur ist dem Patienten immer bewußt, daß die
Kur einmal beendet werden muß, sondern jede einzelne Stunde fordert
von ihm im Kleinen die Wiederholung der Fixiemng und Lösung, bis
er imstande ist. sie auch endgültig durchzuführen. Dazu kommt, daß
es ihm ja der Analytiker, wie der Lehrer dem Schüler, vormacht, und
daß er, auch wie der Schüler, nur lernen kann, indem er sich mit dem
Lehrer identifiziert, d. h. die Einstellung des Analytikei-s zum Unbe-
wußten akzeptiert, indem er ihn zum Ich-Ideal nimmt. Hier streifen
wir das Problem der Vaterübertragung, deren überragende Heilfunktion
es rechtfertigt, daß sie in der analytischen Technik im Vordergrunde
steht. Der Patient muß im Laufe der Analyse lernen, die an der Mutter
hängende ürverdrängxmg so weit durch „Übertragung" zu lösen, daß
er sie dann auf ein reales Ersatzobjekt übertragen kann, ohne die Ur-
verdrängung mitzunehmen. Diesen Versuch, der ja in der normalen
Entwicklung mit mehr oder weniger Erfolg automatisch gelingt, muß
der Neurotiker in der Analyse mit Zuhilfenahme bewußter Kräfte nach-
i) Freuds Vergleich yorarecävei- (Kl. Sehr. IV, 405).
2o6 Das Trauma der Geburt
holen, wobei wir mit allen Mitteln der Bewußtmachung seiner un-
bewußten Regressionstendenzen an sein bewußtes Ich appellieren, um
es im Kampf gegen das übermächtige Es zu stärken.
Wir bemerken dabei, daß der Patient letzten Endes nichts anderes
zu machen hat, als ein Stück versäumter oder fehlerhafter Entwicklung
nachzutragen (die sog. „Nacherziehung" Freuds). Und zwar jenes
Stück der sozialen und Menschh ei tsent wickjung, welches durch das
Geburtstrauma einerseits notwendig gemacht, anderseits so sehr er-
schwert wird: nämlich die Loslösung von der Mutterfixienmg durch
Libidoübertragung auf den Vater (das „männliche Prinzip" [Bach-
ofens]), d.h. analytisch gesprochen die Phase vor der Entwicklung
des Ödipuskomplexes, Gegen diese Nacherziehung wehrt sich das
Es des Patienten mittels des Libidowiderstandes, d. h. indem es die
volle mütterliche Libidobefriedigung nunmehr vom Analytiker will, —
sei es in heterosexueller oder homosexueller Wiederholung der Ödipus-
situation. Daß sein Ich imstande ist, durch Identifizierung mit dem
Analytiker diese aktuell-libidinösen Tendenzen der Übertragung ebenso
zu überwinden wie die regressiv-mütterlichen, erklärt sich daraus, daß
dieses sein Ich eben schon von Anfang an zu dieser besonderen Auf-
gabe aus dem Es geschaffen und entwickelt worden war. In der Analyse
wird dann schließlich auch dieses normale Hilfsmittel der Entwicklung
durch bewußte Veränderung verstärkt, da dem Patienten schließlich
auch die Tatsache seiner Identifizierung mit dem Analytiker bewußt
und er dadurch unabhängig von ihm gemacht wird.
Wenn wir dabei letzten Endes doch wieder auf das so schwache
Bewußtsein und seine Hilfe zurückgreifen müssen, so dürfen wir uns
mit folgenden Erwägungen trösten: Wenn das Bewußtsein auch nur
eine schwache Waffe ist, so ist es doch die einzige, die uns im Kampf
gegen die Neurose zugänglich ist. Die psychische Verankerung der
Angstempfindung des Geburtsaktes im Bewußtsein als eines biologisch-
therapeutischen Mittels gegen das Zurückstreben bewirkt,